Mama, gib mir Bücher!

Eigentlich hätte ich schon längst auf die Idee kommen müssen, was dem FeuerwehrRitterRömerPiraten fehlt. Wenn ein Kind vor lauter Langeweile auf dumme Gedanken kommt, sogar die schwächsten Asterix-Bände fast in- und auswendig kennt und die Lesehausaufgaben innert Augenblicken erledigt, müsste Mama sofort stapelweise Bücher ankarren. Gewisse Mamas brauchen aber hin und wieder einen Wink mit dem Zaunpfahl, um das Offensichtliche zu erkennen.

Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ist nun offenbar der Kragen geplatzt, also hat er gehandelt. Vorgestern bekam er ein neues Buch geschenkt, die Freude darüber war riesig. Wie riesig zeigte sich, als er gestern mitten am Vormittag von der Schule nach Hause kam. Ihm sei schlecht, klagte er, er habe es in der Schule nicht mehr länger ausgehalten. Kaum aber hielt er sein Buch in der Hand, trat eine wundersame Heilung ein, der Junge mochte wieder herumhüpfen wie ein junges Reh. Am Abend war das Buch zu Ende gelesen, der FeuwerwehrRitterRömerPirat eindeutig wieder genesen und so sprach heute Morgen nichts gegen den Schulbesuch.

Um zehn Uhr stand er trotzdem wieder im Wohnzimmer, wieder klagte er über Übelkeit. „Vielleicht habe ich ihm Unrecht getan, er hat sich wohl doch bei euch angesteckt“, sagte ich zu meinen Patienten, die mir beipflichteten. Es sei schon ein wenig unfair vor mir gewesen, ihn in die Schule zu schicken, meinten sie. Dann aber geschah das gleiche wie gestern: Der Feuerwehr RitterRömerPirat schnappte sich sein neues Buch, las es noch einmal von vorne bis hinten durch und wieder trat die wundersame Heilung ein. Am Nachmittag stand einem Bibliotheksbesuch kein Käferchen mehr im Wege.

Mein Sohn, ein Schulschwänzer? Nein, wohl eher ein verzweifelter kleiner Bücherwurm, der seiner Mama irgendwie klar machen musste, wie gross sein Appetit auf Lesestoff ist. Ich hoffe bloss, der Bücherwurm kann jetzt, wo er sich seine eigene Bibliothekskarte erkämpft hat, diesen Appetit zügeln, bis die Schule aus ist. 

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20 lebensverändernde Minuten

Sie haben mal wieder herausgefunden, dass Kinder besser lernen, wenn sie nicht zu früh zur Schule müssen. Haben sie auch früher schon herausgefunden, aber meiner Meinung nach hätten sie gar keine Studien durchführen müssen. Sie hätten auch erfahrene Eltern fragen können und die hätten dann wohl gesagt, dass es bei jedem Kind ein wenig anders ist. Die einen sind morgens um sechs bereits voll aufnahmefähig, die anderen kommen erst gegen elf in die Gänge. Im Grossen und Ganzen – das würden die Eltern wohl sagen – würde die Mehrheit der Kinder lieber länger liegen bleiben, auch jene, die frühmorgens schon taufrisch sind. Weil man aber so etwas nicht einfach so glauben mag, wird nun an einigen Schulen getestet, ob die Schüler glücklicher sind, wenn sie – und jetzt bitte festhalten – zwanzig Minuten später antraben müssen. Glaubt mir, diese zwanzig Minuten werden die Schweiz verändern…

Von solchen Fortschritten dürfen unsere Kinder nicht mal träumen, bei ihnen soll es nämlich nicht später anfangen, sondern früher und zwar auch zwanzig Minuten, wenn ich richtig gelesen habe. Im Grunde genommen müsste ich jetzt aufschreien wollen, denn als bekennender Morgenmuffel, der mindestens drei, vielleicht gar vier  ebenso überzeugten Morgenmuffeln das Leben geschenkt hat, graut mir vor dem Morgengrauen. Dennoch habe ich erst einmal laut gejubelt über die Stundenplanänderung, denn fünfmal zwanzig Minuten früher bedeuten einen zusätzlichen freien Nachmittag für unsere stressgeplagten Kinder. 

Für mehr Freizeit hätte man natürlich auch eine Stundenreduktion ins Auge fassen können, aber vermutlich braucht es noch ein paar Studien, die belegen, dass mehr Lektionen nicht automatisch mehr Wissen bedeuten. Nun ja, man könnte auch die Eltern fragen, ob ihre Kinder klüger geworden sind, seitdem sie mehr die Schulbank drücken müssen…

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Zweifel

Es ist jetzt wieder diese Zeit im Jahr, in der ich mich frage, ob es wirklich der richtige Entscheid war, mich mit einem Schulsystem zu arrangieren, das so gar nicht dem entspricht, was ich mir unter Schule vorstelle. Zweifel kommen auf,…

…wenn beim Elterngespräch nur von Leistung und Fehltritten die Rede ist, nicht aber von Sternstunden und Fähigkeiten.

…wenn die Politik findet, die Erst- und Zweitklässler müssten eben mehr Schulstunden haben, damit sie es besser verkraften, wenn in der Dritten die Schrauben massiv angezogen werden und kaum mehr Zeit bleibt, einfach mal nichts zu tun. Ganz nach dem Prinzip, dass der Frosch ja auch nicht aus dem Wasser springt, wenn man die Temperatur nur ganz allmählich erhöht. Sieden wird das Wasser am Ende trotzdem…

…wenn Karlsson vom Musikschulleiter per Brief angefleht wird, doch bitte bitte in der Oberstufe nicht mit dem Musikunterricht aufzuhören, wie es offenbar so Viele tun, weil sie denken, lernen und Freude an der Musik würden einander gegenseitig ausschliessen. Karlsson hat zwar nicht eine Sekunde daran gedacht, im Sommer mit dem Geigenunterricht aufzuhören. Was aber, wenn dieser Bettelbrief ihn erst auf die Idee gebracht haben, dass er es nicht schaffen könnte, weiterhin seiner Leidenschaft zu frönen und ein guter Schüler zu sein?

…wenn in Prinzchens Kindergartenanmeldung Sätze wie diese zu lesen sind:
„Überdurchschnittlich begabte Kinder können die Schulpflicht beschleunigt absolvieren.“
„Kein Kind darf ohne wichtigen Grund dem Unterricht fernbleiben. Ist ein solcher vorauszusehen, muss für das Versäumnis mindestens 6 Wochen im Voraus eine Bewilligung eingeholt werden.“

…wenn man uns mitteilt, „eine Laufbahnverzögerung des Kindes könnte eventuell erschwert werden“, weil wir nicht gleich zum Therapeuten rennen, wenn ein vollkommen normal entwickeltes Kind sich erlaubt, im Kindergarten noch Kind zu sein.

…wenn soziale Spannungen über Jahre ignoriert werden, zugleich aber für jedes vergessene Blatt eine elterliche Unterschrift eingeholt wird.

Wie lange halte ich es noch aus, meine Kinder zu etwas zu ermutigen, das mir so sehr gegen den Strich geht? Gelingt es mir, das Ganze noch mindestens elf Jahre mitzutragen, oder explodiere ich mal irgendwann mit einem lauten Knall?

Vielleicht muss ich das alles noch einmal mit „Meinem“ eingehend besprechen, obschon diese Diskussion unserem Familienfrieden im vergangenen Jahr ganz gewaltig zugesetzt hat.

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Freitag

Zuerst habe ich ja gedacht, dass sie das doch nicht erwarten kann von mir. Einfach so an einem ganz gewöhnlichen Freitagvormittag ins Thermalbad, nur weil die Lehrerin krank ist. Und natürlich, weil sie noch einen Schwimmbadbesuch zugute hat, eine Belohnung für zwanzig Tage ohne Gemotze bei den Hausaufgaben. Schwimmbad, das heisst für Luise Thermalbad, weil wir dort so selten hingehen. Ist ja auch ein wenig teuer für zwei Erwachsene und fünf Kinder. Aber nur zwei Personen – Mama und Luise -, das geht doch, nicht wahr, Mama? 

Na ja, eigentlich geht es nicht, denn Mama sollte noch Hamburger formen für sieben hungrige Teenager, die heute Abend Karlssons Geburtstag nachfeiern. Sie hätte auch noch Biskuit-Böden für Zoowärters Geburtstag am Sonntag zu backen. Prinzchen  muss noch zum Arzt, weil sich eine Dellwarze stark entzündet hat. Mama will nicht noch einmal am Samstagnachmittag zum unterkühlten Doktor am Bahnhof. Sie will auch nicht noch einmal mit einem Kind für ein paar Tage wegen einer entzündeten Dellwarze ins Spital. Dann wäre auch noch dafür zu sorgen, dass die Wohnung wieder so wird, wie die Putzfrau sie am Mittwoch hinterlassen hat. Thermalbaden liegt also wirklich nicht drin. 

Auf der anderen Seite ist fraglich, wie lange Luise noch ohne Scham ihre schwangerschaftsgestreifte und vom Leben deformierte Mama ins Thermalbad schleppen wird. Vielleicht darf Mama schon bald nicht mehr mit, weil sie nicht cool und schön genug ist. Ausserdem hat Töchterchen jetzt schon kaum mehr Zeit für Mama, da ihr die Schule so viel abverlangt. Und wenn sie nicht in der Schule oder bei den Hausaufgaben sitzt, sind da noch Treffen mit Freundinnen, Volleyballtraining und Jungschar. Die Chance für einen spontanen Mama-Tochter-Ausflug wird sich also nicht so bald wieder bieten. Wäre doch eine Schande, wenn man sich diese Gelegenheit entgehen liesse. 

Na dann also, ab ins warme Wasser. Kreischend die Rutschbahn hinunter, blödelnd durchs Flussbad, beim Essen die Tischnachbarn durch den Kakao ziehen. Auf dem Heimweg im Brockenhaus für sechs Franken eine Popcorn-Maschine erstehen, weil Maiskörner zum Platzen zu bringen die einzige Aufgabe aus dem Mikrowellen-Pflichtenheft ist, die der Steamer nicht übernehmen kann. Schöner könnte ein Mama-Tochter-Tag kaum sein.

Ich sag’s ja nur ungern, aber zum Glück war die Lehrerin heute noch nicht fit genug für die Schule.

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Ich hab‘ jetzt wieder Zeit…

… den Menüplan nicht nur zu erstellen, sondern auch tatsächlich zu kochen, was ich geplant habe, anstatt jeden Tag um fünf vor zwölf entnervt zu rufen: „Dann gibt’s halt schon wieder Pasta Pomodoro!“ Und wenn ich für das geplante Menü neunzig Minuten am Herd stehe, obschon im Rezept dreissig Minuten angegeben waren, dann kann ich mit Hundeblick und leisem Vorwurf in der Stimme klagen: „Für euch habe ich mich so lange abgerackert und jetzt wollt ihr nur Brot essen…Na ja, immerhin ist das Brot auch selbst gebacken.“

… die Zeitung und insbesondere die Diskussionen um das richtige Familienmodell genau durchzulesen. Weil ich die Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten aus dem eigenen Leben kenne, fühle ich mich dazu berechtigt, mich über jede einzelne einseitige Aussage von frisch gebackenen SVP-Müttern zur ausserfamiliären, innerfamiliären und überfamiliären Kinderbetreuung aufzuregen. Eigentlich müsste ich in die Familienpolitik einsteigen, aber dann müsste ich mich mit frisch gebackenen SVP-Müttern, die trotz ihrer Liebe zum Kind am politischen Mandat festhalten, herumschlagen und das wäre noch anstrengender, als mich mit dem Prinzchen darüber zu streiten, ob eine Hausfrau, die sich ein – ärztlich verordnetes -Mittagsschläfchen gönnt, als faul zu bezeichnen sei.

… den Vorratsschrank zu überwachen und darum weiss ich jetzt mit absoluter Sicherheit, wer der Schokoladendieb ist, bzw. wer die Schokoladendiebe sind. Der schlimmste Langfinger ist „Ich war’s ganz bestimmt nicht, Mama, ich schwör’s dir“, der zweitschlimmste ist „Ich esse ganz bestimmt nie etwas zwischen den Mahlzeiten, ich kann mir auch nicht erklären, warum die Hose schon wieder zu eng ist“ und der drittschlimmste ist „Ich mag gar keine Schokolade, also war ich es ganz bestimmt nicht“. Interessanterweise ist „Meiner“, den ich für den Schlimmsten gehalten hatte, kaum je beim Stehlen zu erwischen. Der kauft sich die Schokolade unterwegs uns lässt das leere Papier dann im Auto liegen.

… mich nicht nur darüber aufzuregen, dass die Französischlehrerin die Noten jedes einzelnen Schülers der Klasse vorliest, sondern auch in Erwägung zu ziehen, mit ihr das Gespräch zu suchen und zwar nicht, weil Luise zu den Schlechtesten gehört, sondern weil sie es so unglaublich unfair findet, dass die mit den meisten Fehlern vor allen blossgestellt werden. Ich würde mit meinem Gespräch also meinen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit auf der Welt leisten, wenn ich die Lehrerin darauf aufmerksam machte, dass ihr Verhalten pädagogisch ziemlich fragwürdig ist.

… Arzttermine, Besuche, Karlssons Prüfungsdaten und schulfreie Nachmittage in mehrere Kalender einzutragen. Ja, ich kann mir inzwischen sogar einen Reminder schicken lassen, wann ich mit Kochen anfangen muss, damit die Zeit für das ausgewählte Rezept reicht. Blöd ist nur, dass meine Mutter jetzt den gleichen Reminder auf ihrem Gerät bekommt. Sie war einigermassen erstaunt, als sie um halb elf die Nachricht bekam, in einer halben Stunde müsse sie Maisbällchen mit Curry zubereiten. Aber ich habe ja Zeit, noch ein wenig am System zu feilen.

… neue Luftschlösser entstehen zu lassen, aber wenn ich dann spüre, wie ermüdend schon das Wenige ist, das ich im Moment leiste, dann denke ich, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, ehe ich wieder mit etwas anderem als Luft bauen baue.

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Startschwierigkeiten

Theoretisch hätte heute ein neuer – und zugleich auch alter – Lebensabschnitt angefangen. Fast-Vollzeithausfrau und freischaffende Schreibende war ich schon mal und so wie es aussieht, werde ich es auf absehbare Zeit auch bleiben, diesmal mit dem erklärten Ziel, dem Schreiben den Raum zu geben, den es verdient. Um dem Ganzen zumindest eine Chance auf Professionalität zu geben, bleibt das Prinzchen vorerst einen Tag pro Woche in der Krippe. Es ist nämlich gar nicht so einfach, den roten Faden eines Textes zu behalten, wenn das Prinzchen mit dem Feuerwehrauto durch die Wohnung kurvt und in jedem Winkel einen Brand zu löschen hat. Also haben wir den Montag zu meinem offiziellen Schreibtag erklärt und dies sowohl den Kindern als auch der Putzfrau mitgeteilt.

Leider nimmt die Schule auf solche Pläne keine Rücksicht und so stand heute Mittag plötzlich Karlsson auf der Matte. Er hätte am Nachmittag schulfrei, ob ich das denn vergessen hätte. Ach ja, die Weiterbildung. An die hatte ich tatsächlich nicht mehr gedacht. Zehn Minuten später erschien Luise, um mich daran zu erinnern, dass sie heute eine Stunde früher nach Hause kommen würde. Ebenfalls Weiterbildung, ebenfalls vergessen. Tja und so versuchte ich eben, meine Ideen zu skizzieren und gleichzeitig Karlsson zuzuhören, der mir ausgerechnet heute unglaublich viel zu erzählen hatte. Nun gut, immerhin liess er sich dazu hinreissen, die wenigen Zeilen, die ich zu Papier brachte, zu lesen und mir ein Feedback zu geben, aber ansonsten war seine Anwesenheit meiner Arbeit nicht gerade förderlich. Nach und nach trudelte auch der Rest der Horde ein und so beschloss ich schliesslich schweren Herzens, den Beginn meines neuen Lebensabschnittes auf den kommenden Montag zu verschieben. Wobei, das geht gar nicht, dann muss Karlsson zum Arzt und ich auch. Na dann eben übernächste Woche oder vielleicht auch erst nächstes Jahr…

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Unberechenbar

In der Theorie geht das alles prächtig auf: Bis Ende Monat sind wir an drei Vormittagen vollkommen kinderfrei. Zeit, sich von den Strapazen der vergangenen Wochen zu erholen, neue Kräfte zu sammeln und Liegengebliebenes zu erledigen.

In der Praxis sieht es natürlich mal wieder ganz anders aus. Mal fühlt sich der Zoowärter zu krank, um in den Kindergarten zu gehen, nur um voll aufzudrehen, kaum habe ich ihn bei der Lehrerin abgemeldet. Dann wieder fällt bei einem der Kinder der Unterricht aus, mal weil die Lehrerinnen des FeuerwehrRitterRömerPiraten Weiterbildung haben, dann wieder, weil Luises Lehrerin krank ist. Hin und wieder kommt es vor, dass das Prinzchen sich weigert, lange Hosen anzuziehen und in kurzen lasse ich ihn nicht in die Waldspielgruppe gehen. Also bleibt er zu Hause. Wenn dann doch mal alle aus dem Haus sind, kommt bestimmt ein Anruf der Lehrerin, die uns mitteilt, dass sie den FeuerwehrRitterRömerPiraten nach Hause schicken werde, weil er so blass und müde sei. Und falls ausnahmsweise mal nichts von all dem geschieht, habe ich bestimmt einen Zahnarzttermin, den ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung für einen der kinderfreien Vormittage vereinbart habe.

Ich will mich nicht beklagen, das Familienleben ist nun mal unberechenbar. Ich frage mich nur, wann ich endlich damit aufhöre, an das Märchen von der Erholungsinsel zu glauben.

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Klassentreffen

Vier Jahre lang sah man sich fast täglich. Es waren die schwierigen Jahre, in denen man nicht mehr Kind und noch nicht jugendlich ist. Die Jahre, in denen man innert Sekunden von bester Freundin zu Lieblingsfeindin und wieder zurück wechselt. Die Jahre, in denen wohl keiner sich richtig gut und stark fühlt und doch jeder vorgibt, es zu sein. Die Jahre, in denen ein paar schlecht gewählte Worte einen in eine tiefe Lebenskrise stürzen können, vor allem, wenn diese Worte aus dem Mund der „grossen Liebe“ kommen. Die Jahre, in denen man zu dick, zu dünn, zu vollbusig, zu flachbrüstig, zu pickelig, zu klein, zu behaart, zu dumm, zu wohl behütet ist – einfach nie so, wie man eigentlich sein möchte. Die Jahre, die sich keiner zurückwünscht, wenn sie mal vorbei sind, die aber im Rückblick voll von herrlich skurrilen Erlebnissen sind.

Heute sieht man sich kaum mehr, vielleicht begegnet man sich mal zufällig, zu einigen wenigen hält man noch Kontakt, andere liest man hin und wieder auf Facebook. Man würde erwarten, dass diese Menschen einem über die Jahre vollkommen fremd geworden sind und doch fühlt man sich erstaunlich vertraut, wenn man mal wieder gemeinsam am Tisch sitzt. Gewisse Macken sind geblieben, Charakterzüge noch ausgeprägter, die meisten sind diejenigen geworden, die sie damals im Ansatz bereits waren, nur noch nicht ausgereift. Plötzlich sind sie wieder da, die alten Zeiten, nur viel besser, weil jeder sich fast ausschliesslich an das Gute erinnert und weil keiner mehr den Wunsch verspürt, den anderen fertigzumachen. (Was ja auch kein anständiger Erwachsener tun würde.) Wenn man sich nicht mehr alle Tage sieht, konzentriert man sich auf das Wesentliche, nämlich darauf, sich zu freuen, dass die Teenager, mit denen man die schwierigen Jahre durchgemacht hat, zu netten, glücklichen Erwachsenen geworden sind, mit denen man sich bestens unterhalten kann.

Kindergarten-Elternabend Nr. 8

Die Eltern, die mit mir angefangen hatten, sind schon längst nicht mehr dabei. Ihre Kinder sind inzwischen alle in der Schule, währenddem ich noch immer auf den winzigen Stühlchen sitze und mich darüber informieren lasse, dass die Kinder ein gesundes Znüni mitnehmen müssen, dass es vollkommen normal ist, wenn ein Kind in den ersten Wochen Mühe mit dem Loslassen hat, dass die Bibliotheksbücher bitte nach einer Woche wieder zurückgebracht werden sollen. Noch immer setze ich mich nach dem Informationsteil an eines der winzigen Tischchen, um eine Überraschung für mein derzeitiges Kindergartenkind zu basteln, noch immer bemühe ich mich darum, die Fragen der Neulinge ernst zu nehmen, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt.

Natürlich, die Elternabende könnte ich mir schenken. Viel Neues erfahre ich nicht mehr, den Anschluss zu den meisten neuen Kindergarteneltern finde ich nicht mehr so einfach, weil meine Themen oft noch nicht die ihren sind, die Kindergärtnerin und ich müssen uns nicht mehr kennen lernen. Dennoch käme es mir nicht in den Sinn, den Anlass zu schwänzen. Weil es meinem Kindergartenkind wichtig ist, dass ich sehe, was es im Kindergarten macht. Weil es sich unendlich grosse Mühe gegeben hat, etwas Gutes zum Knabbern vorzubereiten und beinahe platzt vor lauter Stolz. Weil ich die Eltern der Kinder, mit denen mein Kind den halben Tag verbringt, treffen möchte. Und weil ich hin und wieder dem irrsinnigen Glauben verfalle, ich müsse beweisen, dass ich mir auch für das vierte und das fünfte Kind noch Zeit nehme.

 

Wer braucht denn schon Hitzeferien?

Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat abends um halb acht fragt, ob er ins Bett gehen dürfe, das Prinzchen den lieben langen Tag in Gummistiefeln und Velohelm herumrennt, der Zoowärter nicht heult, wenn es keinen Blumenkohl mehr hat, Luise ein ganzes Kapitel der „Unendlichen Geschichte“ hört, ohne ein einziges Mal aufzuspringen, „Meiner“ auf dem Sofa einschläft, bevor die Wohnung blitzblank ist, Karlsson ohne Hausaufgaben von der Schule nach Hause kommt und ich dreimal am Herd stehe und darauf warte, bis das Wasser siedet, ohne zu bemerken, dass die Herdplatte ausgeschaltet ist, dann sind dies untrügliche Anzeichen, dass Hitzeferien angesagt wären. Nur macht man sowas heutzutage natürlich nicht mehr. Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns von der Natur vorschreiben liessen, wann wir den Fuss vom Gaspedal nehmen sollen?