Die Glucke auf der Schlussfeier

Pro Familie waren ja nur zwei Plätze reserviert, doch als ich mich neben „Meinem“ in eine der hintersten Kirchenbänke zwängte, stellte ich fest, dass sich die Glucke zu uns gesellt hatte. 

„Was machst du denn hier?“, zischte ich verärgert. „Wir haben nur zwei Eintrittskarten. Du musst verschwinden.“

„Warum soll ausgerechnet ich verschwinden? Du kannst ja gehen“, gab sie giftig zurück.

„Vergiss es! Ich bleibe. Karlsson hat die Eintrittskarten mir gegeben, nicht dir. Also geh jetzt, ich will diese Abschlussfeier geniessen.“

„Ich bleibe“, beharrte sie. 

Wären nicht in diesem Augenblick die ersten Schulabgänger zur Tür hineingekommen, hätte ich vielleicht noch versucht, sie unsanft zum Ausgang zu befördern, aber dafür war es jetzt zu spät. Und anfangs ging es ja auch noch ganz gut mit ihr. Klar, sie starrte wie gebannt auf Karlsson, als die Schüler vorne sangen, sie murmelte auch andauernd: „Sieht er nicht toll aus?“, aber ansonsten hielt sie sich ziemlich ruhig. Die Reden liess sie still über sich ergehen, doch als die Schulklassen aufgerufen wurden, ihre Zeugnisse in Empfang zu nehmen, fing sie an, nervös zu werden. 

Erst rutschte sie bloss unruhig auf ihrem Platz herum.

Dann fing sie an zu fragen: „Wann kommt Karlsson endlich dran? Sag ‚Deinem‘, er soll sich bereit machen, Fotos zu schiessen.“

Aber es  dauerte – Karlsson kam erst ganz am Schluss –  und so musste sie sich irgendwie beschäftigen. Also fing sie an, bei jedem, der ihr während Karlssons Schulzeit auf irgend eine Weise positiv aufgefallen war, begeistert zu applaudieren. „Was für ein netter Kerl“, seufzte sie beim einen, „Seit der Spielgruppe kennen sie sich nun schon“, bei der anderen, „Hoffentlich verlieren sie sich nicht aus den Augen“, beim Dritten. Weil das noch immer nicht genug war, fing sie an, leise zu schniefen und zu murmeln, wie schnell doch die Zeit vergehe, eben erst hätten die Kinder alle zusammen im Sandkasten gespielt und jetzt seien sie alle schon so gross. „Es war so eine schöne Zeit und jetzt soll das alles vorbei sein“, heulte sie. 

Ich hätte sie gerne darauf hingewiesen, dass die Zeiten zumindest während der ersten sechs Schuljahre bei Weitem nicht immer rosig gewesen waren, aber jetzt war endlich Karlsson an der Reihe und nun seufzte und schluchzte und schniefte sie natürlich erst recht und das war dann so ansteckend, dass ich mir selber auch die eine oder andere Träne aus den Augen wischen musste. 

„Das Ganze lässt dich also doch nicht so kalt, wie du immer behauptest“, meinte die Glucke hämisch, als sie ihre Gefühle endlich wieder halbwegs unter Kontrolle hatte.

„Ich hab‘ nie behauptet, es liesse mich kalt“, entgegnete ich. „Aber so ein Theater wie du muss man nun wirklich nicht machen. Er hat ja noch ein paar Schuljahre vor sich.“

Tja, und dann heulte sie gleich wieder los, denn nun fiel ihr wieder ein, dass Karlsson nach den Sommerferien über Mittag nicht mehr nach Hause kommen kann und das findet sie ganz schrecklich.

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Grosse Tage

Ausgerechnet jetzt, wo es nur noch ein paar Tage bis zu Karlssons Schulabschluss sind, fällt mir dieses Bild von mir an meinem letzten Schultag in die Hände. Eine Aufräumaktion, wie sie in unserem Haus leider des Öfteren stattfinden muss, hat es zu Tage befördert und jetzt muss sich Karlsson natürlich wieder anhören, wie anders und wie viel besser solche Tage zu „unseren Zeiten“ noch waren.

„Wo bleibt bloss das Herzblut?“, fragte ich entrüstet, als er mir erzählte, sie hätten letzte Woche beschlossen, heute elegant, morgen als Nerds und übermorgen als Hippies zur Schule zu gehen, um sich gebührend von der Schule zu verabschieden. „So einen Entscheid fällt man doch nicht erst ein paar Tage vor dem letzten Schultag, so etwas will wochenlang leidenschaftlich ausdiskutiert werden“, erklärte ich meinem Ältesten und begann zu erzählen, wie das bei uns war. Wochenlang wurde darüber debattiert, wie wir uns mit Getöse verabschieden sollten. Streiche wurden ausgeheckt, Verse geschmiedet, Kassetten mit passender Musik aufgenommen. Ganze Nachmittage verbrachte ich, die handwerklich Ungeschickte, damit, meine Hose mit Glitzerfaden und Pailletten zu verzieren, damit ich mir einreden konnte, ich sähe aus wie ein waschechter Hippie. Eine Schulkameradin kam gar auf dem Pferd auf den Pausenhof geritten, weil so ihre Verkleidung am besten zur Geltung kam. 

„Auf den letzten Schultag bereitet man sich mit heiligem Ernst vor und nicht so halbherzig wie ihr. So ein Tag ist doch etwas ganz Besonderes, an den willst du für den Rest deines Lebens denken können“, dozierte ich, während ich in meinem Schrank nach Kleidungsstücken wühlte, die aus unserem gewöhnlich so seriösen Sohn ein Blumenkind machen sollen. Hätte ich nicht sehr bald eine passable Verkleidung für Karlsson gefunden, hätte ich tiefer im Schrank graben müssen und dann wäre mir bestimmt die Hose von damals in die Hände gefallen, denn die liegt dort irgendwo noch. 

Zum Glück blieb das gute Stück verborgen. Karlsson hätte sonst gesehen, wie stümperhaft meine Stickereien aussehen und dann würde er am Ende noch auf die Idee kommen, der grosse Tag sei in Wirklichkeit nicht halb so glanzvoll gewesen, wie ich ihn heute in Erinnerung habe. 

Bez

Muss ich mir das anhören?

Ja, ich habe Kinder gewollt. Ja, ich liebe sie über alles. Ja, ich nehme gerne Anteil an ihrem Leben. Aber heisst das wirklich, dass ich all den Mist, für den sie sich begeistern, auch toll finden muss?

Muss ich wirklich so tun, als wäre ich berennend daran interessiert, was Ferb gemacht hat, als Dr. Doofenshmirz einmal…ach, ich weiss doch auch nicht mehr, was der getan hat, obschon ich die ganze Episode bis ins letzte Detail nacherzählt bekommen habe. 

Kann man von mir erwarten, so zu tun, als hätte ich eine Ahnung, wessen Weiterentwicklung Pikachu ist? Ja, kann man überhaupt von mir erwarten, zu wissen, wer Pikachu ist? Und darf man es mir verübeln, wenn ich nicht den geringsten Wunsch verspüre, mir das fehlende Wissen auf diesem Gebiet anzueignen, bloss weil ich meine Söhne dann nicht mehr mit glasigem Blick anschauen müsste, wenn sie mir von Pokémons erzählen?

Wäre ich eine bessere Mutter, wenn ich beim Anblick des neusten Produktes aus dem Hause Lego in Begeisterungsstürme ausbrechen könnte, anstatt nur müde den Kopf zu schütteln und mich zu fragen, wie man so etwas abgrundtief Hässliches nicht nur produzieren, sondern auch noch bestens verkaufen kann?

Muss ich wirklich wissen, wie Goofy einmal, als Struppi bei ihm zu Besuch war, die Lampe zertrümmert hat und wie dann Titeuf ins Haus eingedrungen ist und Daisy entführt hat, was beinahe ein schlimmes Ende genommen hätte, wenn nicht Superman eingegrif…aber halt,  ich glaube, ich bringe da etwas durcheinander…

Himmel, gehe ich vielleicht hin und erzähle ihnen im Detail, dass meine Tomaten es nicht mögen, wenn ihre Blätter nass werden, weil sonst die Krautfäule einsetzt, wodurch die Früchte… Na ja, manchmal versuche ich schon, ihnen davon zu erzählen, aber ich höre sofort wieder auf damit, wenn sie mir mitten im Satz davon laufen.

Und es käme mir nicht im Traum in den Sinn, ihnen zu folgen, um noch den Rest zu erzählen. Während sie hingegen…

Ist doch alles irgendwie das gleiche

Heute beim Mittagessen

Ich: „Die Briten wollen aus der EU austreten.“

Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat fragen durcheinander: „Haben sie verloren? Spielen sie jetzt nicht mehr mit?“

Ich: „Nein, die haben abgestimmt und entschieden, dass ihr Land nicht mehr in der Europäischen Union sein soll.“

Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat fragen wieder durcheinander: „Dann sind die jetzt bei der Europameisterschaft nicht mehr dabei? Was denkst du, wird am Montag Spanien oder Italien rausfliegen? Für wen bist du?“

Ich: „Es geht hier nicht um Fussball, es geht um Politik und das ist ein bisschen wichtiger…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Also ich bin für Italien.“

Prinzchen: „In welchem Land ist eigentlich Europa?“

Zoowärter: „Ich finde Fussball ja total doof, aber…“

Ich erkenne, dass es nichts bringt, meinen Kindern jetzt, wo sie nichts als Fussball im Kopf haben, den Unterschied zwischen EU und Europameisterschaft erklären zu wollen. 

Nachdem ich mich am Nachmittag ein wenig durch die Kommentare verschiedener Brexit-Artikel gewühlt habe, dünkt mich fast, es gäbe auch ein paar Erwachsene, die den Unterschied nicht so genau kennen.

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So nicht, kleiner Prinz

Mein lieber kleiner Prinz

Dass du dich vom Fussballfieber, das auf den Pausenhöfen grassiert, hast anstecken lassen, ist ein herber Schlag für mich. Würdest du bloss in der Freizeit mit deinen Freunden dem Ball nachrennen, wäre das zwar noch kein Problem für mich. Ob du nun mit dem Velo herumkurvst, oder das Tor zu treffen versuchst, ist mir einerlei. Hauptsache, du hängst nicht unmotiviert herum. Dass aber ausgerechnet du, der Liebhaber von klassischer Musik und antiken Denkmälern, erst den Marketing-Gurus von der Firma Panini auf den Leim gekrochen und dann dem Lockruf der Mattscheibe erlegen bist, will mir gar nicht gefallen.

Verzweifeln werde ich deswegen natürlich nicht gleich. Der FeuerwehrRitterRömerPirat schafft es ja auch irgendwie, sich brennend für Weltgeschichte zu interessieren und zugleich mit der Squadra Azzurra mitzufiebern. 

Wenn aber du, mein Jüngster, dich in deinem Fussballwahn an meiner Qualitätszeitung vergreifst, die in diesen Tagen leider auch nicht gänzlich ohne Bilder von verschwitzten Fussballern auskommt, geht mir das entschieden zu weit. Zumal du das Blatt nicht etwa sorgfältig von vorne bis hinten durchblätterst und dann, nach dem Ausschneiden deiner Heiligenbilder, wieder säuberlich gefaltet zurücklegst. In deiner Gier nach Bildern reisst du meine kostbare Lektüre in Fetzen. Vor dem Ausbruch des Fussballfiebers hättest du wenigstens noch den einen oder anderen Artikel im Wissensteil überflogen, aber jetzt zählen für dich nur noch Bälle, Tore und die Farben der Trikots. Lesbar ist meine Zeitung nach deinem Raubzug nicht mehr, dafür ist deine Zimmerwand vollgepflastert mit Zeitungsschnipseln. 

So etwas, mein Sohn, tut mir im Innersten weh und glaub bloss nicht, es mache für mich einen Unterschied, ob du mein Leibblatt wegen eines Italieners oder eines Schweden in Fetzen reisst. Wenn es um Fussball geht, lässt mich sogar Schweden kalt. 

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Gemässigt

Wenn ich mich daran erinnere…

…wie ich früher jeweils zu seinem Geburtstag Leberpastete zubereiten musste,

…wie ich mit Todesverachtung die Blutwurst von der Pfanne auf seinen Teller gleiten liess,

…wie ich einmal sogar ihm zuliebe einen Blutpudding mit Auto und Zug von Schweden in die Schweiz habe mitreisen lassen,

…wie ich im Laden herumirrte, um endlich das Pulver für die Sülze zu finden,

…wie er an einer Geburtstagsparty unter den angewiderten Blicken seiner Freunde Austern schlürfte,

…dann erscheint mir das Menü zu seiner Konfirmation fast schon bieder. Am ehesten bereitete mir noch das Vitello Tonnato Kopfzerbrechen, aber nachdem ich es mal geschafft hatte, das Fleisch in die Pfanne zu befördern, ohne es berühren zu müssen, stellte auch das keine Herausforderung mehr dar. Die paar Jakobsmuscheln und die Crevetten, die er als Dekoration auf der Smörgåstårta wünscht, werde ich sogar mit blossen Händen anfassen können, weil sie ja immerhin ganz hübsch anzusehen sind.

Man könnte also sagen, Karlssons Geschmack habe sie über die Jahre gemässigt. Eine Veränderung, die mir vor ein paar Jahren, als einzig die Mutterliebe mir die Kraft verlieh, die Leber für die Pastete durch den Fleischwolf zu drehen, noch unvorstellbar erschien.

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Keine Zeit für Sentimentalitäten

Zwei, drei, vielleicht sogar vier Jahre lang hatten wir diese himmlische Ruhe am Ende des Schuljahres. Alle anderen mochten von einem Schultermin zum nächsten hetzen, wir aber konnten uns mehr oder weniger zurücklehnen. Klar, da war das eine oder andere Schülerkonzert und natürlich durften wir es nicht verpassen, unsere Kinder für die Schulreise mit Proviant auszurüsten, aber keiner belästigte uns mit Picknicks zum Schuljahresende und anderem Kram. Nicht mal, als letztes Jahr eine Lehrerin, die vier von unseren fünf Kindern unterrichtet hatte, in Pension ging, mussten die Eltern zu einer Abschlussfeierlichkeit antraben. Etwas Positives hat es also doch, wenn eine Lehrperson am Ende ihrer Laufbahn derart schulmüde ist, dass sie den Kindern ohne grosse Sentimentalität den Rücken kehrt. 

Leider kann ein solcher Zustand nicht ewig dauern. Irgendwann dämmert einer überengagierten Lehrperson oder einer Schulleitung, die beweisen will, wie aktiv sie ist, dass die Eltern schon lange nicht mehr in der Schule waren und dann wird der Terminkalender gefüllt. Abende, an denen die Klassen präsentieren, woran sie in den vergangenen Monaten gearbeitet haben, Sporttage, bei denen die Eltern vorgängig angefleht werden, sie möchten doch bitte den Wettkämpfen beiwohnen, zusätzliche Musikschulkonzerte, weil eins pro Jahr plötzlich nicht mehr reicht. Und das alles in dem Jahr, in dem Karlsson die Volksschule abschliesst, was uns einige Anlässe beschert, bei denen unsere ungeteilte Sentimentalität gefragt wäre.

Wie sollen wir denn noch richtig wehmütig darüber werden, dass aus dem kleinen, schüchternen Jungen innerhalb von neun Jahren ein grosser, selbstbewusster Halbwüchsiger geworden ist, wenn wir atemlos zu seiner Projektpräsentation angerannt kommen, nachdem wir beim Zoowärter im Schulzimmer die Bienen bestaunt haben? Wo bleibt die Zeit, uns nach seinem letzten Auftritt an der hiesigen Musikschule die Tränen der Rührung wegzuwischen, wenn wir zu Hause wieder den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Üben antreiben müssen, damit er ein paar Tage später im Nachbardorf „The Final Countdown“ auf der Trompete blasen kann? Wie sollen wir den Kauf des Konfirmandenanzugs zelebrieren, wenn wir zugleich die schier unlösbare Aufgabe haben, für Prinzchen ein schwarzes T-Shirt ganz ohne Aufdruck aufzutreiben, das er am Jugendfestumzug tragen soll? (Nach welchen Unifarben wir für die anderen Kinder suchen müssen, wissen wir noch nicht, aber es wird ganz bestimmt aufwändig werden, denn das ist es immer.)

Ein bisschen mehr Rücksichtnahme auf unseren von Meilensteinen angefüllten Terminkalender hätte man von den Lehrern schon erwarten dürfen. Immerhin hatten sie an Karlsson – im Gegensatz zu seinen kleinen Brüdern, die sie jetzt unterrichten – nie etwas auszusetzen. (Na ja, sie fanden jeweils, er sei zu schüchtern, aber das hat sich ja inzwischen gelegt.)

 

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Drachenkampf

Morgen früh muss die Abschlussarbeit abgegeben sein und heute Abend, als er – ohnehin nicht ganz fit – den letzten Schliff vornehmen will, ist plötzlich alles, was er in den vergangenen Tagen noch ergänzt hat, verschwunden. Er ist verärgert, fügt alles noch einmal neu ein, speichert brav jeden einzelnen Schritt ab, ist mit allem fertig – und bekommt eine Fehlermeldung. Wieder alles weg, noch einmal alles einfügen, immer wieder zwischenspeichern – und wieder die Fehlermeldung. Er kratzt seinen letzten Rest an Geduld zusammen, lässt sich dank meiner Überredungskunst davon abhalten, den ganzen Kram, an dem er monatelang gearbeitet hat, zu löschen und fügt noch einmal alles ein. Abschnitt für Abschnitt kämpft er sich zum Ziel, jede Seite, die korrekt ist, wird sofort ausgedruckt, damit nichts mehr schiefgehen kann. Die Nerven liegen blank, aber er wird es schaffen.

Was soll eine Mutter bloss dazu sagen? Na, was wohl? „Tief durchatmen, mein Sohn. Du wirst den Computer bezwingen, koste es, was es wolle. Am Ende wirst du als Sieger dastehen, auch wenn es Mitternacht wird, bis du den Kerl niedergerungen hast. Aber lass dir eins gesagt sein: So wird es jetzt jedes Mal laufen, wenn du einen wichtigen Abgabetermin hast. Der Computer kann deine Anspannung riechen. Frag bloss nicht wie, aber er kann es. Er wird mit aller Macht verhindern wollen, dass du deine Deadline einhalten kannst. Und glaub bloss nicht, du würdest mit der Zeit den Dreh raushaben, wie du das verhindern kannst, denn er wird dir jedes Mal einen anderen Felsbrocken in den Weg legen, an dem deine Arbeit fast zerschellt. Nicht verzweifeln, mein Junge, so ist das Leben, aber genau so, wie wir es noch jedes Mal auf den letzten Drücker geschafft haben, wirst auch du es schaffen. Als Zeichen deines Heldenmutes wirst du morgen einen blassen Teint und schwarze Augenringe tragen und jeder wird wissen, dass du einer von denen bist, die den Drachen unserer Zeit zu bezwingen wissen.“

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Kettenreaktion

 

Aggressiver Mitschüler bringt Zoowärter zum Heulen.

Heulender Zoowärter findet zu Hause keine Mama vor, der er sein Herz ausschütten könnte.

Nicht mehr heulender, aber innerlich noch immer aufgewühlter und verletzter Zoowärter geht mit Prinzchen spielen.

Prinzchen verhält sich gegenüber dem nicht mehr heulenden, aber weiterhin aufgewühlten und zutiefst verletzten Zoowärter gegenüber unfair.

Nicht mehr heulender, aber weiterhin aufgewühlter und zutiefst verletzter Zoowärter mag sich nicht zur Wehr setzen, was ihn noch tiefer verletzt.

Nicht mehr heulender, aber noch tiefer verletzter und aufgewühlter Zoowärter sitzt beim Abendessen neben dem Prinzchen, dessen unfaires Verhalten weder vergeben noch vergessen ist. 

Prinzchen hebt sein Glas zum Trinken an, was beim nicht mehr heulenden, aber noch immer tief verletzten und aufgewühlten Zoowärter den Eindruck erweckt, der kleine, für sein unfaires Verhalten bekannte Bruder, strecke ihm die Zunge raus.

Nicht mehr heulender, aber zutiefst verletzter und aufgewühlter Zoowärter sieht seine Chance gekommen, um dem kleinen Bruder die Unfairness heimzuzahlen und schlägt mit der Faust gegen das Glas.

Heulendes Prinzchen reibt sich das schmerzende Nasenbein, nicht mehr heulender und vordergründig auch nicht mehr zutiefst verletzter und aufgewühlter Zoowärter grinst für den Bruchteil einer Sekunde triumphierend, was den Zorn seiner Mutter, die von der ganzen Geschichte nur den Schlag gegen das Glas mitbekommen hat, hervorruft. 

Mütterliches Donnerwetter bricht über den natürlich bald schon wieder heulenden, noch tiefer verletzten und aufgewühlten Zoowärter herein. 

Ahnungsloser Nachbar klingelt ausgerechnet in diesem Moment an der Tür und bekommt eine sehr aufgebrachte Mama Venditti zu Gesicht.

Ahnungsloser Nachbar macht, dass er so schnell als möglich wieder aus diesem Irrenhaus verschwinden kann, sehr aufgebrachte Mama zitiert den wieder heulenden, jetzt abgrundtief verletzten und vor lauter Aufgewühltsein zitternden Zoowärter herbei, um ihm so richtig die Leviten zu lesen.

Heulender, jetzt abgrundtief verletzter und vor lauter Aufgewühltsein zitternder Zoowärter erklärt schluchzend, dass an allem nur der aggressive Mitschüler schuld ist, der nicht nur heute, sondern seit Wochen schon für Zoff auf dem Pausenhof sorgt.

Nicht mehr so aufgebrachte Mama Venditti entschuldigt sich beim Zoowärter für ihr Donnerwetter, nicht mehr heulender, jetzt auch nicht mehr ganz so verletzter und nur noch leicht zitternder Zoowärter entschuldigt sich beim Prinzchen für den brutalen Schlag gegen das Glas, auch nicht mehr heulendes aber noch immer vom Schmerz gezeichnetes Prinzchen entschuldigt sich beim Zoowärter für seine Unfairness.

Müsste sich eigentlich nur noch der aggressive Mitschüler, der die ganze Chose ins Rollen gebracht hat, beim Zoowärter entschuldigen, aber diese Entschuldigung zu bekommen, könnte etwas schwieriger werden. 

(Und mit dem Nachbarn müssen wir vielleicht ein Warnsignal vereinbaren, damit er weiss, wann er an unserer Türe klingeln kann, ohne von einem Familienkrach überrollt zu werden.)

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Zeitmaschine

Es gibt sie noch, die Tage, an denen andauernd einer heult, weil der andere so unglaublich fies und hinterhältig zu ihm war. Wobei der andere natürlich eine komplett andere Version der Ereignisse präsentiert, weshalb am Ende beide heulen.

Die Tage, an denen einer permanent eingeschnappt ist, weil jedes Wort, das aus deinem Munde kommt, aus irgend einem Grund das Falsche war.

Die Tage, an denen du während des Abendessens nur ganz kurz ans Telefon musst und wenn du wieder zurück kommst, ist einer tropfnass, einem anderen stehen die Tränen in den Augen und die Dritte rennt schreiend aus dem Zimmer. 

Die Tage, an denen du den Abwasch lieber ohne die Hilfe des Kindes, das eigentlich Küchendienst hätte, hinter dich bringst, weil es schon wieder einen der neuen Teller ruiniert hat und du nicht noch weitere Scherben ertragen kannst. 

Die Tage, an denen immer einer genau dann das Weite sucht, wenn er auf gar keinen Fall weg sein dürfte, so dass du zwischen dem Anbraten und dem Wenden der Pancakes jeweils laut nach ihm rufend auf dem Balkon stehst und dich vor dem ganzen Quartier als diejenige zu erkennen gibst, die mal wieder gar nichts im Griff hat. 

Die Tage, an denen plötzlich einer auf die Idee kommt, irgend einen Kram aus Leim, Stärkemehl, Abwaschmittel, Puderzucker und Luftballons zu fabrizieren, was natürlich tüchtig in die Hose geht, aber das wollte man dir natürlich nicht glauben, weil es bei der Basteltante auf youtube ja auch funktioniert hat.

Die Tage, an denen du alle paar Minuten sehnsuchtsvoll zur Küchenuhr schaust und dich fragst, wann dieser irre Reigen, den deine Kinder und dein PMS miteinander tanzen, endlich ein Ende finden wird.

Die Tage, an denen der Seifenspender, den du gestern frisch aufgefüllt hast und der heute schon wieder zu zwei Dritteln leer ist, der berüchtigte Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt, so dass du an die Decke gehst wie schon lange nicht mehr. 

Die Tage, an denen du dich fühlst, als hätte dir dein Leben einen miesen Streich gespielt und dich mit einer Zeitmaschine zurück katapultiert in eine Lebensphase, in der sie alle noch klein und ohne Vernunft waren. Doch wenn du in die Runde blickst, siehst du lauter Menschen, die gross genug wären, um solchen Mist bleiben zu lassen und die auch schon mehrfach bewiesen haben, wie gut sie das können, wenn sie denn wollen.

Du musst also annehmen, dass sie nur mal wieder testen wollen, ob deine Nerven immer noch so leicht nachgeben, wenn sie lange genug darauf herumturnen.

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