Dienstag, 26. 10. 2010

Tagesplan für Dienstag, 26. 10. 2010

6:45 Uhr: Aufstehen, duschen, frühstücken
7:10 Uhr: Kinder wecken
8:00 Uhr: Grosse Kinder aus dem Haus, kleine Kinder anziehen
9:00 Uhr: Zoowärter in die Spielgruppe bringen
9:15 bis 10:55 Uhr: Sitzung
11:00 Uhr: Zoowärter abholen
bis 12:00 Uhr: Ungestörtes Arbeiten im Büro
12:00 bis 13:30 Uhr: Mittagspause
13:30 bis 18:15 Uhr: Ungestörtes Arbeiten im Büro
18:15 bis 20:00 Uhr: Abendessen, Gutenachtgeschichte, Kinder bettfertig
20:00 Uhr: Freier Abend mit „Meinem“

Dienstag, 26. 10. 2010, wie er in Wirklichkeit war:

6:45 Uhr: Den Wecker zum Schweigen bringen, weiterschlafen
7:15 Uhr: Karlsson kommt schreiend aus dem Bett, geplagt von unerträglichen Schmerzen

7:20 Uhr: Die anderen Kinder wecken, in der Hand das iPad, um abzuklären, welche Krankheit zu Karlssons Beschwerden passt
7:20 bis 8:00 Uhr: FrühstückservierenKarlssonberuhigenTerminabasagenArztanrufenArztnichterreichenKindernotfallanrufenLuisezurEileantreiben
FeuerwehrRitterRömerPiratmotivierenDuschenPrinzchenwickelnAuPairinformierenIndieKleiderschlüpfenSchuleanrufenKinderausdemHausschicken
TransportindieSpielgruppefürZoowärterorganisierenInsAutositzenundlosfahren
8:20 bis 12:15 Uhr: Mit Karlsson auf der Notfallstation, warten, Untersuchung, Petterson & Findus hören, wieder warten, Untersuchung, Ultraschall, warten, Solitaire spielen, Bescheid der Ärztin: Nein, es ist nicht, was man ursprünglich befürchtet hatte, sondern etwas völlig Harmloses, aber trotzdem gut, dass Sie gekommen sind, denn wenn es das gewesen wäre, was wir befürchtet hatten, hätte das schlimme Folgen gehabt und jetzt machen Sie, dass Sie wegkommen und geben Sie ihrem Kind genügend zu Trinken.
12:15 bis 12:40: Uhr: Mittagessen im Spital
13:00 Uhr: Küche aufräumen
13:00 bis 13:40 Uhr: Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erklären, dass sein Freund bald kommen wird, aber dass die Zeit nicht schneller vergeht, wenn er mich alle fünf Sekunden fragt, ob jetzt Zeit sei. Nebenbei einen Brief an die Geigenlehrerin schreiben, weil Karlsson seine Noten nicht finden kann
13:40 bis 16:15 Uhr: Gemeinsam mit dem Au-Pair das Chaos meistern, hin und wieder einen Anruf tätigen oder entgegennehmen, mit meinem Vater Kaffee trinken, etc.
16:15 bis 18:15 Uhr: Verzweifelter Versuch, vom Bürotag zu retten, was zu retten ist und doch noch wenigstens das Dringendste zu erledigen
18:15 Uhr: Anmeldung zum Novemberschreiben 2010, eine reine Trotzreaktion, um diesem Deppen von Alltag klarzumachen, dass ich mich von ihm nicht so leicht kleinkriegen lasse
18:20 bis 20:20: Abendessen, Kinder bettfertig machen, Gutenschtgeschichte, den FeuwerwehrRitterRömerPiraten verarzten, der sich beim Herumtoben eine blutende Nase geholt hat, erfahren, dass „Meiner“ das mit dem freien Abend etwas anders aufgefasst hat als ich und deshalb weggehen wird,  Enttäuschung herunterschlucken und die Geschichte fertig erzählen
20:20 Uhr: Anruf von „Meinem“ entgegennehmen, der sich hundertmal entschuldigt, dass er mich falsch verstanden hat und damit ohne böse Absicht meinen Abend ruiniert hat
20:25 Uhr: Wäsche aufhängen, im Selbstmitleid baden und dabei in der Waschküche fast erfrieren
20:40 Uhr: Eine – zuerst vor Schmerz, dann vor Angst, dass sie ihre Hausaufgaben vergessen haben könnte –  brüllende Luise beruhigen
20:50 Uhr: Einen jammervollen Blogpost anfangen
21:15 Uhr: Den wunden Po des Zoowärters verarzten
21:20 bis 21:44 Uhr: Blog-Gejammer fertigschreiben, veröffentlichen und dann ist Schluss mit diesem elenden Dienstag, dem 26. 10. 2010.

Manchmal frage ich mich ja schon, wozu ich meine Tage überhaupt plane. Wo sie doch nicht die geringsten Bemühungen erkennen lassen, sich an meine sorgfältig ausgearbeiteten Pläne zu halten.

Hallo Alltag!

Morgen hat er mich wieder, der ganz normale Alltag. Und wie soll ich jetzt formulieren, dass ich gar nicht so unglücklich bin über das Ende der Herbstferien, ohne dabei wie eine jener Mütter zu klingen, die kein gutes Haar lassen an den Schulferien? Ich bin nämlich der Meinung, dass Schulferien durchaus ihre Vorteile haben: Wir müssen erst zu einer halbwegs menschlichen Zeit aus den Federn, das Mittagessen kann auch mal erst um halb eins auf dem Tisch stehen, weil keiner nachmittags Schule hat, die Kinder können sich in ihren endlosen Rollenspielen, die sich teilweise über mehrere Tage hinziehen, verlieren, wir können die Tage ganz nach Lust und Laune gestalten. Alles ganz toll und dennoch freue ich mich darauf, dass ab morgen die Vormittage wieder ruhiger, die Tage insgesamt wieder strukturierter sind. Und vor allem freue ich mich wie verrückt auf meine Bürotage.

Drei Wochen Herbstferien, eine davon als Vollzeitfrusthausfrau, haben mir einmal mehr vor Augen geführt, dass ich einfach eine bessere Mama bin, wenn ich alle zwei bis drei Tage die Bürotüre hinter mir schliessen und mich in meine Kopfarbeit vertiefen kann. Einmal mehr habe ich erkennen müssen, dass das eigentliche Problem nicht die Kinder sind, die sich in den Ferien einfach viel mehr in den Haaren liegen, weil sie halt auch viel öfter Gelegenheit haben dazu, da sie sich mehr in die Quere kommen. Klar, das ist nervtötend, aber noch viel nervtötender bin ich, wenn ich drei Wochen lang durchs Haus tigere, im Kopf tausend Ideen, tausend Dinge, die ich erledigen sollte und möchte und keine Arbeitstage, an denen ich die Ideen zu Papier bringen, die Pendenzen abtragen könnte. Oh ja, die Kinder können mühsam sein, wenn sie zu wenig frische Luft und zu viel Freizeit haben. Aber noch viel mühsamer bin ich, wenn ich zuwenig Bürozeit und zu viel Hausarbeit habe. Arme Kinder, die mich drei lange Wochen so haben ertragen müssen.

Ich schätze mal, wenn unsere Kinder hier an meiner Stelle schreiben würden, würde es hier jetzt heissen: „Gott sei Dank sind Mamas Ferien morgen zu Ende. Die Frau war mit ihrem ständigen Gemotze ganz schön nervig. Gut, dass sie sich mal endlich wieder in ihr Büro verkriechen kann und wir unsere Ruhe haben vor ihr.“

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Ganz gleich wie vorher wird der Alltag nicht sein. „Meiner“ und ich haben uns nämlich jede Woche bis Ende Jahr einen Abend ganz für uns in den Kalender eingetragen. Ob wir diesen Abend jeweils in der Sauna verbringen, uns zu Hause einen Film reinziehen, die Ruhe geniessen oder jeder für sich irgend etwas werkelt und dabei die eine oder andere tiefsinnige Bemerkung fallen lässt, ist eigentlich egal. Hauptsache, wir nehmen unsere Zeit zu zweit ebenso wichtig wie all die Sitzungen, Besprechungen und Projekte, die für volle Terminkalender sorgen.

So haben wir uns das nicht vorgestellt

Als wir damals, vor etwas mehr als zwölf Jahren, ja gesagt haben zueinander, haben „Meiner“ und ich uns nicht vorgestellt, dass unsere Abende so aussehen würden: „Meiner“ am Telefon für irgend ein Projekt, das weder ihm noch mir etwas bringt, ich am Arbeiten, später dann vielleicht am Solitaire-Spielen, weil ich vor lauter Übermüdung nichts anderes mehr zustande bringe, er auf dem Sofa am Schnarchen, weil die Woche so anstrengend war.

Einen einzelnen Abend in diesem Stil könnte man ja noch verkraften. Aber nach vier, fünf, sechs oder gar sieben Abenden, die vollgestopft sind mit Sitzungen, Rechnungen begleichen, Fernsehsendungen, die man nur schaut, weil man zu müde ist, um etwas Schlaueres anzufangen, Briefen, die man noch „ganz schnell schreiben muss, bevor man Feierabend machen“ kann, aufräumen, was tagsüber liegen geblieben ist, Anrufen, die man „nur schnell“ tätigen muss, weil man später nicht mehr anrufen darf und schließlich erschöpftem ins Bett sinken, ….Mist, jetzt habe ich doch glatt den roten Faden des Satzes verloren.

Also, ich wollte sagen, dass es uns gelinde gesagt stinkt, wenn solche Abende zur Normalität werden. Und darum muss jetzt die Notbremse gezogen werden, allenfalls mit der Konsequenz, dass man hin und wieder ein unbequemes Nein wird verlauten lassen müssen.

Hat man mal ja gesagt zueinander, muss man eben hin und wieder zu anderen Dingen nein sagen. Zumindest, wenn einem das Ja zueinander mehr bedeutet, als all die Ja zu anderen Dingen, die man im Laufe der Jahre allzu leichtfertig ausgesprochen hat.

Happy Birthday, liebster „Meiner“

Endlose 36 Stunden nach mir hast du es nun auch geschafft, 36 zu werden. Ja, ich weiss, es ist hart mit einer Frau zusammen zu sein, die so viel älter und reifer ist, aber ich finde, du machst deine Sache ganz gut. Klar, meinen Vorsprung an Lebenserfahrung wirst du nicht so leicht wettmachen, dafür aber hältst du mich jung.

War schön, heute den ganzen Tag mit dir alleine durchs sonnige Basel zu ziehen, zu philosophieren, in Läden zu stöbern, in die wir uns mit dem Prinzchen nie hineinwagen dürften, aus Angst, er würde etwas zerbrechen, in Erinnerungen zu schwelgen, die Fondation Beyeler für einmal ganz ohne böse Blicke des nicht gerade kinderliebenden Aufsichtspersonals zu geniessen, das „Läckerlihuus“ links liegen zu lassen und stattdessen bei „Sprüngli“ sündhaft gute Absinthe-Luxemburgerli zu kaufen.

Nahezu perfekt, so ein Tag. So perfekt, dass man beinahe vergessen könnte, dass auch harte Zeiten hinter uns liegen. So perfekt, dass man vergessen könnte, dass wir nicht anders sind, als andere Paare auch: Wir streiten uns, versöhnen uns wieder, fallen einander auf die Nerven und zehn Minuten später wieder in die Arme, wir zanken uns darüber, ob man Geld lieber sofort ausgeben oder doch auf die hohe Kante legen soll, wir keifen einander wegen offener Zahnpastatuben und herumliegender Schuhe an und wenn wir miteinander essen gehen, dann verhungern wir fast, weil wir uns nie entscheiden können, in welchem Restaurant wir einkehren wollen.

Ich weiss, Perfektion sieht anders aus. Aber solange du dich sein darfst und ich mich, solange wir beide wir sind, solange schere ich mich einen Dreck um Perfektion.

Einfach himmlisch, diese Brötchen!

Hier das Rezept, für alle, die auch mal schwelgen möchten.

Zutaten:

1 völlig ahnungslose Ehefrau, die nicht eine Sekunde daran denkt, dass man vier Tage vor ihrem 36. Geburtstag eine Überraschungsparty veranstalten und obendrein noch ihr erstes Buch feiern könnte
1 liebender Ehemann, der trotz turbulentem Alltagsleben noch schnell nebenbei eine Party organisiert
5 Kinder, die voller Begeisterung dabei sind und es auch noch schaffen, dicht zu halten
1 Au-Pair, das sich voller Elan in die Sache dreingibt und dann auch noch eine Bayley’s Torte bäckt
1 Mutter, die nicht mehr aufhören kann, eine wunderbare Torte nach der anderen aus dem Ofen zu zaubern

Diese fünf Zutaten gut vermischen und einige Tage lang ziehen lassen, dann die folgenden Zutaten untermengen und alles vier, fünf oder sechs Stunden lang backen:

1 Schwester, die am Samstagmorgen früh aufsteht, um bei den Vorbereitungen zu helfen
liebe Freunde, die Crêpes-Teig und andere Köstlichkeiten mitbringen
möglichst viele liebe Freunde und Verwandte, die einen mit lieben Worten überhäufen (und die einen rabenschwarz anlügen können, wenn sie einen fünf Minuten vor dem Fest in der Stadt über den Weg laufen 😉 )
eine Horde von fröhlichen Kindern, die sich zum Teil noch nie begegnet sind, die aber dennoch den ganzen Nachmittag vergnügt miteinander spielen
anregende Gespräche mit all den lieben Menschen, die einen durchs Leben begleiten

Eigentlich wären die Brötchen auch so schon der perfekte Genuss, noch besser werden sie aber, wenn man sie mit den folgenden Zutaten verfeinert:

ein Tisch voller liebevoll ausgesuchter Geschenke
und als Garnitur obendrauf ein iPad

Das also waren sie, meine Brötchen. Ich habe sie genossen bis zum letzten Krümel. Jetzt bin ich pappsatt und sehr sehr glücklich.

Eine einzige Frage aber quält mich: Wem aus meiner Familie und meinem Freundeskreis kann ich denn in Zukunft noch trauen? Wo diese wunderbaren Menschen mich doch über Wochen an der Nase herumgeführt haben, damit ich ihrer Überraschung nicht auf die Schliche komme.

Was wird hier eigentlich gespielt?

Irgend etwas führen die im Schilde, „Meiner“, die Kinder und das Au-Pair. Seit Tagen schon schwirren sie grinsend um mich herum, zwinkern sich verschwörerisch zu und machen vieldeutige Bemerkungen. Und wenn ich frage, was denn los sei, schauen sie mich nur erstaunt an und meinen: „Was soll denn schon los sein?“ Schon vor zwei Wochen habe ich geahnt, dass da etwas im Busch ist, aber als ich „Meinen“ fragte, ob er und das Au-Pair irgend etwas ausheckten, da lachte er mich nur aus und behauptete, ich würde ihm nicht vertrauen. Danach vergass ich die Sache wieder, bis Luise vor ein paar Tagen zu Tode betrübt war, dass ich abends nicht mehr zur Gemeindeversammlung gehen mochte, weil sich das Prinzchen nicht wohl fühlte. „Aber Mama, du musst jetzt einfach weggehen. Papa und ich müssen noch unbedingt….“ Was Papa und Luise unbedingt noch mussten, habe ich nicht herausbekommen, weil „Meiner“ unserer einzigen Tochter schnell den Mund zugehalten hat. Aber dass die mir etwas verheimlichen, liess sich jetzt nicht mehr leugnen.

Richtig schlimm wurde es gestern. Da kam „Meiner“ so unglaublich spät von der Schule nach Hause, obschon er wusste, dass ich gleich zum Zahnarzt gehen musste. Als ich ihm an den Kopf warf, er sei doch einfach unmöglich, weil er jedes Mal, wenn ich einen Termin hätte, zu spät nach Hause kommt, grinste er nur und meinte: „Ich bin ja wegen dir zu spät gekommen. Ich musste noch etwas für dich erledigen.“ Was, bitte sehr, gibt es da für mich zu erledigen? Soweit mir bekannt ist, habe ich für einmal keine Befehle erteilt. Aber es wurde noch schlimmer. Schmierte ich Sandwiches, stand meine Familie grinsend daneben und machte dumme Bemerkungen. Stellte ich den Menüplan zusammen, ermahnten sie mich hundertmal für Samstag auf gar keinen Fall ein Mittagessen einzuplanen, weil dann „Karlsson und Luise so Brötchen backen wollen. Sie haben da ein interessantes Rezept gefunden.“ Und wenn ich sagte, hier sei etwas faul, brachen sie alle in lautes Gelächter aus und „Meiner“ versicherte mir, dass „wirklich gar nichts ist, oder zumindest nichts Grosses“.

Fast wäre ich so naiv gewesen, ihm zu glauben. Ja, die werden wohl irgend eine kleine Überraschung im engsten Familienkreis planen, dachte ich mir. Ich habe ja auch schon bald Geburtstag. Aber als ich heute Abend zur Kirche ging, um den neuen Pastor zu wählen, wünschte mir jemand einen wunderschönen Samstag und als ich wissen wollte, weshalb, schaute er mich nur vielsagend an. Als dann auch noch die daneben stehende Person bemerkte, ach ja, das von Samstag habe sie auch schon gehört, aber sie wisse nicht mehr, wer ihr das erzählt hätte, da wurde mir langsam mulmig. Was um Himmels willen läuft da bloss hinter meinem Rücken? Die werden doch nicht etwa die halbe Welt dazu verdonnern, irgend etwas zu tun, was mit mir zu tun hat.

So langsam kommt ein altbekanntes Gefühl in mir hoch: Ich fühle mich mal wieder wie Obelix, der nicht mitkriegt, was gespielt wird. Alle sind eingeweiht und lachen sich halb krank. Nur ich laufe nichts ahnend durch die Gegend und kann nicht begreifen, was die alle so lustig finden.

Nun ja, vielleicht bekomme ich ja am Samstag einen Haufen Römer, die ich vermöbeln darf….

Was hat er denn bloss?

Heute habe ich den ganzen Tag geshoppt. Also, geworkshoppt, meine ich. Gemeinsam mit fünf anderen Frauen haben wir geplant, Papiere entworfen, unser Gehirn erstürmt, Konzepte durchgelesen und diskutiert. Wir haben uns mit Leidenschaft in die Arbeit gestürzt, wie man das beim Shoppen, ääähm beim Workshoppen eben tut. Und am Abend wusste  ich mal wieder, wie geschafft man sein kann, wenn man einen Tag lang Planungsarbeit leistet.

Nicht dass ich an gewöhnlichen Tagen nur auf der faulen Haut liegen würde.  Aber hin und wieder – etwa alle fünf Minuten, öfter war’s bestimmt nicht – habe ich mich in den vergangenen Jahren nach ein bisschen entspannender Kopfarbeit im Büro gesehnt. Nach einer endlosen Sitzung mit Erwachsenen, die sich nicht heulend auf dem Fussboden wälzen, wenn ich mal nein sage. Nach einem Arbeitstag, der erfrischt und nicht auslaugt.

Nun, nach dem Marathon von heute weiss ich wieder, dass das alles nicht ganz so entspannend ist, wie das in meiner Erinnerung geblieben war. Den Heimweg  legte ich auf dem Zahnfleisch zurück und ich freute mich darauf, zu verkünden, ich hätte ja den ganzen Samstag gearbeitet, weshalb ich keinen Finger mehr krumm machen müsste. Was aber mitnichten der Fall war, denn aus mir völlig unverständlichen Gründen war „Meiner“ auch ziemlich geschafft. Irgend etwas von „Wie hast du das bloss all die Jahre ausgehalten Vollzeithausfrau zu sein?“, brabbelte er. Und dann noch: „Ich glaube, wenn ich das gemacht hätte, hätten die Kinder jeden Tag einen DVD geschaut.“ Und schliesslich auch noch etwas von „einmal Staub gesaugt, zweimal aufgeräumt und jetzt sieht man nichts mehr davon.“

Ich weiss auch nicht so recht, was „Meiner“ an diesem Samstag so anstrengend fand. Ich meine, er hatte ja bloss drei Kinder  zu betreuen; die Grossen waren in der Jungschar. Nun ja, da waren auch noch die zwei Kinder meiner Schwester, aber das ist doch ein Klacks. Die beiden sind ja so brav.

Das war doch einfach nur ein ganz normaler Hausfrauenfrusttag, was „Meiner“ da erlebt hat. Danach hat man doch keinen Grund zum Jammern, oder?

Aus dem Lot geraten

Es ist mal wieder soweit. Die Balance stimmt nicht mehr. Woran ich das merke? Zuerst einmal an der Tatsache, dass sich die unerledigten Aufgaben – oder die Pendenzen, wie wir Schweizer diese zu nennen pflegen – auf meinem Bürotisch stapeln. Ein zweites Indiz ist meine Lautstärke. Je lauter ich werde, umso deutlicher ist, dass ich gestresst bin. Zurzeit bin ich sehr laut. Nun gut, ich wäre sehr laut, wenn meine Stimme mitmachen würde. Macht sie aber nicht und deshalb versagt sie bei jeder zweiten Schimpftirade. Was mich zu einem weiteren untrüglichen Zeichen führt: Meine Gesundheit ist mal wieder angeschlagen. Nein, krank bin ich nicht. Aber gestern ein Kratzen im Hals, heute ein schmerzendes Knie und morgen ein kleines bisschen Kopfweh sprechen eine deutliche Sprache.

Hatte ich mir bis gestern Abend noch einreden können, es sei alles gar nicht so schlimm, habe ich mir heute Nachmittag den ultimativen Beweis geliefert, dass da wiedermal austariert werden muss. Es war halb fünf, das Au-Pair hatte Pause, Luise musste ins Ballett gefahren werden, ich wäre theoretisch im Büro am Arbeiten gewesen und von „Meinem“, der die Situation hätte retten sollen, fehlte jede Spur. Wäre alles im Lot, so hätte ich ihn angerufen und ihn freundlich gefragt, wann er denn heute heimkomme. Aber weil nichts im Lot ist, klang das dann etwa so: „Wo zum Donnerwetter steckst du? Hast du denn vergessen, dass Luise ins Ballett muss? Jetzt sitze ich wieder in der Tinte, bloss weil du mir nicht gesagt hast, dass du eine Besprechung hast…“ Das alles in einer Lautstärke, dass die Kinder in Deckung gingen und der Gesprächspartner von „Meinem“ wohl auch.

Nachdem ich das Telefon wütend in die Ecke geknallt hatte, war mir klar: Es muss geredet werden. Die neuen Stundenpläne, der neue Arbeitsort, die Zusatzaufgaben und so weiter haben alles auf den Kopf gestellt. Lebten wir vor den Sommerferien die beinahe perfekte Balance von Familie, Arbeit, Lernen  und Haushalt, habe ich im Moment das Gefühl, als seien wir blutige Anfänger im Jonglieren der verschiedenen Aufgaben. Und weil „Meiner“ und ich immer eine gewisse Zeit brauchen, bis wir merken, wo der Hund begraben liegt, ist es einmal mehr dazu gekommen, dass ich die völlig unausgeglichene Mama-Hausfrau-Vereinsaktuarin-Ehefrau-Bloggerin-Möchtegernmehrautorin bin. Meine Traumrolle, die mir aber so unausgeglichen gar nicht passt. Und „Meinem“ und den Kindern wohl auch nicht, obschon ich aus Angst vor der Antwort gar nicht erst fragen mag.

Also gibt’s nur eins: „Meiner“ und ich müssen mal wieder reden. Vielleicht auch zweimal oder dreimal. Vielleicht auch öfter, so lange, bis die Balance wieder stimmt und „Meiner“ nicht mehr davor zittern muss, einen Anruf von mir entgegenzunehmen.

Auf die Schliche gekommen

Kinder scheinen sich ja in  den schillerndsten Farben auszumalen, was ihre Eltern so treiben, kaum sind die Knöpfe im Bett. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb die kleinen Menschen sich standhaft dem Schlaf widersetzen. Die wollen doch nur wach bleiben, damit sie alle zehn Minuten ins Wohnzimmer schleichen können, in der Hoffnung, dort würde gerade eine ausgelassene Party gefeiert. Und vor allem in der Hoffnung, sie dürften bei dieser Party mitmachen. Ich kenne ein einziges Kind – und ich verwende hier das Wort „kennen“ in einem sehr weit gefassten Sinn -, das begriffen hat, was die Eltern tun, wenn die Kinder schlafen. Das Kind heisst Calvin und er ist stolzer Besitzer eines beinahe echten Tigers namens Hobbes. Dieser Calvin also erklärt irgendwann im Laufe seiner absurden Abenteuer, unter einer wilden Nacht verstünden seine Eltern, dass sie einen Löffel mit echtem Kaffee in ihr koffeinfreies Gebräu mischen würden. Wie wir erfahrenen Eltern wissen, hat Calvin damit den Nagel auf den Kopf getroffen und eigentlich könnten sich die Kinder jetzt getrost jeden Abend schön brav um acht schlafen legen. Gut, ein bisschen übertrieben hat er ja schon, der gute Calvin. Meistens fehlt uns nämlich der Mut, unseren  geschundenen Nerven nach acht Uhr noch Koffein zuzumuten. Man kann ja nicht jeden Tag mit einer wilden Nacht beenden. Meist bleibt es also bei koffeinfreiem Kaffee, einem kurzen Schwatz, „Zehn vor Zehn“ und ein paar Minuten lesen.

Und genau bei einem solchen Abendritual hat Luise uns neulich erwischt. Sie konnte nicht einschlafen, angeblich, weil sie sich vor der bösen Nixe Mantora fürchtete, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich, weil sie für diesen Abend von ihren Brüdern als Spionin in elterliche Gefilde entsandt worden war. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb das Kind auch gegen Mitternacht noch hellwach beim schlafenden Prinzchen im Gitterbett lag und vorgab, zu lesen. Und zwar genau in einem der Bücher, in denen die böse Nixe Mantora, die ihr eben noch so grosse Angst eingejagt hatte, ihr Unwesen treibt. Ist doch suspekt, nicht wahr? „Meiner“ und ich nutzten die Gunst der Stunde und lasen auch noch ein wenig, doch nach zehn Minuten war Schluss: Uns fielen die Augen zu.

Was zur Folge hatte, dass wir am nächsten Morgen Luises beissendem Spott ausgesetzt waren: „Ihr seid ja so unglaublich langweilig! Ihr geht ins Bett, lest noch ein wenig“- sie mimt einen gelangweilten Lesenden – „und dann löscht ihr auch schon das Licht und schlaft. Einfach so, tief und fest, bis am Morgen.“

Ja, was hast du denn gedacht, was wir tun würden, meine liebe Luise? Hast du wirklich geglaubt, wir würden eine wilde Party feiern, solange du noch wach bist? Aber nein, das Lichee-Bier, – drei Deziliter nur für uns beide – die romantische Komödie und das Extra-Dessert, von dem ihr Kinder nie etwas erfahren dürft, holen wir erst hervor, wenn ihr alle tief und fest schlaft. Ich kann dir versichern, meine liebe Tochter, dann geht die Post ab. Dann kann es tatsächlich vorkommen dass,… aber halt, das geht dich alles gar nichts an.

Aber rächen werden wir uns ohnehin für deine unverschämte Spionage.  Dann, wenn du selber Kinder hast und dir spätestens nach drei Sätzen die Augen zufallen. Dann schicken wir dir eine Postkarte von irgend einer Seniorenkreuzfahrt, wo wir so richtig auf den Putz hauen. Und dann werden wir ja sehen, ob du bis zum Ende der Postkarte wach bleibst, oder ob du schon vorher zu schnarchen anfängst.

Si tacuisses….

Nein, es geht nicht um die Philosophenwürde, die „Meiner“ wegen einer unbedachten Bemerkung verloren hat. Dennoch hätte er besser geschwiegen. Hätte er nichts gesagt, dann wäre es einfach ein ganz gewöhnlicher Tag gewesen, der schon im Eimer ist, bevor er richtig begonnen hat. Ein Tag, an dem man bereits um zwanzig nach sieben zum ersten Mal laut werden muss, weil keiner zuhört. Ein Tag, an dem man sich am Morgen vornimmt, die Wäscheberge zu beseitigen, den Haushalt auf Vordermann zu bringen und dem Zoowärter das Liederbuch von vorne bis hinten und wieder zurück vorzusingen. Ein Tag, an dem diese Pläne aber so oft durchkreuzt werden, dass man bereits um neun Uhr schon gar nicht mehr weiss, was man eigentlich vorgehabt hätte. Ein Tag, an dem man es erst um zehn Uhr unter die Dusche schafft, wo man, kaum ist man von Kopf bis Fuss eingeseift, vom Telefon gestört wird. Und dann, nachdem man wieder unter dem warmen Wasserstrahl steht, gleich noch einmal einen Anruf bekommt. Ein Tag, der in ähnlichem Stil weitergeht und der seinen Höhepunkt darin findet, dass man einen heulenden Karlsson abends um Viertel nach acht zum Strafjäten in den Garten schicken muss, weil er versucht hat, Luise eins mit der Geige überzubraten. Kurz, ein Tag zum Vergessen.

Wenn „Meiner“, der heute krank war und deswegen vom Sofa aus jedes Drama miterlebt hat, nicht diese Bemerkung gemacht hätte: „Das ist ja nicht zum Aushalten, was du da alles über dich ergehen lassen musst. Da drehst du ja irgendwann durch!“ Vor dieser Bemerkung war es ein Tag gewesen wie so viele. Nach dieser Bemerkung war es ein Tag, an dem ich mich von Minute zu Minute tiefer ins Selbstmitleid stürzte, so dass ich gegen Abend, als das Fass auch für mich am Überlaufen war, beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Hätte „Meiner“ nichts gesagt, dann hätte ich mir keine weiteren Gedanken über diesen miesen Tag gemacht. So aber wurde mir plötzlich bewusst, dass gewisse Tage tatsächlich eine ziemliche Zumutung sein können.

Doch weil er nicht geschwiegen hat, bin ich mal wieder ins Philosophieren geraten und zwar über die wohl nie zu beantwortende Frage, ob Tage wie heute  zum gewöhnlichen Lauf der Dinge gehören, oder ob das ganze Chaos nur an mir liegt.