Hinder em Huus und vorem Huus – Ein Loblied auf die Beschaulichkeit

Zuweilen gerate ich bekanntlich in Gefahr, meinen Familienalltag durch die rosarote Brille zu betrachten. Hier ausnahmsweise mal ein vollkommen realistischer Beitrag über einen ganz gewöhnlichen, heissen Dienstagnachmittag im August:

13:30 Uhr: Luise und Karlsson sind in der Schule, das Prinzchen hat sich mit seinem Kakao zurückgezogen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat spielen friedlich. Also beste Voraussetzungen, um mich ans Einmachen der Tomaten zu machen. Schnell einen grossen Topf Wasser aufsetzen, die Tomaten kreuzweise einritzen und blanchieren. Wenn das so weitergeht, kann ich in zwanzig Minuten mit Einfüllen und Sterilisieren anfangen.
13:40 Uhr: Der Zoowärter will einen Freund einladen, das Prinzchen schreit im Garten nach seinem besten Freund, der gegenüber wohnt, der FeuerwehrRitterRömerPirat fragt mich alle zehn Sekunden, wann denn endlich seine erste Trompetenstunde anfange.
14:00 Uhr: Das Wasser siedet, die Tomaten sind aber noch nicht fertig eingeritzt, der Zoowärter lädt seinen Freund auf 14:30 Uhr ein, der FeuerwehrRitterRömerPirat will immer noch wissen, wann die Trompetenstunde beginnt, das Prinzchen hat seinen Freund noch nicht gefunden und jetzt will auch der Zoowärter wissen, wann sein Freund endlich kommen werde.
14:30 Uhr: Prinzchens Freund ist endlich aufgetaucht, Zoowärters Freund kommt mit Mama und kleinem Bruder, was ich schamlos für einen ausgedehnten Schwatz neben dem Tomatenschälen – die Dinger sind jetzt endlich soweit – ausnütze. Der FeuerwehrRitterRömerPirat fühlt sich vernachlässigt und fängt an, die anderen zu nerven.
15:15 Uhr: Karlsson kommt nach Hause und will singen und zwar nicht wie üblich schön und rein, sondern laut und falsch.
15:25 Uhr: Die Mama von Zoowärters Freund bietet sich an, auf die Kinder aufzupassen, währenddem ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten – endlich! – zur Trompetenstunde fahre. Das Prinzchen heult, weil ich ihn nicht mitnehme. Auf dem Weg fällt mir ein, dass ich noch das Geld für das Notenheft hätte mitbringen sollen. Na dann, machen wir eben gleich beim ersten Mal einen schlechten Eindruck. Das können wir also abhaken.
15:35 Uhr: Die Mama von Zoowärters Freund geht nach Hause. Weil alle so nett und friedlich miteinander spielen, lade ich den kleinen Bruder zum Bleiben ein. Stand der anwesenden Kinder zu diesem Zeitpunkt: 3 Vendittis, 1 bester Freund für das Prinzchen, 1 bester Freund für den Zoowärter, ein kleiner Bruder des besten Freundes. Kein Problem, wo sie doch alle so nett zueinander sind.
15:40 Uhr: Eine Fehde zwischen den Kindergartenjungs und den Vorschulkindern bricht aus. Die Grossen jagen die Kleinen ums Haus, mal sind alle hinten, mal vorne und ich bin nie dort, wo es gerade brennt. Die Nachbarn von gegenüber kommen vollkommen übernächtigt aus den Ferien zurück, kurzer Austausch über das Wetter hier und in Bosnien, über die lange Fahrt und die Hochzeit der Tochter. Von gegenüber ruft die Grossmutter von Prinzchens Freund. Prinzchens Freund stellt auf stur und bittet mich, mit seiner Grossmama zu verhandeln, damit er länger bleiben kann. Gar nicht so einfach, wo sie kein Deutsch spricht und ich kein Marokkanisches Arabisch.
16:00 Uhr: Luise kommt nach Hause, berichtet mir über Zoff in der Schule. Wenige Augenblicke später kommt der FeuerwehrRitterRömerPirat mit seiner neuen Trompete. Er spielt „Oh Tannenbaum“, alles auf einem Ton und sehr laut. Die Nachbarn eilen ans Fenster, stellen mit Entsetzen fest, dass Vendittis jetzt auch noch eine Trompete haben. Eine andere Nachbarin kommt auf dem Velo vorbei, bleibt auf einen Schwatz, auf dem Gartentisch klingelt das Telefon und ich bin nicht schnell genug. Karlsson informiert mich, dass er nach der Geigenstunde gleich ins Schwimmbad und danach zu den Pontonieren gehen wird, dann ist er weg, dafür kommt der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten überraschend zu Besuch. Luise telefoniert derweilen mit der besten Freundin. Leider kann sie heute nicht mehr vorbeikommen.
17:00 Uhr: Meine Mutter möchte mit dem Auto in die Garage fahren, zuerst müssen aber alle Traktoren, Trottinetts, Bälle und Kinder aus dem Weg. Dazwischen muss noch der Schwatz mit der Nachbarin beendet werden. Das Prinzchen heult, weil wir seine Baustelle zerstören, die Grossmama von gegenüber möchte den Enkel abholen, aber dieser weigert sich und beisst ihr in die Hand.
17:15 Uhr : Plötzlich ist alles still. Die ganze Horde ist im Spielzimmer meiner Mutter verschwunden, einzig Luise, der kleine Bruder des besten Freundes und ich sind noch im Garten. Wir versuchen herauszufinden, ob der Kleine aufs WC muss, oder ob er Hunger hat. Luise bringt ihn schliesslich dazu, aufs WC zu gehen. Währenddem er sitzt, sehe ich draussen die Grossmama, die verzweifelt ihren Enkel sucht. Weil ich ihr nicht erklären kann, wo er ist, locke ich den Jungen aus dem Spielzimmer und schleppe ihn auf den Balkon, wo ich ihn so hoch wie möglich halte, damit die Grossmama ihn sehen kann. Sie sieht ihn nicht, die Bäume tragen zu viel Laub. Zoowärters Freund und Bruder werden abgeholt, kurzer Schwatz mit den Eltern, dann schnell hinters Haus, damit ich der verzweifelten Grossmama beweisen kann, dass ihr Enkel nicht entführt worden ist. Da jetzt auch der Vater des Jungen zu Hause ist, können wir eine Zeit vereinbaren, wann er nach Hause muss. Ich zeige den Jungen auf der Uhr, wann er gehen muss, er zeigt mir, wann er gehen will, nämlich etwa drei Stunden später.
17:30 Uhr: Zurück im Spielzimmer meiner Mutter. Alles ist friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat spielt wieder „Oh Tannenbaum“, inzwischen schon auf zwei Tönen und so laut, dass meine Mutter und ich nicht reden können. Wir bitten ihn, etwas leiser zu sein, er ist verständlicherweise eingeschnappt, ich kann mich aber nicht darum kümmern, weil ich jetzt Prinzchens Freund davon überzeugen muss, dass er nach Hause muss.
17:50 Uhr: Allmählich kehrt Ruhe ein, es sind nur noch ein bester Freund und vier Vendittis zu betreuen, Karlsson ist noch nicht zurück. Der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten, der gewöhnlich ganz gut Deutsch spricht, versteht uns plötzlich nicht mehr, als wir ihn fragen, wann er denn nach Hause müsse. Also isst er bei uns Tomatensuppe – zum Einmachen bin ich nicht mehr gekommen – und ich hoffe mal, dass das so in Ordnung ist. Zu Hause anrufen möchte er nämlich nicht und da ich leider keine der neun Nationalsprachen Eritreas spreche, kann ich es nicht für ihn erledigen.

Nach diesem beschaulichen Tag habe ich nur noch einen Wunsch: So schnell als möglich die verschiedenen Sprachen Afrikas zu lernen, damit ich weiss, wann ich welches Kind wieder zu Hause abliefern muss. Die internationale Atmosphäre im Spielzimmer möchte ich nämlich auf gar keinen Fall mehr missen.

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