Her mit meinem Auto! Aber ein bisschen schnell!

Können Sie sich Peter Pan als nadelgestreiften Banker vorstellen? Winnie Pooh im Tarnanzug? Schneewittchen auf einer Demo für Frauenrechte? Sie können es nicht?  Nun, Sie müssen aber. Denn sonst können Sie sich auch nicht Frau Venditti im Autocenter Emil Frey vorstellen. Und genau dies müssen Sie jetzt. Und zwar mit nassem Haar, ungeschminkt und mit einem barfüssigen Prinzchen – er hat sich mal wieder die Socken und Finken ausgezogen – auf dem Arm. Umgeben von Cadillacs und wie die Dinger alle heissen mögen. Unpassender geht’s nimmer. Aber ich will ja nur mal schnell mein Auto abholen, da spielt es keine Rolle, ob ich passe oder nicht.

Habe ich schnell gesagt? Als ich dies der Dame am Empfang sage, mustert sie mich abfällig. Wo denn mein Auto sei, will sie wissen. Als ich ihr sage, das wüsste ich nicht, mein Mann habe es vor drei Tagen abgegeben und ich müsse es jetzt einfach schnell abholen, wird sie ungeduldig. Ob ich denn nicht wüsste, wie viele Abteilungen sie hätten? Neuwagen? Occasionen? Unfallabteilung?Reparaturwerkstatt? Nein, weiss ich nicht. Ich habe ja nicht mal den eigenen Laden im Griff. Da kann ich doch nicht auch noch im Autocenter den Überblick behalten. Und überhaupt: Das ist ihr Job, nicht meiner. Also soll sie jetzt gefälligst mein Auto herausrücken. Ich habe zu tun.

Aber so geht das hier nicht. Die Frau will meine Autonummer wissen. Meine Autonummer? Ach, irgend etwas mit sieben, neun und null. Aber in welcher Reihenfolge? Keine Ahnung. Ich weiss ja manchmal kaum mehr, wie ich selber heisse. Reicht es denn nicht, dass ich weiss, dass unser Auto hellblau ist, mit Vornamen Sirion, mit Nachnamen Daihatsu heisst? Nein, es reicht anscheinend nicht. Die Frau beginnt herumzutelefonieren, das Prinzchen bekommt ein Puzzle in die Hand gedrückt, ich zwei Kaffeebons und dann werde ich ins Café geschickt. Himmel, was glaubt die denn, was ich arbeite? Ich bin Hausfrau. Nicht irgend ein überbezahlter und unterbeschäftigter Manager. Ich habe doch nicht mitten am Vormittag Zeit, herumzusitzen und Kaffee zu trinken. Das kann ich mir einfach nicht leisten, auch wenn der Kaffee gratis ist. Also nehme ich demonstrativ keinen, sonst meint die Dame noch, sie dürfe sich Zeit lassen.

Wenig später hat die Dame mein Auto endlich aufspüren können. Ein Mitarbeiter bekommt die Aufgabe, das Prinzchen und mich zur Unfallabteilung zu geleiten. Aber wir hatten doch gar keinen Unfall? Egal, Hauptsache, es geht vorwärts. Doch es soll nicht sein. Kaum hat mich der Herr, der für unser Auto zuständig ist begrüsst, hängt er auch schon an der Strippe und lässt das Prinzchen und mich warten. Eine halbe Ewigkeit. Bis sein Kollege sich meiner erbarmt, mit einen Fackel zum Unterschreiben hinhält, mir die horrende Summe nennt, die wir bezahlen müssen und mir den Schlüssel in die Hand drückt. Dann sind das Prinzchen und ich entlassen. Fast. Denn als ich losfahren will, rennt mir der Herr, der mich hat warten lassen, entgegen. Er wolle sich nur noch rasch entschuldigen, dass er mich habe warten lassen. Ist ja ganz nett, aber dafür habe ich nun wirklich keine Zeit. Zu Hause wartet ein Berg Arbeit auf mich.

Totales Versagen

Genau so, wie zum Familienleben die Sternstunden gehören, gehören auch die Zeiten des totalen Versagens dazu. Zeiten, in denen ich die Art von Mutter bin, die ich nie hätte sein wollen. Eine ungeduldige, herumbrüllende, herzlose, Türen knallende Mutter mit vor Wut verzerrtem Gesicht. Eine, die die Türe nicht nur einmal knallt, sondern gleich zwei, drei, viermal. Und das alles in Anwesenheit meiner Mutter, der Frau, die in ihrem ganzen Leben wohl noch nie das Bedürfnis verspürt hat, eine Tür zu knallen. Der Frau, von der ich zwar die Liebe zu Kindern, nicht aber das ausgeglichene, friedliche Temperament geerbt habe. Wenn ich dann in einem solchen Moment auch noch an die vierfache Mutter denke, die ich gestern im Schwimmbad dabei beobachtet habe, wie sie ganz still, liebevoll und geduldig mit ihren störrischen Kindern sprach, dann fühle ich mich einfach nur noch elend. Als die totale Versagerin eben.

Nicht, dass ich immer nur ausgeglichen und ruhig sein möchte. Ich liebe es, mal laut, mal leise, mal emotional, mal vor Lachen brüllend, mal ganz ernst zu sein. Aber muss es denn gleich so laut, so emotional sein? Ja, ich weiss, dass an der Explosion nicht ich alleine Schuld war. Dass Luise sich vor Wut auf dem Boden gewälzt hat, weil sie ihren zweiten Stiefel nicht finden konnte und sich weigerte, die Gummistiefel zu tragen, war auch nicht gerade erbauend. Auch die Tatsache, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat einmal mehr seine Kindergartentasche im Nirgendwo hat liegen lassen und sich nicht eher vom Fleck bewegte, als dass ich ihm die Tasche hervorgezaubert hätte, trug nicht zu meiner guten Laune bei. Auch nicht, dass ich um Viertel nach neun mit dem Prinzchen beim Kinderarzt sein musste, vorher noch den Zoowärter in der Spielgruppe abliefern musste und mich dazu noch darüber ärgern musste, dass „Meiner“, als er heute früh das Auto in die Garage brachte, alle Kindersitze dort abgeliefert hat. Dass in all dem Chaos noch meine Hormone verrückt spielen, macht es nicht gerade einfacher, die Fassung zu behalten.

Ja, es gibt durchaus Gründe, warum ich heute nicht das Bild der stets geduldigen, stets liebevollen, stets ausgeglichenen Mutter abgeben konnte. Und ich will dieses Bild ja auch gar nicht abgeben, denn es hat mit der Realität der meisten Mütter nur wenig zu tun. Und dennoch weiss ich, dass ich versagt habe, dass ich zu laut war, zu unfair, zu wütend. Und deshalb fühle ich mich miserabel. Das Einzige, was mir in solchen Momenten hilft, ist, mich festzuklammern an der Idee der Gnade, der Idee der zweiten, der dritten, der vierhundertachtzehnten, der tausenddreihundertelften Chance. Allein dieser Glaube bringt mich in solchen Momenten wieder auf die Füsse und hilft mir, es immerhin zu versuchen, das nächste Mal alles besser zu machen, die Hoffnung auf weitere Sternstunden und weniger Zeiten des totalen Versagens nicht zu verlieren.

Wink mit dem Zaunpfahl

Ich habe ja nie behauptet, eine Vorzeigehausfrau zu sein. Und momentan ist unser Haushalt noch weniger präsentabel als im Normalzustand. Bei so vielen Kranken kommt das Aufräumen einfach ein wenig zu kurz. Ja, und dann muss ich natürlich zwischendurch auch noch Dr. Sarah May auf die Sprünge helfen, damit die Koalas nicht eingehen. Es hätte also keinen Stromausfall gebraucht, um mir vor Augen zu führen, dass ich eine schlampige Hausfrau bin. Doch irgendwer glaubt zu wissen, dass ich einen Tritt in den Hintern brauche und deshalb gingen heute pünktlich um Viertel nach acht Uhr abends die Lichter aus. Und sie gingen nicht wieder an, mochte ich am Sicherungsschalter riegeln, soviel ich wollte. Was ist nur aus den guten alten Sicherungskästen geworden, wo man einfach eine neue Sicherung reinschrauben konnte, wenn die Alte schlapp machte?

So tappte ich also durch die Wohung und suchte nach der Schwachstelle, die das ganze System zum Streiken gebracht hatte. Nach langer Zeit wurde ich fündig: Es war der Kühlschrank. Ja, genau derjenige, der schon längst wieder mal abgetaut und geputzt werden sollte. Aber weshalb der Kerl ausgerechnet heute auf sich aufmerksam machen musste, ist mir ein Rätsel. Wo ich doch mit zwei Mittelohr-Entzündungen (Karlsson & Prinzchen), einer darniederliegenden Grippe („Meiner“), einer fast ausgestandenen Grippe (Zoowärter), zwei sich langweilenden ganz Genesenen (Luise & FeuerwehrRitterRömerPirat), Dr. Sarah May und Novemberschreiben mehr als genug am Hut habe. Genau heute also musste dieser Kühlschrank aussteigen, mich dazu zwingen, ihn leer zu räumen und mit Schrecken festzustellen, dass er dringend gesäubert werden muss. Aber der Kerl kann mich mal. Nach Feierabend  lasse ich mich nicht mehr zum Putzen zwingen. Schon gar nicht von einem Kühlschrank.

Fast-Food-Stress

Heute ist es mal wieder so, dass ich die ganze Zeit dem Tag hintendrein renne und ihn nicht erwische. Immer, wenn ich glaube, ich hätte ihn, kommt etwas dazwischen und weg ist er wieder. Hätte Karlsson mich nicht um Viertel nach sieben geweckt, ich würde wohl jetzt noch in den Federn liegen. Und so geht es weiter. Luise kommt beinahe zu spät zur Schule, weil ich ihr das Haar zu spät kämme, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt beinahe zu spät in den Kindergarten, weil ich ihm keinen Znüni bereitgelegt habe, der Zoowärter kommt, nicht nur beinahe, zu spät in die Spielgruppe, weil ich unbedingt noch eine Seite zu Ende lesen musste, als ich auf dem WC sass.

Weil der Rest des Vormittags ähnlich verläuft, ringe ich mich irgendwann dazu durch, den für heute geplanten Milchreis nicht selber zu kochen. Ich verabscheue Fertigprodukte. Aber es gibt Tage, an denen es nicht anders geht und so irre ich, nachdem ich den Zoowärter zu spät von der Spielgruppe abgeholt habe, mit den beiden Jüngsten im Coop herum und suche verzweifelt den Milchreis. Und weil ich mich a) im Coop nicht auskenne, weil ich, wie alle Welt weiss, Migroskundin bin, und b) keine Ahnung habe, wo man die Fertigprodukte findet, weil ich normalerweise keine kaufe, irre ich lange, sehr lange herum. Als mir bewusst wird, dass ich in der Zeit, die ich mit Suchen vergeudet habe,  längst den Milchreis aufgesetzt, die Äpfel für das Kompott gerüstet und einen Kaffee getrunken hätte, ringe ich mich durch, eine Verkäuferin zu fragen. Und versinke dabei fast im Boden vor Scham: Frau Venditti, die an gewöhnlichen Tagen ihr Brot selber backt, hausgemachte Teigwaren auftischt, die Suppe prinzipiell nicht aus dem Päckchen kauft, verlangt Fertig-Milchreis! Kann ich noch tiefer sinken?

Ich kann. Nachdem ich möglichst unauffällig die drei Beutel in den Einkaufskorb gelegt habe, bringt mich der Zoowärter dazu, ihm vier bunte Badefischchen zu kaufen. Weil wir so dringend nach Hause müssen, habe ich einfach keine Zeit mehr, mir Gegenargumente zu überlegen, um den flehenden Blick in seinen Augen abzustellen. Und was ist der Dank dafür? Der Kleine lässt alle Welt wissen, dass seine Mama ihm einen Nemo gekauft habe!  Wie oft habe ich dem Kind denn schon gesagt, die orange-weissen Fische heissen Anemonenfische?  Im schlimmsten Fall dürfe er sie auch Clownfische nennen. Und er nennt sie Nemo. Als würde der den ganzen Tag vor der Glotze hocken und „Finding Nemo“ schauen.

Dabei hat er den Film gar nie gesehen. Als wir ihn nämlich vor zwei Jahren einmal ausgeliehen hatten, kamen Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nach zwanzig Minuten heulend aus dem Wohnzimmer gerannt, weil sie „diesen brutalen Streifen“ nicht sehen wollten. Seither ist Nemo bei uns erst ab 16 Jahren freigegeben.

DSC02492-small

 

 

Warnung vor den Window Colors

Darf man die Erfinder von Window-Colors verklagen, weil sie es geschafft haben, einen vollkommen kinderuntauglichen Artikel in jeden bekinderten Haushalt einzuschleusen?

DSC02805-small

Nein, das Prinzchen hat nicht aus der Window-Colors-Flasche getrunken. Ein vom FeuerwehrRitterRömerPiraten auf dem Balkon zwischengelagertes Bild hat genügt, um das ganze Chaos anzurichten. Und nein, das Prinzchen heulte nicht, weil ich ihn wegen der Schmiererei bestraft hätte. Er heulte, weil er in die Badewanne musste. Zum zweiten Mal an diesem wunderbaren Tag. Und nein, ich habe nicht geheult. Nur fast. Weil das Prinzchen eine Flasche Window Colors im WC versenkt hat, wo sie trotz all meiner Bemühungen, sie rauszuholen, geblieben ist.

Zumindest weiss ich jetzt, dass meine Strategie, die Misere zu fotografieren anstatt zu explodieren,  funktioniert. Bis ich endlich die Kamera gefunden hatte, war mein Zorn schon längst verraucht.

Warum muss ich mich immer langweilen?

Dieser wundervolle Tag hat damit begonnen, das Luise pünktlich um sechs Uhr zu schreien begann, weil sie sich vor Räubern fürchtete. Worauf die pädagogisch versierte Mama nichts Besseres zu sagen wusste als: „Meine liebe Luise. Es ist sechs Uhr früh. Räuber kommen nur nachts. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen.“

Der wundervolle Tag ging weiter mit einer seeeeehr vollen Windel des Prinzchens. Um den zaghaften Anstieg der Geburtenrate nicht zu gefährden, verzichte ich an dieser Stelle auf weitere Details.

Als Nächstes folgte eine Auseinandersetzung mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sich zwar unbändig auf den Kindergarten freute, diese Freude aber ausdrückte, indem er sich weigerte, die Schuhe anzuziehen und sich in der Vorratskammer versteckte.

Nächster Höhepunkt war der Start meines sechsten Jahres im Muki-Turnen, diesmal mit dem Zoowärter. Muki-Turnen finde ich eine tolle Sache, nur nicht unbedingt mit mir. In einer Turnhalle fühle ich mich ähnlich fehl am Platz wie Roger Köppel sich bei einer Hausbesetzung fühlen dürfte. Und Turnkleider passen zu mir etwa so gut, wie eine Burka zu Madonna. Wobei man bei Madonna nie wissen kann, welchem Spleen sie als nächstes verfällt.

Um die Spannung über Mittag aufrecht zu halten, kam der FeuerwehrRitterRömerPirat zu spät nach Hause, so dass ich Luise und ihre Freundin auf die Suche nach ihm schickte. Inzwischen tauchte der Gesuchte auf, die Mädchen blieben verschwunden, die Spaghetti dampften auf dem Tisch. Wunderbar. Da ich ahnte, dass der Tag noch schöner werden würde, stellte ich schon mal das Pepsi kalt. Damit ich abends meine Frust im Koffein ertränken könnte, sollte es denn nötig sein.

Ein weiteres Highlight waren die anderthalb Stunden, in denen ich acht Kinder alleine betreute, während „Meiner“ im Malkeller war. Zickenkrieg zwischen Luise und ihren Freundinnen, ein überdrehter Karlsson, ein Zoowärter, der Kalrssons Puzzleteilchen zerkaute, ein Prinzchen, das bei all dem Radau den Schlaf nicht fand, ein FeurwehrRitterRömerPirat, der sich sein Gesicht voll mit schwarzer Farbe geschmiert hatte. Und so ganz nebenbei haben wir mit Karlssons Freund ein 200-teiliges Puzzle fertiggestellt.

Um das Ganze abzurunden, durften wir vor der Schlafenszeit noch mit jedem Kind ausdiskutieren, weshalb sie jetzt unbedingt schlafen müssen, auch wenn das Bett auf der falschen Seite des Zimmers steht (FeuerwehrRitterRömerPirat), der kleine Bruder alle Stofftiere geklaut hat (Karlsson), die Grossmama unbedingt noch die wichtigsten News des Tages erfahren muss (Luise) und die Mama eine dumme Kuh ist (Zoowärter).

Um diesem wunderbaren Tag das Sahnehäubchen aufzusetzen, stellte ich abends um zwanzig nach acht fest, dass die Waschmaschine defekt ist.

Zum Glück hatte ich das Pepsi rechtzeitig kalt gestellt!

DSC02557-small

Das schaffe ich doch mit links…

Meine Naivität scheint einfach keine Grenzen zu kennen. Da reise ich mit drei Kindern, einem Kinderwagen und drei Taschen im Zug nach Chamonix – „Meiner“ fährt mit dem Prinzchen und Karlsson im Auto –  und glaube allen Ernstes daran, ich könne unterwegs noch Zeitung lesen. Okay, gewöhnlich bin  ich mit fünf Kindern unterwegs, und drei Kinder sind zwei weniger als sonst, aber es sind dennoch drei Kinder und nicht drei Bücher, oder drei Einkaufstaschen, oder drei Velos. Entsprechend ist der Stress auch nicht gerade klein. Und dass wir fünfmal umsteigen müssen, erleichtert die Sache nicht unbedingt.

Es fängt schon beim Einkaufen des Proviants an. Das heisst, der Proviant ist schnell erledigt. Die Auswahl der Reiselektüre ist da schon schwieriger. Doch weil wir bis vorgestern noch nicht sicher waren, ob der Zoowärter überhaupt reisen darf, verliefen die Vorbereitungen etwas überstürzter als sonst. Und so stehe ich vor dem Regal, schaue entnervt auf die Uhr und warte, bis sich Luise und der FeuerwerRitterRömerPirat entschliessen können. Weil die Zeit drängt, verlasse ich den Laden mit einem Papa Moll-Buch und einem Disney-Schinken. Himmel, wie tief kann man denn noch sinken? Aber ich habe keine Zeit, mir weiter über mein gesunkenes Niveau den Kopf zu zerbrechen, denn jetzt müssen wir zum Bahnhof rennen.

Die Reise ist dann das Übliche: Kinderwagen in den Zug hieven, schimpfen wie ein Wald voller Affen, weil sich das Vorderrad verkeilt hat und einem keiner hilft, Sandwiches auspacken und von den Sitzen kratzen, wenn sie runtergefallen sind, aufs WC rennen mit dem Zoowärter, während Luise auf den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufpasst, Kakao aufwischen,  der in der Tasche mit den Stofftieren ausgelaufen ist, den Zoowärter zurechtweisen, weil er im überfüllten Familienwagen ein Mädchen gebissen hat, die Mutter des Mädchens ankeifen, ich würde mich selber um die Erziehung des Zoowärters kümmern, sie müsse ihm keine Sanktionen androhen, Saft aufwischen, den  FeuwerwehrRitterRömerPiraten daran hindern, auf dem Polster herumzuhüpfen, die Sitznachbarin anlächeln, weil sie die Kinder so süss findet, Luise trösten, weil ihr geliebter Stoffhase im Auto reist und zwischendurch mal immer wieder tiiiiieeeef seufzen.

Erstaunlicherweise bringen wir die Reise dennoch ohne grössere Zwischenfälle hinter uns, wenn man mal davon absieht, dass wir beinahe in Vallorcine gestrandet wären, weil für die SBB das Überqueren der Schweizergrenze gleichbedeutend ist mit Umsteigen in einen anderen Zug.  Aber eben, wir sind nur beinahe gestrandet und deshalb habe ich jetzt endlich Zeit und Musse, die gestrige Zeitung zu lesen, die im Zug aus mir völlig unverständlichen Gründen ungelesen geblieben ist.

031

Expertenrunde

Kaum sind der Zoowärter und ich wieder zu Hause, bekommen wir die Meinungen von Experten zu hören. Das was vorgefallen sei, sei  alles gar nicht weiter schlimm, sagt eine Bekannte zu „Meinem“ am Telefon, nachdem „Meiner“ sich wegen der durchwachten Nacht geweigert hatte, all ihrem Gequassel zuzuhören. Sie habe als Kind genau das Gleiche erlebt und deshalb müsse er sich überhaupt keine Sorgen machen, sagt sie und quasselt weiter über Dinge, die für uns momentan gar nicht weiter schlimm sind.

Die nächste Expertin meldet sich ein paar Stunden später. Auch sie hat irgend einen Ratschlag für uns parat, den ich Gott sei Dank vergessen habe, weil ich zu müde bin, um in meinem Gehirn Unwichtiges zu speichern. Schliesslich meldet sich dann auch noch die Schwiegermutter zu Wort, selbsternannte Expertin in sämtlichen Gesundheitsfragen. Die weiterführenden Untersuchungen seien komplett unnötig, versichert sie. Eine Epilepsie könne man ausschliessen. Aber gegen Schweinegrippe müssten wir den Kleinen impfen. Das sei der Grund, weshalb er gestern diesen Zusammenbruch erlitten habe.

Zum Glück gibt es auch noch Leute, die einfach so anrufen, um zu fragen, wie es dem Zoowärter gehe, die Verständnis haben, dass man nach so einem Erlebnis leicht erschüttert und ziemlich durcheinander ist. Das sind eindeutig meine Lieblingsexperten…

DSC00487-small

Wie schaffen wir das bloss?

Immer wieder mal fragt man mich, wie ich es fertig bringe, bei all dem Chaos die Nerven zu behalten. Und immer wieder muss ich antworten, dass ich es sehr oft überhaupt nicht schaffe. Dass ich durchaus auch mal herumschreie, obschon ich mir immer geschworen hatte, dies nie zu tun. Dass ich täglich meine Erziehungsgrundsätze verrate, weil ich in der Hitze des Gefechts nicht mehr nachdenke, sondern einfach versuche, den Schaden zu begrenzen. Dass mir gar schon die Hand ausgerutscht ist, obschon ich finde, dass es nichts Falscheres gibt, als ein Kind zu schlagen. Wie man sieht, schaffe ich es also längst nicht immer, die Mutter zu sein, die ich sein will.

Aber ich weiss schon, was mit der Frage gemeint ist. Als Mutter von vielen Kindern ist man wahrscheinlich wirklich in vielen Momenten ruhiger, reagiert weniger panisch, kann es sich gar nicht leisten, aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen – was übrigens nicht nur Vorteile hat. Manchmal übersieht man nämlich auch ein echtes Problem, weil man sich mit so vielen Bagatellen herumschlägt.

Auch mich beschäftigt die Frage, wie ich das schaffe. Ich und all die anderen Mütter und Väter, die sich die Mühe nehmen, sich ihren Kindern zu widmen und sie nicht von der Playstation erziehen lassen. Es spielt dabei keine Rolle, wie viele Kinder jemand hat. Wer sich auf Kinder einlässt, bewältigt immer eine immense Aufgabe und zwar eine ohne Erfolgsgarantie. Ja, wie schaffen wir das? Ich kann nur für mich selber und vielleicht noch ein bisschen für „Meinen“ reden. Ohne unser kleines bisschen Eigenleben, diesen winzigen Winkel, in dem unsere eigenen Projekte, unsere Träume und Ideen spriessen können, schaffen wir es nicht. Ohne den Ort, an den wir uns zurückziehen können, um nur uns selber zu sein und das zu leben, was neben dem Elternsein auch noch in uns steckt, schaffen wir es nicht, die Nerven zu behalten.

Konkret gesagt: Ohne Blog keine entspannte Mama, zumindest bei Vendittis nicht. So einfach ist das.

Post-it-Tage

Es ist mal wieder Post-it-Zeit. Jene wunderbare Zeit im Jahr, in der die ganze Wohnung vollgepflastert ist mit orangefarbenen Post-it-Notizen, damit man vor lauter ausserordentlichen Terminen das Alltagsgeschäft nicht vergisst. Schuljaresende. Mehr müsste man dazu eigentlich gar nicht sagen. Um aber jenen, die noch nicht in der Mühle des Schulsystems stecken, einen Vorgeschmack  darauf zu geben, was auf sie wartet, wollen wir hier ein wenig ins Detail gehen. Die anderen sind gebeten, hier nicht mehr weiterzulesen. Sonst bringen sie ihre eigenen Termine mit Vendittis Terminen durcheinander und geraten in Stress, weil sie meinen, sie müssten auch noch das Datum von Luises Kindergarten-Abschlussfeier im Kopf behalten.

Die Post-it-Tage beginnen spätestens Ende Mai. Es fängt ganz harmlos an mit des Zoowärters Besuchsmorgen in der Spielgruppe. Da die Spielgruppenleiterin Mutter ist, weiss sie eben ganz genau, dass man solche Termine am besten frühzeitig organisiert. Sonst begleiten  die gestressten mehrfachen Mütter plötzlich ihren Teenager zum Schnuppern in die Spielgruppe und schicken ihren Zweijährigen in die Schnupperlehre beim Elektriker.

Nach dem Schnuppermorgen geht es dann so richtig los. Musikschulkonzert für die Geigenschüler mit zusätzlichen Proben, damit es nicht zu langweilig wird, Musikschulkonzert für die Musikgrundschüler und die Geigenschüler, zusätzliche Geigenproben für die Theateraufführung, Kindergartenreise, Schulausflug, Kindergartenausflug (zweimal mit Wurstbräteln, einmal ohne, immer mit reichlich Zeckenspray), Schnuppermorgen im Kindergarten mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, Schnuppermorgen bei den neuen Lehrerinnen für Karlsson und Luise (hier zählt nicht die physische Anwesenheit der Mama, sondern die moralische Unterstützung) Infoabend mit der Schulleitung, Elternabend, Abschiedsgeschenke-Basteln für die diversen Lehrerinnen (je nach Organisationstalent der Initiantin chaotisch oder perfekt gemanagt ), Einordnen der provisorischen Stundenpläne, Telefonlisten und Klassenlisten für das kommende Schuljahr (wobei man höllisch aufpassen muss, dass man nicht die Liste mit den Finalisten für den „Schnellsten Schönenwerder“ für die Telefonliste hält, was eine panische Suchaktion irgendwann im Herbst nach sich ziehen würde), Abschlussfeiern in Spielgruppe, Kindergarten und Schule, Schulhausfest, vorgezogene Geburtstagsparty für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, Nervenzusammenbruch.

Nein, ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Aber es ist auch nicht gerade hilfreich, dass „Meiner“ ebenfalls Teil des Schulsystems ist. Mit seinen Projektwochen, Stundenplansitzungen, Zirkusvorführungen und Elterngesprächen, die alle auch noch vor Schuljahresende stattfinden müssen, verbaut er mir so manchen Termin. Und plötzlich stehe ich da ohne Babysitter, wenn ich doch eigentlich mit Luise zum  Augenarzt müsste. Und Augenarzttermine hinterfragt man nicht. Die nimmt man, wie man sie bekommt und wäre es um elf Uhr abends. Ist aber auch zu dumm, dass Luise  ausgerechnet in der Post-it-Zeit ihr Auge verletzen musste. Karlsson hat letztes Jahr seinen geplatzten Blinddarm wenigstens auf die Sommerferien  verlegt. Aber Karlsson steckt ja auch schon länger im System. So lange, dass auch er damit beginnt, die Wände mit Post-its vollzupflastern.

Damit uns in diesem stetigen Alltagstrott des immer Gleichen nicht zu langweilig wird, haben wir uns für diesen Sommer einen ganz besonderen Kick ausgedacht. Wir erweitern unseren Wohnraum um ein Stockwerk. So können wir das unendliche Warten zwischen zwei Terminen mit dem Ausmisten der Zimmer und dem Packen von Schachteln verkürzen. Weshalb wir mehr Wohnraum brauchen? Nun, so langsam geht uns der Platz für die Post-its aus. Deshalb müssen wir an die Zukunft denken. Immerhin stehen wir ja erst am Anfang. Das Prinzchen, zum Beispiel, hat noch fast gar keine Termine.

Ach ja, und weil das alles doch ein bisschen langweilig ist, hat „Meiner“ neulich unseren Globi-Familienplaner (der einzige, der genügend Spalten hat, darum Globi) für ein paar Tage in den Malkeller verschleppt. Post-it- Tage ohne Unterstützung des Familienplaners, das Höchste der Gefühle!