Der perfekte Geburtstagskuchen

Damit das Rezept gelingt, müssen zuerst einmal die Grundvoraussetzungen stimmen. Am besten funktioniert es mit einem Kind, das mitten in den Sommerferien das Licht der Welt erblickt hat. Nur so hat man die Garantie, dass man beide Hände frei hat zum Backen. Sonst hält man ja immer in der einen Hand den Teigschaber, in der anderen das Telefon, oder den Stift, um eine Prüfung zu unterschreiben, oder eine von Fruchtfliegen umschwärmte Kindergartentasche, aus der man eine zerquetschte Banane herausfischen muss, ohne dabei das Eiweiss für den Kuchen zu verunreinigen.

Nun aber zum Rezept: Man nehme einen Samstag, an dem ausser Kuchen backen, Chutney einkochen, Fruchtfliegen vertreiben und Kinder nach einer Woche Ferienlager in Empfang nehmen nichts auf dem Programm steht. Dies vermengt man mit einer übermüdeten und deswegen sehr relaxten Mama Venditti, die alles um sich herum vergisst, wenn sie nur den perfekten Eischnee schlagen kann. Ein Papa Venditti, der für einmal nicht motzt, die Geburtstagsvorbereitungen seien vollkommen übertrieben, sondern stattdessen brav die Geschenke einpackt, verleiht dem Kuchen das gewisse Etwas. Eine Rezeptvariante sieht vor, dass man zum ersten Mal im Leben zur idealen Lebensmittelfarbe greift, welche das Marzipan nicht in eine klebrige, unappetitliche Schmiere, sondern in einen saftig grünen Fussballrasen verwandelt. Dies muss nicht unbedingt so sein, der Kuchen wäre auch mit der klebrigen, unappetitlichen Schmiere geniessbar, es trägt aber erheblich zu Mama Vendittis guter Laune bei, wenn beim Servieren nicht alles an Messer, Tortenschaufel und Fingern kleben bleibt. Glasiert wird das Ganze mit der Abwesenheit des Geburtstagskindes, denn ohne die gewöhnliche Überdosierung an „Liebstes Geburtstagskind, geh doch bitte endlich aus der Küche denn sonst ist die Überraschung im Eimer“ wird der Kuchen viel bekömmlicher.

So also bäckt man den perfekten Geburtstagskuchen. Schade, dass die Zutaten nur während der Sommerferien erhältlich sind und dass der FeuerwehrRitterRömerPirat das einzige Familienmitglied ist, das in weiser Voraussicht dann zur Welt gekommen ist, wenn der Alltag für einige Augenblicke innehält.

20120722-003608.jpg

Nähe

Je mehr Kinder man hat, umso schwieriger wird es wohl, im Alltag jedem gerecht zu werden. Wie schnell geschieht es doch, dass man das Anliegen des einen Kindes überhört, weil das andere so laut schreit. Wie oft sieht sich eines in eine Rolle hineingedrängt, weil die anderen es so haben wollen.

Wie oft werde ich im Alltag laut und merke nicht, wie sehr dies dem Zoowärter zu schaffen macht? Da unsere anderen Kinder ganz gut mit meinem Temperament klarzukommen scheinen, fällt mir kaum auf, dass der Zoowärter sich jeweils schnell zurückzieht, wenn ich mich im Ton verfehle. Jetzt aber, wo Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht da sind, kann mir unser Zweitjüngster ganz offen sagen, wie sehr er darunter leidet, wenn man ihn anraunzt. Weil ich Zeit habe, ihm zuzuhören. Weil er nicht nach einem halben Satz schon wieder unterbrochen wird, sondern den Raum hat, auszureden. Wo Mama und Papa schon zuhören, kann man ihnen doch gleich noch erzählen, dass ihn mal einer im Kindergarten ausgelacht hat und dass ihn das traurig gemacht hat. Und dann noch ein paar andere Dinge, die ihn beschäftigen. Träume, Wünsche, Ängste, Lausbubenstreiche, die er sich mit dem Prinzchen ausgedacht hat…

Es sprudelt richtiggehend aus dem Jungen heraus und wir können nicht anders, als unsere Kleinfamilienzeit zu geniessen. Auch wenn die Grossen nicht nur uns Eltern, sondern auch den zwei Jüngsten allmählich fehlen. Woran ich das erkenne? Der Zoowärter sagt beim Einkauf nicht mehr alle zwei Sekunden „Mama, kaufst du mir das?“, sondern „Mama, das könnten wir doch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schenken.“ Und wenn ich nein sage, weint er fast so laut, als hätte er nichts bekommen.

Weltbester Freund

Getroffen haben sie sich vor etwa einem Jahr in der Krippe und anfangs war das gegenseitige Interesse nicht sonderlich gross, obschon sie Nachbarn sind und sich vom Balkon aus zuwinken können. Dann, eines sonnigen Tages, langweilte sich der eine der beiden und so fing er an, im Garten lauthals den Namen des anderen zu rufen. Der eine, das ist der Nachbarjunge, der andere, das ist das Prinzchen. Zuerst verstand das Prinzchen nicht so rechts weshalb er plötzlich so gefragt war. Irgendwann aber überquerte er auf seinem Spielzeugtraktor die Strasse, um herauszufinden, wer da immer nach ihm rief.

Er fuhr und kehrte sehr lange nicht mehr zurück. Und als er dann endlich wieder zurückfuhr, kam der Nachbarjunge auf seinem Traktor hinterher. Dann kurvten sie zu zweit um unser Haus. Zufällig stiess der Zoowärter dazu und weil der Nachbarjunge altersmässig genau zwischen den zwei Brüdern liegt, wurden sie nicht Konkurrenten, sondern ein unzertrennliches Dreiergespann.

Seither sind sie mal drüben, mal bei uns, aber bei jeder Gelegenheit zusammen. Drüben bekommen sie immer Saft – behauptet zumindest der Zoowärter – bei uns schlürfen sie Limonade mit drei Trinkhalmen aus einer Flasche. Sie liegen kichernd auf dem Fussboden und erzählen einander skurrile Geschichten in einem unglaublich charmanten Gemisch aus Schweizer- und Hochdeutsch mit ein paar griechischen Zwischenrufen. Da prägt dann der Zoowärter schon mal Sätze wie diesen: „Das Pferd ist böse und das Pferd hat den Schneck vertrampt.“ Sie ergaunern sich Süssigkeiten und weil dies mal hier mal dort geschieht, hat keiner mehr den Überblick, wie viel sie in sich hineingestopft haben.

Schwierig wird es erst, wenn sie mal nicht beisammen sein können. Wehe mir, wenn ich ausnahmsweise nein sage, weil ich das Prinzchen mal wieder aus der Nähe sehen möchte. Dann setzt er sich trotzig auf die Vortreppe des Nachbarhauses und wartet, bis er hereingerufen wird, wogegen ich nichts unternehmen kann, weil ich nicht als die kaltherzige Rabenmutter dastehen will, die den Kindern den Spass verdirbt. Noch schwieriger wird es abends, wenn ich finde, dass es jetzt Zeit zum Schlafen sei. Widerwillig machen sich unsere zwei Jüngsten auf, ihren Freund nach Hause zu begleiten. Vor dem Haus dann hundert Umarmungen – zuerst das Prinzchen, dann der Zoowärter, dann alle drei, dann wieder der Zoowärter und noch einmal das Prinzchen und wieder alle drei. Dann wieder alle drei zu uns nach Hause, denn wo sie ihn doch so nett begleitet haben, will der Nachbarjunge sich revanchieren. Dann wieder Umarmungen, zurückbegleiten, winken, noch eine letzte Runde ums Haus, wieder umarmen, noch einmal begleiten – ein nahezu endloses Freundschaftsritual, bei dem wir Erwachsenen mit glänzenden Augen daneben stehen und nur zaghaft dazwischen funken, weil es doch so herzerwärmend ist, den Dreien zuzuschauen.

Nun hat mir heute die Mama des weltbesten Freundes erzählt, dass sie am Donnerstag für zwei Wochen in die Ferien fahren. Da werde ich wohl in den kommenden Tagen besonders wachsam sein müssen, sonst schmuggeln sich der Zoowärter und das Prinzchen heimlich ins Gepäck ihres Freundes und dann können wir sie in Griechenland suchen gehen.

Ob er das kann? Aber klar doch!

Heute Nachmittag der ganz spontane Entscheid, mit der ganzen Familie aufs Riesenrad zu gehen. Einfach so, weil gerade eines in der Stadt ist. Anschliessend dann noch alle zusammen zum Minigolf. Alle? Nein, Karlsson hat keinen Bock. Ich zwar auch nicht, aber sowas darf man ja als Mutter nicht allzu offen zeigen, sonst verdirbt man allen die Laune. Karlsson aber ist in dem Alter, in dem man ungestraft auf Verweigerung machen darf, was er auch ausgiebig tut. Schliesslich spricht „Meiner“ ein Machtwort: „Wenn du nicht mitkommen willst, nimmst du eben den Bus und fährst nach Hause.“ Während Luise, die befürchtet hatte, dass der grosse Bruder allen den Spass verderben könnte, hörbar aufatmet, bleibt mir fast die Luft weg. Mein armer, kleiner Karlsson, der eben erst vor ein paar Tagen laufen gelernt hat, soll ganz alleine vom Rummelplatz zur Bushaltestelle gehen, ein Billett lösen und nach Hause fahren? Der arme Junge ist doch noch viel zu klein für solche Abenteuer.

Meine Einwände bleiben ungehört, wenige Augenblicke später ist unser Ältester mit einem Fünfliber im Sack unterwegs auf dem steilen Fussweg, der zur Bushaltestelle führt. Mit sorgenvollem Blick schaue ich ihm nach. Ob ich ihn nicht doch begleiten soll? Nur mit grosser Mühe kann „Meiner“ mich davon abhalten. Zum Glück aber sind „Meiner“, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat mit dem Velo gekommen, so brauche ich mit dem Auto nur einen kleinen, unauffälligen Umweg zu machen, auf dem ich mich ganz heimlich vergewissern kann, dass alles glatt läuft. Der Zoowärter und das Prinzchen, die mit mir im Auto sitzen, werden mich bestimmt nich verpetzen. Hach, wie bin ich erleichtert, als ich Karlsson aus sicherer Distanz beobachte, wie er in den richtigen Bus einsteigt.

Zwei Stunden später ist die Minigolf-Runde endlich überstanden. Jetzt nur noch nach Hause, Abendessen kochen und dann so schnell wie möglich Feierabend. Das Gezänke, wer von den Kindern zuerst drankommt, hat mich ziemlich hingenommen und so verwünsche ich für einmal meine konsequente Ablehnung von Fertigprodukten. Wäre doch nett, wenn wir eine Tiefkühlpizza vorrätig hätten, die man nur noch in den Ofen schieben muss. Haben wir aber nicht und der Zoowärter wünscht sich Suppe im Brot, hausgemacht natürlich, denn Beutelsuppe haben wir nicht. Und zu Hause wartet bestimmt ein übellauniger Karlsson auf uns, dem es nicht passt, dass wir so lange weg waren.

Doch weit gefehlt. Als ich die Wohnungstüre öffne, strömt und himmlischer Pizzaduft entgegen, am Herd steht ein bestens gelaunter Karlsson, der verkündet, er müsse nur noch schnell die Pasta fertig kochen, dann sei das Essen bereit. „Ich habe zu viel Pizzasauce gemacht, da dachte ich mir, ich könnte ja gleich noch Pasta kochen“, erklärt er fröhlich. Auf dem Esstisch steht schon der Salat, Wasser und Cola sind eisgekühlt, der Tisch ist gedeckt und wenig später sind wir alle bei Karlsson zu Gast. „Weisst du eigentlich, wie viele Erwachsene keine Ahnung davon haben, wie man Pizzateig macht? Und du schüttelst das einfach so aus dem Ärmel“, sagt „Meiner“ anerkennend zu Karlsson. „Ach weisst du“, wehrt dieser ganz bescheiden ab, „die müssten nur das Kochbuch von Marianne Kaltenbach hervorholen, dort drin steht nämlich, wie man einen Pizzateig macht.“

Könnte es sein, dass Karlsson doch nicht mehr ganz so klein und hilflos ist, wie ich dies gerne hätte – äääähm, ich meine natürlich, wie ich zuweilen das Gefühl habe?

Priester & Clown

Es war ein heisser Sommernachmittag. Ein trauriger Karlsson und seine übermüdete Mama sassen in einem stickigen Spitalzimmer in einer Österreichischen Kleinstadt und sehnten sich nach frischer Luft, Ferienlaune und dem guten Essen, welches der Rest der Familie im Hotel geniessen durfte. Hin und wieder schaute die Mama sehnsüchtig aus dem Fenster und wünschte sich, sie dürfte mit ihrem Ältesten zumindest eine kleine Runde im Park drehen. Mitten in diese trübselige Langeweile platzte ein katholischer Priester, der sich kurz nach Karlssons Namen und Leiden erkundigte, ein paar nette Worte sprach, einen Segen spendete und dann wieder so lautlos entschwand, wie er gekommen war. Verdattert sass die protestantische Mama da und versuchte ihrem Sohn zu erklären, was diese sonderbare Erscheinung zu bedeuten hatte.

Es ist ein warmer Sommernachmittag. Ein wegen Schlafmangels vollkommen überdrehter Zoowärter und seine übermüdete Mama sitzen in einem stickigen Spitalzimmer in einer Schweizer Kleinstadt und sehnen sich nach Abwechslung. Nach bereits zwei Ausflügen zum Kiosk, einem Besuch im Café, zwei Durchgängen im Labyrinth und einem Besuch auf dem Spielplatz – „Sei vorsichtig, Zoowärter, sonst müssen sie dir die Infusion noch einmal neu stecken! Nein, nicht klettern, das geht nicht mit eingebundener Hand! Bitte pass auf dich auf, du bist nicht so gesund, wie du dich fühlst.“ – bleibt nicht mehr viel, um sich die Zeit bis zur nächsten Mahlzeit zu vertreiben. Mitten in diese Langeweile platzt ein Clown, der dem Zoowärter einige bunte Tücher aus der leeren Hand zaubert, eine Marionette tanzen lässt und einen Ballon in ein Schwert verwandelt. Dann verschwindet er wieder und lässt einen milde amüsierten Zoowärter mit einer peinlich berührten Mama zurück. Nein, der Auftritt war nicht schlecht, aber wenn das Publikum lediglich aus zwei schläfrigen Menschen besteht, ist es nicht ganz einfach, einen Sturm der Begeisterung zu inszenieren.

Fazit der ganzen Geschichte: Ob Priester oder Clown, in einem engen Spitalzimmer, wo keinerlei Fluchtmöglichkeiten bestehen, wirken beide irgendwie peinlich.

20120703-205943.jpg

Gesangsentzug

Seit Jahren schon singe ich das Prinzchen in Schlaf und irgendwann hat der Zoowärter festgestellt, dass er Schlaflieder der Gutenachtgeschichte vorzieht und so singe ich eben für beide. Und geniesse es, denn das allabendliche Singen beruhigt nicht nur unsere zwei Jüngsten, sondern auch mich. Nach zwei bis drei Liedern bin ich so entspannt, dass ich den Zoff mit den Kindern, den Stress bei der Arbeit und den Schmutz in der Küche mit ganz anderen Augen sehen kann. Hin und wieder geschieht es gar, dass den zwei Strolchen beim Singen die Augen zufallen und dann ist mein Glück perfekt. Gibt es einen schöneren Anblick, als ein friedlich schlafendes Kind? Für mich nicht und darum graut mir vor dem Abend, an dem Zoowärter und Prinzchen ohne meinen Gesang einschlafen wollen. Wem soll ich dann noch singen?

Nun scheint der Zoowärter gespürt zu haben, dass das gemeinsame Singen für mich ebenso wichtig ist wie für ihn und seinen kleinen Bruder. Beinahe zur gleichen Zeit hat er ausserdem erkannt, dass seine Mama zuweilen ein sehr unfaires, stures Weib ist, das einfach nicht ja sagen will zu einem zweiten Eis, einer weiteren Fahrt auf dem Karussell oder zu einem kurzen Film. Da nützen weder trotzen noch schreien und so fährt der Zoowärter eben das härteste Geschütz auf, das er zur Verfügung hat: „Wenn du nicht ja sagst, dann darfst du am Abend nie mehr bei mir aufs Bett sitzen und Lieder singen!“
Ich gebe trotzdem nicht nach, denn ich weiss sehr genau, dass er am Abend wieder betteln wird, ich möchte ihm „nur noch ein einziges Mal und dann schlafe ich“ das Lied vom Nilpferd singen.

Bloss wie lange noch, das ist die Frage, die mich quält, wenn er mir wieder mit Gesangsentzug droht.

Wie soll ich ihm das bloss beibringen?

Als Spanien vor vier Jahren Deutschland schlug und Europameister wurde, brach er in Tränen aus. Er konnte es einfach nicht ertragen, dass seine Lieblingsmannschaft den Pokal nicht bekam. Inzwischen ist er doppelt so alt wie damals und nimmt den Fussball noch viel ernster. Deutschland interessiert ihn zwar nicht mehr, aber dass seine Lieblingsmannschaft einfach siegen muss, steht für ihn nicht zur Debatte.

Zu dumm nur, dass seine Lieblingsmannschaft heute Abend ausgeschieden ist. Und einmal mehr werde ich diejenige sein, die ihm die schlechte Nachricht überbringen muss. Ihm zuliebe habe ich mir das Spiel bis zum bitteren Ende angeschaut. Damit ich ihm zumindest sagen kann, dass „seine“ Portugiesen erst in allerletzter Sekunde das Nachsehen hatten. Vielleicht wird ihn das ein wenig über sein Leid hinwegtrösten, aber er wird es auch so noch schwer genug nehmen. Und ich ahne, dass wie in alten Zeiten die Überbringerin der schlechten Nachricht für den Inhalt verantwortlich gemacht und bestraft wird. Köpfen lassen kann er mich nicht, aber er könnte zum Beispiel in der Enttäuschung ein Glas zerschlagen. Oder sich in seiner Trauer weigern, zur Schule zu gehen. Oder seine Geschwister vermöbeln, weil er gerade keinen Spanier in Griffweite hat.

Ich weiss nicht, wie seine Reaktion ausfallen wird, aber einfach wird es nicht. Und darum graut mir vor dem Moment, in dem ich dem FeuerwehrRitterRömerPiraten eröffnen muss, dass er einmal mehr mit der falschen Mannschaft gefiebert hat.

Fussballgespräch

Karlsson: „Ihr könnt das Spiel ohne mich schauen. Ich spiele nebenan ein Computerspiel.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum tragen die Portugiesen heute weiss?“
Luise: „Weil sie doof sind. Die Tschechen müssen siegen.“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Weiss geht gar nicht. Ich schicke denen mal einen Schneider vorbei, damit die anständige Kleider bekommen. Keinen Stil haben sie, diese Fussballer…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Los, Ronaldo, schiess ein Tor!“
Luise: „Immer dieser blöde Ronaldo. Mama, findest du Ronaldo cool?“
Mama: „Nein, nicht mein Typ, zu schleimig.“
Luise: „Finde ich auch.“
Mama: „Habt ihr dieses fiese Foul gesehen? Können die denn nicht anständig sein miteinander?“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Der Tscheche hat den Portugiesen gefoult.“
Luise: „Nein, der Portugiese den Tschechen.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Sooooo fies! Hast du das gesehen, Mama?“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
Mama: „Die Portugiesen haben ins Tor getroffen, aber es zählt nicht. Frag mich bloss nicht, weshalb…“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Fussball ist doof.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Fussball ist toll. Mama, schau!“
Karlsson (aus dem Nebenraum): „Was haben sie gemacht?“
Luise: „Die blöden Portugiesen hätten fast ein Tor geschossen, aber die Tschechen sind besser. Mama, bist du für die Portugiesen oder für die Tschechen?“
Mama: „Ich weiss nicht so recht. Wohl eher für die Portugiesen, damit der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht traurig ist.“
Luise: „Nein, weil dir Ronaldo gefällt.“
Mama: „Ich bitte dich, der könnte ja mein Sohn sein.“
Karlsson (aus dem Nebenzimmer): „Ja, wenn du mit elf das erste Kind bekommen hättest. Was haben sie gemacht?“
Mama: „Hör mal, Karlsson, wenn du wissen willst, was sie machen, dann setz dich zu uns. Wir wollen dir nicht immer alles erklären.“
Karlsson: „Nein, Fussball ist doof. Warum schreist du, Luise? Was haben sie gemacht?“
Luise: „Die blöden Portugiesen hätten fast ein Tor geschossen.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Hopp, Portugal! Mama, warum trägt der Tschechen-Goalie einen Helm?“
Mama: „Reich mir mal das iPad, ich schaue bei Wikipedia nach. Hmm, lass mich mal sehen. Der Kerl hat Jahrgang 82. Das sind ja alles noch Kinder. 1982 war ich in der zweiten Klasse…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber warum trägt der Goalie einen Helm?“
Mama: „Ach so, ja. Der hatte mal einen … Habt ihr das gesehen? So unfair!“
Karlsson (aus dem Nebenzimmer): „Was haben sie gemacht?“
Mama, Luise und FeuerwehrRitterRömerPirat: „Wenn du wissen willst, was sie machen, dann komm zu uns…“
Karlsson: „Fussball ist doof. Wo kann ich mich hinsetzen?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Haben wir Popcorn?“
Mama: „Nein, haben wir nicht. Iss einen Pfirsich.“
Karlsson: „Vor vierzig Jahren hätte man sich dieses Spiel in schwarz-weiss angesehen….“
Mama: „Ja, daran kann ich mich noch erinnern, damals, als meine Eltern während der WM jeweils einen Fernseher mieteten…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Tor! Portugal wird gewinnen!“
Mama: „Super!“
Luise: „Mama, bist du wirklich für Portugal?“
Mama: „Nein, aber die haben sich doch Mühe gegeben.“
Luise: „Wäre es möglich, dass die Tschechen jetzt noch fünf Tore schiessen? Oder werden die Portugiesen jetzt Weltmeister?“
FeuerwehrRitterRömerPirat:“Die Tschechen schiessen bestimmt kein Tor mehr. Die Portugiesen sind besser und Ronaldo ist der Beste!“
Luise: „Immer dieser blöde Ronaldo… Aber sag jetzt, Mama, werden die Portugiesen jetzt Weltmeister?“
Mama: „Luise, das hier ist nicht die WM, das ist die EM. Bei der EM gibt es keinen Weltmeister.“
Karlsson: „Alles vollkommen stillos. Mama, darf ich nach dem Spiel noch Geige üben?“
Mama: „Ganz bestimmt nicht mehr. Es reicht schon, dass ihr so lange aufbleiben durftet. Nach dem Abpfiff verschwindet ihr augenblicklich in euren Zimmern.“
Karlsson: „Nie darf ich Geige üben. Fussball schauen, das geht, aber Geige üben…“
Mama: „Na hör mal, der FeuerwehrRitterRömerPirat ist der Einzige in der Familie, der sich für Sport begeistert. Er darf doch auch mal seinen Spass haben.“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Hä, schon fertig? Haben die Portugiesen jetzt gewonnen?“
Mama: „Ja haben sie.“
Luise: „Nein, haben sie nicht. Diese doofen Portugiesen.“
Karlsson: „Fussball ist doof. Nein, Mama, noch nicht ausschalten, ich will schauen, ob sie am Ende wirklich ihre hässlichen T-Shirts tauschen.“

Erst die Arbeit…

„Pfeifen wir doch auf die blöde Redewendung“, sagten wir uns, trommelten die Kinder zusammen und fuhren ins Schwimmbad. Jawohl, einfach so, bevor die Zimmer aufgeräumt, die Johannisbeeren gepflückt und die Fussböden gesaugt waren. Wobei hinter diesem Entscheid nicht etwa Faulheit steckte sondern knallhartes Kalkül: Kein anständiger Mensch geht am Samstagvormittag ins Schwimmbad, wenn die Haus- und Gartenarbeit nicht erledigt ist, folglich müssen wir die Unanständigen sein, die dann gehen, wenn kein anderer geht.

Gehen wir nämlich dann, wenn alle anderen gehen, drehen wir durch. Es ist auch ohne Menschenauflauf schwierig genug, den Überblick über fünf Kinder, drei Schwimmbecken und einen Spielplatz zu behalten. Luise will vom Dreimeter-Sprungbrett springen, kann aber den Mut dazu nicht aufbringen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat zwar den Mut, nicht aber die ausreichende Erfahrung, so dass er das Abenteuer ohne elterliche Aufsicht wagen dürfte. Der Zoowärter will schwimmen lernen, ohne den Boden unter den Füssen zu verlieren, das Prinzchen will baden, ohne nass zu werden, Karlsson will nicht in die Überwachung seiner kleineren Geschwister einbezogen werden. Und jeder der fünf fordert die ungeteilte elterliche Aufmerksamkeit, denn wo, wenn nicht im Schwimmbad, kann man zeigen, dass man auf der Wasserrutschbahn in voller Fahrt von der Rücken- auf die Bauchlage drehen und damit den Spassfaktor erheblich erhöhen kann?

Ist doch klar, dass man als Eltern froh ist, wenn möglichst wenige andere Kinder da sind, die einem den Blick auf die eigenen Sprösslinge verwehren, oder die gar unsere Aufmerksamkeit fordern, weil ihre eigene Mama gerade mit einer Freundin ins Gespräch vertieft ist. Darum also unser Entscheid, heute das Vergnügen vor der Arbeit stattfinden zu lassen. Wobei wir natürlich noch einen weiteren Grund hatten: Naiv, wie wir nun mal sind, hofften wir darauf, dass die Kinder uns aus lauter Dankbarkeit für unsere Grosszügigkeit am Nachmittag mit Begeisterung bei der Haus- und Gartenarbeit unterstützen würden.

Tja, so kann man sich irren…

20120617-002750.jpg

Bob und Willy

Bob: „Hallo, Wilhelm Täll. Hier ist Bob der Baumeister.“
Willy: „Hallo Bob. Ich habe eine Armbrust.“
Bob: „Und ich habe ein iPhone. Ich baue dir eine Ritterburg.“
Willy: „Ich bin kein Ritter. Ich brauche keine Burg. Ich gehe jetzt den Gessler erschiessen.“
Bob: „Ich komme mit. Mein Betonmischer kommt auch mit.“
Willy: „Der Gessler ist furchtbar böse. Wir müssen den jetzt erschiessen mit der Armbrust.“
Bob: „Ja, der Gessler ist furchtbar böse, aber der Wilhelm Täll ist stärker.“

An diesem Punkt bricht die Telefonverbindung ab. Vielleicht, weil Willy in der Hohlen Gasse keinen Empfang hat, vielleicht aber auch, weil Willy und Bob nicht mehr Willy und Bob, sondern wieder der Zoowärter und das Prinzchen sind.

20120613-214817.jpg