Grenzen der Toleranz

Weil ich ein toleranter Mensch bin,…

… oder vielleicht einfach nur ausgesprochen harmoniebedürftig,…

… oder möglicherweise auch schlicht ein Feigling,…

halte ich mich in der Regel zurück, wenn einer meiner Zeitgenossen gewaltig nervt. 

So habe ich zum Beispiel heute den Kerl in Frieden gelassen, der im voll besetzten Bus seinem geliebten Rucksack einen bequemen Sitzplatz anbot. Ich verkniff mir ein Augenrollen, als er nicht nur seine Freunde, sondern den halben Bus wissen liess, dass er neulich vollkommen verladen war, als er am frühen Morgen seinen Dienst auf der Baustelle antrat. Auch als er uns alle bald darauf an einem Abenteuer teilhaben liess, in das ganz viele Bierdosen, ein Bordellbesitzer und ein Notarzt involviert waren, behielt ich meinen Unmut über sein dummes Geschwätz für mich. 

Am Ende eines langen Arbeitstages, an dem ich vor lauter Gedankefutter kaum mehr wusste, wo mir der Kopf stand, war einer wie er zwar nur äusserst schwer zu ertragen, aber vermutlich hatte er einen ebenso anstrengenden Tag hinter sich und da soll man mal nicht so streng sein. 

Dann aber überspannte er den Bogen. Nachdem er eine Weile lang betrübt und zu unser aller Freude schweigend aus dem Fenster gestarrt hatte, erhob er seine unüberhörbare Stimme leider erneut: „Scheissregen! Ich glaub’s nicht, Alter! Immer dieser Scheissregen!“

Glaubt mir, der Kerl kann wirklich froh und dankbar sein, dass der Bus ausgerechnet in diesem Moment an meiner Station hielt. Hätte ich noch eine Minute länger mit ihm im gleichen Fahrzeug unterwegs sein müssen, hätte er mich von meiner unfreundlichen Seite kennen gelernt. 

Auch meine Toleranz kennt ihre Grenzen und die ist definitiv überschritten, wenn einer es wagt, nach diesem staubtrockenen Sommer in meiner Gegenwart über den Regen herzuziehen.

tierli

 

 

Ich soll gestresst sein?

Man wird schon ein wenig weltfremd, wenn man nur noch selten mit dem Auto unterwegs ist. So vergisst man zum Beispiel, dass es so etwas wie ein Parkplatzproblem gibt. Und so kommt es, dass man am Dienstag zum Mutter-Kind-Morgen fahren will und nicht darauf vorbereitet ist, dass das am nächsten gelegene Parkhaus an einem gewöhnlichen Wektag voll sein könnte. Es gibt also tatsächlich noch Menschen, die trotz Wirtschaftskrise eine Arbeit haben. Könnte man gar nicht denken, bei all den schlechten Schlagzeilen. Es gibt sogar welche, die mit dem Auto zur Arbeit fahren. Also nichts gewesen mit einem Parkplatz in bequemer Nähe zur Kirche. Zurück zum Stadtausgang.

Dort findet man zwar einen Parkplatz, dafür stellt man mit Schrecken fest, dass man den Kinderwagen zu Hause gelassen hat. Man hat ja auch nicht mit einem zehnminütigen Fussmarsch gerechnet, als man zu Hause losgefahren ist. Schon gar nicht mit einem Fussmarsch auf zu hohen Absätzen (Diese elenden Tussi-Schuhe! Wer hat mir die bloss aufgeschwatzt?), mit zwei Kleinkindern im Schlepptau und einem frisch geimpften, fast acht Kilo schweren Prinzchen auf dem Arm.

So kommt man ziemlich erschöpft beim Mutter-Kind-Morgen an. Wenigstens glauben mir so alle, dass ich tatsächlich fünf Kinder habe. Und so ist man schon bald mitten im Gespräch mit lauter Frauen, mit denen man sich schon lange einmal etwas eingehender unterhalten hätte. Keine „Petit-Beurre und volle Windeln Probleme“ heute (Siehe Beitrag „Sorgen“ vom 7. 5. ), sondern ein lebhafter Austausch zwischen Müttern in den unterschiedlichsten Lebenslagen. Ein richtig gemütlicher Vormittag also.

Etwas zu gemütlich, leider. Denn so bleibt man länger sitzen als vorgesehen. Natürlich denkt man nicht mehr dran, dass man wieder den ganzen Weg zum Auto zurücklaufen muss, diesmal mit einem Prinzchen, das nicht nur frisch geimpft, sondern auch müde und hungrig ist. Dazu auch noch mit einem nicht mehr ganz taufrischen Zoowärter und einem überdrehten FeuerwehrRitterRömerPirat. Und mit einer gestressten Mama, die schon vor sich sieht,  wie ein besorgter Karlsson und eine weinende Luise vor verschlossener Türe warten.

Natürlich kommt es genau so, wie man befürchtet hat. Aber es ist ja nicht die erste stressige Situation, die man erlebt. Und so schafft man es irgendwie, Essen zu kochen, die Grossen zu beruhigen, das Prinzchen zu füttern und die  wichtigsten Ereignisse des Morgens zu erfahren. Eine Stunde später ist alles wieder ruhig und schon beinahe vergessen.  Hoffentlich vergesse ich nicht, das nächste Mal den Bus zu nehmen.