Bitte nicht ausquetschen!

Es hat eine Weile gedauert, aber allmählich macht sich nun doch das Heimweh nach den Kindern bemerkbar. Aufgefallen ist mir dies, als ich heute im Bus inmitten einer Gruppe von Schülern sass. Dem Alter nach bereits Teenager, aber noch immer pausbäckig und leicht unsicher. Die Jacken bereits trendy und teuer, die Mütze dazu in den passenden Farben aber noch von Mama gestrickt. Jungs wie Karlsson eben.

Gewöhnlich schenke ich solchen Schülergruppen kaum Beachtung, weiss ich doch, wie wenig sie an einem Gespräch mit mir interessiert wären. Heute aber konnte ich mich nur mit Mühe davon abhalten, sie anzusprechen. „Geht ihr auch in die sechste Klasse?“, hätte ich gefragt, oder „War der Prüfungsstress vor Weihnachten schlimm?“. Ich hätte ihnen erzählt, dass mein Ältester auch in ihrem Alter ist und dass er es vor Weihnachten sehr streng hatte in der Schule. Sie hätten vielleicht höflich genickt und ich hätte erzählt, dass meine Tochter es auch streng hatte, obschon sie noch nicht in der Sechsten ist. Vielleicht hätte ich noch gefragt, ob sie auch Geschwister haben und sie hätten mit einem gleichgültigen Schulterzucken „Ja“ gesagt, oder vielleicht auch „Nein“. Irgendwann wären sie ausgestiegen und ich hätte gesagt: „Schöne Weihnachten noch!“ und draussen hätten sie ihre Köpfe geschüttelt, über mich gelacht und zu Hause erzählt, dass sie im Bus von so einer komischen alten Tante angequatscht worden seien.

Ich habe die Schüler natürlich nicht angesprochen, dafür habe ich abends noch mit Karlsson telefoniert. Das Gespräch verlief folgendermassen:

Karlsson: „Hallo Mama, wie geht’s?“
Ich: „Gut, ein wenig müde. Und dir?“
Karlsson: „Gut. Was hast du heute gegessen?“
Ich: „Suppe, Salat, Roulade… Und du?“
Karlsson: „Ich geb‘ dir dann mal das Prinzchen ans Telefon. Tschüss!“

Okay, verstanden. Ich soll nicht nur fremde Zwölfjährige in Ruhe lassen, ich soll auch meinen eigenen nicht mehr als das absolut Notwendigste fragen.

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Unter Generalverdacht

Wer zwischen zwölf und achtzehn ist, ist in der Gesellschaft nicht gerade beliebt. Wer zwischen zwölf und achtzehn und obendrein männlich ist, stellt eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar und darum darf er sich auch nicht wundern, wenn er von Erwachsenen zurechtgewiesen wird. Es macht dabei keinen Unterschied, ob einer aus lauter Ungeschicklichkeit einen Fauxpas begeht, oder ob er aus purer Gemeinheit einem anderen etwas antut. Die Tatsache, dass einer männlich und minderjährig ist reicht.

Diese Erfahrung muss Karlsson derzeit immer wieder machen. Heute zum Bespiel geriet er auf dem Fahrrad aus dem Gleichgewicht, touchierte einen älteren Mann, entschuldigte sich höflich, der Mann nahm die Entschuldigung an, Augenblicke später waren zwei Frauen zur Stelle, die dem verdutzten Jungen die Leviten lasen und ihn anbrüllten, ob er denn nicht besser aufpassen könne.

Nein, Karlsson ist kein Engel, aber wer ihn kennt weiss, dass er zu schüchtern ist, um einem Fremden willentlich etwas zuleide zu tun. Gemeinheiten und Sticheleien sind seinen jüngeren Geschwistern vorbehalten, freche Antworten seinen Eltern. Darum besteht für mich kein Zweifel daran, dass die Zurechtweisungen, von denen er immer wieder berichtet, ungerechtfertigt sind. Genauso wie die Zurechtweisungen, von denen mir andere Teenager berichten, oftmals ungerechtfertigt sind. Wer zwischen zwölf und achtzehn ist, darf offenbar nicht erwarten, mit Respekt behandelt zu werden.

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Jetzt bloss nicht zurücklehnen!

Es ist wohl eine der grössten Illusionen, wenn Eltern glauben, die Kinder brauchten einen weniger, wenn sie grösser werden. Klar, nachts aufstehen muss man selten bis nie, in Körperpflege und Terminplanung werden die Knöpfe immer selbständiger, die Zeiten, zu denen keiner im Haus ist, werden länger. Wehe aber dem, der daraus schliesst, dass er sich jetzt entspannt zurücklehnen und eigenen Projekten zuwenden kann.

Das Gegenteil ist der Fall: Jetzt gilt es erst recht, bei der Sache zu sein. Konnte man beim Stillen, in den Schlaf wiegen und Windelwechsel noch eigenen Gedanken nachhängen, ist volle Aufmerksam gefragt, wenn der Teenager abends um halb elf über seine Bedenken bezüglich Übertritt an die Oberstufe reden möchte. Ein Dreijähriger gibt sich noch mit einer einfachen Antwort zufrieden, eine Zehnjährige bohrt nach, bis es richtig persönlich wird und man sich sehr gut überlegen muss, was man jetzt sagt, damit man dem Kind das weitergibt, was einem wirklich am Herzen liegt. Meinungsverschiedenheiten lassen sich nicht mehr mit einem „Davon verstehst du noch nichts“ vom Tisch wischen, sie wollen ausgetragen sein.

Ganz klar, die Auseinandersetzungen werden anspruchsvoller, Mama und Papa müss(t)en sich noch mehr darüber austauschen, wie sie ihre Kinder begleiten wollen. Dennoch halte ich weiterhin nichts vom abgedroschenen Spruch von den kleinen Kindern und den kleinen Sorgen. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass jede Zeit ihre ganz eigenen Herausforderungen, aber auch ihre eigenen Glanzlichter hat. Ich ahne, dass sich die Herausforderung dann am besten meistern lassen, wenn man es immer wieder aufs Neue schafft, sich über die Glanzlichter zu freuen, ob es nun ein zahnloses Lächeln nach einer durchwachten Nacht ist oder ein wohlwollendes „Mama, du bist eigentlich ganz cool“ nach einem heftigen Krach mit Türknallen und Wutgeschrei.

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Peinlichkeiten

Zum Glück muss ich in Zeiten von Social Media kein Teenager mehr sein. Oder: Zum Glück gab es damals Facebook & Co. noch nicht. Nein, hier folgt jetzt kein kulturpessimistischer Vortrag über die mediale Verkommenheit unserer Jugend. Ich habe mir nur neulich, als ich mir die Facebook-Pinnwand einer Vierzehnjährigen ansah, ausgemalt, wie das bei mir wohl ausgesehen hätte.

Ich hätte meinen Liebeskummer in die virtuelle Welt hinausgeschrien – „Warum liebt er mich nicht???????!!!!!!!!!“ -, über die zerstörte Umwelt gejammert – „Die armen süssen Pandas. Warum tut denn keiner was??!!!“ – und meine Eltern schlechtgemacht, weil ich als Einzige nicht zu dieser coolen Party – damals sagten wir natürlich Fete – gehen durfte. Anstatt mit Freundinnen infantile Briefchen zu tauschen, hätten wir an Pinnwände gepostet: „Findest du den neuen Mathelehrer nicht auch furchtbar süss? Diese Augen!!!!“ „Nein, der ist schrecklich, aber der Typ aus La Bamba ist sooooooooo cool…“ Ich fürchte gar, dass ich mich in einem schwachen Moment zum Cyber-Mobbing hätte hinreissen lassen. Anlässe dazu hätte es durchaus gegeben.

Wie gut, dass all dies im Tagebuch und nicht im Internet stattfand, denn so landeten die ganzen Peinlichkeiten in den Flammen, als ich sie nicht mehr ertragen konnte. Wie peinlich muss es sein, Jahre später beim Googeln seinem pubertierenden Ich zu begegnen.

Klassentreffen

Vier Jahre lang sah man sich fast täglich. Es waren die schwierigen Jahre, in denen man nicht mehr Kind und noch nicht jugendlich ist. Die Jahre, in denen man innert Sekunden von bester Freundin zu Lieblingsfeindin und wieder zurück wechselt. Die Jahre, in denen wohl keiner sich richtig gut und stark fühlt und doch jeder vorgibt, es zu sein. Die Jahre, in denen ein paar schlecht gewählte Worte einen in eine tiefe Lebenskrise stürzen können, vor allem, wenn diese Worte aus dem Mund der „grossen Liebe“ kommen. Die Jahre, in denen man zu dick, zu dünn, zu vollbusig, zu flachbrüstig, zu pickelig, zu klein, zu behaart, zu dumm, zu wohl behütet ist – einfach nie so, wie man eigentlich sein möchte. Die Jahre, die sich keiner zurückwünscht, wenn sie mal vorbei sind, die aber im Rückblick voll von herrlich skurrilen Erlebnissen sind.

Heute sieht man sich kaum mehr, vielleicht begegnet man sich mal zufällig, zu einigen wenigen hält man noch Kontakt, andere liest man hin und wieder auf Facebook. Man würde erwarten, dass diese Menschen einem über die Jahre vollkommen fremd geworden sind und doch fühlt man sich erstaunlich vertraut, wenn man mal wieder gemeinsam am Tisch sitzt. Gewisse Macken sind geblieben, Charakterzüge noch ausgeprägter, die meisten sind diejenigen geworden, die sie damals im Ansatz bereits waren, nur noch nicht ausgereift. Plötzlich sind sie wieder da, die alten Zeiten, nur viel besser, weil jeder sich fast ausschliesslich an das Gute erinnert und weil keiner mehr den Wunsch verspürt, den anderen fertigzumachen. (Was ja auch kein anständiger Erwachsener tun würde.) Wenn man sich nicht mehr alle Tage sieht, konzentriert man sich auf das Wesentliche, nämlich darauf, sich zu freuen, dass die Teenager, mit denen man die schwierigen Jahre durchgemacht hat, zu netten, glücklichen Erwachsenen geworden sind, mit denen man sich bestens unterhalten kann.

Gluckentest (nicht) bestanden

Okay, liebe Nachttänzer_innen, ich habe nicht grundsätzlich ein Problem damit, dass ihr in Aarau auf die Strasse geht, um für mehr Freiräume zu demonstrieren. Ich kann zwar nicht beurteilen, ob es zu viele Einschränkungen gibt, wo ich doch kaum einmal nach acht Uhr abends unterwegs bin, aber von mir aus dürft ihr getrost demonstrieren.

Es wäre mir einfach lieb gewesen, ihr hättet mich vorher gefragt, ob mir der Termin auch passt, denn mit eurem heutigen Aufmarsch habt ihr mir meinen Gluckentest versaut. Wie stolz war ich doch auf mich gewesen, dass ich Karlsson einfach so ohne grosse Bedenken zu seiner ersten Party habe ziehen lassen. Okay, es war ein kirchlicher Anlass unter Aufsicht von Erwachsenen, sein Cousin war dabei und ich kenne auch fast alle anderen, die dort waren. Aber all dies tut wenig zur Sache, wenn der Anlass bis elf Uhr abends dauert und „Meiner“ und ich zum ersten Mal am Samstagabend aufbleiben müssen. Da muss sich die Glucke einfach bemerkbar machen. Ich meine, man kann den kleinen Jungen doch nicht ganz ohne Sentimentalitäten ziehen lassen, nicht wahr? Dennoch habe ich das Ganze für meine Verhältnisse ziemlich cool genommen.

Ja, und dann kommt ihr also daher, liebe Nachttänzer_innen und sorgt dafür, dass mir die Polizei die Zufahrt zur Kirche versperrt. Kein Durchkommen, egal, wie viele Umwege ich nehme und am Ende bleibt mir nichts anderes übrig, als das Auto illegal zu parkieren, um Karlsson und seinen Cousin zu Fuss abzuholen. Abends um elf zu Fuss an der Aarauer Bahnhofstrasse, wisst ihr überhaupt, wie welche Dinge eine überbesorgte Mama da zu sehen bekommt? Besoffene Jugendliche, halbnackte, knutschende Teenager, aggressive Jungs und alle nur wenige Minuten älter als mein Sohn. Für euch mag das alles vollkommen normal sein, für mich sind es zugleich die schlimmsten Vergangenheitserinnerungen und die trübsten Zukunftsaussichten. Da komme ich doch glatt in Versuchung, meinen Kindern sämtliche Freiräume zu verbieten…

Basiskurs

Ich bin verzweifelt auf der Suche nach einem Weiterbildungsangebot und weil ich bis anhin nicht fündig geworden bin, hier meine Vorstellung, wie der Kurs aussehen sollte:

Teenie-Mama, Basiskurs
Zielgruppe: Einsteigerinnen im Bereich Teenagerkunde
Kursziel: In neun einfachen Schritten von der blutigen Anfängerin zur halbwegs kompetenten Teenie-Mama

Schritt 1
Was ist noch kindlich und was ist bereits pubertär? Mithilfe eines umfassenden Tests erörtern wir, ob Ihr Kind das kritische Alter bereits erreicht hat.

Schritt 2
Einführung in die Teenagerkunde: Wir lernen die unverzichtbaren Gadgets kennen und haben die Gelegenheit, diese auszuprobieren. Wir lernen den Unterschied zwischen „cool“ und „Vergiss es, Mama!“ kennen. Ausserdem befassen wir mit unseren eigenen falschen Vorstellungen, dass wir die Teenager verstehen könnten, weil wir selber mal welche waren.

Schritt 3
Intensivtraining in Reaktionsvermögen. Lernen Sie, den Stimmungsumschwung vorauszuahnen, damit Sie nicht jedes Mal wie ein begossener Pudel dastehen, wenn ihr Teenager sich vom sanften Lämmchen zur wütenden Furie und wieder zurück wandelt.

Schritt 4
Heute dreht sich alles um die Musik. Wir führen Sie ein in die hochstehende Welt der brandaktuellen Teenie-Hits, zeigen Ihnen, wie man Peinlichkeiten vermeidet, wenn man als Anstands-Wauwau zum Justin Bieber Konzert mitgehen muss und lassen Sie das unbeschreibliche Gefühl erleben, Gespräche nur noch mit Musikstöpseln im Ohr anhören zu müssen.

Schritt 5
Wir schauen die Filme, die sich die Teenager anschauen, wenn sie bei Freunden übernachten, spielen die Games, die sie mit ihren Freunden spielen und unterhalten uns in der Sprache, die Ihre Kinder sprechen, wenn Sie nicht dabei sind. Auf Wunsch können Sie sich am Ende des Abends von unseren erfahrenen Psychologen betreuen lassen.

Schritt 6
Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihren Teenager auf Unangenehmes aufmerksam machen können, ohne sein fragiles seelische Gleichgewicht zu erschüttern.

Schritt 7
Wir zeigen Ihnen, wie Sie ohne Gefahr für Ihr fragiles seelisches Gleichgewicht die ungeschminkten Wahrheiten ertragen können, die Ihnen Ihr Teenager ganz offen ins Gesicht sagt.

Schritt 8
Heute sind Sie dran! Lernen Sie, nicht mehr so schrecklich peinlich zu sein. Wir helfen Ihnen dabei, ein Ja zu Ihrem Alter zu finden und entwerfen mit Ihnen einen Beschäftigungsplan für die einsamen Abende, wenn Ihr Nachwuchs ohne Sie weggeht.

Schritt 9
Wir erlernen eine todsichere Methode, wie Sie Ihr Kind davor bewahren können, auf die schiefe Bahn zu geraten, ohne später das Gefühl zu entwickeln, etwas verpasst zu haben. Unsere Erfolgsquote liegt bei 100%, alle Kinder, die in den letzten hundert Jahren nach unserer Methode durch die Teenagerjahre begleitet worden sind, sind heute erfolgreiche, glückliche Menschen, die ihr Leben mit Bravour meistern.

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Aufklärung, Stufe 2

Stufe 1 war noch einfach: Die Kinder fragten, so wie Kinder eben fragen, wenn sie etwas wissen wollen. Wir antworteten, so wie Eltern eben antworten. Möglichst viel Wahrheit auf möglichst kindergerechte Art verpackt. Klar, hin und wieder mussten wir schmunzeln, wenn eine Frage aus erwachsener Sicht himmelschreiend komisch war – „Iiih, Mama, habt ihr das wirklich fünf Mal getan? Das ist ja eklig!“ -, aber ich glaube, im Grossen und Ganzen haben wir unser Ziel erreicht: offen und unverkrampft über die Dinge reden, welche die Kinder irgendwann eben wissen wollen. Kein Problem, solange das alles für die Kinder noch weit weg und sehr fremd war, etwa gleich fremd wie dasWeltall, die Tierwelt Australiens oder der Alltag der alten Griechen. Faszinierend ja, aber nicht wirklich relevant. Darum konnten sie ja auch so unbefangen fragen.

Jetzt aber, wo Stufe 2 kommt, wird es deutlich anspruchsvoller. Klar, wir sind weiterhin darum bemüht, offen und ehrlich zu sein, wir achten darauf, respektvoll mit dem Thema umzugehen und dennoch eine gewisse Leichtigkeit beizubehalten, wir signalisieren Gesprächsbereitschaft und doch spüren wir, wie da allmählich eine gewisse Zurückhaltung aufkommt. Da geschehen auf einmal Dinge, welche die Kinder nicht richtig einordnen können. Ja, Mama und Papa haben das erklärt, und sie erklären auch jetzt, wenn man fragt. Aber dass da wirklich etwas geschieht, dass der Körper sich wirklich allmählich verändert, darauf war man nicht vorbereitet. Darauf kann man wohl nicht vorbereitet sein, egal, wie viel man theoretisch schon weiss. Wenn man auf einmal fühlt, riecht, sieht, vielleicht auch leidet, dann wird einem die Sache peinlich, auch wenn die Eltern noch so sehr beteuern, dass man sich nicht zu schämen braucht, dass es vollkommen normal ist, was da geschieht, dass sie das Ganze auch einmal durchgemacht haben. 

Mag sein, dass es für unsere Generation schwieriger war, die Eltern dazu zu bringen, mit uns über die diese Veränderungen zu reden. Mag sein, dass viele von uns dadurch noch verwirrter waren, als man es ohnehin ist in dem Alter. Allmählich aber dämmert mir, dass der Weg vom Kind zum Erwachsenen nie schmerzfrei sein wird, auch dann nicht, wenn die Eltern gesprächsbereit, verständnisvoll und offen sind. Es käme uns nicht in den Sinn, die Kinder in der Sache allein zu lassen, aber gehen müssen sie den Weg selbst.

Darauf war ich – nicht – vorbereitet

Glaubt mir, ich habe damit gerechnet, dass der Feierabend eines Tages nicht mehr automatisch um 20 Uhr einkehren würde. Ich war auch darauf vorbereitet, dass unsere drei Grossen irgendwann damit anfangen würden, abends noch so lange zu quatschen, bis mir der Kragen platzt, weil keine Ruhe einkehren will. Ja, ich habe sogar geahnt, dass ich die Kinder eines Abends dazu ermahnen muss, die Musik leiser zu drehen. Dass es aber Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ sein würde, die aus den Boxen dröhnt, wenn ich die Tür des Kinderzimmers öffne, darauf war ich nicht vorbereitet.

Wie soll man da schimpfen können, wo die drei doch bloss ihr musikalisches Allgemeinwissen vertiefen?

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Trau nie einem Kind

Unsere Schule nimmt es genau mit der Disziplin. Sehr genau. Spuren die Kinder nicht, hagelt es Einträge. Zuerst nur auf einem Blatt, welches den Eltern zur Unterschrift vorgelegt wird, nach einer gewissen Anzahl schafft es der Eintrag gar aufs Zeugnispapier. Damit Omas, Opas, Patentanten und später auch der potentielle Lehrmeister sehen können, mit was für einem Früchtchen sie es zu tun haben. Im Alltag sieht das so aus:
Arbeitsblatt zu Hause vergessen? Eintrag! Turnzeug nicht dabei? Eintrag! Hausaufgaben nicht vollständig? Eintrag! Zwei Minuten zu spät zur Schule? Eintrag! Schwatzen im Unterricht? Eintrag! Respektloses Verhalten gegenüber der Lehrperson? Eintrag! Unterschrift der Eltern nicht eingeholt? Eintrag!
Dabei spielt es keine Rolle, ob hinter dem Vergehen eine böse Absicht steht, oder ob dem Kind ein einmaliger Schnitzer unterlaufen ist, ob das Kind gleichgültig oder überfordert war, ob notorischer Störefried oder Musterschüler – alles egal, die Einträge werden ohne Ansehen der Person verteilt.

Eine einzige Sache kann die Kinder vor den – je nach psychischer Verfassung des Kindes – mehr oder weniger gefürchteten Einträgen schützen: Ein nettes Brieflein der Eltern, in dem erklärt wird, weshalb das Kind nicht konnte, wie es sollte. „Lieber Herr Lehrer, Shanaya konnte gestern ihre Hausaufgaben nicht erledigen, weil ihr Lieblingshamster von seinen Käfiggenossen gemobbt wurde und die Situation ohne das mutige Eingreifen unserer Tochter ein böses Ende genommen hätte.“ „Sehr geehrte Frau Hugentobler, Mattia konnte das Arbeitsblatt zur Zahl sechs nicht machen, da er eine panische Angst vor dieser Zahl hat. Gerne besorge ich Ihnen ein Gutachten unserer Geistheilerin.“ Ein kleiner Ablassbrief und das Kind ist geschützt vor dem Eintrag. Die gleiche Ausrede ääähm Entschuldigung mündlich vom Kind vorgebracht zeigt keine Wirkung.

Was dem einen oder anderen Leser als vollkommen ungerecht erscheinen mag, ist durchaus gerechtfertigt. Bedenkt man nämlich, wie viele Kinder Versicherungsbetrug begehen, die Steuererklärung manipulieren, Urkunden fälschen und am Tag nach dem Finale der Champions League krank machen, dann ist es vollkommen verständlich, dass man ihren Aussagen nicht traut. Ein Erwachsener, hingegen, der käme nie auf die Idee, die Wahrheit zu seinen Gunsten zurechtzubiegen.