Dass ich das auf meine alten Tage als Mutter von Vorschulkindern noch erleben darf: Die Migros führt in ausgewählten Filialen Familienkassen ein, also Kassen, die breit genug sind für Kinderwägen und – was noch viel wichtiger ist – bei denen auf all die Süssigkeiten verzichtet wird, die jeden Einkauf mit Kind zur Tortur werden lassen. Nun gut, die ausgewählten Filialen liegen nicht in meinem Futter-Jagdrevier, aber man denkt offenbar bereits darüber nach, den Versuch auf weitere Regionen auszuweiten. Wenn das so weitergeht, besteht Hoffnung, dass ich dereinst mit meinem ersten Enkelkind völlig stressfrei werde einkaufen können. Was eigentlich nicht ganz fair ist, denn ist es nicht das Privileg aller Grossmütter, den Enkeln all den Mist zu kaufen, den sie ihren Kindern nie und nimmer gekauft hätten?
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Wieder so ein Tag
Der erste Satz des Tages: „Du musst sofort aufstehen, es ist schon Viertel vor sieben und ich muss heute früher zur Arbeit!“ Ein klares Zeichen, dass man sich sofort die Decke über den Kopf ziehen und den Rest des Tages im Dämmerschlaf verbringen sollte. Aber was tut man stattdessen? Man schlurft in die Küche, wo man sich zuerst einmal mit dem Teig zu schaffen macht, damit das Prinzchen frische Brötchen zum Krippengeburtstag bringen kann. Und dann gleich noch einmal Teig, denn man hat ja versprochen, dass es im Familienzentrum heute Kuchen zum Dessert gibt und der wird ja nicht von selbst, auch wenn jetzt eigentlich die Raubtierfütterung auf dem Programm steht. Heute also nur unter reduzierter mütterlicher Aufsicht, was natürlich einige der Raubtiere zum Spielen und Streiten verleitet. Nachdem die Raubtiere satt, sauber und auf dem Weg zur Schule sind, kommt der Haushalt dran, aber der hätte so viel Zuwendung nötig, dass ich es bei einem kurzen Brief an die Putzfrau belasse: „Musste heute früh backen, bitte entschuldige das Chaos.“ Danach ab unter die Dusche und dann mit Teig, Geburtstagsbrötchen und Springformen los zur Arbeit, wohin ich es gerade noch pünktlich schaffe, weil meine Mutter sich des Prinzchens, der unbedingt mit seinem neuen Laufrad in der Krippe aufkreuzen will, annimmt.
Der Arbeitsmorgen ist auch nicht gerade beschaulich, aber immerhin etwas überschaubarer, weil ich hier nur einen Job zu erfüllen habe und nicht drei oder vier zur gleichen Zeit. Dennoch bin ich ganz schön geschafft, als ich nachmittags mit einer widerspenstigen Kinderschar – Einer weigert sich, die Schuhe anzuziehen, der andere scheint sich Petersilie in die Ohren gestopft zu haben, um keine mütterlichen Anweisungen hören zu müssen und der Dritte heult schon wieder, weil irgend etwas total unfair war – zu Hause ankomme. Also sofort hinlegen und zwar alle, inklusive Mutter. Nach drei Minuten sind alle wieder auf den Füssen. Alle, ausser die Mutter, denn die schnarcht und würde nicht eines der Kinder irgendwann zu schreien anfangen, wir kämen viel zu spät zum Schwimmkurs.
Wir kommen nicht viel zu spät, nur zu spät. Und dann stelle ich an der Kasse fest, dass das Portemonnaie zu Hause geblieben ist. Also schnell den Zoowärter, der noch keinen Eintritt bezahlen muss und der in dieser Saison unser einziger Schwimmschüler ist, in die Badehose zwängen, bei der Schwimmlehrerin abliefern und wieder zurück nach Hause düsen, wo das Portemonnaie unauffindbar ist. Also schnell eine herumstreunende Zwanzigernote auftreiben und wieder zurückrasen, damit der Zoowärter keine Angst kriegt und die anderen Kinder doch noch zu ihrem Badevergnügen kommen. Nach zwei Stunden auf der Treppe des Kinderbeckens – „Ja, Luise, du darfst noch dreimal vom Sprungbett springen, ja, du auch, FeuerwehrRitterRömerPirat. Halt, Prinzchen, nicht auf den nassen Fliesen herumrennen! Hilfe, der Zoowärter hat sich in einen gefährlichen Tyrannosaurus Rex verwandelt und will mich fressen!“ – bin ich komplett durchgefroren und ziemlich genervt, weil zuerst keiner aus dem Wasser will und sich dann alle in den Garderobenschränken verstecken. Mir scheint, so langsam werde ich heiser…
Zu Hause erwartet mich „Meiner“ mit der Nachricht, dass Karlsson vom Kinderorchester abgeholt werden muss und so sitze ich wenige Minuten später schon wieder im Auto. Diesmal immerhin ohne drei Streithähne auf den hinteren Sitzen. Und man lese und staune, ich komme sogar pünktlich an, um Karlsson in Empfang zu nehmen. Wenig später sitzen wir alle am Tisch und man wünschte sich, dass es jetzt allmählich ruhiger wird, bis man schliesslich den Abend bei Kerzenschein und einem netten Gespräch mit „Meinem“ ausklingen lassen kann. So etwas gibt es tatsächlich, aber doch nicht an einem solchen Tag. Und darum dauert es nicht lange, bis das ganze Haus wieder summt wie ein Bienenstock. Die Kinder räumen ihre Zimmer auf und können sich nicht entscheiden, ob sie sich nun kooperativ zeigen wollen oder nicht, „Meiner“ schneidet Kuchen für die Verkleideten, die im Minutentakt an der Türe klingeln und Süsses verlangen, damit wir kein Saures kriegen, aber von all dem bekomme ich nichts mehr mit, denn ich bin schon längst wieder abgerauscht, weil da noch eine Sitzung bevorsteht.
Wenn ich jetzt so auf den Tag zurückblicke, dann dünkt mich, es wäre eindeutig gemütlicher gewesen, wenn ich mir heute früh die Decke über den Kopf gezogen hätte.
Kalter Entzug
Rechtzeitig zum dritten Geburtstag des Prinzchens sind Nuggi und Nuschi – oder Schnuller und Schmusetuch, wie meine Deutschen Leser wohl sagen würden – spurlos verschwunden. Einfach weg und ich schwöre, dass weder „Meiner“ noch ich etwas damit zu tun haben. Im Gegenteil, „Meiner“ hat sich gestern gar von unserem Jüngsten noch einmal weichklopfen lassen und ihm einen neuen Nuggi gekauft. Und jetzt sind sie plötzlich weg, all die Nuggis und Nuschis, inklusive des neuesten Modells. Auf einen Schlag muss der arme Kleine ganz ohne seine Tröster zurechtkommen. Kalter Entzug, einfach so, als Geschenk zum dritten Geburtstag. Schrecklich.
Ja, ich weiss, wir hätten ihm das schon längst abgewöhnen sollen. Mit drei ist Schluss mit solchem Babykram, haben wir bis anhin jeweils gesagt. Und wir zogen das auch steinhart durch, jedes Mal. Und jetzt beim Prinzchen fehlt uns plötzlich die nötige Härte, ihm die heiss geliebten Accessoires zu verbieten. Okay, das Nuschi hätte er natürlich behalten dürfen, aber Nuschi ohne Nuggi macht nur halb soviel Spass. Und jetzt sind beide weg, einfach so, wie vom Erdboden verschluckt. Als hätte eine höhere Macht entschieden, dass sie für Ordnung sorgen muss, wo doch diese Eltern beim fünften Kind auf einmal schlapp machen mit konsequent sein.
Vielleicht aber war es keine höhere Macht, sondern die grossen Geschwister, die nicht mitansehen konnten, wie man ihren kleinen Bruder gewähren lässt, nachdem man mit ihnen so streng gewesen war. Indizien, dass sie dahinter stecken, gibt es nicht, aber ganz abwegig scheint mir mein Verdacht dennoch nicht. Ich war ja auch einmal jüngstes Kind…
Absturz
Und wieder einmal endet ein an sich ganz netter Samstag in einem epochalen Familienkrach. Türenknallen, Tränen, böse Worte, ausgelöst – wie fast immer – durch eine Kleinigkeit. Genau so, wie wir uns das nie vorgestellt hatten. Genau so, wie wir es nicht möchten. Und doch gehört es wohl einfach zum Familienleben, zumindest bei solchen Hitzköpfen, wie wir sie sind. Was soll man da bloss tun? Es gibt nur eins: Dazu stehen, dass das mal wieder ein absoluter Taucher war, einander um Verzeihung bitten und wieder vorwärts schauen. Wir sind nicht perfekt, also müssen wir auch nicht so tun als ob.
War das wirklich so?
Das Leben in der Grossfamilie bringt ans Licht, wer du wirklich bist. Bei mir zum Beispiel stellte sich heraus, dass das mit dem Perfektionismus wohl reines Wunschdenken war. Damals, als mein Leben noch überschaubar war – Mann, ein Kind, vier Zimmer und ein Halbtagsjob – war es ja noch einfach, so zu tun als ob. Die Küchenkombination stets perfekt poliert, so dass sogar meine Mutter neidisch wurde, die ganze Putzerei an einem halben Tag pro Woche erledigt, der Schreibtisch im Büro perfekt aufgeräumt, die Stifte in Reih und Glied schön rechtwinklig zum Notizblock. Natürlich auch immer sauber angezogen, das Kind nie mit voller Windel unterwegs, der Wocheneinkauf wurde en famille erledigt. „Was meinst du, wollen wir diese Woche mal wieder Kürbis essen, oder hast du eher Lust auf Blaukraut?“ Perfekter habe ich meinen Alltag nie hingekriegt als damals.
Heute, wo alles so anders ist als damals, kommt mir das alles nicht vor, wie ein längst vergangener Abschnitt meines Lebens, sondern wie eine Szene aus einem Film, den ich mal gesehen habe und dessen Titel mir entfallen ist. Hatten wir tatsächlich mal ein Zimmer, das nur zum Teetrinken und Gäste bewirten gebraucht wurde? Ist es wahr, dass wir die Teedosen damals einfach so herumstehen lassen konnten, weil keiner den gesamten Inhalt auf den Teppich verteilte? Gab es wirklich mal eine Zeit in unserem Familienleben, als ich zu jeder Zeit unangemeldeten Besuch empfangen konnte, ohne verschämt darauf hinzuweisen, dass ich zwar eben erst aufgeräumt hätte, dass man davon aber bereits nichts mehr sehe? Und habe ich damals allen Ernstes geglaubt, ich sei eine Perfektionistin?
Nein, eine Perfektionistin bin ich nicht, soviel ist inzwischen klar geworden. Gut, solange keiner da ist, der mir ständig alles durcheinander bringt, gelingt es mir ganz gut, dafür zu sorgen, dass jedes Ding seinen Platz hat und ich bringe es gar fertig, meine Zeit sinnvoll einzuteilen. Ziehen aber die anderen nicht mit, oder schlimmer noch, zerstören die anderen laufend das, was ich verzweifelt aufzubauen versuche, dann kommt ans Licht, was ich wirklich bin: Ein Grossfamilienkind, das nie gelernt hat, Ordnung zu halten und das deshalb umso verzweifelter einen Halt in einem aufgesetzten Perfektionismus sucht, der aber nicht tief genug verankert ist, um auch die heftigsten Alltagsstürme zu überstehen. Was nun? Das Ganze mit einem „ich brauche eben mein kreatives Chaos, um glücklich zu sein“ abtun, oder weiterhin versuchen, wenigstens einen Ansatz von dem, was einmal war, in unseren Alltag hinüberzuretten? Der Entscheid ist noch offen und vielleicht fällt er auch erst dann, wenn bei uns zu Hause das Chromstahl wieder poliert ist, die Stifte wieder in Reih und Glied auf dem Schreibtisch liegen und die Teedosen wieder herumstehen dürfen, wo sie wollen, weil keiner mehr etwas auskippt. Obschon ich mir nicht so sicher bin, ob ich mir diesen Zustand zurückwünschen soll.
Elternvorsätze
Vor zehn Jahren:
„Findest du es nicht auch schrecklich, wie all diese Eltern von grösseren Kindern von einem Anlass zum anderen hetzen? Fussballtraining, Blockflötenstunde, Maltherapie und danach noch kurz zu einer Geburtstagsparty. Also wenn unsere Kinder mal gross sind – zuerst müssen wir natürlich noch ein paar Kinder mehr haben als diesen einen süssen Karlsson – dann kommt so etwas nicht in Frage. Wir lassen uns doch nicht zum Chauffeur unserer Kinder degradieren. Klar, die eine oder andere Freizeitaktivität werden wir wohl erlauben müssen, aber erst, wenn sie alt genug sind, selber zu gehen. Und zeitintensive Dinge wie Fussball sind verboten. Wir wollen doch nicht jeden Sonntag auf dem Fussballplatz herumstehen und uns langweilen.“
Vor fünf Jahren:
„Okay, ganz so einfach wird es wohl nicht, hart zu bleiben. Der FeuerwehrRitterRömerPirat rennt jetzt schon wie ein Verrückter den Fussbällen hinterher und Luise wird wohl eines Tages reiten wollen. Aber wir haben ja noch viel Zeit, darüber nachzudenken. Wenn sie dann zehn oder elf sind, können wir dann ja sehen.“
Vor drei Jahren:
„Einfach toll, dass Karlsson jetzt Geige spielen will. Und er kann sogar selber hingehen, weil es so nahe ist. Was meinst du, sollen wir unsere Grenzen ein wenig ausweiten? Zwei Freizeitaktivitäten pro Kind, das müsste drinliegen.“
Vor zwei Jahren:
„Also gut, zwei Freizeitaktivitäten pro Kind und dann noch die Jungschar dazu. Aber das muss reichen. Und sobald sie können, sollen sie mit dem Bus in die Jungschar fahren.“
Vor einem Jahr:
„Dann lass uns mal sehen: Karlsson spielt Geige, geht in die Jungschar und möchte jetzt noch ins Orchester gehen. Luise hat mit Querflöte angefangen, will weiterhin ins Ballett gehen und natürlich auch in die Jungschar. Tja, und dann ist da noch die Therapie, aber die muss wohl sein. Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss noch ein Jahr warten mit Jungschar und Musikinstrument, aber Fussball sollte jetzt eigentlich drin liegen. Nun ja, komm, wir versuchen, ihn davon abzubringen. Landhockey wäre doch auch ganz toll und wir haben doch gesagt, Fussball kommt nicht in Frage.“
Vor einem halben Jahr:
„Jetzt, wo Luises Ballettstunde über längere Zeit ausfällt, braucht sie wohl einen Ersatz. Sie liegt mir schon die ganze Zeit in den Ohren damit. Und wann rufst du jetzt endlich den Fussballtrainer an? Der FeuerwehrRitterRömerPirat mag nicht mehr länger warten. Nein, Karlsson soll nicht mit einem zweiten Musikinstrument anfangen, er kommt ja bald in die Fünfte, da hat er keine Zeit für noch mehr. Ja, ich weiss, er will, aber es geht nun mal nicht.“
Heute:
„Hmm, wie schaffen wir das bloss? Also am Montag, da musst du unbedingt pünktlich von der Arbeit zurückkommen, denn da muss ich um Viertel nach vier mit dem Zoowärter in den Schwimmkurs. Und dann müssen wir noch die Nachbarn fragen, ob sie Karlsson zur Orchesterprobe mitnehmen. Ach ja, hast du den Leichtathletik-Trainer angerufen? Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat sich jetzt endlich entschieden, er will nicht mehr Fussball spielen. Ach so, du hast bereits alles organisiert? Toll. Wann soll es denn losgehen? Am Freitagabend? Ja, dann müssen wir schauen, wer ihn bringt und wer ihn abholt. Du, der Mittwoch wird auch etwas streng. Luise muss gleich nach dem Mittagessen in die Querflötenstunde, dann fahre ich sie zur Therapie und du bringst die beiden Jungs zum Kürbisschnitzen. Dann holst du Luise von der Therapie ab und ich bringe sie zur Theaterprobe. Ja, ich weiss, am Mittwoch hat sie etwas zu viel los, aber das Theaterprojekt dauert ja nur bis Februar, danach wird es wieder ruhiger. Wie? Dann will sie ins Volleyball? Mal sehen, ob das auch noch drin liegt. Nein, am Samstag ist keine Jungschar, aber nächste Woche müssen wir dann gut planen. Ach, heute sass ich neben dieser schrecklichen Mutter im Bus. Den ganzen Weg über hat sie mit ihrer Tochter geklönt, weil sie nicht alle Freizeitaktivitäten unter einen Hut bringt. Reiten, Pfadfinder, Fussballtraining und Gesangsunterricht. Und dann hat sie sich auch noch beklagt dass keine Zeit für den Kinderchor bleibt. Völlig übertrieben, wenn du mich fragst…“
Wir sind doch keine Teenager!
In letzter Zeit fühle ich mich immer mal wieder wie ein Teenager und dies nicht nur, weil meine Haut sich seit einigen Monaten gebärdet, als wäre ich eben erst vierzehn geworden. Die Kinder sind mitschuldig an der Sache, denn die schnüffeln uns hinterher, als fürchteten sie, wir würden heimlich die schlimmsten Dinge treiben. Und natürlich werden sie fündig. „Ich habe da ein Schokopapier im Abfall gefunden“, sagt Karlsson mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wann habt ihr Schokolade gegessen?“ „Ihr habt also gestern Abend Lachs gegessen, als wir bereits im Bett waren“, rüffelt uns Luise. „“Wie? Ihr wollt schon wieder einen Film schauen? Das habt ihr doch schon vorgestern. Ich finde, ihr schaut etwas zu viele Filme“, tadelt der FeuerwehrRitterRömerPirat. Wir stehen unter ständiger Beobachtung und was immer wir tun, es löst Diskussionen aus. Was dazu führt, dass wir ganz dringend rebellieren wollen, „Meiner“ und ich. Wir Teenager sind eben einfach so.
Und so haben wir vor einigen Monaten damit angefangen, uns Dienstagmittag, wenn die vier grossen Kinder am Mittagstisch essen, heimlich zu einem Rendez-vous im Restaurant zu treffen. Nun, ganz kinderfrei läuft dieses Rendez-vous noch nicht ab, aber das Prinzchen, der noch nicht versteht, dass wir etwas Verbotenes tun, hat uns bis jetzt noch nie verpetzt. Unsere grösseren Kinder sind uns dennoch schnell auf die Schliche gekommen. Beim ersten Mal ging noch alles gut, aber beim zweiten Mal kam Karlsson über Mittag kurz nach Hause, um etwas zu holen und als er sah, dass niemand da war, kam abends das Verhör. „Wo wart ihr? Warum habt ihr mir nichts davon gesagt? Was, wenn etwas passiert wäre?“ Fragen eben, die man Teenagern stellt, wenn sie einen Mist angestellt haben. Nun schrecken „Meiner“ und ich zwar nicht davor zurück, heimlich essen zu gehen, aber anlügen wollen wir unsere Kinder nicht und so gestanden wir zerknirscht, dass wir uns ein Mittagessen im Café gegönnt hatten. „Aber das war nur ein Ausrutscher und kommt bestimmt nicht so bald wieder vor“, beteuerten wir und auch das war keine Lüge, denn „Meiner“ musste danach zweimal dienstags über Mittag arbeiten und einmal kochte ich am Mittagstisch. Also dauerte es wirklich eine ganze Weile, bis wir uns dienstags wieder davonschleichen konnten. Die Kinder merkten wieder nichts davon.
Heute aber wurden wir wieder erwischt, denn Karlsson wollte partout nicht am Mittagstisch essen und kam um zwölf nach Hause gestürmt. „Ich gehe nicht zum Mittagstisch“, zeterte er. „Was gibt es zu Hause zu Essen?“ „Ähhm, nichts“, antwortete ich und sah „Meinen“ hilfesuchend an. „Ja, wir haben wirklich nichts gekocht. Du musst also am Mittagstisch essen“, sagte „Meiner“, aber Karlsson liess sich nicht abwimmeln. Auf gar keinen Fall wollte er heute ohne uns zu Mittag essen, ausgerechnet er, der mich vor einigen Monaten noch bekniet hatte, ihn doch bitte öfters zum Mittagstisch anzumelden. „Aber Karlsson, du bist doch angemeldet. Die haben eigens für dich gekocht und warten bestimmt schon auf dich. Nun geh schon; du willst doch nicht, dass die anderen hungern müssen wegen dir“, versuchte ich an sein Pflichtbewusstsein zu appellieren. Aber Karlsson blieb stur und erinnerte mich dabei immer mehr an meine Mutter, wenn sie mir jeweils verbieten wollte, auf eine Party zu gehen. Egal, wie ich argumentierte, sie blieb bei ihrem Nein. Da half jeweils nur noch Dramatik: „Wenn du so gemein bist, dann wandere ich aus!“ Und zu genau diesem Mittel griff auch „Meiner“: „Karlsson, du willst doch nicht etwa, dass Mama und ich uns eines Tages scheiden lassen. Aber genau das könnte passieren, wenn wir nie Zeit zu zweit haben.“ Das wirkte. Karlsson ging zum Mittagstisch und wer jetzt denkt, wir seien nicht nur schreckliche Pädagogen, sondern obendrein noch ganz miese Rabeneltern, die ihr armes Kind einfach vor die Türe stellten, dem sei gesagt, dass unser Ältester wenige Stunden später äusserst zufrieden nach Hause kam und von dem grossartigen Mittagessen am Mittagstisch schwärmte. Vielleicht lässt er uns beim nächsten Mal ohne Widerstand ziehen.
Endlich darf ich…
„Hanni und Nanni“, das war eine der verbotenen Sehnsüchte meiner Kindheit, so verboten wie Schnapspralinen, Fernsehen und Barbie. Nun ja, eigentlich noch verbotener. Bei den Schnapspralinen war nur das Gesetz dagegen, das Fernsehverbot wurde alle vier Jahre, wenn Fussball WM war und mein Vater einen Fernseher mietete, umgangen und das Barbie-Verbot – das strengste der drei – war ein mütterliches Verbot. Also wirklich ziemlich streng, aber eben, nicht so streng wie das „Hanni und Nanni“-Verbot. Dieses war nämlich nicht nur ein schwesterliches Verbot, sondern ein grossschwesterliches und damit drohte jeder kleinen Schwester, die auch nur zum Scherz einen „Hanni und Nanni“-Band zur Hand genommen hätte, die Höchststrafe: grosschwesterliche Verachtung, Hohn und Spott. Schlimmer geht’s nicht, wenn man zehn Jahre alt und darum bemüht ist, so zu werden wie die grossen Schwestern. Dass diese „Hanni und Nanni“ nur deshalb doof finden konnten, weil sie es selbst einmal mit Begeisterung gelesen hatten und nun über den Leidenschaften ihrer Kindheit zu stehen glaubten, daran dachte ich natürlich nie und deswegen verbat ich es mir, den einzigen Band, der in unserem Bücherregal stand, auch nur anzurühren. Gewollt hätte ich ja schon, aber eben, wenn sie mich erwischt hätten…
Jetzt endlich darf ich, denn jetzt will Luise und mag die dicken Schmöker, die sie beim Ausmisten der Schulbibliothek entdeckt hat, noch nicht alle selber lesen. Also darf ich vorlesen. Oder muss. Denn bereits nach den ersten paar Seiten war mir klar, dass sich bei „Hanni und Nanni“, wie bei so vielen Dingen in diesem Leben, das Sehnen nicht gelohnt hat. Okay, mag sein, dass mein hartes Urteil etwas verfrüht kommt, immerhin haben wir noch 5 3/4 Sammelbände vor uns. Aber nach dem ersten „O Mami, lass uns doch mit Mary und Fränzi in die Ringmeer-Schule gehen“ und den ersten zwei „Streichen“ – Hanni, die sich als Nanni ausgibt, um trotz Verbot in die Stadt zu gehen und die Sache mit dem Aufsatz, der erst nach der Schlafenszeit abgegeben wird – dämmerte mir, dass das Vorlesen ein ziemlicher Kampf werden könnte. Ein Kampf gegen den Schlaf.
Was ich denn erwartet hätte, fragt ihr? Nun, bestimmt keine grosse Literatur. Und schon gar kein spritziges Kinderbuch wie „Karlsson vom Dach“. Ich hatte nur erwartet, was man von verbotenen Früchten eben so erwartet: Nervenkitzel, Spannung, den einen oder anderen bissigen Seitenhieb zwischen den Zeilen, Spass eben. Hier aber stehen die zwei Möchtegern-Missetäterinnen bereits reuig vor der Oberlehrerin, bevor überhaupt ein Anflug von Spannung aufgekommen ist und vor weiteren 2000 Seiten in dieser Manier graut mir. Deshalb eine Frage an all jene Leserinnen, die in ihrer Kindheit keinem „Hanni und Nanni“-Verbot unterworfen waren: Wird das noch besser oder habe ich jetzt ein gutes Mittel gegen Schlaflosigkeit im Haus?
Nun ja, vollkommen schlecht reden muss ich die Sache ja nicht. Immerhin habe ich so endlich wieder mal die Gelegenheit, mich mit meiner stets grösser werdenden Luise zum Vorlesen aufs Bett zu kuscheln. Und wenn dann noch die Jungs dazu kommen, umso schöner...
Calm down, workaholic
Wie so oft nach den Ferien ist gegen Ende der ersten Arbeitswoche noch sehr viel Unerledigtes, das nicht bis nächste Woche warten kann. Überstunden sind angesagt, doch weil „Meiner“ abends weggeht, wird zu Hause gearbeitet. Was fertig ist, wird ins Büro gemailt. Im Nebenzimmer versucht das Prinzchen einzuschlafen, nach langer Zeit mal wieder mit Musik vom iPad, weil meine Stimme heute nicht so recht will und das Prinzchen Wert legt auf reine Töne. Ich erledige ein Dokument, schicke mir eine Mail ins Büro und schrecke auf. Hat da mein iPad nicht gerade den Eingang einer Nachricht signalisiert? In meiner privaten Mailbox aber ist nichts Neues angekommen, also muss es eine geschäftliche Sache sein. „Wer ist denn um diese Zeit noch am Arbeiten?“, brumme ich und mache mich an der nächsten Aufgabe zu schaffen. Die Sache ist schnell erledigt, also ab in die Mailbox damit und weiterarbeiten. Vielleicht bleibt dann noch etwas Zeit zum Bloggen. Aber was höre ich da? Schon wieder eine neue Nachricht, schon wieder nichts in der privaten Mailbox. „Du meine Güte, was ist denn heute Abend los?“, schiesst es mir durch den Kopf. „Hoffentlich ist nichts schief gelaufen. Muss nachher mal nachsehen, wer da geschrieben hat. Aber zuerst noch schnell dies…“ Ich arbeite weiter, wenig später wieder das Signal. So langsam werde ich richtig nervös, also unterbreche ich meine Arbeit und sehe nach, welcher Irre denn die Geschäftsmailbox so spät am Abend mit Nachrichten füllt.
Nun, es war kein Irrer, sondern eine Irre. Eine Irre, die momentan verzweifelt eine Antwort sucht auf die Frage, wie durchgeknallt man denn sein muss, nicht zu merken, dass man selber die Person ist, die einen zu später Stunde derart in Rage bringt?
Neulich am Esstisch
Mama: „Prinzchen, nimm sofort deine Füsse vom Tisch!“
Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“
Mama: „Nein, Prinzchen. Du darfst deine Füsse nicht auf den Tisch legen. Nimm sie sofort runter, wir sind am Essen.“
Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“
Mama: „Aber wir anderen legen unsere Füsse auch nicht auf den Tisch.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber der Papa und du, ihr macht das manchmal auch!“
Mama: „Aber ganz bestimmt nicht auf den Esstisch. Auf den Salontisch ja, aber dort dürft ihr auch. Also, Prinzchen, jetzt nimmst du sofort deine Füsse vom Tisch.“
Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“
Zoowärter: „Aber Prinzchen, ein Dinosaurier legt doch seine Füsse nicht auf den Tisch!“
Prinzchen, leicht verwirrt: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier.“ (Frei übersetzt: Die Dinos hatten noch gar keine Tische, du Blödmann!)
Zoowärter: „Ja, aber wenn sie Tische gehabt hätten, dann hätten sie ihre Füsse nicht draufgelegt, weil das ganz gruuusig ist.“
Das Prinzchen denkt nach, nimmt seine Füsse vom Tisch und murmelt vor sich hin: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier…“








