Zehn Jahre Mama Venditti

Bevor ich morgen auf zehn Jahre Karlsson zurückblicken werde, befasse ich mich heute mit der Mama, die ja auch morgen vor zehn Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Ich befasse mich mit einer Mama, die damals sehr viele Dinge wusste, die sie heute nicht mehr weiss. Diese Mama wusste zum Beispiel, dass ihr kleiner, süsser Karlsson nie und nimmer im Elternbett schlafen würde. Kinder haben im Elternbett nichts verloren, darin waren „Ihrer“ und Mama Venditti sich einig. Der kleine Karlsson teilte übrigens die Meinung seiner Eltern und zeigte keinerlei Interesse an allzu viel elterlicher Nähe. Aber Karlsson bekam dann ja auch noch Geschwister, die das Dogma so sehr in Frage stellten, bis schliesslich weder Mama Venditti noch „Ihrer“ sich erinnern konnten, was denn so schlimm sein sollte daran, wenn hin und wieder mal ein kleines Menschlein ins Elternbett gekrochen kommt. Inzwischen sieht übrigens auch Karlsson die Dinge nicht mehr ganz so eng und so verbringt er die Nacht vor seinem zehnten Geburtstag im Elternbett, weil er sonst vor lauter Vorfreude nicht schlafen kann.

Mama Venditti wusste vor zehn Jahren aber auch noch andere Dinge, zum Beispiel, dass das Muttersein sie so sehr erfüllen würde, dass sie ihrem Beruf keine Träne nachweinen würde, obschon sie diesen innig geliebt hatte. Nun, es dauerte nicht allzu lange, bis Mama Venditti zu einer ziemlich unausgeglichenen, launischen Frau wurde, die sich nicht immer so an ihrem Dasein zu Hause erfreuen konnte, wie sie dies erwartet hätte. Leider aber dauerte es ziemlich lange, bis Mama Venditti begriff, woran es lag, dass sie so unausgeglichen und launisch war und deswegen machte sie sich a) den Alltag mit bitteren Selbstvorwürfen zur Qual und b) ihren lieben kleinen Kindern  das Leben mit einer Mama, die nicht wusste, wo das Problem lag, ziemlich schwer. Inzwischen hat Mama Venditti endlich herausgefunden, dass ihre Leidenschaft für ihre Kinder mehr zum Tragen kommt, wenn sie auch anderen Leidenschaften in ihrem Leben Raum gibt. Was nicht heissen soll, dass es die Kinder nun leichter haben mit dieser Mama, denn nun kommt es hin und wieder vor, dass diese diese anderen Leidenschaften mehr Raum einnehmen, als es Mama und Kindern genehm ist.

Dann war da noch die Sache mit dem Temperament. Mama Venditti hatte von ihrer Schwester und anderen Frauen immer wieder gehört, dass sie durch die Kinder viel ausgeglichener und ruhiger geworden seien. Mama Venditti, die schon als Kind mit ihrem hitzigen Temperament aufgefallen war, glaubte natürlich, dass bei ihr genau das Gleiche geschehen würde. Kaum würde sie ihr erstes Kind im Arm halten, würde sie die Ruhe selbst sein. Das glaubte sie ziemlich genau drei Wochen lang, dann flog erstmals mitten in der Nacht eine Schoppenflasche an die Wand, weil Mama Venditti das Weinen ihres entzückenden Kindes nicht mehr ertragen mochte. In den ersten Jahren fragte sich Mama Venditti noch, was bloss mit ihr falsch sei, dass sie einfach nicht ruhiger werden konnte, doch irgendwann begriff sie, dass die Kinder sie nicht zu einem vollkommen veränderten Menschen machen würden und dass sie lernen musste, ihr Temperament in solche Bahnen zu lenken, dass die Kinder nicht darunter leiden müssen. Inzwischen haben sich die Kinder daran gewöhnt, dass Mama Venditti hin und wieder in der Wut einen Teller auf den Fussboden schmeisst, sie wissen aber auch, dass diese Mama danach selber zum Besen greifen wird, um die Scherben aufzuwischen und dass diese Mama sich später auch für ihren Zornausbruch entschuldigen wird. Und vor allem wissen sie, dass diese Mama sehr viel Verständnis hat dafür, wenn ihnen auch mal eine Sicherung durchbrennt.

Ja, diese Mama Venditti wusste sehr viel, damals, vor zehn Jahren. Sie wusste, dass man auch sehr kleine Kinder mit einer gewissen Strenge erziehen muss, dass man einem Kind auf gar keinen Fall vor dem ersten Geburtstag Schokolade geben darf, dass Kinder am glücklichsten aufwachsen, wenn zwischen ihnen und ihren Geschwistern der perfekte Altersabstand liegt, dass man ein grosses Auto braucht, wenn man viele Kinder haben will und dergleichen mehr. Inzwischen ist viel passiert: Mama Venditti hat lernen müssen, dass rechthaberische Strenge nie zum erwünschten Ziel führt. Sie hat erleben dürfen, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat im zarten Alter von sieben Monaten ein ganzes Stück Schokoladentorte verzehrt hat, ohne ernsthaften Schaden zu nehmen. Sie hat erfahren, dass es den „perfekten“ Altersabstand nicht gibt und dass es Paare auf dieser Welt gibt, denen die Kinder einfach so in den Schoss fallen, wann es den kleinen Menschlein und ihrem Schöpfer gerade passt. Und inzwischen weiss sie gar, dass eine grosse Familie auch ganz gut mit einem kleinen Auto auskommen kann.

Einiges aber hat die Mama Venditti, die vor zehn Jahren geboren wurde, nicht gewusst: Wie sehr diese Kinder, die ihr in den Schoss fielen, ihr Leben bereichern würden. Wie sehr sie diese Kinder ans Ende ihrer Kräfte treiben würden. Und vor allem, wie sehr  sie diese Kinder lieben würde. Jedes Einzelne mit seiner ureigenen Art.

4 Kommentare zu “Zehn Jahre Mama Venditti

  1. Liebe Tamar
    Du findest einfach immer die richtigen Worte! Danke und HAPPY BIRTHDAY an den Geburtstagsjungen.
    Liebe Grüsse, Katia

    • Und du findest immer das richtige Kompliment zum richtigen Zeitpunkt! 😉

      Die guten Wünsche leite ich weiter, sobald der Plattenspieler mal einen Moment lang schweigt….

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