Aber doch nicht jetzt

Liebe Katholiken, nehmt mir es bitte nicht übel, wenn ich mit einer kleinen Frage an euch herantrete: Würde es euch vielleicht etwas ausmachen, eure Heilige Jungfrau in Zukunft nicht mehr am 15. August in den Himmel auffahren zu lassen? Glaubt mir, ich respektiere es, dass euch dieser Tag heilig ist, auch wenn ich Maria etwas weniger verklärt sehe als ihr. Aber müsst ihr sie ausgerechnet am 15. August feiern?

Dieser Tag ist denkbar ungeeignet für einen Feiertag. Kaum hat die Schule angefangen, haben unsere Kinder wieder frei und ich weiss beim besten Willen nicht, wie ich die Wohnung nach fünf Wochen ohne Putzfrau auf Vordermann bringen soll, wenn schon wieder alle den halben Tag im Pyjama herumlungern und mich anflehen, endlich ins Schwimmbad zu kommen. Und nächstes Jahr wird’s noch mühsamer, weil der 15. ein Donnerstag sein wird und dann machen die bestimmt gleich wieder ein verlängertes Wochenende draus. Wer braucht denn so kurz nach den Ferien so viel Erholung? Nun ja, wir Mütter vielleicht, die wir fünf Wochen lang für Unterhaltung gesorgt haben. Wie aber sollen wir uns erholen, wenn schon wieder alle unterhalten werden wollen?

Gut, man könnte vielleicht auch anregen, dass die Schule die Sommerferien so legt, dass Mariä Himmelfahrt in die schulfreie Zeit fällt. Das Problem ist nur, dass sich die Schule ziemlich schwer tut mit solch einschneidenden Veränderungen. Ihr aber, meine lieben Katholiken, seid bestimmt flexibel genug, euren Feiertag in Zukunft an einem günstigeren Datum zu begehen. Am liebsten irgendwann zwischen September und März, wenn weit und breit kein Feiertag in Sicht ist, der als kleine Verschnaufpause taugt. (Nein, Weihnachten zählt nicht, denn da kann von verschnaufen nicht die Rede sein.)

Hinder em Huus und vorem Huus – Ein Loblied auf die Beschaulichkeit

Zuweilen gerate ich bekanntlich in Gefahr, meinen Familienalltag durch die rosarote Brille zu betrachten. Hier ausnahmsweise mal ein vollkommen realistischer Beitrag über einen ganz gewöhnlichen, heissen Dienstagnachmittag im August:

13:30 Uhr: Luise und Karlsson sind in der Schule, das Prinzchen hat sich mit seinem Kakao zurückgezogen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat spielen friedlich. Also beste Voraussetzungen, um mich ans Einmachen der Tomaten zu machen. Schnell einen grossen Topf Wasser aufsetzen, die Tomaten kreuzweise einritzen und blanchieren. Wenn das so weitergeht, kann ich in zwanzig Minuten mit Einfüllen und Sterilisieren anfangen.
13:40 Uhr: Der Zoowärter will einen Freund einladen, das Prinzchen schreit im Garten nach seinem besten Freund, der gegenüber wohnt, der FeuerwehrRitterRömerPirat fragt mich alle zehn Sekunden, wann denn endlich seine erste Trompetenstunde anfange.
14:00 Uhr: Das Wasser siedet, die Tomaten sind aber noch nicht fertig eingeritzt, der Zoowärter lädt seinen Freund auf 14:30 Uhr ein, der FeuerwehrRitterRömerPirat will immer noch wissen, wann die Trompetenstunde beginnt, das Prinzchen hat seinen Freund noch nicht gefunden und jetzt will auch der Zoowärter wissen, wann sein Freund endlich kommen werde.
14:30 Uhr: Prinzchens Freund ist endlich aufgetaucht, Zoowärters Freund kommt mit Mama und kleinem Bruder, was ich schamlos für einen ausgedehnten Schwatz neben dem Tomatenschälen – die Dinger sind jetzt endlich soweit – ausnütze. Der FeuerwehrRitterRömerPirat fühlt sich vernachlässigt und fängt an, die anderen zu nerven.
15:15 Uhr: Karlsson kommt nach Hause und will singen und zwar nicht wie üblich schön und rein, sondern laut und falsch.
15:25 Uhr: Die Mama von Zoowärters Freund bietet sich an, auf die Kinder aufzupassen, währenddem ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten – endlich! – zur Trompetenstunde fahre. Das Prinzchen heult, weil ich ihn nicht mitnehme. Auf dem Weg fällt mir ein, dass ich noch das Geld für das Notenheft hätte mitbringen sollen. Na dann, machen wir eben gleich beim ersten Mal einen schlechten Eindruck. Das können wir also abhaken.
15:35 Uhr: Die Mama von Zoowärters Freund geht nach Hause. Weil alle so nett und friedlich miteinander spielen, lade ich den kleinen Bruder zum Bleiben ein. Stand der anwesenden Kinder zu diesem Zeitpunkt: 3 Vendittis, 1 bester Freund für das Prinzchen, 1 bester Freund für den Zoowärter, ein kleiner Bruder des besten Freundes. Kein Problem, wo sie doch alle so nett zueinander sind.
15:40 Uhr: Eine Fehde zwischen den Kindergartenjungs und den Vorschulkindern bricht aus. Die Grossen jagen die Kleinen ums Haus, mal sind alle hinten, mal vorne und ich bin nie dort, wo es gerade brennt. Die Nachbarn von gegenüber kommen vollkommen übernächtigt aus den Ferien zurück, kurzer Austausch über das Wetter hier und in Bosnien, über die lange Fahrt und die Hochzeit der Tochter. Von gegenüber ruft die Grossmutter von Prinzchens Freund. Prinzchens Freund stellt auf stur und bittet mich, mit seiner Grossmama zu verhandeln, damit er länger bleiben kann. Gar nicht so einfach, wo sie kein Deutsch spricht und ich kein Marokkanisches Arabisch.
16:00 Uhr: Luise kommt nach Hause, berichtet mir über Zoff in der Schule. Wenige Augenblicke später kommt der FeuerwehrRitterRömerPirat mit seiner neuen Trompete. Er spielt „Oh Tannenbaum“, alles auf einem Ton und sehr laut. Die Nachbarn eilen ans Fenster, stellen mit Entsetzen fest, dass Vendittis jetzt auch noch eine Trompete haben. Eine andere Nachbarin kommt auf dem Velo vorbei, bleibt auf einen Schwatz, auf dem Gartentisch klingelt das Telefon und ich bin nicht schnell genug. Karlsson informiert mich, dass er nach der Geigenstunde gleich ins Schwimmbad und danach zu den Pontonieren gehen wird, dann ist er weg, dafür kommt der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten überraschend zu Besuch. Luise telefoniert derweilen mit der besten Freundin. Leider kann sie heute nicht mehr vorbeikommen.
17:00 Uhr: Meine Mutter möchte mit dem Auto in die Garage fahren, zuerst müssen aber alle Traktoren, Trottinetts, Bälle und Kinder aus dem Weg. Dazwischen muss noch der Schwatz mit der Nachbarin beendet werden. Das Prinzchen heult, weil wir seine Baustelle zerstören, die Grossmama von gegenüber möchte den Enkel abholen, aber dieser weigert sich und beisst ihr in die Hand.
17:15 Uhr : Plötzlich ist alles still. Die ganze Horde ist im Spielzimmer meiner Mutter verschwunden, einzig Luise, der kleine Bruder des besten Freundes und ich sind noch im Garten. Wir versuchen herauszufinden, ob der Kleine aufs WC muss, oder ob er Hunger hat. Luise bringt ihn schliesslich dazu, aufs WC zu gehen. Währenddem er sitzt, sehe ich draussen die Grossmama, die verzweifelt ihren Enkel sucht. Weil ich ihr nicht erklären kann, wo er ist, locke ich den Jungen aus dem Spielzimmer und schleppe ihn auf den Balkon, wo ich ihn so hoch wie möglich halte, damit die Grossmama ihn sehen kann. Sie sieht ihn nicht, die Bäume tragen zu viel Laub. Zoowärters Freund und Bruder werden abgeholt, kurzer Schwatz mit den Eltern, dann schnell hinters Haus, damit ich der verzweifelten Grossmama beweisen kann, dass ihr Enkel nicht entführt worden ist. Da jetzt auch der Vater des Jungen zu Hause ist, können wir eine Zeit vereinbaren, wann er nach Hause muss. Ich zeige den Jungen auf der Uhr, wann er gehen muss, er zeigt mir, wann er gehen will, nämlich etwa drei Stunden später.
17:30 Uhr: Zurück im Spielzimmer meiner Mutter. Alles ist friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat spielt wieder „Oh Tannenbaum“, inzwischen schon auf zwei Tönen und so laut, dass meine Mutter und ich nicht reden können. Wir bitten ihn, etwas leiser zu sein, er ist verständlicherweise eingeschnappt, ich kann mich aber nicht darum kümmern, weil ich jetzt Prinzchens Freund davon überzeugen muss, dass er nach Hause muss.
17:50 Uhr: Allmählich kehrt Ruhe ein, es sind nur noch ein bester Freund und vier Vendittis zu betreuen, Karlsson ist noch nicht zurück. Der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten, der gewöhnlich ganz gut Deutsch spricht, versteht uns plötzlich nicht mehr, als wir ihn fragen, wann er denn nach Hause müsse. Also isst er bei uns Tomatensuppe – zum Einmachen bin ich nicht mehr gekommen – und ich hoffe mal, dass das so in Ordnung ist. Zu Hause anrufen möchte er nämlich nicht und da ich leider keine der neun Nationalsprachen Eritreas spreche, kann ich es nicht für ihn erledigen.

Nach diesem beschaulichen Tag habe ich nur noch einen Wunsch: So schnell als möglich die verschiedenen Sprachen Afrikas zu lernen, damit ich weiss, wann ich welches Kind wieder zu Hause abliefern muss. Die internationale Atmosphäre im Spielzimmer möchte ich nämlich auf gar keinen Fall mehr missen.

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Unaufhaltsam

Nein, ich freue mich nicht auf den 12. August 2013. Ja, ich weiss, ich sollte mich darauf freuen, denn das Prinzchen wird dann seinen ersten Kindergartentag haben, der Zoowärter seinen ersten Schultag. „Stell dir mal vor, wie viele Freiheiten du dann haben wirst“, sagen die Mütter, die schon länger keine kleinen Kinder mehr zu Hause haben. Und ich versuche ernsthaft, mir vorzustellen, wie schön das sein wird. Das Dumme ist nur, dass es mir nicht so richtig gelingen will.

Nein, ich habe keine Angst, ich wüsste nichts mit meiner Zeit anzufangen. Mir wird ganz bestimmt nicht langweilig. Es ist nur so, dass ich die Freiheit mit nur einem Kind im Haus so sehr geniesse. Wie schön, wenn man mal für ein Kind alle Zeit der Welt hat, wenn man ganz spontan in die Stadt fahren kann, weil man nicht eine ganze Herde zusammentreiben muss.

Ich habe übrigens auch kein Problem damit, dass unsere Kinder grösser werden. Nun ja, zumindest kein grosses Problem. Mein Problem ist, dass da keiner mehr nachkommt, wenn alle mal draussen sind. Kein kleiner Mensch mehr, der mich mit Fragen löchert, der voller Stolz den viel zu grossen Kochlöffel schwingt, der mich mit dem Wunsch, eine Geschichte erzählt zu bekommen, von meinen Pflichten abhält.

So wird das sein in einem Jahr und davor graut mir schon heute. Verhindern kann ich es dennoch nicht und so bleibt mir nichts anderes übrig, als der kleine Rest an Kleinkinderzeit, der mir noch bleibt, zu geniessen. Mal sehen, ob ich das schaffe…

 

Aufklärung, Stufe 2

Stufe 1 war noch einfach: Die Kinder fragten, so wie Kinder eben fragen, wenn sie etwas wissen wollen. Wir antworteten, so wie Eltern eben antworten. Möglichst viel Wahrheit auf möglichst kindergerechte Art verpackt. Klar, hin und wieder mussten wir schmunzeln, wenn eine Frage aus erwachsener Sicht himmelschreiend komisch war – „Iiih, Mama, habt ihr das wirklich fünf Mal getan? Das ist ja eklig!“ -, aber ich glaube, im Grossen und Ganzen haben wir unser Ziel erreicht: offen und unverkrampft über die Dinge reden, welche die Kinder irgendwann eben wissen wollen. Kein Problem, solange das alles für die Kinder noch weit weg und sehr fremd war, etwa gleich fremd wie dasWeltall, die Tierwelt Australiens oder der Alltag der alten Griechen. Faszinierend ja, aber nicht wirklich relevant. Darum konnten sie ja auch so unbefangen fragen.

Jetzt aber, wo Stufe 2 kommt, wird es deutlich anspruchsvoller. Klar, wir sind weiterhin darum bemüht, offen und ehrlich zu sein, wir achten darauf, respektvoll mit dem Thema umzugehen und dennoch eine gewisse Leichtigkeit beizubehalten, wir signalisieren Gesprächsbereitschaft und doch spüren wir, wie da allmählich eine gewisse Zurückhaltung aufkommt. Da geschehen auf einmal Dinge, welche die Kinder nicht richtig einordnen können. Ja, Mama und Papa haben das erklärt, und sie erklären auch jetzt, wenn man fragt. Aber dass da wirklich etwas geschieht, dass der Körper sich wirklich allmählich verändert, darauf war man nicht vorbereitet. Darauf kann man wohl nicht vorbereitet sein, egal, wie viel man theoretisch schon weiss. Wenn man auf einmal fühlt, riecht, sieht, vielleicht auch leidet, dann wird einem die Sache peinlich, auch wenn die Eltern noch so sehr beteuern, dass man sich nicht zu schämen braucht, dass es vollkommen normal ist, was da geschieht, dass sie das Ganze auch einmal durchgemacht haben. 

Mag sein, dass es für unsere Generation schwieriger war, die Eltern dazu zu bringen, mit uns über die diese Veränderungen zu reden. Mag sein, dass viele von uns dadurch noch verwirrter waren, als man es ohnehin ist in dem Alter. Allmählich aber dämmert mir, dass der Weg vom Kind zum Erwachsenen nie schmerzfrei sein wird, auch dann nicht, wenn die Eltern gesprächsbereit, verständnisvoll und offen sind. Es käme uns nicht in den Sinn, die Kinder in der Sache allein zu lassen, aber gehen müssen sie den Weg selbst.

Bilanz nach vier Tagen Strasbourg

  • Strasbourg ist wunderschön.
  • In Frankreich gibt es eine überwältigende Auswahl an unglaublich coolen,  schönen und sinnvollen Küchengadgets.
  • Auch wenn mir der Konsumwahn immer mehr zu schaffen macht,  wenn ich eine überwältigende Auswahl an unglaublich coolen,  schönen und sinnvollen Küchengadgets vor mir habe,  bringe ich es nicht fertig,  zu widerstehen.
  • Wenn der Euro für uns Schweizer so billig zu haben ist,  ist das seeeeeehr gefährlich für unser Familienbudget.
  • Unsere Kinder mögen kein Pain au Chocolat. Als ich in ihrem Alter war,  hätte ich für einen Bissen Pain au Chocolat mein letztes Hemd hergegeben. 
  • Die Franzosen mögen unsere Kinder nicht. Ob das damit zusammenhängt,  dass unsere Kinder kein Pain au Chocolat mögen,  oder ob es für diese Abneigung einen anderen Grund gibt,  weiss ich nicht. Tatsache ist,  dass unsere Kinder noch nie so oft vollkommen grundlos von wildfremden Personen ermahnt worden sind. Für grundlose Ermahnungen sind gewöhnlich wir Eltern zuständig und ich bin zutiefst beleidigt,  wenn ein anderer meine Aufgabe an sich reisst. Zumal die Ermahnungen wirklich grundlos waren.
  • Muss das Prinzchen ein paar Tage ohne seine Milch auskommen,  isst er plötzlich mit grossem Genuss Chicken Korma,  Madras Reis,  Samosas,  Mint Raita und sogar rohe Tomaten. Ich Rabenmutter hatte stets behauptet,  das Kind sei heikel,  dabei war es einfach pappsatt von der vielen Milch,  die es gewöhnlich in sich hineinschüttet. 
  • Luise gefällt es in Prag besser als in Strasbourg. Hat sie mir nur ca. 127 mal gesagt in diesen vier Tagen.
  • Babybel gibt es in verschiedenen Farben,  die für verschiedene Geschmacksrichtungen stehen. Während der Farbunterschied relativ einfach festzustellen ist,  versuche ich weiterhin herauszufinden,  wo sich der Geschmacksunterschied versteckt hat.
  • Während es die Franzosen problemlos fertigbringen,  bequeme Zugabteile für acht Personen zu bauen,  bringt die Deutsche Bahn auf einer ähnlich grossen Fläche gerade mal sechs Personen unter. 
  • Der Zoowärter scheint ein Ohr für die Französische Sprache zu haben. 
  • Karlsson und Luise scheinen derzeit ein Ohr für all jene Wörter zu haben,  die in ihrem Wortschatz nichts verloren haben. 
  • Egal wie perfekt ein Hotel sein mag,  auf TripAdvisor findet sich immer einer,  der eine schlechte Bewertung abgibt. Vielleicht,  weil ihm die Farbe des Teppichs nicht gepasst hat,  oder weil die Blumen an der Reception etwas welk waren. Hauptsache,  man kann sich über etwas beklagen.
  • Wenn ich „Meinem“ lange genug nichts schenke,  dann freut er sich auch, wenn er von mir einen Regenschirm bekommt. Nun gut,  der Regenschirm war ein Designstück…
  • Wenn man mit einer Europa-Fahne im Gepäck in die Schweiz reist,  lassen sie einen dennoch über die Grenze. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat’s getestet. Es gibt keinen Detektor,  der das Reisegepäck nach Europäischer Propaganda durchleuchtet.
  • Egal,  ob man lange oder kurz weg war,  wieder nach Hause zu kommen ist jedes Mal gleich schwierig. 

Souvenirs

Okay, dass ich mich in einer ausgeprägten „Trautes Heim, Glück allein“-Phase befinde, ist mir natürlich schon längst aufgefallen. Wie schlimm es aber tatsächlich um mich steht, habe ich erst gestern bemerkt. Ziehe ich gewöhnlich in jeder Stadt von Buchladen zu Buchladen, fand ich mich hier in Strasbourg beim Geschäft mit den Küchenschürzen wieder. Und ich bewunderte nicht das Modell mit dem topmodernen Cupcakes-Aufdruck, sondern die altmodischen mit den Störchen und den Bauernmägden, die Schürzen mit dem praktischen Knopf, an dem man ein Küchentuch befestigen kann. Nun ja, ich kann mir einreden, dass ich das Cupcakes-Modell nur deshalb kaum beachtete, weil es 35 Euro kostete, aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, dann muss ich gestehen, dass es das Küchentuch war, das mein Herz höher schlagen liess. Wie praktisch, ein Küchentuch, an dem man die Hände abwischen kann, damit die Schürze sauber bleibt…

Zuerst glaubte ich selber noch an einen Scherz, als ich zu „Meinem“ sagte, ich würde mir eine Schürze kaufen, aber spätestens als ich mit Luise darüber diskutierte, ob wir uns beide eine kaufen sollten und ob es nicht schön wäre, wenn wir beide die gleiche hätten, wusste ich, dass es kein Zurück mehr gab. Da stand nicht mehr die berufstätige Mutter, die sich einen Dreck darum schert, dass der Haushalt im Chaos versinkt, sondern die altmodische Hausfrau, die ihre Butter selber macht, die Müesli-Mischung und die Essiggurken. Diese altmodische Hausfrau, die sich in letzter Zeit immer öfter in den Vordergrund drängt, wenn wieder mal alles zuviel wird. Die Hausfrau, die beinahe in Freudentränen ausbricht, wenn sie ihren ersten hausgemachten Mozzarella serviert, die ihre Kinder nervt mit ihrem „Riecht mal an diesem Joghurt. Diese Frische, diese zarte Süsse, dieses Aroma!“. Die Hausfrau, die in Strasbourg keine Bücher kauft, sondern eine Küchenschürze mit Geschirrtuch, dazu noch passende Topflappen und ein geschnitztes Buttermodel.

Jetzt, wo mein Kaufrausch überstanden ist und ich mir meine Einkäufe genauer ansehe, wird mir ein wenig mulmig. Steckt in mir drin doch mehr Hausfrau als mir lieb ist, war das einfach ein kleiner Ausrutscher – so wie man vielleicht mal ein Buch kauft, das einem leicht peinlich ist- , oder stecke ich am Ende in einer Midlifecrisis?

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Die Grenze des guten Geschmacks

Ich halte mich für eine ziemlich tolerante Mutter. Will der FeuerwehrRitterRömerPirat Fussball spielen, dann soll er dem Fussballclub beitreten, obschon ich selber nicht allzu viel für Fussball übrig habe. Ihm zuliebe werde ich irgendwo in mir drinnen einen Funken Fussballbegeisterung aufspüren, damit mein Stolz über ein von ihm geschossenes Tor ebenso gross sein wird wie meine Begeisterung über einen gelungenen Geigenauftritt von Karlsson.

Will Luise Reitstunden nehmen, dann erkundige ich mich eben danach, wie viel Reitstunden kosten und falls wir ein bezahlbares Angebot finden, werde ich mich in ihre Welt eindenken, auch wenn mir der ganze „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“-Kram ziemlich suspekt ist. Vielleicht würde ich mich ihr zuliebe sogar selber mal aufs Pferd schwingen, einfach so, um herauszufinden, ob das wirklich so toll ist, wie alle sagen. Nun ja, vielleicht würde ich auch nicht, ich könnte ja runterfallen…

Begeistert sich der Zoowärter für Dinosaurier, dann bekommt er eben Dino-Bücher geschenkt, auch wenn ich ihm viel lieber das entzückende Buch mit den herzigen Jungtieren gekauft hätte. Ihm zuliebe versuche ich nachzuempfinden, was an Stegosaurus & Co. so unglaublich faszinierend sein soll. Okay, ich habe es noch nicht herausgefunden, aber ich arbeite dran.

Heissen des Prinzchens Helden Bob der Baumeister und Feuerwehrmann Sam, dann erzähle ich ihm eben Geschichten von Bauarbeitern und Feuerwehrmännern. Ja, ich erfinde für ihn sogar Schlaflieder, die von seinen Helden handeln, obschon ich im Erfinden von Liedern eine Niete bin und obschon ich auch bei Sohn Nummer vier keine allzu grosse Begeisterung für Feuerwehrmänner und Bauarbeiter verspüre. Hauptsache, mein Kind ist glücklich.

Was für diese vier Kinder gilt, gilt natürlich auch für Karlsson. Was immer ihn auch begeistert – Opern, antike Möbel, elegante Kleidung – ich unterstütze ihn nach Kräften in seinen Leidenschaften. Bis jetzt bin ich damit ganz gut gefahren, neuerdings aber strapaziert unser Ältester in bester Teenagermanier die Grenzen meiner Toleranz. Schallt aus seinem Zimmer Edith Piaf, dann bleibt auch mir nichts anderes als verständnisloses Kopfschütteln und die bange Frage „Kind, bist du auch ganz sicher, dass es dir gut geht?“

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Familientraditionen

Am Anfang war Rosa Müller. Eines Tages, als unsere damals noch kleinen Grossen den lieben langen Tag nörgelten, erschien sie einfach so, aus dem Nichts. Eine unzufriedene, kleinkarierte alte Frau, die in einem Altersheim lebt und nichts anderes tut, als sich zu beklagen. Mal ist sie unzufrieden, weil sie sich langweilt und Sekunden später klagt sie darüber, dass einfach zu viel Programm geboten wird im Altersheim. Schenken ihre Kinder ihr eine Schachtel Pralinen zu Weihnachten, dann ist sie eingeschnappt, weil sie nich mehr bekommen hat, fahren sie mit ihr nach Mallorca in die Ferien, dann schimpft sie, die hätten zu viel Geld ausgegeben für sie. So ist sie, die Rosa, stets unzufrieden, andauernd meckernd und einfach unausstehlich. Unsere Kinder lieben sie heiss und innig und so kommt es, dass sie immer mal wieder fragen: „Mama, kommt die Rosa?“ Wenn Mama in der Stimmung ist, dann kommt sie tatsächlich, die alte Schreckschraube.

Eines Tages, ich kann mich nicht mehr genau erinnern wann das war, gesellte sich Gerlinde zu Rosa. Gerlinde, die ebenso griesgrämige deutsche Immigrantin, ein paar Jahre jünger als Rosa, laut, stillos und kinderfeindlich. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, weshalb sie dennoch regelmässig zu uns kommt, wo man bei uns doch andauernd mit den Kindern zu tun hat. Gerlinde und Rosa können sich nicht ausstehen und so muss ich stets auf der Hut sein, dass die eine nichts davon erfährt, wenn die andere da war. Wenn Gerlinde loslegt kann es schon mal vorkommen, dass dem Prinzchen Angst und Bang wird, so dass ihre Besuche meist nicht allzu lange dauern.

Ja, und dann wäre da noch Maggie, die eigentlich Margrit heisst, was unsere Kinder ihr immer wieder mit grosser Schadenfreude unter die Nase reiben. Maggie, die Verschwenderische, die mit ihrem Privatjet um die Welt düst und sich derzeit Gedanken macht, ob sie im Herbst vielleicht ein oder zwei bedürftige Kinder adoptieren soll. Vermutlich wird sie es tun, sie muss nur noch herausfinden, welches Herkunftsland derzeit gerade hip ist. Und natürlich muss sie noch irgendwo die perfekte Vollzeit-Nanny auftreiben, denn Maggie hat für Kinder noch weniger übrig als Gerlinde. Maggie ist ein durch und durch widerliches Trophy Wife, menschenverachtend und geltungssüchtig.

Gestern haben die drei Damen Gesellschaft bekommen. Ein dubioser Waffenhändler aus Afghanistan, der in eine schlimme Familienfehde verwickelt ist, tauchte plötzlich am Familientisch auf. Ein beängstigender Zeitgenosse, aber durchaus begabt im Fabulieren über seine zahllosen Abenteuer. Unsere Jungs hängen buchstäblich an seinen Lippen, wenn er erzählt. „Wann kommt er wieder?“, betteln der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen. Nur Karlsson bettelt nicht, der setzt sich hin und fängt an zu erzählen: „Geschter ich hane funde alte Gewehr, ist gute Gewehr…“

Und so setzt Karlsson eine Familientradition fort, die eines Tages, als unsere damals noch kleinen Grossen den lieben langen Tag nörgelten, wie aus dem Nichts über Karlssons Mama kam.

 

Der perfekte Geburtstagskuchen

Damit das Rezept gelingt, müssen zuerst einmal die Grundvoraussetzungen stimmen. Am besten funktioniert es mit einem Kind, das mitten in den Sommerferien das Licht der Welt erblickt hat. Nur so hat man die Garantie, dass man beide Hände frei hat zum Backen. Sonst hält man ja immer in der einen Hand den Teigschaber, in der anderen das Telefon, oder den Stift, um eine Prüfung zu unterschreiben, oder eine von Fruchtfliegen umschwärmte Kindergartentasche, aus der man eine zerquetschte Banane herausfischen muss, ohne dabei das Eiweiss für den Kuchen zu verunreinigen.

Nun aber zum Rezept: Man nehme einen Samstag, an dem ausser Kuchen backen, Chutney einkochen, Fruchtfliegen vertreiben und Kinder nach einer Woche Ferienlager in Empfang nehmen nichts auf dem Programm steht. Dies vermengt man mit einer übermüdeten und deswegen sehr relaxten Mama Venditti, die alles um sich herum vergisst, wenn sie nur den perfekten Eischnee schlagen kann. Ein Papa Venditti, der für einmal nicht motzt, die Geburtstagsvorbereitungen seien vollkommen übertrieben, sondern stattdessen brav die Geschenke einpackt, verleiht dem Kuchen das gewisse Etwas. Eine Rezeptvariante sieht vor, dass man zum ersten Mal im Leben zur idealen Lebensmittelfarbe greift, welche das Marzipan nicht in eine klebrige, unappetitliche Schmiere, sondern in einen saftig grünen Fussballrasen verwandelt. Dies muss nicht unbedingt so sein, der Kuchen wäre auch mit der klebrigen, unappetitlichen Schmiere geniessbar, es trägt aber erheblich zu Mama Vendittis guter Laune bei, wenn beim Servieren nicht alles an Messer, Tortenschaufel und Fingern kleben bleibt. Glasiert wird das Ganze mit der Abwesenheit des Geburtstagskindes, denn ohne die gewöhnliche Überdosierung an „Liebstes Geburtstagskind, geh doch bitte endlich aus der Küche denn sonst ist die Überraschung im Eimer“ wird der Kuchen viel bekömmlicher.

So also bäckt man den perfekten Geburtstagskuchen. Schade, dass die Zutaten nur während der Sommerferien erhältlich sind und dass der FeuerwehrRitterRömerPirat das einzige Familienmitglied ist, das in weiser Voraussicht dann zur Welt gekommen ist, wenn der Alltag für einige Augenblicke innehält.

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Nähe

Je mehr Kinder man hat, umso schwieriger wird es wohl, im Alltag jedem gerecht zu werden. Wie schnell geschieht es doch, dass man das Anliegen des einen Kindes überhört, weil das andere so laut schreit. Wie oft sieht sich eines in eine Rolle hineingedrängt, weil die anderen es so haben wollen.

Wie oft werde ich im Alltag laut und merke nicht, wie sehr dies dem Zoowärter zu schaffen macht? Da unsere anderen Kinder ganz gut mit meinem Temperament klarzukommen scheinen, fällt mir kaum auf, dass der Zoowärter sich jeweils schnell zurückzieht, wenn ich mich im Ton verfehle. Jetzt aber, wo Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht da sind, kann mir unser Zweitjüngster ganz offen sagen, wie sehr er darunter leidet, wenn man ihn anraunzt. Weil ich Zeit habe, ihm zuzuhören. Weil er nicht nach einem halben Satz schon wieder unterbrochen wird, sondern den Raum hat, auszureden. Wo Mama und Papa schon zuhören, kann man ihnen doch gleich noch erzählen, dass ihn mal einer im Kindergarten ausgelacht hat und dass ihn das traurig gemacht hat. Und dann noch ein paar andere Dinge, die ihn beschäftigen. Träume, Wünsche, Ängste, Lausbubenstreiche, die er sich mit dem Prinzchen ausgedacht hat…

Es sprudelt richtiggehend aus dem Jungen heraus und wir können nicht anders, als unsere Kleinfamilienzeit zu geniessen. Auch wenn die Grossen nicht nur uns Eltern, sondern auch den zwei Jüngsten allmählich fehlen. Woran ich das erkenne? Der Zoowärter sagt beim Einkauf nicht mehr alle zwei Sekunden „Mama, kaufst du mir das?“, sondern „Mama, das könnten wir doch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schenken.“ Und wenn ich nein sage, weint er fast so laut, als hätte er nichts bekommen.