Geschäftstüchtig, Teil II

Wie geschäftstüchtig das Prinzchen ist, haben wir in Frankreich ja bereits erfahren, wie sehr er sich von ungewöhnlichen Verkaufsmethoden beeindrucken lässt, zeigt sich allerdings erst jetzt. Dehillerin, den berühmten Küchenladen in Paris, hat er zwar nur von aussen gesehen, weil ich keine Lust hatte, meine ganze Brut durch die engen Gänge zu schleusen, meinen Erklärungen, wie das dort drinnen läuft, hat er aber offenbar sehr aufmerksam gelauscht. „Dort drinnen hat jeder Artikel seine Nummer“, sagte ich, als ich wieder draussen war, „und wenn man wissen will, wie viel etwas kostet, muss man im Katalog nach dieser Nummer suchen.“ Während die anderen Kinder wissen wollten, warum in aller Welt die das so kompliziert machen, sagte das Prinzchen überhaupt nichts. Damals fiel mir das nicht auf, heute aber weiss ich, dass er wohl mit Nachdenken beschäftigt war.

Heute Nachmittag war Eröffnung in Prinzchens neuem Geschäft. Schneckenhäuser, Muscheln, Muschelfragmente, Strandgut aus der Grossstadt – also ein ähnliches Sortiment wie schon in Frankreich. Jetzt aber sind die Artikel nicht mehr mit einem Preisschild versehen, sondern mit einer Nummer. Zu jeder Nummer gibt es ein Kapla-Hölzchen, auf dem der Preis notiert ist und diese Kapla-Hölzchen werden in einer Schublade gelagert. Sagt man nun also „Ich hätte gern die Nummer 18. Wie viel kostet die denn?“, verschwindet das Prinzchen unter seinem Schreibtisch, kramt endlos lange in seiner Schublade und verkündet irgendwann – wenn man schon fast in Versuchung gerät, irgend einen überrissenen Preis zu bezahlen, nur damit man wieder aus seinem Laden rauskommt -, was man ihm schuldig ist. 

Wirklich beeindruckend, wie er das Dehillerin-System kopiert hat. Am Tempo muss er allerdings noch ein wenig arbeiten. Das Geschäft in Paris verliess ich nämlich mit leeren Händen, weil es mir irgendwann zu blöd wurde, darauf zu warten, bis die Amerikanerin vor mir endlich zu jeder gewünschten Nummer einen Preis hatte. 

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Freundschaft, mehr ist da nicht

Auf die Gefahr hin, ein paar wirklich liebe Menschen vor den Kopf zu stossen, sage ich heute etwas, was man eigentlich gar nicht sagen darf. Weil ich aber versuche, ein ehrlicher Mensch zu sein, sage ich es trotzdem: Auch jetzt, wo sich mein zweiter Besuch seinem Ende zuneigt, finde ich Paris… na ja, wie soll ich es nennen? Ganz okay? Nein, das ist vielleicht ein wenig untertrieben. Wunderschön? Na ja, teilweise schon, aber so als Gesamturteil wäre mir das zu dick aufgetragen. Ich glaube fast, ich muss mich mit dem Etikett „nett“ zufrieden geben.

Wie jetzt? Nur nett? Die Stadt der Liebe? Der Romantik? Der Kunst? Der Mode? Die Stadt der Träume schlechthin? Nichts weiter als nett? Ja, tut mir leid, alles in allem ist Paris für mich wie ein Mensch, mit dem ich gerne ein paar Tage verbringe und mit dem ich mich bestens unterhalte, der mir aber nicht fehlt, wenn er nicht da ist.

Klar, Montmartre, Louvre, Orsay, die Brücken, die Märkte, die Seine, die Ausstellungen, Cafés, Parks, Quartiere,… sind wirklich wunderbar, die Ferienwohnung ist gar besser als alles, was wir bisher gemietet haben, aber irgendwie will mein Herz einfach nicht höher schlagen, wenn von Frankreichs Hauptstadt die Rede ist. Es gefällt mir hier, mehr nicht. Reise ich ab, tue ich das nicht mit Wehmut, sondern eher so mit einem „Schön, dass wir uns mal wieder getroffen haben. Hat wirklich Spass gemacht. Wir bleiben in Kontakt, ja?“

Ich wünschte, ich könnte fühlen, was andere Menschen fühlen, wenn sie an Paris denken, aber zwischen uns will einfach nicht mehr werden als eine nette, aber leicht distanzierte Freundschaft. Bei meinem ersten Besuch konnte ich noch sagen: „Na ja, war halt Februar. Ausserdem hatten ‚Meiner‘ und ich Krach. Da kann man wohl nicht zu viel erwarten“, aber jetz, wo der Himmel blau ist und man den Café au Lait auf dem Trottoir schlürft, hätte ich von mir selber schon etwas mehr Gefühlsduselei erwartet. Zumal ich ja ganz und gar nichts dagegen gehabt hätte, mich endlich so heftig in Paris zu verlieben, wie ich mir das als Teenager jeweils erträumt hatte.

 

Nie im Leben

„Diesmal gehe ich vielleicht rauf“, sagte ich vor einigen Wochen, als Paris noch ein ferner Gedanke war. „Ganz sicher bin ich mir zwar nicht, aber einmal im Leben sollte man schon oben gewesen sein.“

„Diesmal gehe ich wirklich rauf“, sagte ich gestern, als wir ihn vom Boot aus sahen. „Sooooo hoch ist er ja wirklich nicht. Und einmal im Leben sollte man wirklich oben gewesen sein.“

„Ich komme mit“, sagte ich heute Vormittag, als wir den Tag planten. „Ein wenig mulmig ist mir zwar schon, aber einmal im Leben sollte man oben gewesen sein.“

Tja, und dann stand ich unter ihm, blickte nach oben, zu dem gigantischen Tennisball, der dort gerade hängt, sah den Glasboden der ersten Etage und wusste: Nie im Leben gehe ich dort hoch. Mag sein, dass man einmal im Leben oben gewesen sein sollte, mich aber bringt man um nichts in der Welt dazu, den Lift zu besteigen, geschweige denn die Stufen zu erklimmen. Also blieb ich unten und sah mit ungutem Gefühl dabei zu, wie meine sechs Lieblingsmenschen das Ungetüm erklommen.

Zwei Stunden lang sassen wir da, ich und meine Höhenangst, blickten so wenig wie möglich nach oben und warteten, bis der Rest der Familie endlich wieder Vernunft annahm. Mag sein, dass ich etwas verpasst habe, dafür sind die Höhenangst und ich jetzt wieder bestens miteinander vertraut und ich werde mir nicht so schnell wieder einreden, sooooo hoch sei der Kerl ja nicht.

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Paris

Fährst du nach Paris, dann warnen sie dich vor allem möglichen. Vor Taschendieben, vor kaltschnäuzigen Grossstädtern, vor den Touristenmassen, vor überteuerten Unterkünften, vor… Ach, was soll ich auch weitermachen mit meiner Aufzählung? Ihr wisst ja selbst, wovor sie einen alle warnen, bevor man die Koffer packt und fährt. So viel warnen sie, dass man sich irgendwann fragt, ob man überhaupt hingehen soll. Muss sich ja seit dem letzten Besuch sehr zum Schlechten verändert haben, dieses Paris. 

Nun möchte ich natürlich keineswegs behaupten, alle diese Warnungen seien ganz und gar aus der Luft gegriffen. Immerhin haben die ja neulich aus Protest gegen die Taschendiebe einen ganzen Tag lang den Eiffelturm geschlossen. Aber in Paris können sie auch anders. Da passiert es dir zum Beispiel, dass dir im Bus die eine Dame erklärt, wo du die günstigsten ÖV-Tickets bekommst, während die andere ihren Sitzplatz für dein Kind hergibt und die Dritte dir zeigt, wo du dein Busticket entwerten musst. Die Atmosphäre ist eindeutig freundlicher als bei uns zu Hause im Bus Nummer drei und es kommt einem fast vor, als bestehe ein heimlicher Wettstreit, wer am häufigsten seinen Platz für einen Älteren, Jüngeren oder sonst irgendwie Schwächeren räumt. 

Oh ja, ich weiss, was ihr jetzt denkt, ihr Zyniker da draussen. „Hilfsbereitschaft? In Paris? Hast du schon überprüft, ob dein Portemonnaie noch da ist?“ Ich versichere euch, es ist noch da. Zusammen mit der Gewissheit, dass sich nicht hinter jeder freundlichen Handlung Betrug verbirgt. Auch in Paris nicht. 

(Von der nicht nur bezahlbaren, sondern richtig tollen Unterkunft und dem Vermieter, der sich sonntags umgehend aufs Velo schwingt, wenn ein Problem auftaucht, erzähle ich dann ein andermal.)  

Zwei Paar Schuhe

Im Zusammenhang mit den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Tage wurde eine Sache so heftig wie schon lange nicht mehr kritisiert: Die Religion. Zu recht, wie ich finde, bekommen wir doch fast tagtäglich vor Augen geführt, wozu Menschen fähig sind, die im starren Korsett der Rechtgläubigkeit gefangen sind. Störend finde ich, dass viele, die sich zum Thema äussern, keinen expliziten Unterschied machen zwischen Religion und Glauben. „Ist doch alles das Gleiche“, mag jetzt vielleicht der eine oder andere einwenden, aber das ist es eben nicht. 

Wer glaubt, setzt sich mit den Inhalten seines Glaubens auseinander, um Wege zu finden, das zu leben, was er für richtig hält. (Also mit so herausfordernden Dingen wie „Liebt eure Feinde und tut Gutes denen die euch hassen“ und was die verschiedenen Glaubensrichtungen sonst noch so zu bieten haben.) Scheitern und Zweifel gehören ebenso dazu wie die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass der Glaube zuweilen an dem, was das Leben bietet, zu zerschellen droht. Um die demütige Erkenntnis, nie vollends erfassen zu können, worum es geht, kommt wohl kein Glaubender herum und so muss es auch sein, denn so bleibt er davor bewahrt, in eine starre Religiosität zu verfallen, die anderen vorschreibt, wie sie zu leben haben. 

Glauben – das fällt mir in diesen Tagen, wo wir alle uns um unsere Freiheit sorgen, besonders auf – tun wir alle irgendwie. Vielleicht ist es kein religiös geprägter Glaube, sondern der Glaube an das, was die Aufklärung bewirkt hat, oder der Glaube an die Menschenrechte, oder der Glaube an die Freiheit – eine tiefe Überzeugung eben, die wir als richtungsweisend für unser Leben ansehen und die uns dazu antreibt, an dem festzuhalten, was man uns zu rauben droht. 

Darum wünschte ich mir, Kommentatoren, die in diesen Tagen die Religionen kritisieren, würden Religiöse und Glaubende nicht einfach in den gleichen Topf werfen. 

Buon anno buono?

Augen zu? Geht nicht!

Okay, ich geb’s offen zu: Ich möchte jetzt am liebsten die Augen verschliessen vor dieser Realität, die sich heute einmal mehr mit aller Brutalität in unser Bewusstsein gedrängt hat. Möchte so tun, als wäre nichts passiert in der Stadt, die wir im Juni mit den Kindern zu besuchen gedenken. Möchte mich nur an meinem neuen „James“-Trolley freuen und mir einreden, es sei alles bestens und rosarot. Möchte mir vormachen, uns hier ginge das alles gar nichts an, wir lebten ja auf dieser unglaublich tollen Insel der Glücksseligen. Möchte nicht wahrhaben, dass ich im ersten Moment gedacht habe: „Mist, in was für eine Welt haben wir bloss unsere Kinder gestellt?“

Und genau dieser erste Gedanke, der mir durch den Kopf gegangen ist, zeigt mir auf, wie viel mich das alles angeht. Hätte ich nur mein eigenes, bereits zur Hälfte aufgebrauchtes Leben, dann könnte ich jetzt sagen: „Sch…, diese Welt geht doch immer mehr den Bach runter. Mal sehen, wie ich mich durchwursteln kann, ohne allzu viele Dellen und Schläge abzubekommen. Vielleicht gelingt es mir, nebenbei noch da und dort ein bisschen Liebe und Frieden zu verbreiten auf diesem elenden Misthaufen.“ Aber ich habe Kinder und darum kann mir das alles nicht egal sein.

Es ist meine Aufgabe, sie zu lehren, dass die Antwort auf Paris nicht PEGIDA lauten darf. Meine Aufgabe, zu widersprechen, wenn Hassprediger – von denen es auch bei uns immer mehr gibt – ihre vergiftete Botschaft in die Welt hinaus schreien. Meine Aufgabe, ihnen die Freiheit lieb und teuer zu machen. Meine Aufgabe, sie zum Denken, zum Hinterfragen, zum gewissenhaften Handeln anzuregen. Und als Glaubende ist es auch meine Aufgabe, ihnen den schmalen Grat zwischen tiefem, erfüllendem Glauben und starrer, rechthaberischer Religiosität aufzuzeigen

Oder, um es kurz zu sagen: Es ist meine Aufgabe, mein Menschenmögliches zu tun, sie zu Menschen zu erziehen, die anders sind als jene, die heute ein Blutbad angerichtet haben. 

(Oh ja, ich weiss sehr genau, dass es in dieser Sache keine Gelinggarantie gibt.)

Zucker, himmelblau

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