Interkultureller Dialogversuch, Teil III

Dialog Nr. 3

Daran beteiligt: Schwiegermama und ich. Wir unterhalten uns darüber, was aus Karlsson nach der obligatorischen Schulzeit werden soll.

Ich: „Er ist halt eher ein Kopfmensch, ich denke also, er wird noch ein paar Jahre Schule anhängen.“

Schwiegermama: „Es muss ja nicht jeder Nägel einschlagen.“

Ich: „Tja, allzu praktisch veranlagt ist er wirklich nicht. Das hat auch die Berufsberaterin gesagt.“

Schwiegermama: „‚Deiner‘ war als Kind auch eher so. Nicht so praktisch, mehr mit dem Kopf.“

Ich: „So war ich auch. Habe lieber gelesen, als etwas mit den Händen gemacht. Karlsson hat das also gleich von uns beiden.“

Schwiegermama: „Tja, wenn gleich beide nichts können, dann werden Kinder eben so wie Karlsson.“

expectations; prettyvenditti.jetzt

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Lesegebrumm

Für eine neue Artikelserie wälze ich derzeit Erziehungsratgeber. Na ja, so richtige Ratgeber sind es nicht, mehr so Bücher, die einem ans Herz legen, eine enge Bindung zum Kind aufzubauen, anstatt starre Programme durchziehen zu wollen. Bücher also, die mir in vielerlei Hinsicht aus dem Herzen sprechen. Und doch rege ich mich zuweilen gewaltig auf bei der Lektüre. 

Zum Beispiel, wenn eine gut situierte Autorin wortreich beteuert, dieser Erziehungsstil sei nicht nur für Gutbetuchte und zwei Abschnitte weiter unten sagt sie, ihr Mann hätte seinen gut bezahlten Job sausen lassen um sich ganz den Kindern zu widmen, weil sie ja genug verdient, um die Familie alleine zu ernähren. Ich lese, überlege kurz, wie unser Kontostand damit fertig würde, wenn einer von uns beiden nur noch für die Familie da wäre und brumme „Nicht nur für Gutbetuchte, genau!“

Oder wenn mehrere Autoren dieser Sparte dafür plädieren, das Baby auch nur mal zum Nuckeln an die Brust zu legen, weil das so viel besser sei als jeder Nuggi. Ich brumme schon wieder: „Schön und gut, aber was ist mit Frauen, die wie ich damals schon ohne dauerndes Anlegen beinahe in der Milch ersaufen und deshalb pausenlos auf der Hut sein müssen vor der nächsten Brustentzündung?“ 

Oder wenn ein Autor rät, wenn Mama die Decke auf den Kopf falle und Baby pausenlos schreie, dann sollten sie doch einfach zusammen an den Strand gehen, ein wenig frische Luft und Wellenrauschen sei genau das Richtige in einem solchen Moment, bei ihnen hätte das jeweils Wunder gewirkt. „Ach so, an den Strand hätte ich gehen müssen. Wäre ja auch gar nicht soooo weit gewesen…“, brumme ich. 

Oder wenn der gleiche Autor freudig davon berichtet, wie er und seine Frau die Kleinen eben auch noch als Dreijährige in der Trage gehabt hätten, wenn das Kind das gebraucht habe. Klar das Kind sei schon etwas grösser und schwerer in diesem Alter, aber damit komme man schon klar. Mein Gebrumm diesmal: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat war mit drei wohl knapp einen Meter gross, ich bin eins dreiundfünfzig, wie ich den langen Kerl wohl stundenlang mit mir rumgetragen hätte?“ 

Oder wenn noch einmal dieser Autor ein paar Kapitel weiter hinten aufs Thema Schule zu reden kommt. Man müsse sich eben die Lehrpersonen vor dem Schuleintritt sehr genau anschauen und dann dafür sorgen, dass das Kind zu derjenigen komme, die am besten zum Kind passe. Und falls es trotzdem nicht klappen sollte, müsse man eben eine Schule wählen, die besser auf die Bedürfnisse des Kindes ausgerichtet sei. Und schon wieder brumme ich, etwas, was verdächtig nach „Vollidiot!“ klingt. Und dann schiebe ich hinterher: „Schon mal davon gehört, dass freie Schulwahl in gewissen Ländern nur für Menschen mit grossem Portemonnaie möglich ist?“

Erstaunlich viel Gebrumm für eine Lektüre, die mir in den Grundzügen durchaus zusagt. Ein Gebrumm, das deutlich leiser wäre, wenn die Autoren beim Schreiben etwas weniger Rosarot eingesetzt hätten. 

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Reifezeichen

Karlsson, der Luise zurechtweist, weil sie abends um halb zehn noch immer fröhlich auf meinen arg strapazierten Nerven rumtanzt. „Wie oft muss Mama noch sagen, dass sie es nicht mehr lustig findet? Kannst du das nicht mal endlich respektieren?“

Luise, die mir dabei zusieht, wie ich ihren kleinen Brüdern die Läuse aus dem Haar kämme und plötzlich sagt: „Also, ich glaube nicht, dass ich so viel Geduld hätte wie du, wenn ich das bei meinen Kindern machen müsste.“ Und dies ganz und gar frei von Ironie, obschon ich eben erst den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufs Ärgste zusammengestaucht habe, weil er nie stillsitzen will und bei jedem kleinsten Ziepen losheult.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der nicht nur brav nickt, wenn ich ihm sage, er dürfe noch eine halbe Stunde ans iPad, müsse danach aber sogleich seine Hausaufgaben erledigen, sondern dies dann auch ohne jegliche Ermahnung so durchzieht und obendrein noch Trompete übt. 

Täusche ich mich, oder zeigen unsere drei grössten Kinder in letzter Zeit beunruhigende Anzeichen von Reife? 

deux, prettyvenditti.jetzt

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Schulsystemkonform

Ein letztes Mal trabte ich heute Nachmittag im Kindergarten an, um mich mit der Lehrerin über die schulische Zukunft eines unserer Kinder zu unterhalten und dieses letzte von vielen Kindergarten-Elterngesprächen war ein absolutes Novum für mich. Da war kein Hauch von „Ein liebes Kind, aber leider fast ein wenig zu schüchtern“, keine Spur von „In diesem Bereich müssen Sie unbedingt mit ihm arbeiten, sonst wird es schwierig“, keine Andeutung in Richtung „Eventuell könnte da mal eine Therapie nötig werden.“ Nein, nichts dergleichen, einfach nur: „Er macht das wirklich toll, bringt alles mit, was er für die Schule braucht und ist voll und ganz bereit für den nächsten Schritt.“ 

„Warum freust du dich so über dieses Gespräch? Das Prinzchen kommt ja ohnehin in die Schule, egal, ob er bereit ist oder nicht“, meinte Luise, als ich völlig beschwingt nach Hause kam. „Du kannst dir ja nicht vorstellen, wie schön es ist, wenn mal nicht an deinem Kind rumgemäkelt wird“, gab ich zur Antwort. Und wie ich das sagte, dämmerte mir, dass“Meiner“ und ich im fünften Anlauf doch noch ein schulsystemkonformes Kind zustande gebracht haben. (Nicht dass ich dies für besonders erstrebenswert erachte, aber es macht die Dinge deutlich einfacher…)

la dignità; prettyvenditti.jetzt

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Berufswahl auf Prinzchen-Art

Das Prinzchen meidet das Thema seines nahenden Schuleintritts so weit als möglich. An den Abschied vom Kindergarten mag er gar nicht denken. Darum war ich ziemlich erstaunt, als er heute plötzlich zu mir sagte: „Ich muss einmal ein sehr guter Schüler werden.“ „Warum denn?“, wollte ich wissen. Seine Antwort kam messerscharf: „Ich will mal Spitalarzt werden, damit ich Menschen gesund machen kann. Das ist eigentlich der einzige wichtige Beruf, den ich kenne.“ 

Na ja, ich könnte mir noch zwei oder drei andere wichtige Berufe vorstellen, aber wenn er meint…

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Kommt und besucht mal Barbamama

Es hat lange gedauert, bis ich zu dieser Erkenntnis gefunden habe, aber vielleicht wollte ich das Augenfällige einfach nicht wahr haben. Jetzt aber weiss ich es: Ich bin Barbamama – Mutter dieser wunderbar wandlungsfähigen Wesen -, die ausgesetzt worden ist, um mit einer Horde von ganz und gar inflexiblen Wesen unter einem Dach zu leben. Barbamama, die sich problemlos umformen kann, je nachdem, was gerade gefragt ist, ein knetmassenähnliches Wesen, ausgesetzt in einer Familie von ganz und gar starren Menschen. 

Barbamama windet am Kolumnen-Dienstag ihre Sätze um Karlssons Geplauder herum, wenn dieser ausnahmsweise erst später zur Schule muss und deshalb die geschwisterfreie Zeit mit ihr geniessen will. Sie schiebt den Wäscheberg hin und her und wieder zurück, weil die Gäste an „Meiners“ Vernissage einen Apéro geniessen sollen, die Planung aber nicht ganz geklappt hat. Sie vollführt einen kunstvollen Tanz durch die ganze Wohnung, um den Interviewpartner auf der anderen Seite der Telefonleitung vor dem Geplapper der kranken Luise zu schützen. Sorgsam baut sie ihre Termine um die Stundenpläne sämtlicher Familienmitglieder herum und sitzt am Ende doch mit Freundin und Zoowärter zu Hause am Kaffeetisch, weil sie das kranke Kind nicht mit in die Stadt schleppen kann. Ihre Arbeitstage zerstückelt sie in kleinstmögliche Portionen, weil immer irgend einer etwas hat, wenn sie eigentlich ungestört arbeiten möchte. Wenn es dann doch mal zu klappen scheint, ruft die Lehrerin an und meldet, das Bauchweh des FeuerwehrRitterRömerPiraten sei so schlimm, dass der Junge nach Hause kommen müsse und schon schlingt Barbamama ihre wendigen Arme um das arme Kind, anstatt mit den vier oder fünf Fingern, die sie zum Tippen braucht, in die Tasten zu hauen. Genau so kunstvoll, wie sie sich physisch an ihre Lieben anpasst, tut sie dies mit ihren Gedanken, die eigentlich lieber eine längst fertige Geschichte in schöne Sätze giessen möchten. Stattdessen beschäftigen sich Barbamamas Gehirnwindungen dann halt mit der Frage, wo Zoowärters Schuhe hinmarschiert sein könnten, wie „Meiner“ den Beamer anschliessen muss und warum Edith Piaf für Karlssons Ohren wunderschön, für fast alle anderen aber schier unerträglich klingt. Ja, zuweilen lässt sie sich sogar dazu hinreissen, das Transportmittel zu machen, wenn mal wieder einer zu faul ist, die eigenen Beine zu bewegen, um zur Trompetenstunde zu fahren und deshalb gerade spät genug behauptet, das Velo habe einen Plattfuss. 

Versteht mich nicht falsch, Barbamama fühlt sich ganz wohl bei dieser Horde, sie liebt sie sogar heiss und innig und sieht den Sinn jeder einzelnen Programmänderung durchaus ein. Sie hat auch nicht grundsätzlich etwas dagegen, spontan, wandlungsfähig und formbar zu sein. Manchmal wünschte sie sich einfach, es wäre nicht immer sie, die sich und ihr Programm den Plänen und Verpflichtungen der anderen entsprechend deformieren muss. Und manchmal fragt sie sich, wo denn eigentlich ihr rosaroter Barbapapa mit den sieben zu jeder Wandlung fähigen Kindern geblieben ist. 

barbapapa

Mittwochnachmittag

Kater Leone schleicht um den vom Mittagessen übrig gebliebenen Speck, währenddem Theoderich von Ravenna versucht, Luise den Unterschied zwischen Westgoten und Ostgoten zu erklären. „Meiner“ jubelt derweilen lauthals über ein paar kaputte Bilderrahmen, die seine Vorfreude auf die erste Fotoausstellung steigern, was mich dazu veranlasst, ihm den alten Hit „Du magst ja toll sein, aber im Moment gehst du mir nur noch auf den Geist und hör auf zu jammern, du hast es dir selber eingebrockt“ vorzutragen. Aus mir unerklärlichen Gründen gefällt ihm meine brillante Performance nicht, weshalb er mit il Cugino das Weite sucht. Natürlich setzen wir unser eheliches Turteln fort, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, denn solche einmaligen Momente sollte man geniessen. 

Später zähmt das Prinzchen ein paar Drachen, obschon heute eigentlich keine Flimmerkiste auf dem Tagesplan stünde. Ein Plan, der leider nicht eingehalten werden kann, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat sich mit Grossmama nach Narnia aufmacht und da wäre es doch nicht fair, das Prinzchen alleine in der langweiligen Realität zu lassen. Wo doch sogar der Zoowärter für ein paar Stunden seinem selbst verschuldeten Hausaufgabeneldend entfliehen darf, um mit einem Freund Monster zu jagen oder so.

Weil Theoderich sich so grottenschlecht erklärt, zeichne ich auf dem Küchenboden kniend so etwas wie Europa, um Luise das mit den West- und Ostgoten zu veranschaulichen, aber sie sieht nur, dass der Stiefel von Italien ganz dringend Schnürsenkel braucht. Als die West- und Ostgoten samt Franken, Rätier, Alemannen und Langobarden dann doch endlich erledigt sind, eröffnet mir Luise, dass sie mit mir noch ein wenig in der Sprache der Angelsachsen zu parlieren gedenkt, was aber irgendwie nicht so richtig klappen will, weil Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat zur „My Heart Will Go On“-Konzertprobe müssen und vorher noch mit Nachbars darüber diskutiert werden muss, ob die Probe im oberen oder im unteren Schlagzeugraum stattfinden wird. Dazwischen ist noch ein wenig Empörung gefragt, weil es bei Karlsson im Turnunterricht einen Punkt gibt, wenn eine Sie einen Er mit dem Ball am Kopf trifft, umgekehrt aber nicht. Der Zoowärter, der inzwischen von der Monsterjagd zurückgekehrt ist, will sich seinem Hausaufgabenelend widmen, doch dieser aufsässige Lego-Kerl, den er gestern zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, funkt andauernd dazwischen und kräht: „Wann machst du mir endlich meine Flügel fertig? Ich will fliegen!“ 

Irgendwann geht der Nachmittag in den Abend über; nachdem alle Bäuche gefüllt sind, zieht sich einer nach dem anderen zurück, der eine mit seinen Lego-Kerlen, der andere mit Narnia im Kopf, die Dritte hoffentlich mit Theoderich von Ravenna und nicht mit Whatsapp. „Meiner“ streut irgendwo noch ein paar Mehlschriften und auf mich wartet das Vergnügen, die Spuren dieses Tages zu verwischen, damit morgen wieder Platz ist für neue. 

Wobei, wenn ich mir’s recht überlege…ich lasse die Spuren lieber bis morgen früh bleiben und schmeisse mich in die Badewanne. Wäre doch schade, das ganze Chaos schon wieder zu beseitigen, wo doch so viel Familienleben nötig war, um es derart kunstvoll auf die ganze Wohnung zu verteilen. 

troppo da mangiare; prettyvenditti.jetzt

troppo da mangiare; prettyvenditti.jetzt

Womit mich die Schule auf die Palme treibt

Schönfärberei I

Ein Elternabend mit netten Power-Point-Präsentationen, die beweisen sollen, wie sorgfältig die Zuweisung in die verschiedenen Oberstufentypen doch durchgeführt wird und ich kann nur den Kopf schütteln, weil ich jeden Tag mit eigenen Augen sehe, wie wenig die Tabellen und bunten Feldchen mit der harten Realität zu tun haben. So schlimm sind meine Zweifel am hiesigen Schulsytem inzwischen, dass ich mich manchmal beim Gedanken ertappe, unsere Sachen zu packen und zurück in den Aargau zu ziehen. (Tut mir leid, liebe Leser von anderswo, aber die Tragweite dieser Aussage ist leider nur für Schweizer verständlich.)

Finken – Nein, nicht die fliegenden, die für die Füsse

Finken sind doof. Fand ich schon immer und darum trage ich keine. Als grundsätzlich zur Kooperation bereiter Mensch sehe ich aber ein, dass ich meinen Kindern Finken kaufen muss, weil die Schule dies so wünscht. Also stürme ich einmal im Jahr – im August, auf den letzten Drücker – ins Schuhgeschäft, um mit meiner Horde Finken zu kaufen. Damit habe ich meine Pflicht getan und ich will die Finken erst wieder zu Gesicht bekommen, wenn sie zerfetzt und unbrauchbar sind und deshalb ersetzt werden müssen. Von mir aus dürfte die Schule sie auch gleich entsorgen, aber da meine Kinder zuweilen mitten im Schuljahr auf die abstruse Idee kommen, sie bräuchten neue Finken, bin ich ganz froh, wenn man mir Beweismaterial nach Hause bringt, mit dem die Notwendigkeit eines Kauf zweifelsfrei belegt werden kann. 

Lange Jahre ging das gut, aber in letzter Zeit hat die Schule sich diese Saumode angewöhnt: Am letzten Tag vor den Ferien schicken sie mir die Kinder mitsamt Finken nach Hause, am ersten Tag nach den Ferien erwarten sie meine Sprösslinge wieder zurück, natürlich mit Finken. Und das fünfmal im Jahr, bei mindestens zwei, manchmal auch bei drei Kindern, je nach Bereitschaft der Lehrperson, das Schuhwerk über die Ferien irgendwo im Schulzimmer vor dem putzwütigen Abwart in Sicherheit zu bringen. Natürlich schaffen es die Kinder nicht, ihre Finken über die Ferien im Schulsack zu lassen, was unweigerlich dazu führt, dass die eine oder andere Lehrerin mir gegen Ende der ersten Schulwoche ein Brieflein zukommen lässt: „Liebe Frau Venditti, würden Sie dem FeuerwehrRitterRömerPiraten bitte dringend ein Paar Finken mitgeben.“ Aber natürlich sind die Dinger von vor den Ferien nicht mehr auffindbar, weshalb ich mich entweder zu einer ausgedehnten Suchaktion oder einem Besuch im Schuhgeschäft genötigt sehe. Eindeutig zu viel Finken-Theater für meinen Geschmack…

Schönfärberei II

Man macht jetzt keine „Beurteilungsgespräche“ mehr, weil das zu negativ klingt. Der Inhalt des inzwischen üblichen „Standortgesprächs“ ist deswegen aber nicht erbaulicher geworden. 

Turnsachen 

Eigentlich die gleiche Geschichte wie bei den Finken, mit dem Unterschied, dass die Kinder das ganz und gar nicht verschwitzte Turnzeug jedes Mal nach dem Turnunterricht nach Hause bringen und beim nächsten Mal wieder mitnehmen müssen. (Wohlverstanden, wir reden hier nicht von Teenagern, die das Zeug tüchtig verschwitzen, sondern von Siebenjährigen, denen beim Sport wohl nicht mal richtig warm wird. Zu Karlssons Zeiten durfte man den Beutel jeweils noch in der Schule lassen, bis wieder Ferien waren, was bei uns ja alle paar Wochen der Fall ist.)

Lassen Sie mal Ihr Kind abklären…

…aber erwarten Sie bloss keine Unterstützung von unserer Seite. Unsere Kapazitäten sind mit den echten Problemfällen mehr als ausgeschöpft. (Was ich als Ehefrau eines Lehrers voll und ganz verstehe, aber das Problem an unserem Bildungssystem sind ja auch nicht die praktizierenden Lehrer, sondern die gescheiterten Lehrer, die jetzt irgendwo in einem Büro der Bildungsdirektion sitzen und auf sehr sehr geduldigem Papier die Schule von morgen skizzieren.)

calorie

calorie; prettyvenditti.jetzt

Sterbender Schwan & Co.

Wer hier mitliest, weiss, wie sehr ich meine Kinder vergöttere und darum nehme ich mir heute die Freiheit heraus, mal so richtig  über sie abzulästern und dies ganz ohne schlechtes Gewissen. Was ich hier schreibe, kann ich ihnen nämlich auch jederzeit direkt ins Gesicht sagen, also ist es streng genommen gar nicht gelästert. 

Was mir so unglaublich auf den Geist geht, ist zum Beispiel diese meisterhafte Inszenierung des sterbenden Schwans. Da sagst du zu deinem Kind: „Schieb mal bitte deine Legos ein wenig zur Seite, damit ich sie nicht aufsauge, wenn ich hier saubermache“ und schon füllen sich die Augen mit Tränen, ein herzzerreissendes „Immer ich“-Wehklagen in Moll erklingt und dein Kind kollabiert kunstvoll zu deinen Füssen. Armes, geschundenes Kind. Und dir kommt natürlich mal wieder die Rolle des herzlosen Kunstbanausen zu, der dieser zarten Inszenierung mit einem donnernden „Weisst du eigentlich, wie das in meiner Kindheit war? Holz spalten mussten wir. Wochenlang. Alle zusammen, sogar die Angeheirateten. Und mein Vater war dabei nicht weniger schlecht drauf als ich, wenn ich putzen muss“ ein ganz und gar unpassendes Ende setzt. 

Auch so ein Favorit: Kind vergisst irgendwo seine Winterjacke, merkt das aber erst, als es wieder zu Hause in der warmen Wohnung ist. Mama und Papa gehen mit dem Kind im Geiste noch einmal jede einzelne Station des Tages durch, um herauszufinden, wo Kind das vergessene Kleidungsstück wieder finden könnte. Kind vergisst aber natürlich, das vergessene Kleidungsstück zu holen und schiebt am nächsten Tag im Morgengrauen einen Tobsuchtsanfall: „Warum habt ihr mich nicht daran erinnert, dass ich meine Jacke holen muss? Und warum hat Papa sich nicht darum gekümmert? Er hat doch gesagt, er müsse ohnehin noch einmal zurück? Jetzt muss ich frieren und du kannst den ganzen Tag in der Wärme am Computer sitzen.“ Natürlich zieht sich Kind während dieser Schimpftirade ganz ungerührt seine Ersatzwinterjacke an. Man hat ja nicht nur eine…

Noch so einer, momentan gerade Luises Spezialität: „Mama, wir müssen noch diese Übungsprüfung lösen. Dann haben wir noch die Hausaufgaben in Deutsch. Und nachher müssen wir noch Französisch machen.“ „Wir? Wenn ich mich recht erinnere, habe ich meine obligatorische Schulzeit vor bald 25 Jahren abgeschlossen und auch der Abschluss der freiwilligen Verlängerung liegt schon fast 20 Jahre zurück.“ Aber wehe, du sagst laut, was du da gerade denkst. Dann bist du ganz alleine Schuld daran, wenn aus dem Kind nichts wird, denn du hast dich nicht um seine Hausaufgaben gekümmert.

Seit Jahren in den Top-Ten hält sich die Sache mit dem Essen. Als sie noch klein waren, konnte man es ihnen ja noch nachsehen, dass sie voller Entsetzen auf den Teller starrten und sich fragten, womit ihre Eltern sie diesmal zu vergiften suchten. Man sollte aber meinen, auch das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat hätten genügend Gelegenheit gehabt, Vertrauen in die Kochkünste ihrer Eltern zu fassen, so dass sie nicht bei jedem halbwegs unbekannten Gericht einen Aufstand im Ausmass der Französischen Revolution anzetteln müssten. (Ja, auch die Franzosen mussten damals ziemlich laut nach Brot schreien, bis sie gehört wurden, aber die schrieen nicht bloss, weil Mama oder Papa mal wieder nicht nach ihrem Gusto gekocht hatten.) 

Besonders lieb und teuer sind einem die Kinder, wenn sie eine dieser wunderschönen Sternstunden mutwillig zerstören. Heute früh zum Beispiel: Da sitzen sie alle um den Frühstückstisch versammelt und du willst ihnen von diesem tollen Artikel über Elefanten erzählen, den du gestern in der „NZZ am Sonntag“ gelesen hast. „Wisst ihr, da war ein Mann, der ist heute Elefantenforscher und der hatte schon als Baby einen Plüschelefanten anstelle eines Teddybären…“, fängst du an. „Ich habe sogar drei Plüschelefanten“, unterbricht der Zoowärter mit leuchtenden Augen, in denen die Hoffnung steht, dass dies die allerbesten Voraussetzungen für eine grosse Karriere als Elefantenforscher sind. „Du hast nicht drei, du hast nur zwei“, knurrt Luise hinter ihrem Frühstücksbrot hervor. „Ich hab‘ drei…“, insistiert der Zoowärter. „Aber der Grosse, Weiche gehört gar nicht dir“, beharrt Luise. „Natürlich gehört der mir. Den haben mir Mama und Papa…“ „Stimmt überhaupt gar nicht…“ So geht das weiter, bis beim Zoowärter die Tränen fliessen und Luise die Tür knallt. Und du stehst da und murmelst: „Eigentlich hätte ich euch erzählen wollen, Elefanten hätten diesen unglaublich tollen Zusammenhalt. Die weinen sogar, wenn sie einander vermissen.“ 

Ach ja, da ist noch die Sache mit der Schmutzwäsche, die nie den Weg in die Waschküche findet, obschon das eigentlich seit Jahr und Tag so vereinbart wäre. Wer darf dann dafür geradestehen, wenn keine saubere Hose, kein frisch gewaschener Lieblingspulli, kein löcherfreies Sockenpaar da sind? Du natürlich. Und dein Kind hat mal wieder eine Gelegenheit, den sterbenden Schwan zu geben…

i miei pensieri; Gianluca Venditti

i miei pensieri; prettyvenditti.jetzt

Nicht-Vorsätze

Nicht, dass das hier jetzt Schule macht, wenn ich bitten darf, aber wenn Opa mir ein Stöckchen zuwirft, dann hebe ich das natürlich artig auf, auch wenn ich wirklich nicht so der Stöckchen-Typ bin. Aber eben, für Leute, die mich schon so lange bloggend begleiten, mache ich eine Ausnahme. Opa wollte also von mir wissen, ob ich mir Vorsätze für das neue Jahr gefasst habe.

Na ja, was soll ich sagen? So richtige Vorsätze gefasst habe ich nicht, dazu bin ich einfach nicht diszipliniert genug. Die Tatsache, dass ich mir vor ein paar Augenblicken einen Entsafter bestellt habe, könnten Aussenstehende aber durchaus so interpretieren, dass ich doch nicht ganz immun bin gegen das ganze Vorsatz-Fieber. Den Entschluss, mehr frische Säfte zu konsumieren fällt aber nur zufälligerweise mit dem Jahreswechsel zusammen. Der wahre Grund ist, dass ich die Chemiekeule losgeworden bin, die sich meinen Stoffwechsel zum Sklaven gemacht hatte, weshalb ich jetzt endlich daran denken kann, ein paar der Kilos abzuwerfen, die nach Prinzchens Auszug aus dem Uterus an mir hängen geblieben sind. Ein Vorsatz? Vielleicht, aber keiner, der mit dem Wechsel von 2014 auf 2015 zusammenhängt.

Natürlich könnte man mir auch unterstellen, ich hätte einen Vorsatz in Sachen Schule gefasst, weil ich vor ein paar Tagen „Meinem“ klipp und klar zu verstehen gegeben habe, ich sei nicht mehr länger bereit, unsere Kinder zurechtzuschnipseln, bis sie ins Schulsystem passen. Ob uns andere Wege offen stehen, ist unklar, aber noch so ein Jahr wie das Vergangene stehe ich nicht ein zweites Mal durch. Auch das hat wenig mit dem Jahreswechsel zu tun, es beschäftigt mich einfach jetzt ganz besonders, weil wir fast pausenlos dran sind, mit Luise zu büffeln und mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten Schulprobleme zu wälzen.

Ach ja, da wäre noch die Sache mit dem neuen Entsorgungssystem, über das ich mir Gedanken mache. Weil „Meiner“ meine Versuche, ein möglichst konsequent grünes Leben zu führen im Bereich Recycling permanent untergräbt. Aber ob das ein Vorsatz ist? Ich glaube nicht. Immerhin rede ich „Meinem“ schon seit Jahren erfolglos ins Gewissen, darum wird es Zeit, eine härtere Gangart einzulegen.

Und sonst? Ein paar Gedanken, wie ich meinen Alltag gestalten soll, mache ich mir schon, aber das mache ich mir immer, wenn die Schulferien zu Ende gehen und ich hoffe, endlich einmal ungestört meiner Arbeit nachgehen zu können. Vorsätze würde ich das also nicht nennen. Dann schon eher Luftschlösser, die sich dann doch wieder in Nichts auflösen, wenn der Erste einen Magen-Darm-Käfer von der Schule nach Hause bringt.

Das also, lieber Opa, sind meine Nicht-Vorsätze. Und falls Vaterdasein, Schreibschaukel oder Zwergenalarm ebenfalls über ihre Vorsätze schreiben möchten, nur zu. Aber bitte nicht mir zuliebe, sondern nur, um dem Opa eine Freude zu machen. Der hat sich nämlich für das neue Jahr vorgenommen, öfters mal ein Stöckchen zu werfen und das macht ja keinen Spass, wenn sich keiner bückt, um das Ding aufzuheben. 

pane per tutti; Gianluca Venditti

pane per tutti; prettyvenditti.jetzt