Nächtliche Ungerechtigkeit

Okay, ich weiss, dass ich mich allmählich an die Launenhaftigkeit (vor)pubertierender Kinder gewöhnen muss, aber das war nun doch etwas viel: Da schlafe ich tief und fest den gerechten Schlaf der übermüdeten Mutter, die sich unbedingt noch einen Film reinziehen musste, nachdem alle Kinder im Bett waren. Irgendwann, mitten in der Nacht,  kommt das Prinzchen mitsamt Bär und Decke in unser Bett gekrochen, was ich knapp zur Kenntnis nehme, ehe ich wieder in tiefen Schlaf versinke. Wenig später erscheint eine sehr aufgebrachte Luise an unserem Bett. Die Worte, die sie mir an den Kopf schleudert, ergeben nicht viel Sinn, aber mir ist sofort klar, dass ich mal wieder eine abscheuliche Ungerechtigkeit zugelassen habe. Wenn ich meine Tochter richtig verstehe, habe ich irgendwann, in grauer Vorzeit, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erlaubt, was ich ihr jetzt, mitten in der Nacht, vollkommen grundlos verwehre. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht zusammenreimen, auf welche Begebenheit sie sich bezieht, ich weiss auch nicht so recht, was sie von mir erwartet, doch dem Frieden zuliebe – und um nicht richtig wach werden zu müssen – biete ich meiner zornigen Tochter meinen Platz im Bett an und ziehe mich aufs Sofa zurück. Offenbar ist damit die Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft, denn Luises Gezeter hört schlagartig auf und bald schlafen wieder alle friedlich.

Alle? Nein, nicht ganz. Das Prinzchen hat sofort bemerkt, dass das falsche weibliche Familienmitglied an seiner Seite liegt und so dauert es nicht lange, bis er ins Wohnzimmer tappst. Na ja, immerhin verzichtet er dabei auf lautstarkes Gemotze…

dsc02408-small

Beziehungskiste

Es hätte so etwas wie ein Abschiedsbesuch werden sollen. Vor einiger Zeit schon habe ich mich innerlich vom blau-gelben Möbelhaus zu lösen begonnen, fuhr nur noch hin, wenn es unbedingt sein musste und setzte mich vertieft mit kritischen Artikeln auseinander. Es fiel mir nicht leicht, mich von dem Geschäft zu distanzieren, das mich von frühester Kindheit, über schwierige Teenagerjahre zur ersten Wohnung bis hin zu den Kleinkinderjahren unserer Kinder begleitet hatte. Doch eine zunehmend konsumkritische Haltung, einige enttäuschende Beziehungen zu Möbelstücken, die mehr versprachen, als sie halten konnten und der wachsende Wunsch nach Möbeln, die eine Geschichte haben, trieben mich vermehrt in die Arme der Brockenstuben. Daran änderte auch unsere Schwedenreise nichts, obschon es im Möbelhaus auch ein paar Lebensmittel zu kaufen gibt, die ich seit unserer Rückkehr schmerzlich vermisse.

„Ein letzter Besuch muss sein“, sagte ich gestern, als mir bewusst wurde, dass unsere Küchenschränke ein rundum erneuertes Innenleben benötigen, wenn ich je so etwas wie Ordnung herstellen will. Ich weiss, man bekommt solche Dinge auch andernorts, aber „Meiner“ hat gerade eine Weiterbildung zu bezahlen und da liegt das blau-gelbe Möbelhaus am ehesten im Bereich des Bezahlbaren. 

Also fuhr ich heute Morgen mit meinem sehr schwedisch aussehenden  Prinzchen – die Michel aus Lönneberga-Verkleidung ist zu seiner zweiten Haut geworden – und einer langen Einkaufsliste los und das war eindeutig ein Fehler. Die Blau-Gelben haben nämlich ganz offensichtlich gespürt, dass ich mich von ihnen zu entfremden begann und mir scheint, dass sie so ziemlich alle Register gezogen haben, um mich zurückzugewinnen: Fröhlichere Farben, fantasievollere Muster, eine Rückbesinnung auf die småländischen Wurzeln, etwas weniger „Made in China“, Zusammenarbeit mit meinem bevorzugten Vegi-Restaurant, ein paar bestechende Aufbewahrungsideen und eine Lehrlingsarbeit, die ich am liebsten nachmachen würde, wäre ich handwerklich nicht vollkommen unbegabt.

Als wäre das alles nicht genug, mussten diese Angestellten, die gewöhnlich ziemlich schroff und distanziert sind, ein Riesentamtam um mein herziges kleines Prinzchen machen, das sie alle zum Anbeissen fanden. Wissen die denn nicht, dass es in der Schweiz streng verboten ist, fast fünfjährige Jungen süss zu finden? Spätestens im Alter von drei Jahren wechseln die  Jungen hierzulande in die Kategorie „unausstehliche Rotznase, der man nicht über den Weg trauen kann“, aber das kümmerte die Damen einen Dreck, sie bezirzten das Prinzchen, als wäre er gerade mal ein halbes Jahr alt. 

Ja, und jetzt bin ich voll im Clinch: Bleibe ich bei meinem Entschluss, diese Beziehung zu beenden? Lasse ich die ganze Sache auf Sparflamme köcheln, in der Hoffnung, dass das blau-gelbe Möbelhaus eines Tages zu einem Fair-Trade-Unternehmen erster Güte wird? Oder lasse ich mich durch die neue Farbenvielfalt zu einer neuen Liebesbeziehung verführen, wohl wissend, dass ich diese nie mehr mit reinem Gewissen werde geniessen können, weil ich bereits zu viel hinterfragt habe?

img_9714

Montagsgemotze

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist wütend auf mich, weil ich darauf bestehe, dass er seine Hausaufgaben macht.

Der Zoowärter ist wütend auf mich, weil ich dem Prinzchen erlaube, die grosse Kartonschachtel für seine Michel aus Lönneberga-Sammlung zu behalten, obschon der Zoowärter daraus ein Bett für seine Karlsson auf  dem Dach-Puppe hätte machen wollen.

Das Prinzchen ist wütend auf mich, weil er einfach auf irgend einen wütend sein muss, da das Leben als frischgebackener Kindergärtner ganz schön anstrengend ist.

Luise ist wütend auf mich, weil Karlsson mich abends begleiten darf, um den kleinen Gottegris und den grossen Leone vom Kindergarten abzuholen, wo sie den ganzen Tag im Gebüsch auf mich gewartet haben.

Karlsson ist wütend auf mich, weil ich Luise erlaube, ebenfalls mitzukommen, als wir noch einmal zum Kindergarten gehen müssen, weil wir zuerst den zappelnden Gottegris nach Hause bringen mussten, ehe wir uns um Leone kümmern konnten. 

„Meiner“ ärgert sich über mich, weil ich mich mit den beiden auf eine Diskussion einlasse.

Katzenmama Henrietta wirft mir misstrauische Blicke zu, weil ich in ihren Augen zu wenig dagegen unternehme, dass der kleine Gottegris im Dorf herumstreunt.

Die Nacktschnecken-Gemeinschaft hat zum Sturm auf mein Gewächshaus geblasen, weil ich noch immer nicht bereit bin für Friedensverhandlungen.

Unsere zwei Wachtelhähne attackieren mich, wenn ich nach dem Füttern die Eier hole. Warum attackieren die mich und nicht ihre Hennen, die zu faul zum Brüten sind und mich dadurch geradezu zwingen, die Eier zu nehmen?

Die Wespen auf dem Balkon nehmen es mir übel, dass ich den Kompostkübel wespendicht verschliesse und reiten deshalb jedes Mal eine Attacke auf mich, wenn ich die Balkontüre öffne.

Das alles hat mir heute ziemlich zugesetzt, aber ich hätte den Tag locker als misslungenen Montag abgetan, hätte nicht auch noch einer der mir treu ergebenen Kater einen stinkenden Haufen auf neben meiner Seite des Bettes liegen lassen. Wenn die zwei jetzt auch noch anfangen zu motzen, verabschiede ich mich in die Ferien…

img_9709

 

 

 

Das Kind ist (nicht) immer im Recht

Gewöhnlich stehe ich ja auf der Seite der Eltern, wenn es irgendwo in der Öffentlichkeit zu einem Konflikt ums Kind kommt. Gewöhnlich ist es ja auch so, dass irgend ein Miesepeter die Lebhaftigkeit eines kleinen Menschen nicht ertragen kann. Heute aber musste ich mich für einmal schwer zusammenreissen, um nicht Partei zu ergreifen für eine Dame, die sich über ein Kleinkind beschwerte und das kam so:

Karlsson, das Prinzchen und ich sassen in einem dieser verrufenen Fast Food-„Restaurants“. Ja, ich weiss, als linksgerichtete, umweltbewusste Mutter hätten meine Kinder und ich dort nichts zu suchen, doch da „Meiner“ und ich ziemlich felsenfest davon überzeugt sind, dass ein absolutes Verbot kontraproduktiv ist, gehen wir eben doch hin und wieder hin. Da sassen wir also und unterhielten uns darüber, warum eine Karriere im Fast Food-Bereich nicht sonderlich erstrebenswert ist, als am Tisch hinter uns ein Mann und eine Frau ziemlich laut wurden. Was sich da abspielte, sah auf den ersten Blick nach der typischen „mittelalterliche, alleinstehende Frau möchte ausgerechnet neben der Kinderecke ihre Ruhe geniessen und staucht deswegen ein armes, unschuldiges Kind zusammen“-Situation aus. Dann aber hörte ich genauer hin.

„Es kann doch nicht sein, dass Ihr Kind sich hinter mir aufs Fensterbrett setzt und mich unablässig gegen den Kopf tritt“, sagte die Frau aufgebracht, aber dennoch um Fassung bemüht. „Sie können froh sein, dass Sie eine Frau sind. Wären Sie ein Mann, würde ich Ihnen eine reinhauen“, fuhr der wütende Vater die Frau an und machte keinerlei Anstalten, sein Kind vom Fenstersims herunterzuholen. Noch einmal versuchte die Frau, dem Vater klarzumachen, dass es nicht sonderlich angenehm sei, pausenlos getreten zu werden, doch es half nichts, sie bekam nur weitere Beleidigungen an den Kopf geworfen. Es kehrte erst wieder Ruhe ein, als der kleine Junge freiwillig von der Frau abliess, vom Fenstersims herunterkletterte und zielstrebig auf ein Baby in der Trageschale zusteuerte.

Wir warten nicht ab, ob es zu einem weiteren Zusammenstoss kommen würde, sondern räumten unseren Abfallberg weg. „Der grosse Bruder des Jungen hat mich auf dem Spielplatz einfach so gehauen. Immer wieder. Da habe ich ihn eben auch gehauen“, sagte das Prinzchen im Hinausgehen. Zum Glück hörte dies der Vater der zwei kleinen Nervensägen nicht. Keine Frage, was das Prinzchen dann zu hören bekommen hätte und glaubt mir, dann hätte dieser Herr Papa mich zu hören bekommen, worauf ich wohl das Gleiche zu hören bekommen hätte wie die Frau, die sich einfach nicht von einem unschuldigen, kleinen Jungen treten lassen wollte.

Bei gewissen Eltern sind die Kinder immer im Recht, auch dann, wenn sie ganz eindeutig im Unrecht sind.

20130908-212007.jpg

Die Gewissenhaftigkeit in Person

Nein, heute war nicht sein Tag. Zuerst wollten weder Mama noch Kindergärtnerin glauben, dass er es nicht schafft, schon wieder in die Turnhalle zu gehen. Später musste er feststellen, dass der Inhalt seiner Znünibox so gar nicht seinen Wünschen entsprach. Auf dem Heimweg rannte der beste Freund einfach so mit anderen Kindern davon. Da halfen weder Protestgeschrei, noch Schubsen und Zerren. Am Nachmittag fuhr Grossmama ohne ihn in die Migros und abends wollte Papa ihn dazu zwingen, mit allen anderen am Tisch zu essen. Diese letzte Ungerechtigkeit brachte das Fass zum überlaufen, ihm blieb nichts anderes mehr übrig, als schluchzend auf dem Fussboden einzuschlafen. 

Gegen 23 Uhr wird er wieder wach, er schleppt sich in sein Bett, wo er versucht, den Schlaf wieder zu finden. Plötzlich dieser Gedanke: „Habe ich meine Zähne überhaupt schon geputzt?“ Er fragt seine Eltern. Papa behauptet, die Zähne seien sauber, Mama kann die Frage nicht beantworten, denn sie war mit dem grossen Bruder im Fechttraining. „Nein, Papa, heute Abend habe ich die Zähne nicht geputzt. Das war gestern“, insistiert er, als Papa sagt, er solle sich keine Gedanken machen. Also muss Mama die Zahnbürste ans Bett bringen, denn aufstehen mag er jetzt nicht mehr. Als er fertig geschrubbt hat, zeigt er wie immer sein blitzblankes Gebiss, auch wenn es dunkel ist im Zimmer. Er will wissen, ob seine Zähne jetzt sauber sind. „Sie sind sauber“, bestätigt die Mama und jetzt endlich kann er diesen elenden Tag hinter sich lassen und getrost wieder einschlafen. 

img_8830

Was sich am Ende eines Tages in meiner Handtasche findet

Gewöhnlich habe ich ja keine Ahnung, wer zu welchem Zeitpunkt was in meine Handtasche stopft, ich weiss nur, dass sich im Laufe der Zeit jeweils das halbe Familienleben darin ansammelt. Irgendwann, wenn mir die Tasche zu schwer wird – oder wenn ich beim Wühlen auf verfaultes Obst stosse – kippe ich den ganzen Inhalt aus und staune nicht schlecht, was  ich alles mit mir schleppe. Da heute mal wieder eine neue Handtasche fällig war, konnte ich für einmal sehr genau mitverfolgen, was an einem einzigen Tag zusammenkommt. 

Als ich mein neues Prachtstück voller Stolz aus dem Laden trug, befand sich darin einzig mein Portemonnaie und die Kaufquittung. Draussen auf dem Trottoir stopfte ich noch mein Handy und den Schlüsselbund in die dafür vorgesehenen Fächer. „Dabei bleibt es“, sagte ich zu mir selbst, schnappte mir meinen Einkaufskorb und machte mich auf die Suche nach meiner Familie. Doch der Einkaufskorb war schwer, weil ich am Wochenmarkt in einen Gurken-, Käse-, Pilz- und Honigwein-Kaufrausch geraten war. Also musste der Honigwein in meine Handtasche wandern, zusammen mit einer Flasche Schokoladen-Rosen-Topping, der ich auch nicht hatte widerstehen können. „Dabei bleibt es jetzt aber wirklich“, sagte ich zu mir selbst, doch wenig später traf ich endlich „Meinen“ und die Kinder an. Und so kam es, dass ich heute Abend die folgenden Dinge in meiner Handtasche fand:

  • Die leere Ice-Tea-Flasche von Prinzchens bestem Freund
  • Prinzchens halbleere Ice-Tea-Flasche
  • Eine Feder, die ich vom Prinzchen geschenkt bekommen habe
  • Ein Papiertaschentuch, das die Mutter von Prinzchens bestem Freund verloren hatte und das Luise mir zur sicheren Verwahrung übergab
  • Luises linker Flip-Flop
  • Den grünen Stützverband, den Luise an ihrem rechten Fuss nicht mehr tragen mochte
  • Karlssons Schuheinlagen, die er bei mir deponierte, weil der Orthopäde ja gesagt hatte, zum Eingewöhnen sollten die Dinger nicht länger als eine Stunde getragen werden und was kann Karlsson denn dafür, dass wir noch nicht zu Hause waren, als die Stunde um war?
  • Ein gebrauchtes Taschentuch unbekannter Herkunft
  • Ein leerer Glacé-Becher, der, wenn ich mich nicht irre, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten gehörte

„Das geht ja noch“, werden jetzt einige sagen, aber seht euch doch mal an, was auch noch in der Tasche gelandet wäre, hätte ich nicht lauthals protestiert:

  • Das obere Ende einer Gurke, welches der Zoowärter nicht essen mochte
  • Das untere Ende derselben Gurke
  • Eine von Luise angebissene Gurke
  • Das Papier von Zoowärters Vanille-Cornet
  • Die Abstimmungsbroschüre, die mir ein Arzt gerne in die Hand gedrückt hätte, was ich aber nicht zuliess, weil nur die Aargauer über die Sache abstimmen, nicht aber wir Solothurner
  • Der Möbelkatalog mit einem 10%-Gutschein auf alle Möbel, den mir eine junge Frau überreichen wollte 
  • Karlssons Einkäufe aus dem Zweifranken-Shop: Ein Leimstift, eine Tube Schuhcreme, eine Dose Schuhcreme, zwei Vorhangleisten und eine Hundeleine
  • Die Verpackung der Hundeleine
  • Luises „Hanni & Nanni“-Buch
  • Diverse Quittungen
  • Die Feder, die das Prinzchen „Meinem“ schenkte

Doch ich will mich nicht beklagen, ich kann froh und dankbar sein, dass ich die Tasche heute Abend überhaupt finden konnte, um alles auszumisten. Luise hat mir nämlich mindestens zwanzig mal gesagt, wie schön sie das Stück findet und dass sie keineswegs abgeneigt wäre, es dereinst von mir zu erben. Inzwischen kenne ich Luise gut genug, um zu wissen, was das im Klartext bedeutet: Wenn sie das nächste Mal die Psychologin spielt, wird sie sich die Tasche schnappen, zusammen mit meinen Lieblingsschuhen und meinem einzigen noch brauchbaren Lippenstift, sie wird im ganzen Haus ihre Therapiesitzungen abhalten und dann, wenn sie alle therapiert hat, wird die Tasche in irgend einer Ecke landen, wo ich sie Tage später nach verzweifelter Suche wieder finden werde.

Nein, ich will mir nicht ausmalen, was ich dann alles darin finden werde…

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

 

 

Zähflüssig

An gewissen Tagen ist es, als hätte jemand über Nacht deine Wohnung mit Honig übergossen und zwar mit dieser billigen, zähflüssigen Sorte, die so unglaublich gut haftet, zuerst am Glas, dann am Löffel und schliesslich überall, wo sie ihre Spuren hinterlassen hat. An solchen Tagen kommt es dir so vor, als würde die ganze Familie knöcheltief in diesem Honig waten und du hast die mühsame Pflicht, jedem Familienmitglied dabei zu helfen, in dieser klebrigen Masse einen Fuss vor den anderen zu bekommen.

„Trink jetzt deinen Kakao, FeuerwehrRitterRömerPirat. Ja, die Tasse steht zwei Zentimeter neben deiner rechten Hand, eine kleine Bewegung nur und du kannst den Griff fassen. Ja, gut so und jetzt führst du die Tasse zu deinen Lippen. Und jetzt schlucken. Nein, jetzt die Tasse nicht wieder hinstellen, noch ein Schluck und noch einen. So ist gut. Und jetzt erhebst du deinen Hintern vom Hocker, gehst ins Badezimmer und wäschst dir dein Gesicht. Jawohl, dazu nimmt man einen feuchten Waschlappen und mit dem fummelt man dann im Gesicht herum. Und wo du schon mal im Bad bist, empfiehlt es sich, gleich zur Zahnbürste zu greifen. Die Zahnbürste ist dieses Ding mit dem langen Stiel und den Borsten, mit dem man an den Zähnen herum schrubbt. Gut…“

„Weisst du, ‚Meiner‘, ich habe mir überlegt, wir könnten Karlsson stets Znünigeld für eine Woche geben, das er sich dann selber einteilen muss, wenn er sein Znüni unbedingt kaufen will. Ja, ein fixer Betrag und wenn er das Geld zu schnell aufgebraucht hat, muss er eben seine eigenen Brote schmieren. Damit er lernt, das Geld einzuteilen, ja und damit er lernt, dass es billiger ist, den Znüni von zu Hause mitzunehmen. Für den Znünikisok in der Schule, genau den meine ich.  Nein, nicht viel Geld, einfach ein paar Franken, die er selber verwaltet. Genau, und wenn er kein Geld mehr hat, dann muss er eben selber schauen. Ja, so meine ich das. Selbstverständlich können wir heute Abend in Ruhe darüber reden…“

„Klar kannst du eine Tasse Tee haben, Zoowärter, aber zieh dich doch in der Zwischenzeit schon mal an. Ja, die Hose, die du gestern bekommen hast. Jawohl, auch eine Unterhose und ein T-Shirt. Das findest du im Schrank, genau….Dein Tee ist fertig, Zoowärter. Aber warum bist du noch nicht angezogen? Hier ist deine Unterhose. Vielleicht musst du zuerst die von gestern ausziehen. Gut, und jetzt die Hose. Nein, die Unterhose von gestern bitte in den Wäschekorb, nicht auf den Fussboden…So, jetzt musst du aber wirklich gehen. Wie, dein Tee? Die Tasse steht seit zwanzig Minuten auf dem Tisch und du sitzt seit zwanzig Minuten am Tisch, aber trinken müsstest du schon noch selber. Nein, der Tee ist jetzt nicht mehr heiss… Und jetzt die Schuhe. Ja, die Sandalen, die Sonne scheint…“

„Ja, Luise, dein neues T-Shirt gefällt mir sehr gut und ja, die Katzen sind wirklich unheimlich lieb und herzig, ja, du hast dich wirklich gut auf die Prüfung vorbereitet, ja, deine neue Hose ist auch toll, ja, ich kann dich kämmen, aber du solltest dir heute unbedingt die Haare waschen, ja, du darfst dir meine Schuhe ausleihen, ja, irgendwann darfst du dir einen zweiten Ohrring stechen lassen, nein, ich weiss noch nicht wann, nein, heute ganz bestimmt nicht, du brauchst jetzt nicht zu motzen, ich hab gesagt, wir machen das, aber ich weiss noch nicht wann, nein, ich habe dein Matheblatt nicht gesehen, nein, ich kann nichts dafür, dass du so viele Hausaufgaben machen musstest, nein ich habe auch dein Englischblatt nicht gesehen…Du willst doch nicht etwa sagen, dass du jetzt noch zwanzig Aufgaben lösen musst, die du gestern Abend hättest lösen müssen?“

„Du kannst den Computer selber einschalten Karlsson. Ja, der Drucker sollte genügend Tinte haben. Selbstverständlich hast du dein Titelblatt schön gestaltet. Kannst du bitte das Papier selber suchen, ich muss jetzt…Doch, gestern ging der Drucker noch. Nein, ich weiss nicht, welcher Trottel wieder diese Abdeckung weggenommen hat. Geht noch immer nicht? Dann mailst du das Titelblatt halt an die Lehrerin. Das möchte sie nicht? Aber wenn unser Drucker streikt…Okay, ich komme gleich, muss nur noch…Ja, Karlsson, ich habe gesagt, ich komme gleich, einen Augenblick bitte. Kannst du das hier mal halten, ich versuche den Drucker zu kippen. Gut, jetzt sollte es klappen. Ist wirklich schön geworden, dein Titelblatt, aber jetzt musst du dich beeilen. Nein, ich weiss auch nicht, wo dein zweiter Hallenschuh ist…“

Ein Wunder, dass du keinem sagen musst, wie das mit dem Atmen funktioniert: „Einfach immer schön ein und aus, nicht zu schnell und nicht zu langsam, ja, der Brustkorb hebt und senkt sich, schön….“

Wenn dann endlich alle bereit sind und du denkst, das Schwierigste sei überstanden, dann setzt sich dein Erstklässler auf die Treppe und heult, weil er nicht zur Schule gehen will, weil es dort so laaaaaaaangweilig ist. Und du weisst, dass die Morgenroutine zumindest beim Zoowärter mit dem Beginn dieser Krise nur noch zähflüssiger sein wird…

img_8059-small

Elternabend mit Kater

Bereits wenn ich auf dem Anmeldezettel angebe, „Meiner“ und ich würden wenn möglich beide zum Elternabend erscheinen, weiss ich genau, dass es auch dieses Jahr nicht klappen wird. „Meiner“ wird garantiert nicht mitkommen können, denn einer von uns beiden muss die jüngeren Kinder zu Bett bringen, den älteren Kindern bei den Hausaufgaben helfen und die Küche aufräumen. Da „Meiner“ schon den ganzen Tag im Schulzimmer verbracht hat und ich ganz froh bin, unser Irrenhaus abends zu verlassen, um zwei Stunden in einem anderen Irrenhaus zu verbringen, bin gewöhnlich ich diejenige, die zum Elternabend geht. Und gewöhnlich bin ich die Einzige, die ohne männliche Begleitung erscheint, denn bei solchen Anlässen zeigen sich sogar jene Väter, die gerade mal knapp den Namen des Kindes kennen, für das sie Alimente bezahlen. Dann sieht es so aus, als würde sich „Meiner“ einen Dreck um die schulischen Belange unserer Kinder scheren, dabei ist er es, der sich mit Engelsgeduld – manchmal auch mit viel Gezeter – darum kümmert, dass unsere Kinder rechnen und rechtschreiben lernen. Ich hingegen, die ich mich bloss um Alltagskram wie Pausenbrote, fiese Schulkameraden und vergessene Turnsachen kümmere, sitze brav auf dem Stühlchen und notiere mir alles, was den zu Hause gebliebenen Pädagogen interessieren könnte. 

Es ist geradezu peinlich, wie peinlich mir solche vermeintlichen „Der Vater meiner Kinder interessiert sich einen Dreck für die Schule“-Auftritte sind. Kater Leone muss genau dies gespürt haben, denn als ich mich heute Abend auf den Weg zum Kindergarten machte, folgte er mir und wich nicht mehr von meiner Seite. Nichts konnte ihn davon abhalten, mit mir zu kommen, weder der Raser, der in der 30-er Zone viel zu schnell unterwegs war, noch die Ambulanz, die den armen Kater mit ihrer Sirene gehörig erschreckte. Einen Augenblick nur zögerte er, als ich das Kindergartengebäude betrat, doch dann folgte er mir auch dorthin, die Treppe hoch bis zur Zimmertüre. Dort aber verliess ihn plötzlich der Mut. Passte ihm der Geruch nicht, hatte es zu viele fremde Menschen, oder wollte er vielleicht nicht in aller Öffentlichkeit mit diesem kleinen Lausebengel namens Prinzchen in Verbindung gebracht werden? Was auch immer sein Beweggrund gewesen sein mag, Leone machte auf der Schwelle Kehrt und ich musste alleine ins Zimmer gehen. Dabei hätte ich in der Vorstellungsrunde doch so gerne gesagt: „Ich bin Prinzchens Mama und das hier ist mein Kater, der einen nicht unerheblichen Beitrag zu meiner Entspannung leistet, wenn der gewöhnlich so liebe kleine Junge mal wieder mit dem Kopf durch die Wand will.“

Nun, ich habe den Elternabend auch ohne Leones Hilfe überstanden, doch als er mich draussen vor dem Kindergarten erwartete, wurde mir ganz warm ums Herz. Gemeinsam machten wir uns auf den Heimweg und wäre es mir nicht allzu peinlich gewesen, dann hätte ich der treuen Seele davon erzählt, wie zufrieden ich mit Prinzchens Kindergärtnerin bin. Ich habe dann eben „Meinem“ vorgeschwärmt. Von der Kindergärtnerin, die so unkompliziert und humorvoll ist. Und von dem Kater, der es auf sich genommen hat, mich zum Elternabend zu begleiten.

img_8408-small

 

Prinzchen-Facetten

Die Zahnärztin kennt das Prinzchen als einen tapferen Jungen, der Untersuchungen, Röntgen und Zähneziehen ohne die geringste Regung über sich ergehen lässt.

Die Kinderärztin kennt das Prinzchen als einen äusserst gesprächigen Jungen, der bereitwillig jede Frage beantwortet, wenn er nicht gerade zu krank ist.

Der beste Freund kennt das Prinzchen als einen Jungen, der stets zum Spielen aufgelegt ist und der vor fast nichts zurückschreckt.

Meine Mutter kennt das Prinzchen als einen Jungen, der ohne Punkt und Komma redet und dabei alles entdecken und ausprobieren will.

Unser Neffe kennt das Prinzchen als einen Jungen, der pausenlos singt.

Unsere grösseren Kinder kennen das Prinzchen als einen Jungen, der mit aller Macht seinen Kopf durchsetzen kann.

Die Kindergärtnerin kennt das Prinzchen als einen Jungen, der zwar zu Beginn jeweils etwas ängstlich ist und manchmal auch weint, dann aber mit Begeisterung mitmacht.

Die anderen Mütter kennen das Prinzchen als einen Jungen, der fast ohne Unterbruch in Bewegung ist.

Die Coiffeuse kennt das Prinzchen als einen Jungen, der sich auf gar keinen Fall die Haare schneiden lassen will.

Die Verkäuferinnen kennen das Prinzchen als einen Jungen, der starrköpfig die Lippen zupresst, wenn er etwas zu ihnen sagen sollte. 

Die Passanten kennen das Prinzchen als einen Jungen mit wuscheliger Mähne und einem riesigen Teddy.

„Meiner“ und ich kennen das Prinzchen auch auf all diese und viele weitere Arten.

Seit einigen Tagen lerne ich das Prinzchen aber auch als einen Jungen kennen, der seine Sache besser als gut machen will, der sehr viel von sich selber erwartet und sich deshalb voll und ganz verausgabt.

Wenn er dann sein Bestes gegeben hat,  lerne ich das Prinzchen als einen Jungen kennen, der sich schluchzend an mich klammert und irgendwann erschöpft in meinen Armen einschläft.

Ich bin froh, auch dieses Prinzchen zu kennen und hoffe, dass er weiss, dass es vollkommen in Ordnung ist, auch mal schwach und hilflos zu sein. 

img_9566

Turnhallen-Ängste

Mit Karlsson ging ich ins Muki-Turnen. Damit er mit anderen Kindern in Kontakt kommt. Damit er die Turnhalle kennen lernt und im Kindergarten keine Angst hat. Und weil es ihm Spass machte.

Mit Luise ging ich ins Muki-Turnen. Weil sie schon als Baby stets auf die Sprossenwand klettern wollte. Und aus den gleichen Gründen wie bei Karlsson.

Als Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat klein waren, leitete ich den Anlass sogar drei Jahre lang. Zu meiner Verteidigung: Das war noch, bevor ich wusste, was es bedeutet, ausgebrannt zu sein und darum sagte ich zu Dingen ja, die sonst keiner machen wollte, die aber unbedingt getan werden mussten, weil sie pädagogisch wertvoll sind.

Mit dem Zoowärter ging ich ins Muki-Turnen. Genau dreimal, dann erklärte er mir, er würde lieber schlafen als turnen, was mir natürlich äusserst sympathisch war. Also gingen wir nicht mehr.

Wie seine grossen Geschwister hatte auch der Zoowärter kein Problem mit der riesigen Turnhalle, als er in den Kindergarten kam. Obschon er kaum im Muki-Turnen gewesen war.

Mit dem Prinzchen ging ich nicht ins Muki-Turnen. Zuerst nicht, weil ich mittwochs im Büro war und er in der Krippe. Auch als ich nicht mehr im Büro arbeitete, ging ich nicht, weil das Prinzchen stets in Bewegung ist und sich auch ohne Sprossenwand die Zähne ausschlägt. In der Turnhalle würde er – der Furchtlose – sich auch ohne Muki-Turnen zurechtfinden, da war ich mir ganz sicher. Und wenn das schlechte Gewissen mir vorwarf, den Jüngsten zu vernachlässigen, verteidigte ich mich: „Man kann auch ohne Muki-Turnen eine gute Mutter sein. Er darf dafür im Garten graben und hacken.“

Heute hatte das Prinzchen zum ersten Mal Turnunterricht im Kindergarten. Als schon die halbe Klasse zum Abmarsch zur Turnhalle bereit stand, klammerte er sich plötzlich an mich. „Ich komme nicht draus! Ich kann das nicht!“, presste er unter heftigem Schluchzen hervor. Die Kindergärtnerin, Prinzchens bester Freund und ich versichertem ihm, dass er das ganz bestimmt könne, er sei doch so flink, so mutig, so beweglich. Heulend ging er an der Hand seines besten Freundes zur Turnhalle und als ich ihm mittags abholte, erklärte er mir, er hätte halt befürchtet, sie müssten „richtig turnen“. „Aber wir haben nur gespielt und das hat Spass gemacht“, erzählte er. „Krise überstanden“, dachte ich erleichtert und schenkte der Sache keine weitere Beachtung mehr.

Von wegen! Die Krise hat erst angefangen. „Das Prinzchen hat noch sehr lange geweint im Bett“, erzählte mir „Meiner“, als ich abends von Zoowärters Elternabend nach Hause kam. „Er fürchtet sich vor der Turnhalle. Er hat gesagt, er werde nie im Leben wieder dorthin gehen und er konnte erst einschlafen, als ich ihm versprach, dies der Kindergärtnerin mitzuteilen.“ 

Ach, wäre ich doch mit dem Prinzchen turnen gegangen. Dann wäre er heute voller Selbstbewusstsein in die Turnhalle marschiert. Er hätte seinem besten Freund gezeigt, was er schon alles kann. Er hätte laut gelacht anstatt geweint und er wäre wild herumgerannt. Vermutlich hätte er in allerbester Prinzchen-Manier ein waghalsiges Klettermanöver ausprobiert…

…und sich den Arm gebrochen, oder ein Bein, oder einen weiteren Zahn ausgeschlagen. Vielleicht doch nicht so schlecht, dass ich mit dem Prinzchen nie im Muki-Turnen war…

img_9578