Einkauf mit Karlsson

Mama Venditti: „Karlsson, du brauchst eine neue Frühlingsjacke. Es ist zu warm für die Winterjacke. Komm, wir schauen mal in dem Geschäft dort drüben, ob wir etwas finden.“

Karlsson: „Okay, aber ich will einen Gehrock.“

Mama Venditti: „Einen Gehrock? Aber Karlsson, du weisst doch, dass man so etwas bei C&A nicht bekommt.“

Karlsson: „Ich möchte aber trotzdem einen Gehrock.“

Mama Venditti: „Einen Gehrock finden wir hier nicht, aber vielleicht hat’s ja sonst etwas Schönes.“

Karlsson brummt irgend etwas Unverständliches vor sich hin. Es klingt verdächtig nach „Die haben ja keinen Stil mehr heutzutage…“ Mama und Karlsson steuern auf die Ständer mit den Jacken zu, doch plötzlich verschwindet Karlsson hinter einem Regal.

Karlsson: „Mama, komm mal her! Hier haben sie Anzüge! Schau mal, wie schön die sind.“

Mama kämpft sich mit dem Kinderwagen an den Kleiderständern vorbei, um zu Karlsson zu gelangen. Sie findet ihn tatsächlich bei den Anzügen. Ach ja, ist ja bald wieder Zeit für die Konfirmationen. Darum haben die Anzüge hier. Aber natürlich keine Gehröcke, was aber Karlsson ziemlich egal ist.

Karlsson, sehnsüchtig: „Sind die nicht wunderschön?“

Mama Venditti: „Doch Karlsson, natürlich die sind wunderschön. Aber schau mal, so ein Anzug kostet fast zweihundert Franken. Das ist einfach zu viel für etwas, was du kaum je wirst tragen können. Komm, wir suchen jetzt nach einer Frühlingsjacke.“

Karlsson folgt seiner Mama widerwillig und schimpft: „Aber glaub mir, ich nehme nichts Hässliches. Und hier sehe ich nur Hässliches.“

Mama Venditti: „Wie wär’s mit dieser Blauen? Die ist doch nicht schlecht.“

Karlsson: „So etwas willst du mir andrehen? Aber die hat ja überhaupt keinen Stil. Glaub mir, hier finde ich nichts.“

Mama Venditti schaut sich weiter im Laden um. Irgend etwas muss es hier doch haben für ihren Ältesten. Gut, die Schwarze mit dem weissen Aufdruck wird er ganz bestimmt nicht nehmen. Und die Olivgrüne erst recht nicht. Aber vielleicht die Rote? Nein, die will er auch nicht. Da, als sie schon fast die Hoffnung aufgeben will, fällt ihr Blick auf ein Regal in der hintersten Ecke des Geschäfts.

Mama Venditti: „Schau, Karlsson, dort hinten hat es Krawatten! Wenn du dich für eine der Jacken hier entscheidest, kaufe ich dir eine Krawatte, versprochen.“

Karlsson eilt zum nächstbesten Ständer, schnappt sich die rote Windjacke, die er Momente zuvor noch verschmäht hatte und verkündet: „Die nehme ich. Kannst du sie schnell halten für mich, damit ich mir eine Krawatte aussuchen kann?“

Während Karlsson seine Krawatte auswählt, steht Mama Venditti da und erinnert sich an die Karikatur, die sie in ihrer Kindheit stets als irrwitzig empfunden hatte: Die Eltern, zwei Punks mit Irokesenschnitt und Sicherheitsnadeln im Ohr, tadeln ihren Sohn, der in Anzug und Krawatte vor ihnen steht: „So gehst du uns nicht aus dem Haus!“ Gut, Mama Venditti ist zwar kein Punk. Dennoch erkennt sie sich beinahe in den Eltern aus der Karikatur wieder, denn mit der bürgerlichen Bänklerkluft hat sie ihre liebe Mühe. Aber was soll’s? Die jungen Menschen müssen sich eben austoben. Zum Glück weiss Mama Venditti, dass ihr Sohn eher auf Barock denn auf Bänkler steht und darum weiss sie, dass er die Kurve kriegen wird. Auch wenn es vielleicht schmerzhaft sein wird, wenn er dabei den Umweg über Anzug und Krawatte machen muss…


Wechselbad

Die ersten warmen Sonnenstrahlen beim Picknick im Garten, ein allerliebster Zoowärter schenkt mir rosarote Blüten, der FeuerwehrRitterRömerPirat macht ein romantisches Arrangement für die Bienen, erste Blüten am Aprikosenbaum, Karlsson spielt Bach auf der Geige und kümmert sich einen Dreck darum,  dass einige, die am Haus vorbeigehen, es sonderbar finden, dass ein Junge im Garten musiziert, der erste Schmetterling des Jahres und ein staunendes Prinzchen, der das zarte Wesen bewundert, Luise voller Vorfreude auf ihren Geburtstag, die Nachbarn, die man seit Monaten nicht mehr gesehen hat, grüssen freundlich, fröhliches Geplauder mit den Kindern, hin und wieder eine Ermahnung, doch bitte die noch ganz jungen Bäumchen nicht zu entwurzeln, die Velos werden aus der Garage geholt, Vogelgezwitscher überall.

Für einige Stunden gelingt es der Seele, das schwarze Loch zu verlassen, die Kinder zu geniessen, sich an der Natur zu freuen. Doch dann, beim Betrachten der zarten Aprikosenblüten ein Gedanke: Atomkatastrophe. Und schon droht die Seele wieder abzurutschen ins Bodenlose, dorthin, wo keine Hoffnung ist. Das Bild des im Kinderwagen friedlich dösenden Prinzchens tröstet. Und mahnt zugleich, dass die Welt, in die das friedliche kleine Menschlein geboren worden ist, zwar noch immer berauschend schön, aber sehr gefährdet ist.

Hast du das denn verdient?

Der letzte Schwimmkurs von Karlsson und Luise neigt sich dem Ende zu und wie immer, wenn ich sehe, wie sehr sich die Kinder bemüht haben – und wenn unser Budget die Kosten für drei Schwimmkurse verdaut hat – werde ich gegen Ende der intensiven Zeit weich und gestatte einen Besuch am Kiosk vor dem Nachhausegehen. Eigentlich sind mir ja diese Süssigkeiten nach dem Schwimmen zutiefst suspekt, aber wenigstens einmal während eines Kurses muss man eine Ausnahme machen. Finde ich. Die Mutter, die mit ihrer Kinderschar hinter uns am Kiosk ansteht, scheint dies ein wenig anders zu sehen. Auf die schüchterne Frage ihrer grössten Tochter, ob sie vielleicht auch eine kleine Süssigkeit haben dürfe, meint die Mutter zwar völlig vorwurfslos, aber dennoch mit bitterem Ernst in der Stimme: „Hast du das denn verdient?“

Als wir uns mit unserem süssen Grosseinkauf – die Kleinen, die zu Hause geblieben sind, sollen auch etwas bekommen – auf den Heimweg machen, sind Karlsson und Luise entsetzt: „Mama, hast du gehört, was die Frau gesagt hat? Findest du das nicht furchtbar, dass das Kind sich die Süssigkeiten verdienen muss?“ Doch, ich finde es furchtbar. Was für ein trauriges Dasein, wenn man sich auch noch die kleinste Freude im Leben zuerst verdienen muss, bevor man sie geniessen darf.

Arrangiert

Da waren wir neulich wieder  mal in jenem unsäglichen Parkhaus, in dem es weder Lift  noch Rampe gibt. Einfach nur enge, steile Treppen. Diesmal waren wir ohne Kinderwagen unterwegs und vielleicht  erinnerte ich mich gerade deswegen besonders lebhaft an die unzähligen Male, die ich mich – meist hochschwanger- diese Treppe hochgekämpft hatte, krampfhaft darum bemüht, den Kinderwagen nicht fallen zu  lassen, schwitzend und schimpfend über das Land, das für alles Geld hat, nur nicht für kinderwagen- und rolsstuhlgängiges Bauen.

Wie  wir so völlig problemlos die Treppe hochgingen, erinnerte ich mich an das böse Erwachen, das ich hatte, als ich  Mutter wurde. Wenn man Eltern wird, macht man sich ja auf alle möglichen Unannehmlichkeiten gefasst, bloss nicht auf die Stolpersteine des Alltags: Die steilen Stufen und die zu engen Durchgänge im Zug, Fussgängerampeln, die so schnell wieder auf rot wechseln, dass ein Kleinkind keine Chance hat, die  Strasse während einer einzigen Grünphase zu überqueren, Warenhäuser, deren Türen so schwer sind, dass Mama oder Papa es kaum schaffen, mit Kinderwagen und Kleinkind lebend in den Laden zu gelangen.

Als neugeborene Mutter ärgerte ich mich masslos über all die kleinen und grossen Hindernisse, die man kleinen Menschen und ihren Eltern so achtlos in den Weg stellt. Und weil ich als neugeborene Mutter gleichzeitig zur arbeitslosen Journalistin wurde, schwor ich mir, so lange auf die kleinen und grossen Missstände aufmerksam zu machen, bis sich etwas ändern würde in unserem ach so kinderfreundlichen Land. Ich würde Beschwerdenbriefe schreiben, Leserbriefe, ich würde mit meiner ganzen Kinderschar antraben, wenn ich etwas zu bemängeln hatte, ich würde wenn nötig auch Unterschriften sammeln. Ich hatte ja jetzt die Zeit dazu und ausserdem keinen Arbeitgeber mehr, der mir vorschreiben konnte, was ich schreiben durfte und was nicht.

Sah ich mich damals noch als Kämpferin, muss ich heute gestehen, dass nicht viel von meinem Eifer übrig geblieben ist. Gut, ich schrieb die eine oder andere Kolumne zum Thema, habe auch hin und wieder mal in meinem Blog auf das eine oder andere Problem hingewiesen. Aber wie ich so diese unsägliche Treppe im Parkhaus erklomm und an meinen Eifer von damals dachte, dämmerte mir, dass ich im Laufe der Jahre getan habe, was ich nie hätte tun wollen: Ich habe mich arrangiert mit der Situation. Zähneknirschend zwar und hin und wieder auch laut schimpfend, aber im Grossen und Ganzen habe ich mich mit all dem Mist abgefunden.

Für meine Nerven ist das vielleicht ganz gut so und für die Nerven meiner Mitmenschen auch. Aber wenn wir Eltern uns immer mit allem abfinden, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn noch unsere Kinder sich  damit abmühen werden, schimpfend und schwitzend den Kinderwagen steile, enge Treppen hochzuschleppen.

Hingebungsvoll

Ja, mein Prinzchen, deine Grossmama ist wirklich eine wunderbare Frau. Geduldig, herzensgut, grosszügig, liebevoll und obendrein eine (Gross)mama, die in jedem Kind das Besondere sieht. Ich kann also wirklich gut verstehen, dass du gerne zu ihr gehst. Am liebsten dann, wenn ich dir sage, du solltest hier bleiben.

Mein Prinzchen, ich kann auch sehr gut verstehen, dass es  nicht ganz einfach ist, die Grossmama mit zwanzig anderen Enkelkindern zu teilen. Ich kenne das Gefühl. Ich selber musste sie ja auch mit  sechs anderen teilen. Damals, als sie erst Mama war. Glaub mir, ich weiss, wie du dich fühlst.

Dennoch muss  ich dir sagen, dass du es inzwischen leicht übertreibst mit deiner Grossmutterverehrung. Vor ihrer verschlossenen Türe auf dem kalten Fussboden zu schlafen, damit du auch ganz bestimmt der Erste bist, wenn sie nach Hause kommt, ist nun wirklich nicht nötig.

Mayonnaise-Tag

Schon der erste Satz heute Morgen hätte mich vorwarnen müssen: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat gekotzt und ich kann es nicht aufwischen, weil ich selber gleich kotzen muss“, sagte „Meiner“, als er morgens um sieben kreidebleich ins Schlafzimmer kam, wo ich noch selig schlummerte. Nun sagt bitte nicht, das sei typisch Mann. Bei uns ist es nämlich gewöhnlich umgekehrt. Während er ohne mit der Wimper zu zucken Erbrochenes aufwischt, würge ich jedes Mal, wenn ich gezwungen bin, die Sache selber zu erledigen. Wenn also er nicht konnte, war klar, dass heute ein besonders schlechter Tag werden würde.

Optimistisch, wie ich nun mal bin, liess ich mir die Laune darob noch nicht verderben. Nun ja, offen gestanden ist meine Laune momentan ohnehin ziemlich schlecht, also konnte sie sich auch durch einen Magen-Darm-Käfer nicht erheblich verschlechtern. Ich ging also nach oben, um die Lage zu inspizieren. Was ich sah, war nicht gerade ermutigend. Wie das Bett des FeuerwehrRitterRömerPiraten aussah, brauche ich euch nicht zu beschreiben. Ihr wisst ja, wie sowas aussieht. Im Zimmer nebenan fand ich das Übliche vor: Eine morgenmuffelige Luise, die aber immerhin gesund war. Der Zoowärter sah zwar halbwegs gesund aus, klagte aber über Bauchschmerzen. Also nicht fit für die Spielgruppe. Dass auch Karlsson heute zu Hause bleiben würde, war mir sofort klar, als er mich mit fieberglänzenden Augen traurig ansah und meinte, ihm sie hundeelend. Das Prinzchen wirkte zwar fit, aber zu Hause bleiben würde er ohnehin, denn er geht ja noch nicht zur Schule.

Wieder unten machte ich eine kurze Bestandesaufnahme: Eine gesunde Tochter, drei kranke oder halbkranke Söhne, ein quirliges Prinzchen, ein kranker Ehemann und eine ziemlich schlecht gelaunte und nur halbwegs gesunde Mama. Das konnte ja heiter werden. Nachdem alle fürs Erste versorgt waren, hatte ich meine erste grosse Hürde zu überwinden, nämlich „Meinen“ davon zu überzeugen, dass er so nicht in die Schule gehen konnte. „Aber ich habe kein Material vorbereitet. Ich kann doch nicht zu Hause bleiben“, wehrte sich der pflichtbewusste Herr Lehrer. Ich liess ihn wissen, dass seine Kollegen allesamt bestens ausgebildete Fachpersonen sind, die genau wissen, was zu tun ist, wenn ein Teammitglied krank ist. Ausserdem erinnerte ich ihn daran, dass die Eltern seiner Schüler wohl nicht besonders erfreut sein würden, wenn er den Magen-Darm-Käfer an sämtliche Kinder weitergeben würde. Schliesslich griff er dann doch zum Telefon, meldete sich in der Schule ab, zog sich auf das Sofa zurück und dämmerte weg. Gut, einer war versorgt. Blieben noch fünf.

Fragt mich nicht, wie ich zu diesem Punkt kam, aber irgendwann, nachdem Luise in die Schule gegangen war, ich alle anderen mit dem Nötigsten versorgt und mich selber für die Arbeit bereit gemacht hatte, platze mir der Kragen und ich brüllte laut vernehmlich:“ Ich schaff das alles nicht!“ Aber wenn man Mama ist, schafft man fast alles, auch wenn man längst nicht mehr daran glaubt. Man schafft es, doch noch pünktlich zur Arbeit zu kommen. Man reisst sich zusammen, wenn bei der Arbeit so viel läuft, dass man gar nicht erst dazu kommt, die Arbeit zu erledigen, die man eigentlich für den Vormittag geplant hatte. Man beisst auf die Zähne, wenn man keine Zeit fürs Mittagessen hat. Man erledigt dies und jenes und plant, was man abends, wenn alle Patienten im Bett sein werden, noch nachholen wird. Gute zwei Stunden später als geplant kommt man nach Hause, wo man zuerst mal das ganze Chaos beseitigt und schaut, dass jeder das Nötigste bekommt. Als Mama weiss man, wie man sich zusammenreisst.

Schwach werden darf man erst, wenn alles, was dringend getan werden muss, getan ist. Dann erst ist Zeit für das, was einen an solchen Tagen wieder aufstellt: Ein Essen, dass man nur im Verborgenen essen darf, weil man den Kindern sonst ein schlechtes Vorbild abgibt, nämlich Pasta, Mayonnaise und viel Käse. Und der Gesundheit zuliebe zum Dessert noch ein paar Rosinen. Mit Schokolade überzogen, versteht sich.

Kommt er, geht er oder bleibt er?

Dieser elende Käfer soll sich doch endlich mal entscheiden, ob er kommen, gehen oder bleiben will. Mal liegen unsere Knöpfe bleich und abgekämpft da und sehen aus, als würden sie in den nächsten fünf Tagen nicht mehr aus dem Bett kommen und zwei Stunden später hüpfen sie wieder alle putzmunter durch die Gegend und schlagen sich die Bäuche voll. Also schickst du sie zur Schule, weil sie ja gesund sind und tatsächlich sieht es auch eine Weile lang danach aus, als hättest du den richtigen Entscheid gefällt. Aber nach der grossen Pause bekommst du plötzlich einen Anruf der Lehrerin, weil sie dein Kind nach Hause schicken will, da ihm so elend ist. Du schämst dich in Grund und Boden, dass du dein armes, krankes Kind am Morgen aus dem Haus geschickt hast, nimmst es mit einer warmen Decke und einer Tasse Tee in Empfang. Und dann, zwei Stunden später fragst du dich, weshalb du dich von der Lehrerin hast weichklopfen lassen, denn dein Kind tanzt dir frisch und fröhlich auf den Nerven rum, weil es sich ganz plötzlich doch wieder fit und sehr gelangweilt fühlt.

So langsam aber sicher treibt mich dieser Käfer, der momentan sein Unwesen treibt, in den Wahnsinn und ich bin versucht, ihm zu sagen, was unser Vater jeweils zu sagen pflegte, wenn wir zwischen Tür und Angel stehen blieben: „Komm rein, oder geh raus, aber mach dabei die Tür zu!“

Kaufrausch

Samstagvormittag ist für „Meinen“ und die Kinder Brockenstubenzeit. Wann immer sie es sich einrichten können, ziehen sie los, um eine Brockenstube nach der anderen abzuklappern. Bevor ich nun weiter erzähle, muss ich noch kurz erklären, was eine Brockenstube ist. Denn unser ehemaliges Au Pair, das ja bekanntlich aus Deutschland stammt, hat uns gesagt, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt. Also, eine Brockenstube ist ein Ort, an dem alles verkauft wird, was die Leute nicht mehr brauchen und dennoch nicht wegwerfen wollen: Alte Möbel, Kleider, Bücher, Schallplatten, Spielsachen, Küchenutensilien, Schmuck, Fahrräder, Geschirr, Blumenvasen, Rasierapparate,… einfach alles, was zu schade ist, um wegzuwerfen. Dinge, die neu genug sind, damit man sie noch brauchen kann aber noch nicht alt genug, um zu den Antiquitäten gezählt zu werden. In der Brocki, wie wir das auch nennen, nehmen sie fast alles und verkaufen es dann zu Spottpreisen.

Eigentlich eine gute Sache, nur für mich aus zwei Gründen nicht der Ort meiner Träume. Erstens büsse ich als Asthmatikerin jeden Ausflug ins Reich des alten Krimskrams mit einem heftigen Anfall und zweitens bin ich das jüngste von sieben Kindern und als solches habe ich mit so viel altem Kram gespielt, dass für mich beim Shoppen die versiegelte Verpackung, das Styropor, die Gebrauchsanweisung und all die unsäglichen Folien, Drähte und Schrauben, die das Zeug in der Verpackung halten sollen, fast wichtiger sind als der Gegenstand, den ich erstanden habe. Die Brocki ist also nichts für mich und deshalb bleibe ich zu Hause, wenn die anderen stöbern gehen.

Heute hatte auch der Zoowärter keine Lust, mitzugehen und so blieb ich mit ihm und dem Prinzchen – der in seinem Wahn, jedes Regal auszuräumen, nicht Brocki-tauglich ist – zu Hause. Nach einer Stunde kamen die anderen zurück, schwer beladen mit bemalten Schälchen, einem Buttergeschirr, luftigen Foulards und zwei Afrikanischen Holzspeeren.  Als der Zoowärter die Speere sah, heulte er los. So unfair, dass seine Brüder so etwas Schönes bekommen und er nicht. Als er erfuhr, dass es in der Brocki noch einen dritten Speer hat, wurde das Geheul lauter. Der Zoowärter wollte diesen Speer und zwar jetzt, sofort. Aber jetzt, sofort wollte „Meiner“ nicht noch einmal in die Brocki fahren, also musste ich in den sauren Apfel beissen. Denn in der Brocki, so muss man wissen, muss man sofort zugreifen, da man nie sicher sein kann, ob nicht ein anderer Kunde einem das begehrte Stück wegschnappt.

Also fuhren wir los, der Zoowärter, Luise und ich. Die Kinder begeistert, ich nur widerwillig. Damit wir so bald als möglich wieder aus dem staubigen Loch entfliehen könnten, schickte ich Luise los, um den dritten und letzten Speer zu holen. Währenddem ich auf sie wartete, schaute ich mich um und was erblickte ich da, inmitten des ganzen Krams? Den Tischgrill für mexikanisches Essen, den ich schon oft sehnsüchtig im Katalog angeschaut hatte, ihn aber nie gekauft hatte, weil er mir einfach zu teuer war. Ich schaute mir das Ding näher an, sah, dass es wohl noch nie gebraucht worden war und dass es für gerade mal 29 Franken zu haben war. Was sollte ich bloss tun? Mein Stolz sagte mir, dass ich unmöglich in der Brocki einkaufen könne, wo ich doch seit Jahren verkünde, dass das nichts für mich sei. Wäre es nicht schrecklich peinlich, wenn ich „Meinem“ gestehen müsste, dass ich schwach geworden war? Auf der anderen Seite war das Ding ja tatsächlich noch neu, auch wenn die versiegelte Verpackung, das Styropor, die Gebrauchsanweisung und all die unsäglichen Folien, Drähte und Schrauben, die das Zeug in der Verpackung halten sollen fehlten. So eine Gelegenheit konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Schliesslich obsiegte mein Wunsch, das Gerät zu besitzen und ich schnappte es mir.

Und dann gab es kein Halten mehr. Ich holte mir einen Einkaufswagen, der schon bald mit Gratinformen, einer handbemalten Kuchenplatte und  einer fast neuen Eismaschine für nur 9 Franken beladen war. So langsam wurden die Kinder ungeduldig, aber ich wollte „nur noch mal schnell dort hinten in der Ecke beim Geschirr nachsehen“ und dann noch dort drüben bei „diesen wunderschönen alten Spielsachen“ und dann „vielleicht noch kurz bei den Lampen aber dann gehen wir bestimmt nach Hause“. Wo ich schon mal da war, musste ich mich doch umsehen. Man wusste ja nie, ob ich nicht noch auf die eine oder andere Trouvaille stossen würde.

Nun, es blieb bei den Dingen, die im Wagen lagen, denn irgendwann machten der Zoowärter und meine Bronchien nicht mehr mit. Auf dem Heimweg überlegte ich mir krampfhaft, mit welcher Ausrede ich mich zu Hause für meinen Kaufrausch rechtfertigen sollte. Was aber gar nicht nötig war, weil „Meiner“, der bei seinem Besuch weder den Tischgrill noch die Eismaschine gesehen hatte, beinahe erblasste vor Neid, dass ausgerechnet ich mit einer solchen Ausbeute nach Hause kam.

Freizeit

Was machen wir da bloss? Da hat man mir doch für morgen und übermorgen ein absolutes Büroverbot verhängt. Zudem sind fast alle Pendenzen abgearbeitet. Zumindest diejenigen, die ich auf keinen Fall in die neue Woche mitschleppen will. Und die zwei oder drei Dinge, die unbedingt noch erledigt sein wollen – Arbeitszeugnis für unser ehemaliges Au Pair schreiben, ein paar Rechnungen bezahlen, den Lohn für die Putzfrau ausrechnen – dürften kaum mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Im Terminkalender herrscht bis Montag gähnende Leere. Und Luise, die am Nachmittag noch keinen Schluck Wasser behalten konnte, hüpfte am Abend schon wieder quietschfidel durch die Wohnung. Also auch kein Erbrochenes, das aufgeputzt werden muss.

Beängstigend, nicht wahr? Freiräume, die gefüllt werden wollen mit Ausschlafen, Nachdenken, Familienleben, Gottesdienstbesuch und ausgiebiger Zeitungslektüre. Ob das wirklich gut kommt? Immerhin sind das geschlagene 48 Stunden ohne Gehetze, ohne das Gefühl, man hätte alles eigentlich schon gestern gemacht haben müssen. 48 Stunden in denen das Leben eine Verschnaufpause einlegen will und weit und breit kein Termin in Sicht, der es an dem Vorhaben hindern will.

Ob ich für morgen noch einen Coiffeurtermin bekomme? Ich meine, 48 Stunden lang nur tun, was einem Spass macht ist bestimmt gefährlich und da wären zwei qualvolle Stunden mit waschen, färben, föhnen und schneiden genau richtig, um zu verhindern, dass ich auf die Idee komme, die freie Zeit einfach so zu geniessen.

Verkehrt

Wenn am Ende eines langen Tages die siebenjährige Tochter zur Mutter sagt: „Kopf hoch, Mama! Das wird schon wieder. Du machst das ganz grossartig“, dann wäre es wohl an der Zeit, so langsam darüber nachzudenken, wie man die Balance im Leben wieder erlangen kann.

Auf der anderen Seite ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn die Kinder wissen, dass auch Mama nur ein Mensch ist…