Gesangsentzug

Seit Jahren schon singe ich das Prinzchen in Schlaf und irgendwann hat der Zoowärter festgestellt, dass er Schlaflieder der Gutenachtgeschichte vorzieht und so singe ich eben für beide. Und geniesse es, denn das allabendliche Singen beruhigt nicht nur unsere zwei Jüngsten, sondern auch mich. Nach zwei bis drei Liedern bin ich so entspannt, dass ich den Zoff mit den Kindern, den Stress bei der Arbeit und den Schmutz in der Küche mit ganz anderen Augen sehen kann. Hin und wieder geschieht es gar, dass den zwei Strolchen beim Singen die Augen zufallen und dann ist mein Glück perfekt. Gibt es einen schöneren Anblick, als ein friedlich schlafendes Kind? Für mich nicht und darum graut mir vor dem Abend, an dem Zoowärter und Prinzchen ohne meinen Gesang einschlafen wollen. Wem soll ich dann noch singen?

Nun scheint der Zoowärter gespürt zu haben, dass das gemeinsame Singen für mich ebenso wichtig ist wie für ihn und seinen kleinen Bruder. Beinahe zur gleichen Zeit hat er ausserdem erkannt, dass seine Mama zuweilen ein sehr unfaires, stures Weib ist, das einfach nicht ja sagen will zu einem zweiten Eis, einer weiteren Fahrt auf dem Karussell oder zu einem kurzen Film. Da nützen weder trotzen noch schreien und so fährt der Zoowärter eben das härteste Geschütz auf, das er zur Verfügung hat: „Wenn du nicht ja sagst, dann darfst du am Abend nie mehr bei mir aufs Bett sitzen und Lieder singen!“
Ich gebe trotzdem nicht nach, denn ich weiss sehr genau, dass er am Abend wieder betteln wird, ich möchte ihm „nur noch ein einziges Mal und dann schlafe ich“ das Lied vom Nilpferd singen.

Bloss wie lange noch, das ist die Frage, die mich quält, wenn er mir wieder mit Gesangsentzug droht.

Wie soll ich ihm das bloss beibringen?

Als Spanien vor vier Jahren Deutschland schlug und Europameister wurde, brach er in Tränen aus. Er konnte es einfach nicht ertragen, dass seine Lieblingsmannschaft den Pokal nicht bekam. Inzwischen ist er doppelt so alt wie damals und nimmt den Fussball noch viel ernster. Deutschland interessiert ihn zwar nicht mehr, aber dass seine Lieblingsmannschaft einfach siegen muss, steht für ihn nicht zur Debatte.

Zu dumm nur, dass seine Lieblingsmannschaft heute Abend ausgeschieden ist. Und einmal mehr werde ich diejenige sein, die ihm die schlechte Nachricht überbringen muss. Ihm zuliebe habe ich mir das Spiel bis zum bitteren Ende angeschaut. Damit ich ihm zumindest sagen kann, dass „seine“ Portugiesen erst in allerletzter Sekunde das Nachsehen hatten. Vielleicht wird ihn das ein wenig über sein Leid hinwegtrösten, aber er wird es auch so noch schwer genug nehmen. Und ich ahne, dass wie in alten Zeiten die Überbringerin der schlechten Nachricht für den Inhalt verantwortlich gemacht und bestraft wird. Köpfen lassen kann er mich nicht, aber er könnte zum Beispiel in der Enttäuschung ein Glas zerschlagen. Oder sich in seiner Trauer weigern, zur Schule zu gehen. Oder seine Geschwister vermöbeln, weil er gerade keinen Spanier in Griffweite hat.

Ich weiss nicht, wie seine Reaktion ausfallen wird, aber einfach wird es nicht. Und darum graut mir vor dem Moment, in dem ich dem FeuerwehrRitterRömerPiraten eröffnen muss, dass er einmal mehr mit der falschen Mannschaft gefiebert hat.

Tu das nicht wieder!

Ja, Luise, du kannst ganz toll klettern. Du bist auch unglaublich mutig, viel mutiger, als die meisten von uns. Hindernisse siehst du als Herausforderung und du bist auch durchaus dazu bereit, Unannehmlichkeiten auf dich zu nehmen, wenn du etwas erreichen willst. Tolle Eigenschaften, mein Kind. Aber musst du sie ausgerechnet unter Beweis stellen, indem du an der Dachrinne zu unserem Balkon im zweiten Stock hochkletterst, weil wir uns mal wieder ausgeschlossen haben?

Klar, du wolltest nur, dass wir alle endlich aufs WC und ins Bett gehen können, aber konntest du dir nicht denken, dass mir das Herz fast stillstehen würde, wenn ich dich da oben klettern sehe? Ich darf mir ja gar nicht ausdenken, was geschehen wäre, wenn du den Halt verloren hättest. Und das mit den Kletterstunden kannst du dir für die nächsten Jahre abschminken. Ich glaube, da warten wir lieber, bis deine Vernunft gleich gross ist wie dein Können.

Noch etwas anderes beunruhigt mich an dieser ganzen Geschichte: Bis heute Abend hatte ich mich in der illusorischen Sicherheit gewiegt, dass wir dereinst, wenn du grösser und für Jungs interessanter bist, vor nächtlichen Besuchern, die durchs Fenster klettern, verschont bleiben würden. Noch etwas, worüber ich mir Sorgen machen kann…

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Fussballgespräch

Karlsson: „Ihr könnt das Spiel ohne mich schauen. Ich spiele nebenan ein Computerspiel.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum tragen die Portugiesen heute weiss?“
Luise: „Weil sie doof sind. Die Tschechen müssen siegen.“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Weiss geht gar nicht. Ich schicke denen mal einen Schneider vorbei, damit die anständige Kleider bekommen. Keinen Stil haben sie, diese Fussballer…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Los, Ronaldo, schiess ein Tor!“
Luise: „Immer dieser blöde Ronaldo. Mama, findest du Ronaldo cool?“
Mama: „Nein, nicht mein Typ, zu schleimig.“
Luise: „Finde ich auch.“
Mama: „Habt ihr dieses fiese Foul gesehen? Können die denn nicht anständig sein miteinander?“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Der Tscheche hat den Portugiesen gefoult.“
Luise: „Nein, der Portugiese den Tschechen.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Sooooo fies! Hast du das gesehen, Mama?“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
Mama: „Die Portugiesen haben ins Tor getroffen, aber es zählt nicht. Frag mich bloss nicht, weshalb…“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Fussball ist doof.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Fussball ist toll. Mama, schau!“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
Luise: „Die blöden Portugiesen hätten fast ein Tor geschossen, aber die Tschechen sind besser. Mama, bist du für die Portugiesen oder für die Tschechen?“
Mama: „Ich weiss nicht so recht. Wohl eher für die Portugiesen, damit der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht traurig ist.“
Luise: „Nein, weil dir Ronaldo gefällt.“
Mama: „Ich bitte dich, der könnte ja mein Sohn sein.“
Karlsson (aus dem Nebenzimmer): „Ja, wenn du mit elf das erste Kind bekommen hättest. Was haben sie gemacht?“
Mama: „Hör mal, Karlsson, wenn du wissen willst, was sie machen, dann setz dich zu uns. Wir wollen dir nicht immer alles erklären.“
Karlsson: „Nein, Fussball ist doof. Warum schreist du, Luise? Was haben sie gemacht?“
Luise: „Die blöden Portugiesen hätten fast ein Tor geschossen.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Hopp, Portugal! Mama, warum trägt der Tschechen-Goalie einen Helm?“
Mama: „Reich mir mal das iPad, ich schaue bei Wikipedia nach. Hmm, lass mich mal sehen. Der Kerl hat Jahrgang 82. Das sind ja alles noch Kinder. 1982 war ich in der zweiten Klasse…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber warum trägt der Goalie einen Helm?“
Mama: „Ach so, ja. Der hatte mal einen … Habt ihr das gesehen? So unfair!“
Karlsson (aus dem Nebenzimmer): „Was haben sie gemacht?“
Mama, Luise und FeuerwehrRitterRömerPirat: „Wenn du wissen willst, was sie machen, dann komm zu uns…“
Karlsson: „Fussball ist doof. Wo kann ich mich hinsetzen?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Haben wir Popcorn?“
Mama: „Nein, haben wir nicht. Iss einen Pfirsich.“
Karlsson: „Vor vierzig Jahren hätte man sich dieses Spiel in schwarz-weiss angesehen….“
Mama: „Ja, daran kann ich mich noch erinnern, damals, als meine Eltern während der WM jeweils einen Fernseher mieteten…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Tor! Portugal wird gewinnen!“
Mama: „Super!“
Luise: „Mama, bist du wirklich für Portugal?“
Mama: „Nein, aber die haben sich doch Mühe gegeben.“
Luise: „Wäre es möglich, dass die Tschechen jetzt noch fünf Tore schiessen? Oder werden die Portugiesen jetzt Weltmeister?“
FeuerwehrRitterRömerPirat:“Die Tschechen schiessen bestimmt kein Tor mehr. Die Portugiesen sind besser und Ronaldo ist der Beste!“
Luise: „Immer dieser blöde Ronaldo… Aber sag jetzt, Mama, werden die Portugiesen jetzt Weltmeister?“
Mama: „Luise, das hier ist nicht die WM, das ist die EM. Bei der EM gibt es keinen Weltmeister.“
Karlsson: „Alles vollkommen stillos. Mama, darf ich nach dem Spiel noch Geige üben?“
Mama: „Ganz bestimmt nicht mehr. Es reicht schon, dass ihr so lange aufbleiben durftet. Nach dem Abpfiff verschwindet ihr augenblicklich in euren Zimmern.“
Karlsson: „Nie darf ich Geige üben. Fussball schauen, das geht, aber Geige üben…“
Mama: „Na hör mal, der FeuerwehrRitterRömerPirat ist der Einzige in der Familie, der sich für Sport begeistert. Er darf doch auch mal seinen Spass haben.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Hä, schon fertig? Haben die Portugiesen jetzt gewonnen?“
Mama: „Ja haben sie.“
Luise: „Nein, haben sie nicht. Diese doofen Portugiesen.“
Karlsson: „Fussball ist doof. Nein, Mama, noch nicht ausschalten, ich will schauen, ob sie am Ende wirklich ihre hässlichen T-Shirts tauschen.“

Also doch eine Hausfrau

Wer mich kennt und wer hier mitliest, der hat vielleicht schon mitbekommen, dass ich nicht gerade eine begeisterte Hausfrau bin. Die Sache ist mir einfach nicht spannend genug, um über Jahre hinweg meine Aufmerksamkeit zu fesseln. In letzter Zeit aber ist mir bewusst geworden, dass ich die Sache differenzierter betrachten muss. Ich bin einfach keine moderne Hausfrau.

Die moderne Hausfrau nämlich hat dafür zu sorgen, dass Reiheneinfamilienhaus, Wäsche, Kinder und Hund in tadellosem Zustand sind, so dass jederzeit ein Filmteam von Procter&Gamble unangemeldet einfallen könnte, um eine Serie von Werbefilmen zu drehen. Da kann ich leider nicht mithalten – höchstens vielleicht für die abschreckenden „vorher“-Bilder – und ich will es auch nicht.

Mit einem anderen Pflichtenheft hingegen kann ich mich durchaus für den Hausfrauenberuf begeistern, zumindest in einem Teilpensum. Man gebe mir ein paar Pflanzen zu hegen, eine Familie und Freunde, die mit mir die Ernte geniessen, einige Einmachgläser, die ich mit dem Überschüssigen füllen kann, Rezeptbücher und -datenbanken für die Inspiration, die Zeit, herauszufinden, wie man aus wenig viel macht und wie man Lästiges mit natürlichen Mitteln los wird und ich bin der glücklichste Mensch auf Erden.

Da bin ich dann plötzlich bereit, altmodische Bücher mit Tipps zur Haushaltsführung wälzen und das ist wohl genau das Stichwort: altmodisch. Ich bin keine moderne Hausfrau zum Herzeigen, sondern eine altmodische, die mit dem arbeiten will, was die Natur hervorbringt. Kaum etwas macht mich so glücklich wie ein Vorratsschrank voller Köstlichkeiten, die ich selber hergestellt habe, ein einfaches Dessert, das dank einiger im Wald gesammelter Holunderblüten zur Delikatesse wird, ein warmes Brot, das im eigenen Ofen gebacken wurde, das gute Gefühl, von der Quitte sogar die Schalen verwertet zu haben. Also ganz eindeutig altmodisch.

Klingt alles sehr idyllisch, nicht wahr? Nun ja, das ist es auch, bis zu dem Punkt, wo es darum geht, nach der Ernte- und Kochorgie die Ordnung wieder herzustellen. Einen netten Menschen, der hinter mir herräumt und alles wieder einigermassen präsentabel macht, habe ich nämlich noch nicht gefunden. Und so altmodisch, dass ich nach getaner Arbeit die Hühner und Schweine durchs Haus treibe, damit sie das Heruntergefallene beseitigen, bin ich dann auch wieder nicht.

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Perspektive

Du kannst die unbezahlten Rechnungen sehen und dich darüber aufregen, dass das Geld oft nur für die Pflichten, nicht aber für die Wünsche reicht. Du könntest dich aber auch darüber freuen, dass genügend Geld hereinkommt, damit du alles bezahlen kannst, was bezahlt werden muss.

Du kannst dich darüber ärgern, dass „Deiner“ seine Macken in all den Jahren noch immer nicht abgelegt hat. Du könntst  aber auch dankbar sein dafür, dass du mit einem Menschen unterwegs bist, der dir so sehr vertraut, dass er sogar den Mut hat, dir auf die Nerven zu fallen.

Du kannst darüber jammern, dass deine Kinder ihren Frust immer zu Hause auslassen, sich auswärts aber stets von der besten Seite präsentieren. Du könntest dich aber auch darüber freuen, dass keine „Frau Venditti, Ihr Kind hat heute in der Wut eine Fensterscheibe eingeschlagen“-Anrufe kommen.

Du kannst dich darüber aufregen, dass die Kinder den Fisch nicht aufgegessen haben. Du könntest aber auch froh sein, dass du dadurch beim Katzenfutter sparen kannst.

Du kannst dich selber bemitleiden, weil diesen Sommer keine Ferien drinliegen. Du könntest aber auch zufrieden sein, weil dir in diesem Jahr kein anderer die Heidelbeeren wegisst, die immer dann reif sind, wenn du gewöhnlich verreist.

Du kannst die Leute beneiden, die ein beschauliches, wohlgeordnetes und ausgeglichenes Leben führen. Du könntest aber auch dankbar sein dafür, dass bei dir bestimmt nie Langeweile aufkommt.

Du kannst alles noch ein wenig schwärzer sehen, als es in Wirklichkeit ist. Du könntest aber auch versuchen, die Welt hin und wieder durch die Brille deiner Kinder zu sehen und zu staunen, wie viel Schönes du dadurch entdeckst.

Harte Zeiten

Mamas erste ungenügende Note: Ende fünfte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Tränen, eine erste Ahnung, dass eine Schullaufbahn auch ihre Tiefpunkte haben könnte. Reaktidereinst Mamas Mama: Keine Ahnung. War wohl nicht allzu beunruhigt, da sie beim siebten Kind schon an allerhand gewöhnt war.

Karlssons erste ungenügende Note: Anfang fünfte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Frust, Ausblenden der Tatsache, dass der Lehrer am gleichen Tag eine seiner Prüfungen mit der Bestnote bewertet hatte. Reaktion der Mutter: „Kopf hoch, sowas kann vorkommen. Der Papa übt dann heute Abend noch mit dir. Und Schau mal, wie gut du in Deutsch abgeschnitten hast.“

Luises erste ungenügende Note: Dritte Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: „Ich bin dumm!“ Reaktion der Mama: „Du bist ganz bestimmt nicht dumm. Lass uns herausfinden, wo das Problem lag und dann läuft’s beim nächsten Mal besser.“

Erste ungenügende Note des FeuerwehrRitterRömerPiraten: Erste Klasse, Mathematik. Reaktion des Kindes: Niedergeschlagenheit. Reaktion der Mama: Rasende Wut, weil die Kinder gerade mal zehn Minuten Zeit hatten für mehr als hundert Rechnungen. Obendrein eine grosse Traurigkeit, weil es auch für Erstklässler keine Schonzeit mehr gibt.

Zoowärters erste ungenügende Note: Gott sei Dank machen die im Kindergarten – noch? – keine Noten!

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Darauf war ich – nicht – vorbereitet

Glaubt mir, ich habe damit gerechnet, dass der Feierabend eines Tages nicht mehr automatisch um 20 Uhr einkehren würde. Ich war auch darauf vorbereitet, dass unsere drei Grossen irgendwann damit anfangen würden, abends noch so lange zu quatschen, bis mir der Kragen platzt, weil keine Ruhe einkehren will. Ja, ich habe sogar geahnt, dass ich die Kinder eines Abends dazu ermahnen muss, die Musik leiser zu drehen. Dass es aber Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ sein würde, die aus den Boxen dröhnt, wenn ich die Tür des Kinderzimmers öffne, darauf war ich nicht vorbereitet.

Wie soll man da schimpfen können, wo die drei doch bloss ihr musikalisches Allgemeinwissen vertiefen?

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Gegensätzlich

„Prinzchen, welches ist dein Lieblingstier?“

„Babytiere mit Fell, erwachsene Tiere mit Fell, Babytiere ohne Fell, erwachsene Tiere ohne Fell. Babyameisen auch. Und grosse Ameisen.“

Sein grösser Bruder hingegen kennt diese allumfassende Tierliebe nicht. „Mama, ich kann nicht mehr im Garten spielen, ich habe ein Tier gesehen.“

„So schlimm wird es wohl nicht sein. Wie sieht es denn aus, das Tier?“

„Es ist ganz klein und schwarz. Ich geh nicht mehr in den Garten…“

„Wie klein denn? Etwa wie eine Spinne?“

„Nein, kleiner. Aber ich kann trotzdem nicht mehr weiter draussen spielen.“

„Komm, wir schauen mal, was es ist.“

Mit einem ziemlich verängstigten Zoowärter im Schlepptau gehe ich in den Garten.

„Wo ist denn nun das Tier?“

„Dort drüben, auf dem Gartentisch.“

Auf den ersten Blick erkenne ich nichts, dann, bei näherem Hinsehen sehe ich endlich, was den Zoowärter so beunruhigt hat: Eine Marienkäferlarve.

Nun ja, die sind bekanntlich ziemlich gefrässig, aber ich bezweifle dennoch, dass eine einzelne Larve mit dem Zoowärter fertig wird.

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Begutachtet

Im Kindergarten hiess es, sie würde vielleicht Mühe haben in der Schule, weil sie die Quadrate nicht immer exakt auf die Linie setzte.

In der ersten Klasse hiess es, sie halte den Stift zu verkrampft in der Hand, das müsse sich bessern.

In der zweiten Klasse hiess es, ihre Schrift sei nicht schön genug, eine Therapie würde dem Abhilfe verschaffen.

In der Therapie hiess es, man müsse sie abklären lassen, vielleicht habe sie, was man allen Kindern unterstellt, die am vierten Schultag noch immer nicht in die Schublade passen wollen.

In der Abklärung haben sie gesagt, dass  alles okay sei, ihre Fähigkeiten seien einfach etwas ungleich verteilt, sie würde mehr über das Gehör aufnehmen und weniger über die Augen. Man hätte auch sagen können: Sie kommt eben nach ihrer Mama, aber mit dieser Einsicht lässt sich kein Gutachten füllen.