Helena

Natürlich war mir Helenas Name nicht aufgefallen, als ich die neue Klassenliste durchsah, die der Zoowärter mit nach Hause brachte. Ich habe es mir schon längst angewöhnt, mir die Namen der Klassenkameradinnen meiner Söhne zu merken. Von den Mädchen höre ich nur, wenn es zu Zoff kommt. Also dann, wenn eine erboste Mutter mir weismachen will, ihre engelsgleiche Tochter sei nichts Böses ahnend die Strasse entlang gegangen, als mein barbarischer Sohn sich vollkommen grundlos aus dem Gebüsch auf sie gestürzt und ihr den Arm umgedreht habe. Solche Geschichten kommen zum Glück nur äusserst selten vor und darum begegne ich den Klassenkameradinnen höchstens noch hin und wieder beim Aufräumen der Kinderzimmer, wenn ich in einem verborgenen Winkel den Namen einer Angebeteten an die Wand gekritzelt vorfinde. Mehr gibt’s leider nicht, obschon ich zur Abwechslung ganz gerne mal Mädchenbesuch im Haus hätte.

Bei Helena nun ist alles anders. Aufgefallen ist mir das zum ersten Mal am Elternabend. „Ach weisst du, unserer spielt so gerne mit Helena“, sagte eine Mutter zur anderen. „Ja, die Helena. Unserer ist auch ganz begeistert von ihr. Ich höre den ganzen Tag nur noch von ihr“, sagte die andere Mutter seufzend. „Ich glaube, alle Jungs stehen auf Helena“, meinte die Erste.

Alle Jungs stehen auf Helena? Warum bloss hat mir der Zoowärter noch nie von ihr erzählt? Ob etwas nicht stimmt mit ihm? Mag sie ihn am Ende nicht, meinen süssen kleinen Sohn? Gesagt habe ich natürlich nichts, denn welche Jungen-Mutter will sich schon als Helena-Ignorantin outen, wo offensichtlich alle Jungen keine andere mehr im Kopf haben? Nach dem Elternabend vergass ich Helena für einige Tage wieder. Der Zoowärter ist offensichtlich nicht wie alle Jungs.

Jetzt aber ist das Helena-Fieber auch bei ihm ausgebrochen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend erzählt der Zoowärter vom Mädchen seiner Träume. Helena kann so toll mit Jungs spielen, sie weiss sogar, wie man Ritter spielt. Zoowärters schönster Dino heisst jetzt Helena, das Lieblingsstofftier wohl auch. Helena war schon bei Roberto zu Besuch und bei Cyrill und gestern hätte sie mit dem Zoowärter bei Armando gespielt, wenn sie nicht irgend einen unsinnigen anderen Termin – Kinderarzt oder so – gehabt hätte. Das wäre soooooo cool gewesen, denn wenn Helena mitspielt, wird auch das langweiligste Spiel zum Abenteuer.

Weil sie gestern nicht dabei sein konnte, muss Helena am Montag zu uns kommen. Sie weiss zwar noch nichts von ihrem Glück, aber immerhin ist des Prinzchens Skepsis bezüglich Damenbesuch bereits überwunden. Seitdem er weiss, dass Helena Spielzeugtraktor fährt, fiebert er dem hohen Besuch fast ebenso sehr entgegen wie der Zoowärter. Falls Helena in ihrem randvollen Terminkalender ein freies Zeitfenster für den Zoowärter hat, darf auch ich mich endlich mal wieder über Mädchenbesuch freuen. Ob sie sich erweichen lässt, eine halbe Stunde mit Luise und mir über Mädchenkram zu quatschen?

Ach ja, natürlich heisst Helena nicht wirklich Helena, Roberto nicht Roberto, Cyrill nicht Cyrill und Armando nicht Armando. Und der Zoowärter nicht Zoowärter, aber das habt ihr ja wohl bereits geahnt.

20120908-122829.jpg

Schlechte Gesellschaft

Mit der diesjährigen Themenwahl für das Sommerlager haben uns die Jungscharleiter einen Bärendienst erwiesen. Eine Woche lang waren die Kinder als Mafiosi unterwegs und seither ist die Mafia für unsere Jüngsten nicht mehr eine ganz üble Sache, sondern eine äusserst faszinierende Angelegenheit. Vor allem der Zoowärter sieht sich seither gerne in der Rolle eines „Mafia“, wie er das nennt.

Als „Mafia“ kann er nun plötzlich auch wieder mit dem Prinzchen und seinem besten Freund auf der Baustelle mitspielen, wo er als Ritter oder als Tyrannosaurus Rex nicht willkommen war. Jetzt aber hört man im Garten plötzlich Folgendes: „Ich wäre ein Mafia und ich hätte euch beim Bauen geholfen. Kommt, wir mischen noch mehr Sand in den Beton, dann hält die Mauer besser.“

Mafia? Mehr Sand im Beton? Mitmischen beim Bauen? Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Aber doch nicht aus unserem Garten…

20120827-185828.jpg

Endlich redet mal einer

Vor acht Jahren:
Mama: „Karlsson, wie war es denn in der Spielgruppe?“
Karlsson: „Weiss nicht.“
Mama: „War es schön?“
Karlsson: „Weiss nicht.“
Mama: „Was habt ihr denn gemacht?“
Karlsson: „Alles.“
Mama: „Was denn alles?“
Karlsson: „Weiss nicht.“

Vor vier Jahren:
Mama: „FeuerwehrRitterRömerPirat, wie war es denn in der Spielgruppe?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Schön.“
Mama: „Was habt ihr denn gemacht?“
FRRP: „Weiss nicht.“
Mama: „Habt ihr eine Geschichte gehört?“
FRRP: „Ja“
Mama: „Welche denn?“
FRRP: „Weiss nicht.“
Mama: „Was habt ihr sonst noch gemacht?“
FRRP: „Weiss nicht.“

Vor zwei Jahren:
Mama: „Zoowärter, wie war es denn in der Spielgruppe?
Zoowärter: „Weiss nicht.“
Mama: „Hat es dir gefallen?“
Zoowärter: „Ja.“
Mama: „Was habt ihr denn gemacht?“
Zoowärter: „Alles.“
Mama: „Was hat dir denn am besten gefallen.“
Zoowärter: „Weiss nicht. Alles.“

Heute:
Mama: „Prinzchen, wie war es denn in der Spielgruppe.“
Prinzchen: „Toll. Wir haben gesungen, eine Geschichte gehört, Znüni gegessen, Wasser getrunken und gespielt.“
Mama: „Hat es dir gefallen?“
Prinzchen: „Ja, aber wir haben kein Feuer gemacht. Machen wir nächstes Mal ein Feuer?“
Mama: „Ich weiss es nicht.“

Okay, ich weiss, ein Kind fehlt. Aber ihr glaubt doch nicht etwa, ich könnte mich nach all den Jahren noch an die vielen Details aus Luises Spielgruppenberichten erinnern?

Keine Zeit

Für das Prinzchen ist Essen reine Zeitverschwendung. „Wozu Essen, wo man sich den Bauch ebenso gut mit Flüssigem füllen kann?“, scheint er sich zu sagen. „Solange Mama genügend Milch einkauft, kann ich auf diese ganze Esserei verzichten.“ Und so lässt er sich jeweils fünf – oder zehnmal bitten, bevor er zu Tisch kommt, wo er lustlos imTeller herumstochert und bei der erstbesten Gelegenheit wieder nach draussen flüchtet.

Heute Nachmittag verbrachte er Stunden auf seiner Baustelle. Um die Sonntagsruhe scherte er sich einen Dreck und für Nahrungsaufnahme hatte er keine Zeit. Als wir abends alle am Tisch sassen und er noch immer nicht auftauchte, rief ich aus dem Fenster. „Prinzchen, wir essen!“ Er schaute nicht mal auf von seiner Arbeit, brummte „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass es mir nicht schmeckt“ und baute weiter an seiner Hütte. Es half nichts, dass ich beteuerte, Brot, Joghurt und Würstchen hätte er schon immer gemocht, er verzichtete dennoch auf sein Abendessen. Und kippte vor dem Schlafengehen einen Liter Milch in sich hinein.

20120819-225354.jpg

Unaufhaltsam

Nein, ich freue mich nicht auf den 12. August 2013. Ja, ich weiss, ich sollte mich darauf freuen, denn das Prinzchen wird dann seinen ersten Kindergartentag haben, der Zoowärter seinen ersten Schultag. „Stell dir mal vor, wie viele Freiheiten du dann haben wirst“, sagen die Mütter, die schon länger keine kleinen Kinder mehr zu Hause haben. Und ich versuche ernsthaft, mir vorzustellen, wie schön das sein wird. Das Dumme ist nur, dass es mir nicht so richtig gelingen will.

Nein, ich habe keine Angst, ich wüsste nichts mit meiner Zeit anzufangen. Mir wird ganz bestimmt nicht langweilig. Es ist nur so, dass ich die Freiheit mit nur einem Kind im Haus so sehr geniesse. Wie schön, wenn man mal für ein Kind alle Zeit der Welt hat, wenn man ganz spontan in die Stadt fahren kann, weil man nicht eine ganze Herde zusammentreiben muss.

Ich habe übrigens auch kein Problem damit, dass unsere Kinder grösser werden. Nun ja, zumindest kein grosses Problem. Mein Problem ist, dass da keiner mehr nachkommt, wenn alle mal draussen sind. Kein kleiner Mensch mehr, der mich mit Fragen löchert, der voller Stolz den viel zu grossen Kochlöffel schwingt, der mich mit dem Wunsch, eine Geschichte erzählt zu bekommen, von meinen Pflichten abhält.

So wird das sein in einem Jahr und davor graut mir schon heute. Verhindern kann ich es dennoch nicht und so bleibt mir nichts anderes übrig, als der kleine Rest an Kleinkinderzeit, der mir noch bleibt, zu geniessen. Mal sehen, ob ich das schaffe…

 

Gespräch unter Forschern

Zoowärter, Prinzchen und ich sind im Auto unterwegs, das Prinzchen zeigt auf einen Sendeturm, der auf einem Hügel steht:

„Mama, ist dort das Weltall?“

Zoowärter: „Nein, das Weltall ist viel grösser.“

Prinzchen: „Mama, ist hier der Erdkern?“

Zoowärter: „Nein, der Erdkern ist ganz tief in der Erde drin.“

Prinzchen: „Ich will einmal im Sandkasten so tief graben, bis ich zum Erdkern gelange.“

Zoowärter: „Das darf man nicht.“

Prinzchen: „Ich schaue mir den Erdkern nur kurz an, dann mache ich das Loch wieder zu.“

Zoowärter: „Dann grabe ich mit, aber danach müssen wir das Loch ganz schnell wieder zumachen, der Erdkern ist nämlich sehr heiss.“

Bilanz nach vier Tagen Strasbourg

  • Strasbourg ist wunderschön.
  • In Frankreich gibt es eine überwältigende Auswahl an unglaublich coolen,  schönen und sinnvollen Küchengadgets.
  • Auch wenn mir der Konsumwahn immer mehr zu schaffen macht,  wenn ich eine überwältigende Auswahl an unglaublich coolen,  schönen und sinnvollen Küchengadgets vor mir habe,  bringe ich es nicht fertig,  zu widerstehen.
  • Wenn der Euro für uns Schweizer so billig zu haben ist,  ist das seeeeeehr gefährlich für unser Familienbudget.
  • Unsere Kinder mögen kein Pain au Chocolat. Als ich in ihrem Alter war,  hätte ich für einen Bissen Pain au Chocolat mein letztes Hemd hergegeben. 
  • Die Franzosen mögen unsere Kinder nicht. Ob das damit zusammenhängt,  dass unsere Kinder kein Pain au Chocolat mögen,  oder ob es für diese Abneigung einen anderen Grund gibt,  weiss ich nicht. Tatsache ist,  dass unsere Kinder noch nie so oft vollkommen grundlos von wildfremden Personen ermahnt worden sind. Für grundlose Ermahnungen sind gewöhnlich wir Eltern zuständig und ich bin zutiefst beleidigt,  wenn ein anderer meine Aufgabe an sich reisst. Zumal die Ermahnungen wirklich grundlos waren.
  • Muss das Prinzchen ein paar Tage ohne seine Milch auskommen,  isst er plötzlich mit grossem Genuss Chicken Korma,  Madras Reis,  Samosas,  Mint Raita und sogar rohe Tomaten. Ich Rabenmutter hatte stets behauptet,  das Kind sei heikel,  dabei war es einfach pappsatt von der vielen Milch,  die es gewöhnlich in sich hineinschüttet. 
  • Luise gefällt es in Prag besser als in Strasbourg. Hat sie mir nur ca. 127 mal gesagt in diesen vier Tagen.
  • Babybel gibt es in verschiedenen Farben,  die für verschiedene Geschmacksrichtungen stehen. Während der Farbunterschied relativ einfach festzustellen ist,  versuche ich weiterhin herauszufinden,  wo sich der Geschmacksunterschied versteckt hat.
  • Während es die Franzosen problemlos fertigbringen,  bequeme Zugabteile für acht Personen zu bauen,  bringt die Deutsche Bahn auf einer ähnlich grossen Fläche gerade mal sechs Personen unter. 
  • Der Zoowärter scheint ein Ohr für die Französische Sprache zu haben. 
  • Karlsson und Luise scheinen derzeit ein Ohr für all jene Wörter zu haben,  die in ihrem Wortschatz nichts verloren haben. 
  • Egal wie perfekt ein Hotel sein mag,  auf TripAdvisor findet sich immer einer,  der eine schlechte Bewertung abgibt. Vielleicht,  weil ihm die Farbe des Teppichs nicht gepasst hat,  oder weil die Blumen an der Reception etwas welk waren. Hauptsache,  man kann sich über etwas beklagen.
  • Wenn ich „Meinem“ lange genug nichts schenke,  dann freut er sich auch, wenn er von mir einen Regenschirm bekommt. Nun gut,  der Regenschirm war ein Designstück…
  • Wenn man mit einer Europa-Fahne im Gepäck in die Schweiz reist,  lassen sie einen dennoch über die Grenze. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat’s getestet. Es gibt keinen Detektor,  der das Reisegepäck nach Europäischer Propaganda durchleuchtet.
  • Egal,  ob man lange oder kurz weg war,  wieder nach Hause zu kommen ist jedes Mal gleich schwierig. 

Prinzchen-Patriotismus

Nein, ein Patriot ist er nicht, unser Prinzchen. Die Knallkörper sind ihm zu laut, die Wunderkerzen mag er nicht in der Hand halten, als wir die Vulkane anzünden verkriecht er sich ins Haus und die Raketen, welche die Nachbarn steigen lassen, will er nicht mal vom geschlossenen Fenster aus sehen. Zu seinem Glück fällt unser Feuerwerk wie jedes Jahr sehr bescheiden aus – wer will denn schon viel Geld für Brennbares ausgeben? Und so stellt unser Jüngster, als er sich in sein sicheres Bett verkriecht, befriedigt fest: „Mama, wir haben gewonnen beim Feuerwerk. Wir waren viel schneller fertig als alle anderen.“

Brav, mein Kind, genau so sehe ich das auch.

Die Grenze des guten Geschmacks

Ich halte mich für eine ziemlich tolerante Mutter. Will der FeuerwehrRitterRömerPirat Fussball spielen, dann soll er dem Fussballclub beitreten, obschon ich selber nicht allzu viel für Fussball übrig habe. Ihm zuliebe werde ich irgendwo in mir drinnen einen Funken Fussballbegeisterung aufspüren, damit mein Stolz über ein von ihm geschossenes Tor ebenso gross sein wird wie meine Begeisterung über einen gelungenen Geigenauftritt von Karlsson.

Will Luise Reitstunden nehmen, dann erkundige ich mich eben danach, wie viel Reitstunden kosten und falls wir ein bezahlbares Angebot finden, werde ich mich in ihre Welt eindenken, auch wenn mir der ganze „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“-Kram ziemlich suspekt ist. Vielleicht würde ich mich ihr zuliebe sogar selber mal aufs Pferd schwingen, einfach so, um herauszufinden, ob das wirklich so toll ist, wie alle sagen. Nun ja, vielleicht würde ich auch nicht, ich könnte ja runterfallen…

Begeistert sich der Zoowärter für Dinosaurier, dann bekommt er eben Dino-Bücher geschenkt, auch wenn ich ihm viel lieber das entzückende Buch mit den herzigen Jungtieren gekauft hätte. Ihm zuliebe versuche ich nachzuempfinden, was an Stegosaurus & Co. so unglaublich faszinierend sein soll. Okay, ich habe es noch nicht herausgefunden, aber ich arbeite dran.

Heissen des Prinzchens Helden Bob der Baumeister und Feuerwehrmann Sam, dann erzähle ich ihm eben Geschichten von Bauarbeitern und Feuerwehrmännern. Ja, ich erfinde für ihn sogar Schlaflieder, die von seinen Helden handeln, obschon ich im Erfinden von Liedern eine Niete bin und obschon ich auch bei Sohn Nummer vier keine allzu grosse Begeisterung für Feuerwehrmänner und Bauarbeiter verspüre. Hauptsache, mein Kind ist glücklich.

Was für diese vier Kinder gilt, gilt natürlich auch für Karlsson. Was immer ihn auch begeistert – Opern, antike Möbel, elegante Kleidung – ich unterstütze ihn nach Kräften in seinen Leidenschaften. Bis jetzt bin ich damit ganz gut gefahren, neuerdings aber strapaziert unser Ältester in bester Teenagermanier die Grenzen meiner Toleranz. Schallt aus seinem Zimmer Edith Piaf, dann bleibt auch mir nichts anderes als verständnisloses Kopfschütteln und die bange Frage „Kind, bist du auch ganz sicher, dass es dir gut geht?“

20120730-193121.jpg

Familientraditionen

Am Anfang war Rosa Müller. Eines Tages, als unsere damals noch kleinen Grossen den lieben langen Tag nörgelten, erschien sie einfach so, aus dem Nichts. Eine unzufriedene, kleinkarierte alte Frau, die in einem Altersheim lebt und nichts anderes tut, als sich zu beklagen. Mal ist sie unzufrieden, weil sie sich langweilt und Sekunden später klagt sie darüber, dass einfach zu viel Programm geboten wird im Altersheim. Schenken ihre Kinder ihr eine Schachtel Pralinen zu Weihnachten, dann ist sie eingeschnappt, weil sie nich mehr bekommen hat, fahren sie mit ihr nach Mallorca in die Ferien, dann schimpft sie, die hätten zu viel Geld ausgegeben für sie. So ist sie, die Rosa, stets unzufrieden, andauernd meckernd und einfach unausstehlich. Unsere Kinder lieben sie heiss und innig und so kommt es, dass sie immer mal wieder fragen: „Mama, kommt die Rosa?“ Wenn Mama in der Stimmung ist, dann kommt sie tatsächlich, die alte Schreckschraube.

Eines Tages, ich kann mich nicht mehr genau erinnern wann das war, gesellte sich Gerlinde zu Rosa. Gerlinde, die ebenso griesgrämige deutsche Immigrantin, ein paar Jahre jünger als Rosa, laut, stillos und kinderfeindlich. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, weshalb sie dennoch regelmässig zu uns kommt, wo man bei uns doch andauernd mit den Kindern zu tun hat. Gerlinde und Rosa können sich nicht ausstehen und so muss ich stets auf der Hut sein, dass die eine nichts davon erfährt, wenn die andere da war. Wenn Gerlinde loslegt kann es schon mal vorkommen, dass dem Prinzchen Angst und Bang wird, so dass ihre Besuche meist nicht allzu lange dauern.

Ja, und dann wäre da noch Maggie, die eigentlich Margrit heisst, was unsere Kinder ihr immer wieder mit grosser Schadenfreude unter die Nase reiben. Maggie, die Verschwenderische, die mit ihrem Privatjet um die Welt düst und sich derzeit Gedanken macht, ob sie im Herbst vielleicht ein oder zwei bedürftige Kinder adoptieren soll. Vermutlich wird sie es tun, sie muss nur noch herausfinden, welches Herkunftsland derzeit gerade hip ist. Und natürlich muss sie noch irgendwo die perfekte Vollzeit-Nanny auftreiben, denn Maggie hat für Kinder noch weniger übrig als Gerlinde. Maggie ist ein durch und durch widerliches Trophy Wife, menschenverachtend und geltungssüchtig.

Gestern haben die drei Damen Gesellschaft bekommen. Ein dubioser Waffenhändler aus Afghanistan, der in eine schlimme Familienfehde verwickelt ist, tauchte plötzlich am Familientisch auf. Ein beängstigender Zeitgenosse, aber durchaus begabt im Fabulieren über seine zahllosen Abenteuer. Unsere Jungs hängen buchstäblich an seinen Lippen, wenn er erzählt. „Wann kommt er wieder?“, betteln der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen. Nur Karlsson bettelt nicht, der setzt sich hin und fängt an zu erzählen: „Geschter ich hane funde alte Gewehr, ist gute Gewehr…“

Und so setzt Karlsson eine Familientradition fort, die eines Tages, als unsere damals noch kleinen Grossen den lieben langen Tag nörgelten, wie aus dem Nichts über Karlssons Mama kam.