Lesegebrumm

Für eine neue Artikelserie wälze ich derzeit Erziehungsratgeber. Na ja, so richtige Ratgeber sind es nicht, mehr so Bücher, die einem ans Herz legen, eine enge Bindung zum Kind aufzubauen, anstatt starre Programme durchziehen zu wollen. Bücher also, die mir in vielerlei Hinsicht aus dem Herzen sprechen. Und doch rege ich mich zuweilen gewaltig auf bei der Lektüre. 

Zum Beispiel, wenn eine gut situierte Autorin wortreich beteuert, dieser Erziehungsstil sei nicht nur für Gutbetuchte und zwei Abschnitte weiter unten sagt sie, ihr Mann hätte seinen gut bezahlten Job sausen lassen um sich ganz den Kindern zu widmen, weil sie ja genug verdient, um die Familie alleine zu ernähren. Ich lese, überlege kurz, wie unser Kontostand damit fertig würde, wenn einer von uns beiden nur noch für die Familie da wäre und brumme „Nicht nur für Gutbetuchte, genau!“

Oder wenn mehrere Autoren dieser Sparte dafür plädieren, das Baby auch nur mal zum Nuckeln an die Brust zu legen, weil das so viel besser sei als jeder Nuggi. Ich brumme schon wieder: „Schön und gut, aber was ist mit Frauen, die wie ich damals schon ohne dauerndes Anlegen beinahe in der Milch ersaufen und deshalb pausenlos auf der Hut sein müssen vor der nächsten Brustentzündung?“ 

Oder wenn ein Autor rät, wenn Mama die Decke auf den Kopf falle und Baby pausenlos schreie, dann sollten sie doch einfach zusammen an den Strand gehen, ein wenig frische Luft und Wellenrauschen sei genau das Richtige in einem solchen Moment, bei ihnen hätte das jeweils Wunder gewirkt. „Ach so, an den Strand hätte ich gehen müssen. Wäre ja auch gar nicht soooo weit gewesen…“, brumme ich. 

Oder wenn der gleiche Autor freudig davon berichtet, wie er und seine Frau die Kleinen eben auch noch als Dreijährige in der Trage gehabt hätten, wenn das Kind das gebraucht habe. Klar das Kind sei schon etwas grösser und schwerer in diesem Alter, aber damit komme man schon klar. Mein Gebrumm diesmal: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat war mit drei wohl knapp einen Meter gross, ich bin eins dreiundfünfzig, wie ich den langen Kerl wohl stundenlang mit mir rumgetragen hätte?“ 

Oder wenn noch einmal dieser Autor ein paar Kapitel weiter hinten aufs Thema Schule zu reden kommt. Man müsse sich eben die Lehrpersonen vor dem Schuleintritt sehr genau anschauen und dann dafür sorgen, dass das Kind zu derjenigen komme, die am besten zum Kind passe. Und falls es trotzdem nicht klappen sollte, müsse man eben eine Schule wählen, die besser auf die Bedürfnisse des Kindes ausgerichtet sei. Und schon wieder brumme ich, etwas, was verdächtig nach „Vollidiot!“ klingt. Und dann schiebe ich hinterher: „Schon mal davon gehört, dass freie Schulwahl in gewissen Ländern nur für Menschen mit grossem Portemonnaie möglich ist?“

Erstaunlich viel Gebrumm für eine Lektüre, die mir in den Grundzügen durchaus zusagt. Ein Gebrumm, das deutlich leiser wäre, wenn die Autoren beim Schreiben etwas weniger Rosarot eingesetzt hätten. 

prettyvenditti.jetzt

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