Bruderliebe

Theoretisch gilt bei Vendittis die Regel, dass man am Esstisch sitzen bleibt, bis alle gegessen haben, es sei denn, der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt sich mal wieder so viel Zeit mit dem Essen, dass selbst „Meiner“ und ich genug Pause gemacht haben. Die Regel gilt allerdings erst theoretisch, da das Prinzchen und der Zoowärter noch nicht so ganz begriffen haben, dass eine Regel nicht zum Brechen da ist und so gestatten wir unseren zwei Jüngsten jeweils eine Ausnahme, worauf sie sich dann jeweils ein paar Dummheiten erlauben, währenddem wir den Rest der Mahlzeit in relativer Ruhe geniessen.

Heute stand ein Ausflug ins Badezimmer auf dem Programm. Zuerst einmal hörte man nicht viel, dann Wasserrauschen, schliesslich ein dumpfes Geräusch und danach lautes Prinzchen-Gebrüll. „Meiner“ und ich brachen natürlich sofort die Tischregel, und stürzten ins Badezimmer, wo wir ein aus dem Mund blutendes Prinzchen und einen verschämt dreinblickenden Zoowärter vorfanden. Da zuerst das Prinzchen zu trösten und zu verarzten war, verschoben wir die Zoowärter-Standpauke auf später.

Nachdem unser Jüngster sich beruhigt hatte und vor lauter Erschöpfung gar ohne das momentan übliche Schlaflieder-Konzert in tiefen Schlaf gefallen war, fand ich endlich Zeit für das Verhör unseres Zweitjüngsten. „Was hast du denn mit dem Prinzchen gemacht?“, fragte ich streng. „Ich habe ihn geschubst“, gestand der Zoowärter unumwunden und mir schien, dass er sich für seine Untat nicht im Geringsten schuldig fühlte. „Warum hast du ihn denn geschubst?“, fragte ich noch eine Spur strenger, denn mangelndes Schuldbewusstsein bringt mich in Rage. Bei der doch ziemlich unerwarteten Begründung für die Gewaltanwendung mit blutigen Folgen war es allerdings sehr schwer, ernst zu blieben:  „Ach Mama, ich wollte dem Prinzchen doch ‚Heile heile Segen‘ singen und da musste ich ihn eben zuerst umschubsen, damit er weint.“

Glucken-Test negativ!

Karlsson ist wieder da und ich bin erleichtert. Erleichtert, dass der Glucken-Test negativ ausgefallen ist. Nachdem ich nämlich letzten Sonntag beim Abschied ganz eindeutige Glucken-Symptome gezeigt hatte, beschloss ich, mich während Karlssons Abwesenheit genauer unter die Lupe zu nehmen. Bin ich tatsächlich eine Glucke, oder neige ich nur in Extremsituationen wie Abschied nehmen zu Gluckentum? Liege ich nachts stundenlang wach, weil ich mich um mein Kind sorge? Muss ich mich mit aller Macht davon abhalten, zum Telefon zu greifen? Gehe ich in der Gegend des Ferienhauses einkaufen, nur  damit ich, weil ich gerade „zufällig in der Gegend bin“ meinem Sohn einen ganz kurzen Kontrollbesuch abstatten kann? Nein, nichts dergleichen. Alles völlig normal, wie an anderen Tagen auch.

Klar, hin und wieder habe ich schon an meinen Ältesten gedacht, habe mich gefragt, ob es ihm wohl gut gehe. Aber als ich gestern Abend erfuhr, dass mein armer kleiner Karlsson im Lager krank geworden war, rief ich nicht wutentbrannt den Leiter an und entriss meinen Sohn augenblicklich den Klauen der Lagerleitung. Nein, ich war mir sicher, dass es nichts allzu Schlimmes sein konnte, denn sonst hätte man uns bestimmt angerufen. Mit dieser doch ziemlich abgeklärten Reaktion bin ich in den Augen gewisser Mütter wohl schon eher den Rabenmüttern zuzuordnen und ganz bestimmt nicht den Glucken. Aber ich kann alle beruhigen, die sich darum sorgen, ob meine Kinder auch genügend Liebe bekommen: Gegen Ende der Woche begann ich mich riesig auf das Wiedersehen mit Karlsson zu freuen und als er heute auf der Bühne stand, da konnte ich den Moment, in dem ich meinen Sohn in die Arme schliessen konnte, kaum mehr erwarten. Also keine Rabenmutter.

Aber auch ganz eindeutig keine Glucke. Denn wäre ich eine, dann wäre ich nach Karlssons ersten Sätzen bei der Begrüssung in Tränen ausgebrochen: „Ich will nicht nach Hause kommen“, meinte mein Ältester, kaum konnte er wieder reden, nachdem ich ihn an mich gedrückt hatte. „Und ich will mich sofort wieder für das Lager im nächsten Sommer anmelden.“ Eine Glucke wäre jetzt wohl am Boden zerstört, weil ihr Kind auch ohne sie zurecht kommt. Ich aber freue mich, dass mein Sohn die Zeit ohne uns genossen hat, dass er zwar einmal eine kurze Heimwehattacke hatte, sonst aber so glücklich war, dass er kaum mehr aufhören kann mit Erzählen.

Nachdem nun also der Glucken-Test ganz eindeutig negativ ausgefallen ist, gehe ich davon aus, dass ich einfach eine ganz normale Mutter bin.

Schöne Ferien, Karlsson!

Karlsson ist heute verreist. Alleine, ohne Mama, Papa und Geschwister, ohne David, den Stoffeisbären, oder zumindest fast ohne David, aber das ist eine andere Geschichte, eine ganz private, die unter Vendittis bleibt. Zum ersten Mal in den fast zehn Jahren seines Lebens ist Karlsson ohne uns, sind wir ohne Karlsson. Zum ersten Mal muss die Glucke in mir darauf verzichten, stets zu wissen, wo ihr Küken ist, was es gerade tut und ob es ihm gut geht. Zum ersten Mal darf die Freiheitsliebende in mir ein wenig aufatmen, sich ausmalen, wie die Sommer werden, wenn alle Kinder gross genug sind, ins Ferienlager zu fahren. Ich kann euch versichern: Diese zwei können sich ganz schön in die Haare geraten, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, wie eben zum Beispiel heute. Das sieht dann etwa folgendermassen aus:

Glucke: „Karlsson, hast du auch ganz bestimmt alles eingepackt? Und bist du sicher, dass du alleine zurechtkommen wirst? Du wirst sehen, sechs Tage sind schnell vorbei und dann darfst du auch schon wieder nach Hause kommen….“

Die Freiheitsliebende unterbricht die Glucke: „Jetzt hab‘ dich doch nicht so! Der Junge kommt schon ein paar Tage ohne dich zurecht. Stell dir vor wie schön das wird: Einer weniger, der streitet, einer weniger, der den ganzen Tag für Radau sorgt. Und es dauert gar nicht mehr so lange, bis alle Kinder im Sommer ins Lager gehen können….“

Die Glucke, ziemlich schrill:Alle Kinder? Bist du wahnsinnig geworden. Es ist schlimm genug, dass Karlsson jetzt schon ohne uns verreist! Du weisst ja, was in einem solchen Ferienlager alles passieren kann.“

Die Freiheitsliebende, träumerisch: „Oh ja, ich erinnere mich…. Ganze Nächte durchquatschen, den Leitern Streiche spielen, vielleicht zum ersten Mal verliebt sein, … nun ja, dafür ist Karlsson vielleicht noch etwas zu jung, aber vielleicht eine Brieffreundschaft mit einem netten Mädchen, das gerne mit stillen, nachdenklichen Jungs befreundet ist,…. ach, war das schön, als man noch so jung und unbeschwert war!“

Die Glucke, zurechtweisend: „Wenn ich an Ferienlager denke, kommen mir eher andere Dinge in den Sinn. Bienenstiche zum Beispiel, oder verstauchte Fussgelenke, Heimweh, Tränen, weil man ausgeschlossen wird, schlechtes Essen, oder, schlimmer noch, zu wenig essen…. Ach ja, ich muss unbedingt gleich heute Abend noch ein Fresspaket für Karlsson zurechtmachen, damit ich es morgen früh auf die Post bringen kann…“

Die Freiheitsliebende: „Du mit deiner Schwarzmalerei! Du hast doch den Menuplan gesehen. Karlsson wird das Essen dort lieben. Und das Haus ist auch perfekt, so sauber, er wird nicht mal Asthma kriegen dort, weil es eines der einzigen Lagerhäuser ist, die nicht völlig verstaubt sind. Und dann liegt das Haus ja auch so schön abseits….“

Die Glucke: „Ha, von wegen abgelegenes Haus! Hast du denn vergessen, dass Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat genau dort, vor diesem Lagerhaus einmal beinahe von einem Lastwagen überfahren worden wären? Was, wenn mit Karlsson das Gleiche passiert?“

Die Freiheitsliebende: „Natürlich habe ich das nicht vergessen. Aber du weisst auch, dass die Beiden damals noch winzig waren und keine Ahnung davon hatten, wie gefährlich so ein Lastwagen ist. Karlsson ist gross und vernünftig…“

Die Glucke: „Karlsson meint, er sei gross und vernünftig. Aber er ist doch noch so klein. So alleine und verloren in einem Lager. Der arme Junge….“
Die Glucke ist den Tränen nahe.

Die Freiheitsliebende: „Nun, so alleine ist er nun auch wieder nicht. Immerhin hat er seinen besten Freund dabei. Und die Schwester des besten Freundes ist auch dort. Und dann sonst noch ein paar Kinder, die er kennt. Und sein Gruppenleiter macht einen ganz guten Eindruck.“

Die Glucke: „Ja, aber der Gruppenleiter ist erst siebzehn. Wie soll der für meinen armen kleinen Jungen sorgen können? Der ist ja selber noch fast ein Kind. Was soll bloss aus meinem Kind werden? Ich glaube, ich hole ihn gleich wieder nach Hause. Der arme, arme Junge….“
Die Glucke bricht in Tränen aus.

Die Freiheitsliebende: „Du scheinst vergessen zu haben, dass der ‚arme arme Junge‘ sich freiwillig ins Lager angemeldet hat, dass er sich monatelang auf diese Woche gefreut hat, dass er die Zeit ohne dich geniessen wird….“

Die Glucke, heftig schluchzend: „Das…. i-i-i-h-h-h-st ja…. das Schli-h-i-h-i-mmste an der Sa-ha-ha-che, dass Karlsson …. ga-ha-ha-nz gu-hu-hu-hu-t ohne mi-hi-hi-ch zurechtkommen…. wird….“

Während die Glucke heulend auf dem Sofa liegenbleibt, geht die Freiheitsliebende frohgemut in die Küche, holt sich etwas zu Trinken und murmelt vor sich hin: „Das ist ja das Schöne, dass Karlsson ganz gut ohne mich zurechtkommen wird.“

Von Fussball- und anderen Verrückten

So ein kleines bisschen in Verlegenheit gebracht hat er uns ja schon mit seinem Geburtstagswunsch, unser FeuerwehrRitterRömerPirat: Ein Schweizer Fussballdress mit Schienbeinschonern, Fussballschuhen und Ball. Wie soll man dies als Nicht-Fussballfan und nicht sonderlich patriotisch eingestelltes Elternpaar bloss fertigbringen, ohne den Verdacht zu erwecken, die Sache mit dem Nicht-Fussballfan und nicht sonderlich patriotisch eingestellt sei bloss gespielt? Zumal zu dem Zeitpunkt, als unser Sohn seinen Herzenswunsch äusserte, die WM eben gerade begonnen hatte und die Dinge für die Schweiz noch eher rosig aussahen. Hätten wir in jenen schon fast vergessenen Tagen den Einkauf getätigt, die Verkäuferin hätte uns wohl mit einem feurigen „Hopp Schwiiiiiiz!“ begrüsst. Und das Fussball-Tenue hätte ein Zehnfaches seines üblichen Preises gekostet.

Also warteten wir ab, bis die Fussballbegeisterung im Lande etwas abgekühlt war. Dass sie mit dem frühen Ausscheiden der Schweizer Nationalmannschaft so rapide absinken würde, hätten wir natürlich auch nicht erwartet. Und so wagten wir uns in jenen Tagen des allgemeinen Katzenjammers wieder nicht in die Läden, weil wir fürchteten, wir müssten am Boden zerstörtes Verkaufspersonal trösten. Ausserdem war es nun wirklich nicht der geeignete Zeitpunkt, um ein T-Shirt mit Schweizerkreuz zu kaufen. Wer will denn schon sein über alles geliebtes Kind als Loser abstempeln? Nur so nebenbei bemerkt: Wie sehr wir unseren Dritten lieben, merkt man nicht alleine daran, dass wir ihm Fussballkleidung kaufen, ihm erlauben, ins Fussballtraining zu gehen und ihm versprechen, bei seinen Spielen voller Begeisterung dabei zu sein, nein, wir halten uns gar auf dem Laufenden über sämtliche grossen Fussballturniere, damit wir ihm am Morgen jeweils die aktuellen Resultate liefern können.

Und weil wir uns natürlich auch gestern auf dem Laufenden  hielten, sahen wir heute den Zeitpunkt gekommen, endlich das Geburtstagsgeschenk einzukaufen. Jetzt, wo fest steht, dass die Schweizer die einzigen waren, die an dieser WM dem Weltmeister die Stirn bieten konnten, muss man ja nicht mehr vor lauter Scham im Boden versinken, wenn man ein Schweizer-Trikot kauft. Und vielleicht gibt’s die Dinger ja jetzt im Sonderangebot, dachten wir uns und begaben uns frohgemut nach Schwyz zum Einkauf, während unsere vier grösseren Kinder das Kinderprogramm in Anspruch nahmen.

Aber in Schwyz scheint man nichts von Fussball zu halten. Im Geschäft Nummer1, einem national bekannten Sportgeschäft, beschied man uns, Fussballsachen habe man nicht, man sei hier „nicht so in“. Im Geschäft Nummer 2 empfahl man  uns ein Einkaufzentrum an einem anderen Ort, dort gebe es ein grosses Sportgeschäft. Doch bevor wir unser übermüdetes Prinzchen mit einer weiteren Autofahrt stressen wollten, schauten wir noch kurz bei Geschäft Nummer 3 vorbei. Und wurden endlich fündig: Eine komplette Schweizer-Ausrüstung und einen Italien-Fussball. Wie war das nochmals mit Loser? Aber wir sagten uns „Nach der WM ist vor der WM“ – es gibt bestimmt irgend einen frustrierten Fussballtrainer, der solche nichtssagenden Sätze von sich gibt, oder? – und kauften die Sachen. Und jetzt freuen wir uns auf Freitag, wenn unser fussballverrückter FeuerwehrRitterRömerPirat endlich seinen Herzenswunsch erfüllt bekommt. So sind wir nun mal, wir  kinderverrückten Eltern….

Ach übrigens, von wegen verrückt: Wie durchgeknallt muss man denn sein, um im strömenden Gewitterregen mit dem Laptop durch die ganze Ferienanlage zur Lobby zu rennen, wo man triefend nass – zum Glück gibt’s hier keine „Wet-T-Shirt-Contests“, sonst würden die noch glauben, ich wollte auch mitmachen – einen Blogpost in die Tasten zu hauen, während im Hintergrund eine Hotel-Pianistin „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ heult und die Gäste mitheulen?

Ja

Zwölf Jahre ist es her, da haben „Meiner“ und ich ja gesagt. Ja zu einem Leben zu zweit, zu einem Leben, das wir uns etwa so vorgestellt hatten: Ein paar Jahre die Zeit zu zweit geniessen, ein wenig reisen, ein wenig studieren und ein wenig Geld verdienen, „Meiner“ zuerst mit unterrichten, dann mit etwas Kreativem, ich vielleicht als Journalistin, vielleicht auch als Gymnasiallehrerin oder vielleicht auch als etwas ganz anderes. Dann irgendwann eins, zwei, drei, vier Kinder, alle schön nacheinander, in gut verkraftbaren Abständen, Junge, Mädchen, Junge, Mädchen oder vielleicht auch Mädchen, Junge, Mädchen, Junge, auf alle Fälle schön gleichmässig nach Geschlechtern aufgeteilt. Ein eigenes Haus würden wir nie besitzen, ein eigenes Auto erst recht nicht.

Zwölf Jahre sind vergangen und alles ist ein wenig anders geworden, als wir es uns damals gedacht hätten: Wir besitzen zwei Drittel eines Hauses, auf dem Vorplatz steht ein eigenes Auto – gut, inzwischen ist es wenigstens kein Siebenplätzer mehr, sondern nur noch ein nettes himmelblaues Kleinwägelchen -, in den Kinderzimmern schlafen fünf Kinder, Junge, Mädchen, Junge, Junge, Junge und die Kinderchen sind nicht schön brav dann gekommen, wann wir sie geplant hätten, sondern dann, wenn ihnen gerade danach war, zu unserer Familie zu stossen. Unser Leben zu zweit dauerte gerade mal anderthalb Jahre, dann waren wir schon zu dritt.

Unser Leben zu zweit, dann zu dritt, zu viert, zu fünft, zu sechst und schliesslich zu siebt steckte voller Überraschungen, viele davon wunderschön, viele davon aber auch niederschmetternd. Wie oft haben wir gestaunt über Dinge, die wir nie für möglich gehalten hätten? Wie oft haben wir geweint, weil wir uns das alles etwas einfacher vorgestellt hatten? Wie oft haben wir gezweifelt, ob unser Weg noch in die richtige Richtung geht? Wie oft haben wir gejubelt, weil Träume wahr geworden sind? Wie oft haben „Meiner“ und ich uns angebrüllt, weil der andere mal wieder so unmöglich war? Wie oft haben wir uns gesagt, wie unendlich glücklich wir uns schätzen, miteinander unterwegs sein zu dürfen?

Zwölf Jahre schon leben wir das, was viele Menschen für ein Auslaufmodell halten. Zwölf Jahre schon fahren wir auf der Berg- und Talbahn des Familienlebens. Zwölf Jahre schon? Oder sind es nicht viel eher zwölf Jahre erst? Denn auch wenn es mir so vorkommt, als wären wir schon seit Ewigkeiten verheiratet, die Zeit verging dennoch wie im Flug.

Nun, wie dem auch sei, wichtig ist daran nur eines: Auch wenn kaum etwas so geworden ist, wie wir uns dies vor zwölf Jahren mal ausgemalt hatten, Ja sagen würde ich auch heute wieder. Wenn auch auf ziemlich andere Art und Weise als damals. Vielleicht könnten „Meiner“ und ich ja noch einmal heiraten….

Verschwenderisch

Verschwenderisch sind wir beide, „Meiner“ und ich, bloss nicht in den gleichen Bereichen. Währenddem ich unser sauer verdientes Geld gerne mit vollen Händen ausgebe, geht „Meiner“ mit den vierundzwanzig Stunden, die uns täglich zur Verfügung stehen mehr als grosszügig um. Und natürlich findet jeder von uns beiden, der andere solle sich doch bitte ein bisschen mehr am Riemen reissen. Er findet, das Planschbecken, das ich bei Ricardo ersteigert habe, sei nun wirklich vollkommen nutzlos, währenddem ich ihm hundertmal unter die Nase reibe, dass wir nun wirklich keine Zeit gehabt hätten, so lange mit der Nachbarin zu quasseln. Er rechnet mir vor, wie viel wir sparen könnten, wenn ich Budget statt Bio kaufen würde und wenn ich mir diese umwerfende Bluse nicht bestellt hätte und ich jammere ihm die Ohren voll, dass es mir zu viel werde zweimal pro Wochenende Gäste zu haben. Er will nicht begreifen, dass ein bisschen Retail Therapy hin und wieder ganz wichtig ist für die frustrierte Hausfrau, ich kann nicht verstehen, weshalb man jede Minute des Tages mit Aktivitäten füllen muss.

Würden wir hier stehen bleiben, unsere Ehe wäre wohl die Hölle auf Erden. Aber interessanterweise scheinen wir uns perfekt zu ergänzen. Denn nachdem ich den ganzen Tag gemotzt habe, dass ich ganz gerne ein wenig Freizeit gehabt hätte, anstatt stundenlang am Herd zu stehen, bin ich diejenige, die fast in Tränen ausbricht, wenn der schöne Abend mit den Gästen so schnell zu Ende gegangen ist und ich ertappe mich dabei, wie ich all die lieben Menschen am liebsten darum bitten würde, jetzt gleich bei uns einzuziehen, damit ich sie nicht gehen lassen muss. Im Gegenzug kann „Meiner“ ohne Gesichtsverlust dazu stehen, dass ich diese wunderschöne Bluse wirklich unbedingt habe kaufen müssen, weil meine Augen damit so schön zur Geltung kommen. Einzig von den Vorzügen des Planschbeckens habe ich ihn noch nicht überzeugen können. Vielleicht lasse ich ihn demnächst an einem sehr sehr heissen Nachmittag mit allen fünf Kindern alleine ins Schwimmbad gehen. Danach wird er mir auf Knien danken, dass ich dieses wunderbare Planschbecken ersteigert habe.

Wann wird es denn endlich heiss hierzulande?

Die lieben mich wirklich!

Zwar kann ich mir noch immer nicht erklären, weshalb, aber sie tun es wirklich. Sie lieben  mich trotz all meiner Fehler, trotz meiner Ungeduld, trotz meiner launischen Art, an der sie immer mal wieder zu leiden haben. Sie sind bereit, über all meine Mängel hinweg zu sehen und mich trotz meiner selbst zu lieben. Ist das nicht toll?

Dass sie mich lieben, haben sie mir heute mal wieder ganz deutlich gezeigt. Mit Briefchen, in denen „Mama, ich lib dich so ser“ steht. Oder „Mama, ic ha dichsoger“ oder „Schön, dass es dich gibt. Gibst du auf deine Gesundheit acht?“. Es ist zwar noch nicht Muttertag, aber sie haben mich dennoch überschüttet mit Liebesbriefen und Küssen -sogar das Prinzchen hat mich geküsst! – und sie haben mich gefeiert, als wäre ich ihre grösste Heldin. Und sie haben mir ein Velo geschenkt. Eines aus zweiter Hand zwar, aber das ist mir völlig egal. Hauptsache, ich kann endlich wieder auf zwei Rädern ins Dorf fahren, wenn es eilt. Hauptsache, ich muss nicht mehr zu Hause bleiben, wenn die ganze Familie einen Zweirad-Ausflug in den Park unternimmt.

Wenn dann noch meine Fans vollzählig hinter mir her rennen, während ich meine ersten Runden auf dem neuen Velo drehe und bewundernd rufen „Du kannst es, Mama! Du kannst es ja wirklich!“, dann fühle ich mich einfach grossartig. Und ich bin froh, dass wir das Abenteuer Familie gewagt haben…

Explodiert

Was ist bloss mit „Meinem“ und mir los? Kaum taucht am Beziehungshorizont die geringste Unstimmigkeit auf, schieben wir sie beiseite. Nicht, weil wir nicht streiten könnten, oh nein! Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich „Meinem“ auf offener Strasse einen Blumenkohl an den Kopf geschmissen habe – Okay, ich habe probiert, ihm einen Blumenkohl an den Kopf zu schmeissen, aber getroffen habe ich natürlich nicht, denn ich treffe nie-, weil er mir derart auf die Nerven fiel. Die Männer aus Sri Lanka, die uns bei diesem Krach beobachtet haben, sind wohl schleunigst aus der Schweiz abgereist, aus Angst, dass sie dereinst auch mit einem rabiaten Schweizerweib zu tun bekommen könnten. Auch die Zeiten, in denen der Brownie-Teig gegen die Küchenwand flog, weil „Meiner“ sich zu schnell duckte, werde ich nicht so schnell vergessen. Oder die Abende, an denen „Meiner“ wutentbrannt aus dem Haus stürmte, um den Bäumen im Wald zu klagen, was für eine Nervensäge er doch geheiratet habe. Ja, wenn „Meiner“ und ich streiten, dann fliegen die Fetzen.

Oder zumindest flogen die Fetzen. In den letzen Jahren sind wir weiser geworden und deshalb tönt es bei uns jetzt plötzlich so: „Ach, weisst du was? Ich will gar nicht streiten mit dir. Wir haben viel zu wenig Zeit füreinander und die wollen wir nicht mit Krach vergeuden. Und überhaupt liebe ich dich viel zu sehr…“ Ha, wie soll man da noch mit Blumenkohl um sich schmeissen können? Nun, ich habe  ja nichts gegen Harmonie, aber da ich zu viele Paare kenne, die sich „nie gestritten und immer bestens verstanden“ haben, die eines Tages „aus heiterem Himmel“ geschieden werden, werde ich bei zu viel Harmonie schnell einmal misstrauisch. Denn wo hört die Harmonie auf und wo fängt die Gleichgültigkeit an?

Deshalb bin ich ganz froh, wenn „Meiner“ und ich uns hin und wieder in die Haare geraten. Das beweist mir, dass unsere Beziehung noch lebt. Wenn er mich ankeift, weil ich die Wäsche nicht gemacht habe, obschon ich dies versprochen hatte, wenn ich ihn einen Macho schimpfe, weil er findet, ich hätte die Wäsche machen sollen, wo doch Waschen ganz eindeutig Männerarbeit ist, wenn er mir sagt, er sei froh, wenn er am Montag wieder arbeiten könne, weil ich so anspruchsvoll sei und ich ihm an den Kopf werfe, er solle mich nicht immer bevormunden, dann ist die Welt noch in Ordnung. Klar, so einen Krach brauche ich nicht jeden Tag, auch nicht jede Woche, von mir aus nicht einmal monatlich. Aber hin und wieder mal erleben, dass uns unser Zusammenleben noch immer so wichtig ist, dass wir es verbessern wollen, das gehört für mich ebenso zur Ehe wie romantische Abende, Ferienpläne schmieden und lange Gespräche über unsere Kinder. Hin und wieder mal spüren, dass „Meiner“ auch nach 18 Jahren Beziehung noch die ganze Bandbreite an Gefühlen in mir wecken kann, das gehört doch einfach dazu. Denn nach der rasenden Wut, den Tränen und dem Brüllen stehen wir beide plötzlich ganz ausgelaugt da, starren uns an und plötzlich wissen wir wieder, dass wir eigentlich nur das Beste füreinander wollen. Und auf einmal sind wir wieder verliebt wie am ersten Tag…

Grenzenlos naiv…

…. sind „Meiner“ und ich auch noch beim fünften Kind. Das heisst, so richtig naiv bin wohl ich und „Meiner“ hat einfach nichts dagegen unternommen, weil er sich als Einzelkind ganz auf mein Urteil verlässt, wenn es darum geht, auch beim jüngsten Kind darauf zu achten, dass es nicht zu kurz kommt. Als jüngstes von sieben Kindern weiss ich ja sehr genau, welche Fehler man nicht machen sollte. Und mache deshalb genau das Gegenteil, was ebenso falsch ist. Und deshalb hat das Prinzchen wie alle seine Geschwister zu seinem ersten Geburtstag einen grossen Bären bekommen, den grössten, den die Migros im Angebot hatte. Genauer gesagt im Sonderangebot hatte und das hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. Hatten wir nicht ziemlich genau acht Jahre zuvor ebenfalls im Sonderangebot einen gewissen Eisbären erstanden, der grösser war als das Kind, das ihn geschenkt bekam und der von da an mit besagtem Kind verwachsen war wie ein siamesischer Zwilling? Hatten wir uns nicht geschworen, wir würden nie mehr den grössten Bären nehmen, sondern vielleicht den zweit- oder drittgrössten? Natürlich hatten wir uns das geschworen, aber weil Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter an ihren zweit- oder drittgrössten Bären kaum je Interesse zeigten, glaubten wir, eine derart enge Beziehung wie Karlsson zu seinem David pflegt, komme nur einmal pro Familie vor. Und so griff ich gedankenlos zu, als der Riesenbär im Sonderangebot zu haben war und „Meiner“ hielt mich nicht zurück.

Und jetzt haben wir den Schlamassel: Den ganzen Tag schleppt das Prinzchen seinen Riesenbären mit sich herum – Wer sagt denn, dass nur Ameisen fähig sind, Gegenstände mit sich herumzuschleppen, die ein Mehrfaches ihrer eigenen Körpergrösse haben? -, kuschelt sich an ihn, wenn er müde ist und will sogar mit ihm zusammen gewickelt werden. Was gar nicht so einfach ist, weil man unter dem Bären das Prinzchen kaum mehr finden kann. Und ausserdem muss man aufpassen, dass der Bär dabei nicht schmutzig wird, denn für die Waschmaschine ist er zu gross. Eigentlich hätten wir schon vor ein paar Monaten ahnen müssen, dass das Prinzchen und sein Bär zu einem untrennbaren Gespann würden und zwar an dem Tag, als das Prinzchen seinen Bären zum ersten Mal „Bä!“ nannte. Hatte nicht Karlsson seinen David anfangs auch so genannt und man sieht ja, was daraus geworden ist. Aber naiv wie wir sind, haben „Meiner“ und ich damals nicht die Konsequenzen gezogen und den Bären verschwinden lassen, bevor er das Prinzchenherz vollständig erobert hatte. Nein, wir haben dabei zugesehen und „ach, wie süss!“ gesäuselt. Von erfahrenen Eltern sollte man eigentlich erwarten, dass sie sich nicht mehr von diesem zuckersüssen Gehabe einwickeln lassen, aber nein, wir sind und bleiben so butterweich wie eh und je, wenn es um den „Jööööh-Faktor“ geht.

Und so sind „Meiner“ und ich ganz selber Schuld, wenn unsere Zukunft mit dem Prinzchen genau gleich aussehen wird, wie unser bisheriges Leben mit Karlsson: Der Bär kommt überall mit, sogar ins Flugzeug – zum Glück haben wir inzwischen das Fliegen aufgegeben -, der Bär erfährt jedes Geheimnis, der Bär stinkt zum Himmel, weil man ihn nicht waschen kann und noch immer drückt das Kind seine Nase daran platt, der Bär zerfällt in alle Einzelteile und muss unzählige Male operiert werden, weil er trotz seiner Hässlichkeit noch immer innig geliebt wird etc. Und „Meiner“ und ich werden kein Sterbenswörtchen dagegen zu sagen haben, denn diesmal sind wir mit offenen Augen ins Desaster gerannt. Aber wie sagt doch Nigella Lawson – ja, auch ich habe inzwischen der verführerischen Mischung von üppiger Schlemmerei und witziger Formulierung nicht mehr widerstehen können – so schön: „… the sad truth about parenting is that it’s virtually impossible to learn from your mistakes. The whole business is a Dantesque punishment: you’re trapped in the cycle, knowing what you’re doing, but seemingly unable to stop.“ Wie man sieht, brauche ich keine Erziehungsratgeber, ich kann mir meine Erziehungstipps auch beim Backen von Pfannkuchen holen.

Everlasting Love

Gestern

Name: Liebes Kissen
Gattung: Kuschelkissen
Alter: ca. 35 Jahre und 5 Monate
Name der Besitzerin: Mama
Neupreis: ca. Fr. 5
Heutiger Wert: für Mama: unbezahlbar, für alle anderen: „Wie? Braucht die Frau noch immer ein Schmusekissen?!“
Anzahl neue Bezüge: ca. 20
Mit Suchaktionen nach dem verlorenen Kissen verbrachte Zeit: aber aber, Mama verliert doch nie ihre Sachen… 😉
Bereiste Länder: Frankreich (ca. 6 mal), England (ca. 6 mal), Italien (ca. 4 mal), USA, Griechenland, Ungarn, Tschechische Republik (3 mal), Slowakei, Malta, Deutschland (ca. 4 mal) , Österreich (ca. 4 mal)
Anzahl anvertraute Geheimnisse: Unzählige
Aufenthalte in der Waschmaschine: Unzählige

Heute

Name: David
Gattung: Eisbär
Alter: 8 Jahre, 3 Monate und 20 Tage
Name des Besitzers: Karlsson
Neupreis: Fr. 58
Heutiger Wert: für Karlsson: unbezahlbar, für alle anderen: „Wann schmeisst du das Ding endlich weg? Oder soll ich versuchen, es zu reparieren?“
Anzahl Operationen: ca. 15
Mit Suchaktionen nach dem verlorenen David verbrachte Zeit: gefühlte 2 Jahre, in Wirklichkeit wahrscheinlich etwa 2 Tage
Bereiste Länder: England (2 mal), Frankreich (1 mal), Malta (1 mal), Italien (2 mal), Österreich (4 mal, einmal davon mit Spitalaufenthalt), Deutschland (3 mal), Tschechische Republik (1 mal)
Anzahl anvertraute Geheimnisse: Unzählige
Aufenthalte in der Waschmaschine: Unzählige, bis das Waschen für David irgendwann zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit wurde


Name: Äli
Gattung: Schmusetuch mit Häschenkopf
Alter: ca. 6 Jahre und 9 Monate
Name der Besitzerin: Luise
Neupreis: ca. Fr. 20
Heutiger Wert: für Luise: unbezahlbar, für alle anderen: „Was um Himmels Willen soll das sein? Ein Vampir?“
Anzahl Operationen: ca. 15
Mit Suchaktionen nach dem verlorenen Äli verbrachte Zeit: gefühlte 100 Jahre, in Wirklichkeit wahrscheinlich etwa zehn Tage
Bereiste Länder: England (1 mal), Frankreich (1 mal), Malta (1 mal), Italien (1 mal), Österreich (4 mal), Deutschland (2 mal)
Anzahl anvertraute Geheimnisse: Unzählige
Aufenthalte in der Waschmaschine: Unzählige, bis das Waschen für Äli irgendwann zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit wurde

Und morgen?

Name: Bä!
Gattung: Teddybär
Alter: 5 Monate und 7 Tage
Name des Besitzers: Prinzchen
Bereiste Länder: noch keine
Operationen, Waschgänge, Suchaktionen, anvertraute Geheimnisse: Noch keine, wobei man bei den Geheimnissen nie ganz sicher sein kann…