Gedanken

Etwas mehr als fünf Jahre noch und Karlsson ist gleich jung wie „Meiner“ und ich waren, als wir uns kennen lernten.

Noch ein paar Monate und ich bin gleich alt, wie meine Mutter war, als ich zur Welt kam. Glaubt mir, in meinen Augen war meine Mutter sehr alt, als ich noch klein war.

Es ist durchaus vorstellbar, dass ich Grosstante sein werde, bevor mein erstes Kind volljährig ist.

Luise lacht nicht mehr über die Witze, die „Meiner“ zu ihren Freundinnen macht.

Ich ertrage keine Zugluft mehr. Und hochhackige Schuhe waren auch schon mal bequemer.

An manchen Tagen höre ich meine biologische Uhr ticken, obschon das Thema für mich offiziell abgeschlossen ist.

In der Gegenwart von gewissen überdurchschnittlich selbstbewussten jungen Menschen fühle ich mich sehr alt, ääähm, ich meine natürlich weise.

Manchmal, wenn die Kinder voller Begeisterung von der Zukunft reden, muss ich aufpassen, dass ich keine pessimistischen Bemerkungen mache.

Wäre ich nicht Mutter, ich würde vor sehr vielen Zeiterscheinungen die Augen verschliessen, weil sie mir so etwas wie Angst einflössen.

Hach, wie war das doch schön früher, wenn man im Mai endlich keine Strumpfhosen mehr tragen musste, sondern zu den Kniestrümpfen wechseln durfte. Und waren sie nicht herrlich, diese doppelten Glace-Lutscher mit dem Schokoladenüberzug? Schade, dass es die heute nicht mehr gibt. Stellt euch vor, damals bekam man für fünfzig Rappen ziemlich viele Süssigkeiten. War das ein Spass, als wir jeweils abends zur Käserei gingen, um frische Milch zu holen. Damals gab es noch in jedem Dorf eine Käserei, wisst ihr…

Nein, ich bin nicht alt, aber…

Und nun zur Werbung

Manchmal bin ich einfach nur stolz auf „Meinen“. Währenddem ich am Computer sitze und um jedes einzelne Wort einer Kolumne kämpfe, die Kinder im Garten eine Trauerfeier für die unter tragischen Umständen verstorbene Wachtel Fiorenza abhalten und das Telefon nahezu unablässig klingelt, verwandelt er seelenruhig unseren hässlichen, alten Küchentisch in einen wunderschönen, wie neu aussehenden Küchentisch. Und das ganz ohne Schimpftiraden, Farbkleckse und Frust. Wüsste ich nicht, dass der gute Mann auch seine Fehler hat, ich würde ihn nach einem Tag wie heute für einen Heiligen halten…

Nein, ich übertreibe nicht mit meiner Schwärmerei. In Natura sieht der Tisch viel besser aus…

Historisch inkompatibel

Momentan will einfach nichts so richtig zusammenpassen. Währenddem der Zoowärter noch mitten in der Ritterzeit steckt, tut der FeuerwehrRitterRömerPirat so, als hätte er sich nie für das Leben im finsteren Mittelalter begeistern lassen. König Artus? Wer interessiert sich schon für diesen Langweiler? Drachen und gefangene Prinzessinnen? Zum Gähnen langweilig. Turniere hoch zu Ross? Ist doch alles nur Theater. Armer Zoowärter. Sein grosser Bruder lässt kein gutes Haar an den Helden, die er so sehr bewundert. Der FeuerwehrRitterRömerPirat weigert sich standhaft, mit dem Zoowärter Burgbelagerung, Drachenkampf, Prinzessinnenbefreiung und ähnliche Kindereien zu spielen.

Als Mutter leide ich natürlich mit meinem Zweitjüngsten, aber auch für die Abkehr vom Mittelalter, die der FeuerwehrRitterRömerPirat vollzogen hat, kann ich Verständnis aufbringen. Der Junge hat nämlich das Licht der Renaissance entdeckt. Nicht mehr die Ritter in ihren schweren Rüstungen, sondern die leichtfüssigen Helden der Antike begeistern ihn in diesen Tagen. Achilles, Odysseus und die Götter des Olymp beflügeln seine Fantasie, die Lehrerin wird mit Bittbriefen eingedeckt, weil der Junge sich im Schulunterricht lieber mit Homer als mit „Zipf, Zepf und Zipfelmütz“ befassen möchte.

Warum aber sehe ich unseren Dritten derzeit in der Renaissance und nicht in der Antike? Nun, neben seiner Faszination für den Trojanischen Krieg hat er ein weiteres grosses Thema für sich entdeckt: Die Reformation. „Herr Hadubrand“ als Schlaflied ist passé, jetzt will er „Ein‘ feste Burg ist unser Gott“ hören. Martin Luther hält zeitgleich mit den Helden der Antike Einzug ins Kinderzimmer, womit unser Sohn lebt, was Wikipedia über die Zeit der Renaissance schreibt: „Im protestantischen Nordeuropa wird der Epochenbegriff der Renaissance von dem der Reformation überlagert.“

Soweit so gut. Dumm ist nur, dass Karlsson seinem jüngeren Bruder nicht nur altersmässig, sondern auch historisch einen Schritt voraus ist. Mit seiner Begeisterung für die Barockzeit reitet er auf der Welle der Gegenreformation. Sein grosses Idol, Johann Sebastian Bach, war zwar ein überzeugter Protestant, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass aus unserem Ältesten nie und nimmer ein Bilderstürmer geworden wäre, hätte er damals gelebt. Zu sehr liebt er die Pracht barocker Kirchen und Schlösser. So kommt es, dass auch Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat hin und wieder historische Differenzen austragen.

Einzig das Prinzchen hält sich aus der Debatte heraus. Seine Idole sind die Bauarbeiter, die im Schweisse ihres Angesichts bauen, was der Bauherr vorgibt. Ob das nun eine Ritterburg, ein griechisches Theater oder eine Barockkirche ist, kümmert das Prinzchen nicht. Hauptsache, er darf mitspielen und ein Bauarbeiter sein.

Freuden des Alltags

Rote Rosen? Frühstück im Bett mit Lachs und Champagner? Ein Dîner im Luxusrestaurant? Ach was, alles vollkommen überbewertet. Hier kommt die Liste der wahren Alltagsfreuden:
1. Du erwachst morgens kurz vor neun und siehst als Erstes eine Tasse Tee, die dir „Deiner“ auf den Nachttisch gestellt hat, bevor er zur Arbeit gegangen ist. Okay, der Tee ist längst kalt, aber was zählt, ist, dass er auch nach fast vierzehn Ehejahren noch akzeptiert, dass du ein elender Morgenmuffel bist.
2. Du entdeckst, dass auf einem deiner Bankkonti mehr Geld ist als erwartet. Gerade genug, damit du die Rechnungen begleichen kannst, die vollkommen unerwartet alle miteinander ins Haus geflattert sind.
3. Du tappst im Dunkeln vom Schlafzimmer aufs WC und wieder zurück, ohne dabei auf einen einzigen Legostein zu treten.
4. Du lädst dir beim Wocheneinkauf den Wagen voll mit Futter für die ganze Meute und an der Kasse stellst du fest, dass du die magische 350-Franken-Grenze unterschritten hast. Und das, ohne auf einen einzigen Artikel auf deiner Einkaufsliste zu verzichten.
5. Der FeuerwehrRitterRömerPirat kuschelt sich in deine Arme, sieht dich mit verklärtem Blick an und sagt: „Du bist meine Tankstelle.“
6. Ein ganzer Tag ohne einen einzigen Anruf für Familie Hamchiti. (Für alle, die nicht wissen, wer Hamchitis sind: Das ist die Familie, die früher mal unsere Telefonnummer hatte und die offenbar mit sehr grosser Freude Telefonshopping betrieben hat.)
7. Du willst etwas aus dem Vorratsschrank holen, bringst dabei die Kakaodose und die Ölflasche zu Fall und schaffst es, beides aufzufangen, ohne dass etwas verschüttet wird.
8. Die Abfallsäcke stehen an der Strasse, bevor die Kehrichtabfuhr bei deinem Haus vorbeigekommen ist.
9. Deine Katze setzt sich mitten in der Nacht auf deinen Rücken und massiert mit ihren Pfötchen sämtliche Verspannungen, die du dir im Laufe des Tages zugezogen hast.
10. Du kannst dir zehn Minuten lang ungestört auf dem iPad die Musik anhören, die dir gefällt, bevor eines deiner Kinder brüllt: „Ich will jetzt aber mit Talking Tom spielen!“
11. Ein Tag, an dem du den Besen nur dreimal zur Hand nimmst und das Lavabo im Bad nur ein einziges Mal sauber machen musst.
12. Du machst dir einen Kaffee mit Milchschaum und schaffst es, den Milchschaum abzulöffeln, bevor die Kinder es gesehen und dir alles abgebettelt haben.
13. Du schaffst es, Kinder, kochen, schreiben und Haushalt so unter einen Hut zu bringen, dass du nicht permanent das Gefühl hast, auf der Flucht zu sein.

Wie? Ihr findet das alles banal und erkennt darin einen Hauch von Resignation? Aber nicht doch. All diese kleinen Alltagsfreuden tragen dazu bei, dass man abends noch fit genug ist, eine der grossen Alltagsfreuden zu geniessen. Zum Beispiel mit „Meinem“ aufs Sofa kuscheln und eine Schnulze schauen, die wir beide bereits gesehen haben, was aber weder ihn noch mich stört. Hauptsache, der Tag war gut genug, dass wir uns abends nicht mit Alltagskram herumschlagen müssen.

20120412-233914.jpg

Prinzchensuche

Heute haben wir endlich einen der letzten noch fehlenden Klassiker der Kleinkindphase nachgeholt. Kurz vor sieben, vier von fünf Kindern warten bereits aufs Abendessen, doch vom Prinzchen fehlt jede Spur. Eben noch war er da, aber jetzt bleibt alles Rufen unbeantwortet. Der wird sich wohl wieder mal zur Grossmama geschlichen haben, nehmen wir an, aber dort ist er auch nicht. Sie hätte ihn vor einer Weile am Haus vorbei spazieren sehen, sagt die Grossmama und da sie auch Luise in seiner Nähe gesehen hätte, habe sie sich keine weiteren Gedanken gemacht. Jetzt aber ist sie ebenso besorgt wie wir. Während „Meiner“ sich ans Steuer setzt, um das Quartier mit dem Auto abzusuchen, macht meine Mutter sich in Richtung Kindergarten auf und ich suche mit dem Zoowärter den Weg zur Kinderkrippe ab. Kein Prinzchen weit und breit. Auch unsere Nichte, die inzwischen in die Suche eingeschaltet wurde, begegnet ihm nicht und so mache ich mich irgendwann ohne Zoowärter und mit bangen Gedanken zum Naturspielplatz auf. Bitte, lieber Gott, lass das Kind nicht zum Teich gerannt sein… Zu meiner Erleichterung fehlt auch dort jede Spur von ihm, aber nicht nur dort, sondern im ganzen Quartier. Nun, dann werde ich mich wohl auf den Heimweg machen müssen. Vielleicht haben die anderen den Knirps inzwischen gefunden.

Tatsächlich kommt mir auf halbem Weg „Meiner“ entgegengefahren, winkend und lachend. Der verlorene Sohn ist gefunden. Und zwar – wie könnte es auch anders sein – schlafend im Elternschlafzimmer. Grosses Aufatmen zuerst, dann grosses Kopfschütteln, weil wir in der Eile ausgerechnet dort nicht nachgeschaut haben. Und weil Karlsson mit unschuldiger Miene meint: „Ich hab die ganze Zeit gewusst, dass er dort ist, aber ich habe nicht mitgekriegt, dass ihr ihn sucht.“

20120410-233323.jpg

Aufräumwunder

Da soll noch einer behaupten, es gäbe keine Wunder. Luise – „Immer müssen wir aufräumen! Ich mache nicht mehr mit!“ – weckte uns heute früh mit dem folgenden Satz: „Mama, Papa, steht endlich auf! Ich will jetzt aufräumen.“ Zuerst glaubte ich ja, einen besonders schönen Traum zu träumen, der sich in Luft auflösen würde, kaum wären meine Augen offen. Aber es war kein Traum, das Kind machte sich mit Feuereifer ans Aufräumen des Wohnzimmers. „Papa, steh endlich auf. Wir müssen jetzt wirklich Ordnung machen“, drängte sie, als „Meiner“ sich nicht sogleich aufraffen mochte. Bald aber hatte Luise ihren Putztrupp zusammen, denn wenn sie etwas wirklich will, dann kann sie sehr überzeugend sein. Sie brachte sogar mich dazu, am Ostermontag zum Lappen zu greifen.

Es blieb aber nicht dabei. „FeuerwehrRitterRömerPirat, mach doch bitte das Badezimmer sauber“, bat ich und der Junge strahlte mich an, als hätte ich ihm eben einen Ausflug in den Europa Park versprochen. Freudig griff er zu Putzmitteln und Lappen und wenig später glänzte das Bad. Karlsson polierte derweilen die Holzmöbel und verkündete, dass er es gar nicht schätzt, wenn unvorsichtige Barbaren seine Arbeit sogleich wieder zunichte machen. Hä? Seit wann klaut der Junge meine Sprüche? Allmählich wurde mir meine geliebte Familie unheimlich, vor allem, als das Prinzchen auch noch zum Staubsauger griff und Luise mich alle zehn Minuten fragen kam, was sie jetzt noch für mich tun könne.

Das Wunder währte exakt eine Stunde, dann verlor Karlsson die Nerven, weil er fand, dass sein Soll jetzt erfüllt sei. Was auch nicht weiter schlimm war, denn in diesen sechzig Minuten hatten wir es mit vereinten Kräften geschafft, die Wohnung sauber zu machen und das ganz ohne Streiten. Mehr kann man ja wohl nicht erwarten…

20120410-000800.jpg

Die Welt ist hier

Ich hatte stets geglaubt, die ziemlich eingeschränkte Weltsicht der Hurra-Patrioten mit ihrem „Die Schweiz ist eine Insel der Glückseligen“- Gehabe lasse sich nicht überbieten, aber ich lag falsch. Das Prinzchen zieht die Grenze noch etwas enger: „Hier drinnen in unserem Haus ist die Welt und dort draussen ist die Schweiz“, sagte er heute früh, als er aus dem Fenster schaute.

Und seither zerbreche ich mir den Kopf, was denn seiner Ansicht nach ennet der Schweizergrenze anfängt. Das Weltall, bevölkert von vielen gefährlichen Ausserirdischen? Ich hoffe es nicht, denn damit käme er dem Weltbild der Hurra-Patrioten gefährlich nahe.

20120405-092932.jpg

Beruhige dich, liebe Glucke

Luise lud zur Geburtstagsparty ein und die Hälfte der Eingeladenen konnte nicht kommen. Die einen mussten sich auf ihre erste Kommunion vorbereiten, die Lieblingscousine war zu einer anderen Party eingeladen, eine der drei besten Freundinnen war krank. Die Glucke in mir konnte das kaum ertragen. Da freut sich das arme Kind ein Jahr lang auf ihr Fest und dann läuft alles irgendwie krumm. Wie soll sie bloss damit fertigwerden? Hätten wir nicht ein besseres Datum aussuchen können? Wird sie uns diesen Fehler je verzeihen? Ob sie sich zurückgewiesen und ungeliebt fühlt? War nicht mein eigener neunter Geburtstag ähnlich schlimm? Als meine Eltern vergassen, mir etwas zu schenken und ausser dem Freund meines Bruders, den ich nicht mochte, niemand zu Besuch kam? Arme, arme Luise! Ich mag gar nicht dran denken, wie mies sie sich wohl fühlt, sonst kommen mir die Tränen. Das wird die schlimmste Geburtstagsparty ihres Lebens, das traurige Kindheisterlebnis, von dem sie noch ihren Urenkeln erzählen wird – mit einem dicken Kloss im Hals.

Ich war nicht gerade zuversichtlich, als wir die fünf kleinen Gäste in Empfang nahmen. Doch dann überhäuften sie Luise mit sorgfältig ausgewählten Geschenken, hatten einen Riesenspass bei den Spielen, machten sich mit Feuereifer ans Basteln, stürzten sich mit grossen Appetit auf die Pfannkuchen, waren nett und höflich zu „Meinem“ und mir, freuten sich an Luises kleinen Brüdern und an den Katzen und als alle wieder weg waren, mussten „Meiner“ und ich uns eingestehen, dass wir noch nie eine so gelungene Geburtstagsparty hatten.

Tja, meine liebe Glucke, erspare dir bitte beim nächsten Mal die Schwarzmalerei, hilf mir stattdessen bei den Vorbereitungen und vor allem freue dich darüber, dass es Luise nicht auf die Menge der Gäste, sondern auf die gute Stimmung ankommt.

20120404-233507.jpg

Gelangweilt? Ich schon. Manchmal.

Viele glauben, als teilzeitberufstätige Mutter von fünf Kindern, Ehefrau und Ernährerin von zwei Katzen langweile man sich nie, aber glaubt mir, es gibt sie durchaus, diese Tage an denen man nichts mit sich anzufangen weiss. So ein Dienstag zu Hause mit den Kindern kann endlos sein. Zu tun gäbe es natürlich genug, das Problem ist aber, dass einen die Kinder gleichzeitig brauchen und nicht brauchen. Wie? Ihr versteht nicht, wie das gehen soll? Nun, ich versuche, mich zu erklären.

Der Vormittag stellt gewöhnlich kein Problem dar. Mit Prinzchen-Gesprächen, Küche aufräumen, Kolumne schreiben, Mittagessen vorbereiten und mit meiner Mutter quatschen vergehen die wenigen Stunden bis Mittag wie im Flug. Danach aber wird es schwieriger. Die Kinder, die nachmittags nicht zur Schule müssen, geben mir sehr deutlich zu verstehen, dass sie mich nach dem Zähneputzen nicht mehr brauchen. Gut, dann gönne ich mir doch mal eine Pause. Kaum ist die Zeitung ausgebreitet, der Kaffee gekocht, kommt der Zoowärter heulend angerannt und verlangt nach einem Pflaster. Kein Problem, da helfe ich doch gerne, doch kaum habe ich mich wieder an den Tisch gesetzt, wünscht der Zoowärter, einen Kindergartenfreund einzuladen. Nun ist ein Fünfjähriger natürlich nicht sonderlich gewandt im Vereinbaren von Terminen und so übernehme ich die Sache. In der Zwischenzeit hat der FeuerwehrRitterRömerPirat erkannt, dass die Zeitung bereit liegt und ich in Rufweite bin, um seine unzähligen Fragen zum Tagesgeschehen zu beantworten. Okay, ich habe verstanden. Die Kinder brauchen mich eben doch. Also breche ich meine Pause ab und beschliesse, die Zeit mit ihnen zu geniessen.

Doch was geschieht jetzt? Kaum widme ich den Knöpfen meine ungeteilte Aufmerksamkeit, wollen sie nichts mehr von mir wissen. Sie rauschen ab in den Garten und haben ihren Spass, ganz ohne mich. Na gut, dann räume ich jetzt eben die Küche auf. Und danach widme ich mich der Wäsche und schliesslich kümmere ich mich um die Rechnungen. Nun ja, das alles würde ich tun, wenn ich nicht plötzlich wieder von allen Seiten bestürmt würde, kaum habe ich mich dazu aufgerafft, etwas zu erledigen. Dann also doch Kinderhüten. Kein Problem, ich bin flexibel und was gibt es Schöneres, als an einem Frühlingstag mit den Kindern draussen zu sein? Ich kann ja noch ein wenig lesen, währenddem sie sich austoben. Wenn ich Glück habe, schaffe ich drei Sätze am Stück, meistens aber habe ich kein Glück und dann renne ich schon nach zwei oder drei Wörtern wieder ins Haus, um Bananen zu holen, weil plötzlich alle dem Hungertod nahe sind.

So pendle ich hin und her zwischen der fleissigen Hausfrau und der aufmerksamen Mutter, irgendwann kommen noch die Hausaufgaben dazu, bei denen ich erst zur Hilfe gerufen werde, nachdem man mir versichert hat, dass ich nicht gebraucht würde, weshalb ich mir eine WC-Pause gönnen dürfe. Kaum habe ich mich hingesetzt, der erste Schrei: „Mama! Ich komme da nicht draus. Die Lehrerin hat uns überhaupt nichts erklärt. Hilf mir, ich schaffe das nicht!“ Also doch keine WC-Pause.

Irgendwann gebe ich auf. Ich lasse die Arbeit liegen, weil ich ohnehin nirgendwo hinkomme, das Lesen lasse ich auch bleiben, weil es einfach keinen Spass macht, wenn man alle dreissig Sekunden unterbrochen wird und bei den Kindern dränge ich mich nicht weiter auf, da ich nur als Auffangnetz erwünscht bin, nicht aber als Spielkameradin. Ich positioniere mich so zentral wie möglich, damit ich für alle leicht verfügbar bin, warte auf das Ende des Nachmittags – und langweile mich.

Ach ja, manchmal schneit auch ganz unverhofft Besuch ins Haus, ich freue mich wie ein Kind auf eine Tasse Kaffee mit einer guten Freundin und kaum haben wir uns hingesetzt, bricht das Chaos aus, weil das nun wirklich nicht geht, dass ich meine Aufmerksamkeit, welche die Kinder verschmäht haben, dem Gast widme.

20120403-232908.jpg

Brisante Fragen

Es kommt nicht so sehr aufs Thema an, das Muster ist stets gleich: Das Prinzchen sagt etwas so, wie ein Dreijähriger die Dinge eben sagt, der Zoowärter, der ja so viel älter und  weiser ist, korrigiert den kleinen Bruder, der kleine Bruder nimmt die Korrektur nicht an, der grosse Bruder wird wütend, insistiert, wird noch wütender, weil der Kleine noch immer nicht klein beigibt, irgendwann fliegen die Fäuste und dann werde ich als Schiedsrichterin auf den Plan gerufen. Hier einige Beispiele:

Prinzchen: „Der liebe Gott ist herzig.“

Zoowärter: „Nein, der liebe Gott ist nicht herzig, der ist manchmal böse.“

Prinzchen: „Nein, er ist herzig.“

Zoowärter: „Ist er nicht.“

Prinzchen: „Ist er doch.“

Zoowärter: „Nein, ist er nicht, du blöde Kuh!“

Und schon artet die theologische Diskussion in einen handfesten Glaubenskrieg aus. Was ja in der Geschichte der Christenheit nicht zum ersten Mal vorkommt.

Man kann das Spiel aber auch mit weniger brisanten Themen spielen. Heisst es Megaphon oder Megalophon? Schmecken Erbsen gut oder nicht? Darf ein Kind, das noch nicht im Kindergarten ist, aus einem Glas trinken, oder ist der Becher Pflicht? Ist es im Frühling wärmer oder im Herbst? Ist Bob der Baumeister cool oder blöd?

Und das brisanteste Thema überhaupt: Auf welche Seite müssen die Henkel der Tasse schauen? Wer jetzt glaubt, dies sei ein klassischer Konflikt zwischen Links- und Rechtshänder, der irrt. Die zwei sind nämlich beide links.  Zumindest in einer Sache sind sie sich einig.