Kein Spaziergang

Heute Nachmittag, auf einem sehr ausgedehnten Spaziergang mit allen fünf Kindern und einer Mitarbeiterin, dämmerte mir, dass das, was vor uns liegt kein Spaziergang sein wird. Karlsson, noch keine zwölf Jahre alt, bot mir einen Vorgeschmack auf das, was nun alle unsere Kinder Schlag auf Schlag durchmachen werden. So, wie sie eines nach dem anderen in die Welt gepurzelt kamen und so, wie sie eines nach dem anderen ihre mehr oder weniger heftigen Trotzphasen durchmachten, so werden sie jetzt eines nach dem anderen beweisen müssen, dass sie auch ohne Mama und Papa können. 

Karlsson dreht derzeit für seine Verhältnisse gewaltig auf, allerdings nur, wenn er Publikum hat. Solange er und ich zu zweit sind, verstehen wir uns prächtig. Wir reissen Witze, malen uns die absurdesten Geschichten aus und unterhalten uns über Gott und die Welt. Nervenaufreibend wird es erst, wenn jemand dabei ist, der nicht zur Familie gehört. Heute Nachmittag, zum Beispiel, wurde ich als Lügnerin beschimpft, bloss weil Karlsson nicht verstanden hatte, dass ich meiner Mitarbeiterin einen kindertaugliche Stelle im Wald zeigen wollte, dass ich aber keineswegs gedachte, mich dort mit meiner Familie dauerhaft niederzulassen, sagen wir mal für die nächsten fünf Jahre. „Du hast gesagt, wir gehen in den Wald und das heisst, dass wir dort auch bleiben“, zeterte er. „Da hätte ich ja ebenso gut zu Hause bleiben können.“ Fünf Minuten später das nächste Drama. „Du bist so unfair. Das Prinzchen und der Zoowärter dürfen im Leiterwagen fahren, ich aber muss zu Fuss gehen, obschon du weisst, dass mein Knie weh tut.“ Mein Einwand, dass der Leiterwagen nicht für Kinder seiner Grösse geeignet sind, diente nicht zu seiner Beruhigung sondern einzig als Beweis dafür, dass ich ihn weniger liebe als unsere anderen Kinder. Danach einige Momente entspannten Geplauders, gefolgt von einem weiteren Zwist, weil ich schon wieder etwas Falsches gesagt, oder vielleicht auch nur eine Augenbraue zu viel hochgezogen hatte. Dazwischen wieder einige sonnige Abschnitte, dann wie aus dem Nichts eine Attacke auf eines der jüngeren Geschwister, gefolgt von einem „Ihr seid alle so gemein zu mir!“.

Keine Frage,  die Pubertät steht vor der Tür und Karlsson, der Arme, ist einmal mehr der Erste, der da durch muss. Einmal mehr werden wir Fehler begehen, die wir bei den jüngeren Kindern nicht mehr machen werden, einmal mehr werden mich die Ängste plagen, ob wir das auch richtig hinkriegen. Dennoch wehre ich mich dagegen, in Panik zu geraten, denn genau so wenig wie es half, in der Zeit der durchwachten Nächte und der Trotzanfälle nur noch das Anstrengende und Zermürbende zu sehen, genauso wenig bringt es, mich dagegen aufzulehnen, dass aus kleinen Kindern grosse Kinder und schliesslich Erwachsene werden.

Einfach wird es nicht, das ist mir klar, aber wir haben uns ja nicht der Einfachheit halber dazu entschieden, Kinder zu haben.

Noch ein paar Alltagsfreuden

Vielleicht werde ich ja allmählich sentimental, aber ich habe schon wieder ein paar Freuden im oft so anstrengenden Alltag entdeckt:

1. Am Morgen mit den Kindern zur Mühle fahren, Mehl in allen möglichen Varianten kaufen, auf dem Heimweg Dinkelherzen mit Schokoladenüberzug auf der Zunge zergehen lassen und mich an den Kommentaren der Kinder freuen: „Die sind ja wirklich besser als Maltesers!“ oder „Mama, findest du nicht auch, dass die einen leichten Anis-Geschmack haben?“ oder – meine persönlicher Favorit – „Mama, willst du noch eins?“

2. Miterleben, wie sich der am Morgen gekaufte Hartweizendunst mit nur wenig Wasser vermischt in frische Pasta verwandelt. Das Surren der Teigwarenmaschine im Ohr, die warmen, geschmeidigen Spaghetti in der Hand, der Anblick eines Lebensmittels, das so viel schöner und unregelmässiger ist, als die Industrieware. 

3. Die frische Pasta im Teller. So unbeschreiblich gut, dass auch die Katze nicht widerstehen kann, ja, nicht einmal das Prinzchen.

4. Vier Kinder, die vergnügt im Auto sitzen und einander sagen, wie froh sie doch sind, Geschwister zu haben, denn ein Leben ganz ohne Brüder und Schwester, das kann man sich doch einfach nicht vorstellen. Ich meine sogar aus dem Mund des FeuerwehrRitterRömerPiraten den Satz „Ich hab‘ euch gern“ gehört zu haben, aber vielleicht bilde ich mir das bloss ein. 

5. Karlsson, der am Mittag verschwitzt und glücklich vom Training mit den Pontonieren nach Hause kommt und es kaum erwarten kann, am Dienstag wieder auf den Fluss zu gehen. Jawohl, die Rede ist hier von Karlsson „Ich hasse jede Art von sportlicher Betätigung“ Venditti!

6. Ein sehr müder Zoowärter, der nach einem Wutanfall fast in meinem Arm einschläft. Gibt es ein schöneres Gefühl? Nun ja, ohne vorangehenden Wutanfall wäre es noch etwas schöner gewesen…

7. Macadamianüsse.

8. Ein Prinzchen, das vor lauter Freude quietscht, weil ich mal wieder etwas zu schnell war in der Kurve.

9. Luises erstes Wachtelei, noch ganz warm, leicht klebrig und offenbar so gut, dass sie es gegessen hat, obsch0n sie gar keine Eier mag.

Nun möchte ich natürlich nicht, dass meine Leserschaft glaubt, bei uns sei plötzlich über Nacht die Idylle eingekehrt. Im Gegenteil, auch heute habe ich herumgebrüllt, auch heute hatten wir ein paar ziemlich heftige vorpubertäre Ausbrüche – oder waren die vielleicht schon pubertär? -, auch heute habe ich den Tag nicht ohne Mittagsschlaf und einigen tiefen Seufzern überstanden und zudem habe ich heute nach elfeinhalb Jahren Mutterschaft Bekanntschaft mit der Kinderkrankheit Ringelröteln geschlossen und dies gleich in dreifacher Ausführung. Bei weitem nicht perfekt also, aber immerhin so schön, dass ich mich das eine oder andere Mal dabei ertappt habe, wie ich lauthals gelacht habe. 

 

 

Vorboten

„Mama, was ist denn eigentlich die Pubertät?“, wollen heute beim Mittagessen unsere zwei nahezu vorpubertären Kinder wissen. „In der Pubertät passieren ganz verschiedene Dinge“, beginne ich möglichst schonend zu erklären. „Euer Körper, zum Beispiel, der wird sich verändern und wird allmählich so, wie bei einem Erwachsenen…“ Entsetzt starren die zwei mich an, aber ich fahre fort: „Ihr werdet vieles von dem, was Papa und ich gut finden, plötzlich doof finden, ihr werdet anfangen, euren eigenen Weg zu suchen und ihr werdet auch die eine oder andere Dummheit machen…“ „Aber Mama, ich will doch keinen Kokos-Schnaps aus der Flasche trinken“, unterbricht mich Karlsson entsetzt und spielt damit auf eine meiner Jugendsünden an, die ich den Kindern in einem schwachen Moment gestanden hatte. „Du musst auch keinen Kokos-Schnaps trinken“, beschwichtige ich ihn. „Du wirst deine ganz eigenen Dummheiten machen und Papa und ich werden wohl grosse Mühe haben, dich zu verstehen. Das ist auch so eine Sache in der Pubertät: Kinder und Eltern geraten öfters mal aneinander und verstehen einander nicht…“ Eigenartig, warum widersprechen die beiden mir nicht? Warum beteuern sie mir nicht, dass ihre Bewunderung für uns keine Grenzen kennt und nie kennen wird? Und weshalb habe ich das Gefühl, in Luises Blick zu lesen, dass sie sich sehr wohl vorstellen kann, wie wir ihr auf die Nerven fallen werden?

Ich beschliesse, Luises Blick zu ignorieren und komme zum Schluss mit meiner Unterweisung: „Vermutlich werdet ihr euch auch zum ersten Mal bis über beide Ohren verlieben…“ Mist! Jetzt habe ich  zu viel gesagt. Beide schreien entsetzt auf. Wie kann ich es wagen, ihnen eine solche Abscheulichkeit zu unterstellen? Ein klarer Beweis, dass ich zu weit gegangen bin. Und dass die Pubertät wohl nicht mehr allzu fern ist.

Jetzt bloss nicht die Nerven verlieren, Mama.

Nichts zu sagen?

An den Anblick von Paaren, die sich gegenseitig anschweigen, ist man sich ja gewöhnt. Aber Eltern und Kinder, die einander anschweigen? Für mich vollkommen neu und unverständlich. Nein, ich meine jetzt nicht Eltern und Teenager nach einem heftigen Krach. Ich meine Schulkind, perfekt gestylt, Mama, ebenfalls perfekt gestylt, beide vollkommen zufrieden während einer Pause beim Shoppen. Da sitzen sie nebeneinander, die Mama mit Kaffee und Kuchen, der Sohn mit Cola und Sandwich und würdigen sich keines Blickes, wechseln nicht ein Wort. Nicht nur zwei oder drei Minuten lang, sondern mindestens so lange, wie Karlsson und ich ein paar Tische entfernt sitzen und uns gegenseitig vollquatschen. Also etwa fünfzehn Minuten. Ich glaube, so lange könnte ich es nicht mal aushalten, wenn ich mir mit einem meiner Kinder einen Mordskrach geliefert hätte.

Immer wieder fällt mir auf, wie oft wir schräge Blicke ernten, wenn wir mit unseren größeren Kindern quatschend und lachend unterwegs sind. Dass man mit einem Dreijährigen redet, findet man vollkommen normal. Dass man Kinder egal welchen Alters zurechtweist – und glaubt mir, auch das kommt bei uns öfters mal vor -, akzeptiert man auch, aber wer sich mit seinem Schulkind angeregt über Gott und die Welt unterhält, fällt auf. Nicht negativ, wohlverstanden. Die Blicke sind durchaus wohlwollend und oft klinken sich die Beobachter ins Gespräch ein, woraus sich ganz amüsante Begegnungen mit Fremden ergeben. Begegnungen, die unsere Kinder lehren, dass man sich mit jedem Menschen unterhalten kann, egal, wie fremd er einem ist.

Nachdenklich stimmt mich die Sache trotzdem, denn das Schönste am Muttersein ist für mich, mich mit den Kindern über alles, was uns unterwegs begegnet, zu unterhalten, ihre Fragen zu beantworten, mit ihnen Witze zu reissen und von ihnen zu lernen, wie sie die Welt sehen und verstehen.

Wir sind doch keine Teenager!

In letzter Zeit fühle ich mich immer mal wieder wie ein Teenager und dies nicht nur, weil meine Haut sich seit einigen Monaten gebärdet, als wäre ich eben erst vierzehn geworden. Die Kinder sind mitschuldig an der Sache, denn die schnüffeln uns hinterher, als fürchteten sie, wir würden heimlich die schlimmsten Dinge treiben. Und natürlich werden sie fündig. „Ich habe da ein Schokopapier im Abfall gefunden“, sagt Karlsson mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wann habt ihr Schokolade gegessen?“ „Ihr habt also gestern Abend Lachs gegessen, als wir bereits im Bett waren“, rüffelt uns Luise. „“Wie? Ihr wollt schon wieder einen Film schauen? Das habt ihr doch schon vorgestern. Ich finde, ihr schaut etwas zu viele Filme“, tadelt der FeuerwehrRitterRömerPirat. Wir stehen unter ständiger Beobachtung und was immer wir tun, es löst Diskussionen aus. Was dazu führt, dass wir ganz dringend rebellieren wollen, „Meiner“ und ich. Wir Teenager sind eben einfach so.

Und so haben wir vor einigen Monaten damit angefangen, uns Dienstagmittag, wenn die vier grossen Kinder am Mittagstisch essen, heimlich zu einem Rendez-vous im Restaurant zu treffen. Nun, ganz kinderfrei läuft dieses Rendez-vous noch nicht ab, aber das Prinzchen, der noch nicht versteht, dass wir etwas Verbotenes tun, hat uns bis jetzt noch nie verpetzt. Unsere grösseren Kinder sind uns dennoch schnell auf die Schliche gekommen. Beim ersten Mal ging noch alles gut, aber beim zweiten Mal kam Karlsson über Mittag kurz nach Hause, um etwas zu holen und als er sah, dass niemand da war, kam abends das Verhör. „Wo wart ihr? Warum habt ihr mir nichts davon gesagt? Was, wenn etwas passiert wäre?“ Fragen eben, die man Teenagern stellt, wenn sie einen Mist angestellt haben. Nun schrecken „Meiner“ und ich zwar nicht davor zurück, heimlich essen zu gehen, aber anlügen wollen wir unsere Kinder nicht und so gestanden wir zerknirscht, dass wir uns ein Mittagessen im Café gegönnt hatten. „Aber das war nur ein Ausrutscher und kommt bestimmt nicht so bald wieder vor“, beteuerten wir und auch das war keine Lüge, denn „Meiner“ musste danach zweimal dienstags über Mittag arbeiten und einmal kochte ich am Mittagstisch. Also dauerte es wirklich eine ganze Weile, bis wir uns dienstags wieder davonschleichen konnten. Die Kinder merkten wieder nichts davon.

Heute aber wurden wir wieder erwischt, denn Karlsson wollte partout nicht am Mittagstisch essen und kam um zwölf nach Hause gestürmt. „Ich gehe nicht zum Mittagstisch“, zeterte er. „Was gibt es zu Hause zu Essen?“ „Ähhm, nichts“, antwortete ich und sah „Meinen“ hilfesuchend an. „Ja, wir haben wirklich nichts gekocht. Du musst also am Mittagstisch essen“, sagte „Meiner“, aber Karlsson liess sich nicht abwimmeln. Auf gar keinen Fall wollte er heute ohne uns zu Mittag essen, ausgerechnet er, der mich vor einigen Monaten noch bekniet hatte, ihn doch bitte öfters zum Mittagstisch anzumelden. „Aber Karlsson, du bist doch angemeldet. Die haben eigens für dich gekocht und warten bestimmt schon auf dich. Nun geh schon; du willst doch nicht, dass die anderen hungern müssen wegen dir“, versuchte ich an sein Pflichtbewusstsein zu appellieren. Aber Karlsson blieb stur und erinnerte mich dabei immer mehr an meine Mutter, wenn sie mir jeweils verbieten wollte, auf eine Party zu gehen. Egal, wie ich argumentierte, sie blieb bei ihrem Nein. Da half jeweils nur noch Dramatik: „Wenn du so gemein bist, dann wandere ich aus!“ Und zu genau diesem Mittel griff auch „Meiner“: „Karlsson, du willst doch nicht etwa, dass Mama und ich uns eines Tages scheiden lassen. Aber genau das könnte passieren, wenn wir nie Zeit zu zweit haben.“ Das wirkte. Karlsson ging zum Mittagstisch und wer jetzt denkt, wir seien nicht nur schreckliche Pädagogen, sondern obendrein noch ganz miese Rabeneltern, die ihr armes Kind einfach vor die Türe stellten, dem sei gesagt, dass unser Ältester wenige Stunden später äusserst zufrieden nach Hause kam und von dem grossartigen Mittagessen am Mittagstisch schwärmte. Vielleicht lässt er uns beim nächsten Mal ohne Widerstand ziehen.

 

Besserwisserische dumme Kuh

Wann habe ich bloss damit angefangen, diese unglaublich ermutigenden Ratschläge von mir zu geben? Ich sage „Sieh zum, dass du vor der Geburt noch möglichst viel Schlaf kriegst. Du kannst nie wissen, wann du wieder die Gelegenheit zum Durchschlafen kriegst, wenn das Baby erst mal da ist.“ Ich sage auch „Geniess das letzte Jahr, in dem du noch kein Kind im Kindergarten hast. Das, was danach kommt, wird nicht lustig.“ Oder „Ja, in der Ersten und in der Zweiten geht’s ja noch, aber aber der dritten Klasse ziehen sie die Schrauben ganz gewaltig an. Einfach schrecklich, was sie von den armen Kindern fordern.“ 

Wenn ich mir so zuhöre, wie ich Müttern und Vätern, die jüngere Kinder haben als ich, den Mut nehme, dann könnte ich mich selbst ohrfeigen. Es kommt noch soweit, dass ich einer vom Schlafentzug geplagten Jungmutter, die mir ihr Herz ausschütten will, dieses elende „Kleine Kinder, kleine Sorgen – grosse Kinder grosse Sorgen“ an den Kopf werfe. Aber soweit soll es nicht kommen. Wie habe ich es damals gehasst, als ich vor lauter Schlafmanko auf dem Zahnfleisch ging und mir Mütter von grösseren Kindern das Gefühl vermittelten, ich sei bloss ein Jammerlappen, nicht stark genug für die Herausforderungen der Elternschaft. Schon damals wusste ich, was ich eigentlich auch heute noch weiss: Jedes Alter bringt seine eigenen Freuden, aber auch Herausforderungen und jede dieser Herausforderungen kann einen an die Grenzen der eigenen Kräfte treiben. Darum habe ich mir stets geschworen, nie eine besserwisserische dumme Kuh zu werden, die anderen Müttern und Vätern Angst macht vor dem, was noch auf sie wartet. 

Und heute bin ich in Gefahr, genau eine solche besserwisserische dumme Kuh zu werden, ja, vielleicht bin ich bereits eine geworden, oder zumindest ein besserwisserisches dummes Kalb, das auf dem besten Weg dazu ist, eine der grössten und dümmsten Kühe zu werden. Dabei habe ich doch gar keinen Grund dazu, abgelöscht oder frustriert zu sein. Ja, wir zanken uns immer mal wieder, manchmal ist es auch wirklich mühsam, die Kinder für die anstrengenderen Seiten des Lebens zu motivieren und die Momente, in denen ich die Kinder auf den Mond schiessen möchte, gibt es auch. Aber im Grunde genommen bin ich eine glückliche Mutter, die ganz gut damit klarkommt, dass im Familienleben nicht immer nur eitel Sonnenschein herrscht und auch wenn mich zuweilen die Angst vor den Teenager-Jahren beschleicht, eigentlich bin ich ganz gespannt darauf, wie sich die Beziehung zu unseren Kindern entwickelt, wenn sie gross werden. 

Warum also immer öfter diese doofen Aussagen, mit denen ich anderen Eltern den Mut nehme? Ich kann es mir nur damit erklären, dass sich in den vergangenen Monaten eine pessimistische Grundstimmung bei mir eingeschlichen hat, die in allen Bereichen zum Ausdruck kommt, auch dort, wo ich eigentlich eine positive Einstellung hätte. Und diese Haltung passt mir nicht. Ich will nicht eine jener verbitterten Frauen werden, die beim Neugeborenen nur die schmutzige Windel, beim Kleinkind nur den Trotzanfall, beim Teenager nur die Stimmungsschwankungen sehen. Ich will mich nicht damit zufrieden geben, nur noch zu Hause vor dem Fernseher zu vegetieren, bloss weil grössere Kinder nicht mehr bei jedem Vorschlag „Super Mama, tolle Idee!“ jubeln. Ich will, dass Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit wieder überwiegen, nicht Resignation und „Ich bin zu müde, um mit euch in den Wald zu gehen. Wir machen das vielleicht nächste Woche.“ 

Höchste Zeit für eine Verschnaufpause. Damit ich die Energie aufbringen kann, um diese besserwisserische, resignierte, dumme Kuh von hinnen zu jagen.

Neue Welten

Mir wurde ja schon ein wenig mulmig, als „Meiner“ Karlsson zum zehnten Geburtstag das Versprechen abgab, dass er im Laufe des Jahres je einen ganzen Tag mit Papa und einen ganzen Tag mit Mama verbringen dürfe. Das Programm, so sagte „Meiner“, würde ganz vom Kind bestimmt. An sich eine tolle Sache, denn es gibt für Mehrfacheltern ja eigentlich nichts Schöneres, als einen ganzen Tag Zeit zu haben für ein einziges Kind. Zeit zum Reden, Spass haben, dem Kind die volle Aufmerksamkeit schenken. Doch man weiss ja auch, wohin es führen kann, wenn man den Kindern freie Hand lässt bei der Programmgestaltung: Plötzlich findet man sich inmitten von kreischenden Teenies am Justin Bieber-Konzert wieder. Oder hustend und keuchend an einem Moto-Cross-Rennen. Oder, schlimmer noch, auf einer Fresstour durch sämtliche Fastfood-Tempel des Landes. Man kann nie wissen, welche abartigen Vorlieben angehende Teenager entwickeln und deshalb finde ich ein solches Versprechen ziemlich risikoreich. Hätten meine Eltern mir damals ein solches Angebot gemacht, ich hätte sie bestimmt zu einem Michael Jackson-Konzert geschleppt, oder ich hätte sie dazu gezwungen, mit mir ins Kino zu gehen, um Dirty Dancing zu schauen. Nun gut, da war ich schon etwas älter als zehn, aber man weiss ja, dass die Pubertät und damit auch die Geschmacksverirrungen heutzutage früher einsetzen als zu unseren Zeiten. Klar, aus Liebe zum Kind ist man zu allem bereit, aber nicht zu allem gleich gern.

Aus diesem Grund sah ich dem Mama-Karlsson-Tag mit gemischten Gefühlen entgegen. Was würde unser Ältester von mir erwarten; auf welche Tortur musste ich mich gefasst machen? Nachdem „Meiner“ am Papa-Karlsson-Tag schon sämtliche bekannten Highlights – Kino, Antiquitätenhändler, gut essen und Thermalbad – abgehakt hatte, wusste ich erst recht nicht mehr, womit ich zu rechnen hatte. Mit einem Vergnügungspark vielleicht, oder mit einem Besuch im „Spassbad“, das nur für Menschen unter zwanzig lustig und Berufsjugendliche lustig ist? Oder am Ende vielleicht ein Essen in einem Nobelrestaurant, in dem ich mich nicht zu benehmen weiss? Immerhin ist Karlsson ein bekennender Feinschmecker. Nun, es kam nicht ganz so schlimm: Mein Sohn und ich fahren am Samstag nach Avenches in die Oper. Offen gestanden habe ich keine Ahnung, wie man sich in einer Oper aufführt, aber die Veranstaltung findet ja in der Arena statt, da werde ich nicht viel falsch machen können. Ob mir die Musik gefallen wird, weiss ich nicht und ob ich die Handlung verstehen werde erst recht nicht, aber immerhin beschert mir der Ausflug keine Albträume, mal abgesehen von der Fahrt nach Avenches, die bei meinem Orientierungssinn durchaus zur Katastrophe werden könnte. Im Gegenteil, ich sehe dem Abend mit eienr gespannten Vorfreude entgegen. Und sollte mir das Ganze nicht zusagen, so kann ich immerhin dankbar sein, dass unser Ältester mich verschont vor kreischenden Teenagern, irrsinnigen Rutschbahn-Fahrten und missgünstig dreinblickenden Kellnern, die nur darauf warten, bis mir ein Bissen unter den Tisch fällt.  

Als

Drohgebärden

Ja, ich weiss, diese ewigen elterlichen Erpressungsversuche sind doof und unfair. Aber wenn da ein Kind ist, das nicht will, wie Mama will, dann ist man schnell dabei. Und wenn da ein Kind ist, das Mama schon sehr bald einmal überragen wird, dann ist man noch schneller dabei. Denn man wird sich bewusst, dass der grosse Junge einem sehr bald sehr schlimm auf der Nase herumtanzen wird, wenn man ihm nicht zeigt, dass man noch immer weiss, was man will, auch wenn man in den Augen des Kindes immer kleiner wird.

Wie wir Eltern nun mal sind, kommt uns vor lauter Angst, die Autorität zu verlieren, eine jener hirnverbrannten Drohungen über die Lippen und noch ehe das letzte Wort draussen ist, fragen wir uns schon, wie wir bloss auf die Idee kommen konnten, dass die Drohung auch wirklich etwas bewirken könnte. „Wenn du jetzt nicht sofort auf dein Zimmer gehst, nehme ich dir deine Geige weg und du darfst bis Montagabend nicht mehr üben“, hörte ich mich heute sagen, als Karlsson sich weigerte, eine Auszeit zu nehmen von dem ewigen Necken der kleinen Brüder. Während ich noch sprach, überlegte ich mir schon, wo ich denn das Instrument sicher versorgen sollte, denn gehorchen würde er mir ja ohnehin nicht. 

Ich hätte so ziemlich mit jeder vorpubertären Reaktion – freches Grinsen, gleichgültiges Schulterzucken, ein zorniger Versuch, mit einem Comics-Heft nach mir zu schmeissen – auf meine unsinnige Drohung gerechnet, bloss nicht damit, dass der Junge sich vom Sofa erhebt, in seinem Zimmer verschwindet und erst wieder zum Vorschein kommt, wenn er mit seinen Geschwistern wieder anständig sein kann. Nun ja, unterwegs nach oben hat er zweimal die Tür geknallt, aber dass es bei nur zweimal blieb, ist für unsere Verhältnisse ein schon beinahe übermenschlicher Akt an Selbstbeherrschung. 

 

Schlaf-Fragen

Heute Nachmittag tauchte ich mal wieder trotz Mittagsschlaf laut gähnend auf dem Fussballplatz auf, wo ich Luise abholen musste, die sich dummerweise zu diesem Fussballturnier angemeldet hat, obschon sie gar nicht gern Fussball spielt. Eine Bekannte, die mein Gähnen bemerkte,  meinte, es würde wohl einige Monate dauern, bis ich mein über Jahre angehäuftes Schlafmanko wieder abgebaut hätte. Ich gähnte ein weiteres Mal, murmelte etwas von „wird wohl etwas länger als ein paar Monate dauern“, vergass die Sache wieder und ging mit Luise nach Hause, wo ich alsbald wieder einschlief. Und dann, als ich zwei Stunden später das Prinzchen zu Bett brachte, übermannte mich der Schlaf ein weiteres Mal. 

Jetzt, wo ich wieder halbwegs wach bin, treibt mich die Sache mit dem Schlaf, die ich nachmittags so dämmerig zur Seite geschoben habe, wieder um: Kommt zwischen der Kleinkinderzeit und der Zeit der durchwachten Nächte, weil die Teenager noch nicht zu Hause sind, eine Erholungsphase, oder muss ich davon ausgehen, dass es nahtlos so weiter geht mit zu wenig Schlaf? Lässt sich verpasster Schlaf überhaupt je nachholen, oder hatte meine Schulkameradin Recht, die vor Jahren jeweils verkündete, nachschlafen sei unmöglich? Wird in meinem Leben je wieder eine Zeit kommen, in der ich nicht müde bin, oder lässt man den seligen Zustand des Ausgeschlafenseins ein für alle Mal hinter sich, sobald man kein Baby mehr ist, das immer und überall schlafen kann, egal, wie laut und stürmisch es rundherum zugeht? Werde ich am Ende meines Lebens seufzend im Lehnstuhl sitzen und sagen „Hätte ich doch bloss mehr geschlafen“? 

Noch mehr als all die Fragen, treibt mich aber diese um: Darf man samstags um Viertel nach zehn zu Bett gehen, wenn man morgens bis neun in den Federn gelegen hat und sich auf den Tag verteilt drei Nickerchen gegönnt hat, oder ist man ein unersättlicher Gierhals, wenn man einem Tag mit so viel Schlaf so früh ein Ende setzt?

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Aufwachen, Mama!

2001: Mama Venditti, vor wenigen Monaten erst Mama geworden, liest in der Tageszeitung, dass Jugendliche sich immer öfter bis zum Umfallen besaufen. „Auf jedes Extrem folgt ein Gegenextrem“, denkt sich Mama Venditti. „Bis Karlsson in dem Alter ist, wird saufen unter den Jugendlichen total out sein.“

2003: Mama Venditti liest, dass die Verbreitung jeder erdenklichen Schweinerei unter Jugendlichen dank Internet und Handy erheblich zugenommen hat. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man bestimmt für einen besseren Kinder- und Jugendschutz sorgen“, beruhigt sie sich selber. 

2005: Mama Venditti schaut sich eine Statistik an, die belegt, dass sich Mädchen immer öfter masslos betrinken, weil die süssen Mixgetränke ihren Geschmack genau treffen. „Bis Luise so gross ist, sind diese zuckersüssen Versuchungen bestimmt längst verboten“, murmelt sie vor sich hin.

2007: Mama Venditti erfährt, dass Cannabis für viele Jugendliche einfach dazugehört. „Was jetzt normal ist, wird in ein paar Jahren völlig veraltet sein“, beruhigt sie sich. 

2009: Mama Venditti liest einen Artikel, in dem steht, dass Jugendliche immer leichter an harte Drogen herankommen. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man viel härter durchgreifen“, hofft sie.

2011: Mama Venditti sitzt in einem Vortrag über Rauschtrinken und wird sich gewahr, dass a) die jüngsten Kinder, die in der Statistik erfasst sind, nicht erheblich älter sind als ihre eigenen und dass b) die Gefahren für Kinder und Jugendliche nicht ab- sondern zugenommen haben. Nicht, dass sie je allen Ernstes an ihre eigenen kläglichen Beruhigungsversuche geglaubt hätte, aber ein wenig mulmig wird ihr schon, wenn sie sich eingestehen muss, dass die Schonzeit wohl bald vorbei ist. Eines aber beruhigt sie dennoch: Die Referentin weist darauf hin, dass gute Beziehungen innerhalb der Familie Vieles verhindern helfen. Mama Venditti denkt sich, dass bei Vendittis im Alltag zwar fast alles anders läuft als im Erziehungsratgeber, dass aber kaum ein Tag vergeht, an dem nicht auf die eine oder andere Art – mal mit Loben und Unterstützen, dann wieder in einem lautstarken Streit, der in einer liebevollen Versöhnung endet –  an den Beziehungen gearbeitet wird.