Der weise Venditti

Es gibt viele Wege, den Stress zum Schuljahresanfang zu meistern, oder es zumindest zu versuchen. Luise, zum Beispiel, fährt im Schnitt etwa 150 mal am Tag aus der Haut, währenddem Karlsson zwar in seiner Haut drin bleibt, diese aber derzeit so dünn ist, dass der leiseste Anflug von Kritik – „Karlsson, würdest du bitte deine Sandalen ins Regal stellen?“ – zu Streit führt. Der FeuerwehrRitterRömerPirat reagiert sich derweilen mit Wohnzimmerfussball ab und das Prinzchen liegt immer mal wieder mit fieberheissem Kopf auf seinem Bären, den er übrigens nur noch „mein Baby“ nennt und auf den ich mich beim Singen nicht mehr abstützen darf, weil das arme Baby sonst Schmerzen hat. Aber kommen wir zurück zum Thema. „Meiner“ und ich greifen in diesen Tagen auf unsere altbewährte Stressbewältigungs-Strategie: Wir streiten uns wegen jeder Kleinigkeit – „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich den Mozzarella für den Auflauf gekauft habe, warum brauchst du ihn dann für die Pizza, die ich diese Woche gar nicht eingeplant habe?“ – und werfen einander gegenseitig vor „Wenn du nicht immer so lange arbeiten würdest, dann wäre es viel ruhiger…“  Wahrlich keine sehr reife Art, mit dem ganzen Stress fertig zu werden.

Da ist der Zoowärter bedeutend weiser als seine Eltern. Und dabei auch um einiges pflegeleichter als seine Geschwister. Während nämlich die anderen sechs Vendittis im roten Bereich drehen, kommt er mittags nach Hause, isst eine kleine Portion Vorgekochtes und eine grosse Portion Eis und danach zieht er sich in einen Winkel zurück, wo er den Rest des Tages verschläft. Egal wie laut und hektisch es im Hause zu und hergeht, der Zoowärter lässt sich durch nichts davon abhalten, den ganzen Stress aus sich herauszuschlafen. So war er bereits als Baby und so ist er heute noch. Ein wahrlich durch und durch weiser Mensch, unser Zoowärter. Ich wünschte, unser anderen Kinder wären mehr wie er, denn wären sie mehr wie er, dann könnten „Meiner“ und ich auch mehr sein wie er und dann würden wir all nur noch schnarchen, anstatt aus der Haut zu fahren, dünnhäutig zu sein, Wohnzimmerfussball zu spielen, zu fiebern oder zu streiten.

Elterngespräche

Elterngespräch 2006
Karlsson ist wirklich ein netter Junge. Er hört sehr interessiert zu, führt seine Aufträge gewissenhaft aus und man spürt auch, dass er viel weiss. Leider zeigt er dies aber viel zu wenig, man muss ihn regelrecht dazu drängen, sein Wissen preiszugeben. Im Kreis meldet er sich nie zu Wort, im Einzelgespräch schafft man es manchmal, ihn zum Reden zu bringen. Mir scheint, dass man sein Selbstvertrauen dringend stärken sollte. Haben Sie auch schon daran gedacht, den Jungen in einen Selbstverteidigungskurs zu schicken? Oder vielleicht  ins Karate? Einfach etwas, was ihn etwas selbstbewusster macht? 

Elterngespräch 2008
Luise ist wirklich ein nettes Mädchen. Sie hört interessiert zu, führt ihre Aufträge gewissenhaft aus und ab und zu wagt sie, zu zeigen, was sie kann. Meistens aber ist sie im Unterricht sehr still und zurückhaltend, beobachtet man sie in der Pause, erkennt man einige Ansätze von ihrem Temperament, welches sie durchaus öfters auch im Unterricht einbringen dürfte. Es wäre schön, wenn sie etwas selbstbewusster auftreten würde. Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht darüber, wie Sie das Selbstbewusstsein Ihrer Tochter stärken könnten?

Elterngespräch 2010
Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist  wirklich ein netter Junge. Er hört interessiert zu und weiss auch sehr viel. Im Kreis meldet er sich jedoch kaum zu Wort, sein Wissen und seinen Schalk erkennt man nur im Einzelgespräch. Wenn ihm etwas nicht passt, kann er ziemlich bockig sein, ansonsten dürfte er durchaus noch etwas selbstbewusster auftreten. Vielleicht können Sie ihn dazu ermutigen, sich etwas mehr einzubringen.

Erste Rückmeldung der Lehrerin 2011
Der Zoowärter ist wirklich ein netter Junge. Ich hätte gar nicht erwartet, dass er sich bereits am ersten Kindergartentag so laut und deutlich zu Wort meldet. Manchmal erweckt er den Anschein, etwas verträumt zu sein, aber wenn er mal aufdreht, erkennt man, dass er sehr genau weiss, was er will. Im Vergleich zu seinem grossen Bruder tritt er deutlich selbstbewusster auf.

Elterngespräch 2013???
Das Prinzchen ist wirklich ein netter Junge. Er bringt sich überall ein und hat auch keine Angst davor, sich im Kreis zu Wort zu melden. Manchmal tritt er aber etwas allzu selbstbewusst auf. Sehen Sie eine Möglichkeit, wie Sie Ihrem Sohn etwas mehr Zurückhaltung beibringen könnten? Vielleicht einen Meditationskurs, bei dem das Kind lernt, etwas zur Ruhe kommen kann…. 

 

 

 

Konsumlust steigend

„Weisst du Mama, jetzt, wo ich in der Dritten bin und so viel mehr Stress habe als im letzten Schuljahr, brauche ich unbedingt ein Etui. Damit ich nicht so viel Zeit verliere mit dem Suchen von Farbstiften und weisst du, wenn ich die Hausaufgaben im Hort mache oder bei der Grossmama, dann wäre das auch viel praktischer so. Also, ich muss wirklich ganz dringend ein neues Etui haben, am besten noch heute. Ach ja, und ich will mir jetzt übrigens kein Pferd mehr kaufen, sondern Meerschweinchen. Oder vielleicht auch Kaninchen, ich bin mir noch nicht so sicher, aber können wir schon mal bei ricardo nachschauen, ob es ein gutes Angebot gibt?  – Schau mal, Mama, dieser Kaninchenstall kostet nur 70 Franken. Ist der nicht unglaublich günstig? Aber Mama, das macht doch nichts, dass da noch das Auslaufgehege fehlt. Da müssen wir eben noch eins dazu kaufen. Hier hätte ich schon ein Passendes gefunden. Oder der Papa macht mir eins. Können wir gleich jetzt zum Baumarkt fahren? Ach ja, Mama, beinahe hätte ich es vergessen: Wir können in der Schule die alten Bibliotheksbücher kaufen, nur 50 Rappen das Stück. Darf ich? Bitte, bitte! Nein, ich will das Geld nicht mit Karlsson und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten teilen, sonst kaufen die so doofe Bücher, die ich nicht haben will. Okay, dann kaufe ich eben nur drei Stück, wenn du gerade nicht so viel Kleingeld im Portemonnaie hast. Aber schau mal, hier hast du noch eine zwanziger Note! Kann ich nicht die mitnehmen? Warum denn nicht? Ich bringe dir auch ganz bestimmt den Rest wieder zurück, versprochen. Ach Mama, du bist so unfair. Ich rede jetzt kein Wort mehr mit dir. ———Mama, wann kommt denn endlich das Paket mit den Herbstkleidern, das du für uns bestellt hast. Glaubst du, es kommt noch diese Woche, oder müssen wir vielleicht noch in die Stadt gehen. Es könnte ja sein, dass es übermorgen plötzlich kalt wird und dann habe ich gar nichts Passendes mehr zum Anziehen. Und wenn wir dann schon in der Stadt sind, kaufen wir gleich noch das Etui. Können wir gleich jetzt gehen?….“

Das können wir natürlich schon, meine geliebte Tochter, aber nur, wenn du mir verrätst, woher wir all das Geld nehmen sollen, das du so gerne ausgeben möchtest.

Trainingsprogramm zum Schuljahresanfang

6:30 Uhr: Sich unter Ächzen und Stöhnen aus dem Bett zwängen, dem Prinzchen eine Milch wärmen und sich zurück ins Bett begeben.

6:45 Uhr: Sich unter Ächzen und Stöhnen aus dem Bett zwängen, ganz langsam und vorsichtig die Treppe hochsteigen, Orientierungslauf, um herauszufinden, welches Kind in welchem Bett den Schlaf gefunden hat, Weckruf und dann die Kinder mit sanftem Druck aus dem Bett holen, was zuweilen nur unter Körpereinsatz – „Mama, ziehst du mich bitte hoch, mein Körper ist so schlapp, ich schaffe das nicht alleine.“ – gelingt.

6:55 Uhr: Startschuss zum Stafettenlauf zwischen Herd und Küchentisch: Wer bringt schneller mehr Kakaotassen auf den Tisch, ohne etwas zu verschütten? „Meiner“ ist meistens Sieger, aber er schummelt, denn er wärmt die Milch in der Mikrowelle und nicht auf der Herdplatte.

7:25 Uhr: Startschuss zum Treppenrennen: Mama hetzt drei Treppen hoch, um Kleider für die Kleinsten zu suchen, die Kinder hetzen zwei Treppen hoch, dann wieder eine runter und wieder drei hoch, wozu weiss keiner so genau, aber das alles wirkt sehr geschäftig und am Ende hetzen doch wieder Mama und Papa gemeinsam hoch und runter, um Schuhe, Schulhefte, Zahnbürsten, etc. herbeizuschaffen.

Irgendwann zwischen 7:25 und 7:50 Uhr: Ein verzweifelter Versuch, mal kurz zu duschen. Meist gelingt es, manchmal nicht.

7:55 Uhr: Der Endspurt für die Schulkinder beginnt. Schulsäcke stemmen, Kinder anfeuern „Ja, Luise, du schaffst das. Nur noch diesen einen Zahn bürsten und dann kannst du losziehen! Jawohl, Karlsson, nur noch einmal die Treppe hoch und die Schuhe holen, dann bist du bereit! Bravo, der FeuerwehrRitterRömerPirat hat’s als Erster geschafft! Bitte um einen kräftigen Applaus für den FeuerwehrRitterRömerPiraten!“

8:00 Uhr: Endspurt für die Vorschulkinder. Tief bücken, um beim Anziehen der Schuhe zu helfen, weit in die Höhe strecken, um die eigenen Schuhe, die man vor Luise in Sicherheit hat bringen müssen, aus dem Regal zu holen und wieder tief bücken, um das Prinzchen hochzuheben, der „nicht laufen kann“.

8:10 Uhr: In raschem Schritt zum Kindergarten. Wer ist schneller, der Zeiger der Uhr oder Mama Venditti mit Prinzchen auf dem Arm und verträumtem Zoowärter im Schlepptau? Der Uhrzeiger gewinnt fast immer und die Kindergärtnerin fragt besorgt nach, ob Mama Venditti wohl auch mitgekriegt hat, dass der Kindergarten in diesem Schuljahr bereits um Viertel nach acht beginnt und nicht wie früher um halb neun. Ja, Mama Venditti hat das mitgekriegt, aber ihre Kinder scheren sich einen Dreck darum, wo der Uhrzeiger steht, Hauptsache, sie können noch schnell der Nacktschnecke guten Tag sagen und die hohe Mauer beim Kirchgemeindehaus erklimmen. Genau so, wie es eigentlich sein müsste, wenn man denn noch Zeit hätte, Kind zu sein.

8:20 Uhr: Heftiges Winken, um sich vom Zoowärter zu verabschieden.

8:21 Uhr: Prinzchen hochheben, der noch immer „nicht laufen kann“ und ab zur Arbeit.

8:30 bis 11:30 Uhr: Verschnaufpause für den Körper, jetzt ist der Kopf dran.

11:35 Uhr: Zum Kindergarten rennen – diesmal ohne Prinzchen auf dem Arm – und den Zoowärter abholen.

11:45 Uhr: Den Zoowärter und die anderen Kinder, die sich uns auf dem Heimweg angeschlossen haben, zu Hause abladen. Überprüfen, ob wirklich nur eigene Kinder ins Haus gehen und falls Fremde darunter sind, dafür sorgen, dass diese zu Hause anrufen, um zu melden, dass sie bei uns gelandet sind. Zurück ins Büro rennen, um die Arbeit abzuschliessen und das Prinzchen abzuholen.

12:15 Uhr: Mit dem Prinzchen auf dem Arm nach Hause hetzen, wo „Meiner“ hoffentlich schon Zeit gefunden hat, das Essen fertig zu machen, das einer von uns beiden im Morgengrauen oder am Vorabend halbwegs vorbereitet hat..

12:55 Uhr: Kurze Verschnaufpause auf dem Sofa, zumindest, wenn niemand anruft und damit den Wettlauf „Wer ist zuerst beim Telefon?“ in Gang setzt.

13:15 Uhr: Der Endspurt für die Schulkinder beginnt. Schulsäcke stemmen, Kinder anfeuern „Ja, Luise, du schaffst das. Nur noch diesen einen Zahn bürsten und dann kannst du losziehen! Jawohl, Karlsson, nur noch einmal die Treppe hoch und die Schuhe holen, dann bist du bereit! Bravo, der FeuerwehrRitterRömerPirat ist als erster bereit! Bitte um einen kräftigen Applaus für den FeuerwehrRitterRömerPiraten!“

13:15 bis 18:00 Uhr: Das Nachmittagsprogramm ist weniger straff organisiert. Es beinhaltet wahlweise „Noch schnell ins Büro rennen und dort eine oder zwei Stunden arbeiten“ oder „Mit zwei oder drei Kindern im Schlepptau – das Prinzchen natürlich wieder auf dem Arm – zum Arzttermin hetzen“ oder „Nur mal rasch in die Migros gehen, um Milch und Obst zu kaufen – natürlich wieder mit Kindern auf dem Arm und im Schlepptau“ oder „Kommt, wir begleiten Karlsson zur Geigenstunde. Ich muss doch die neue Lehrerin auch mal treffen. Ja, Prinzchen, ich nehme dich auf die Schultern und ihr anderen lauft schön brav mit. Nein, die Geigenstunde ist nicht mehr im Schulhaus gleich um die Ecke, sondern im anderen. Ja, genau, Luise, in dem Schulhaus, zu dem man immer so weit laufen muss…“. Hin und wieder, wenn nur die Kleinen und ich zu Hause sind, sieht das Nachmittagsprogramm auch so aus: „Kommt mal aufs Sofa, ihr zwei,  ich erzähle euch eine Geschichte“ und wenig später schlafen wir drei kreuz und quer übereinander tief und fest, bis die Grossen nach Hause kommen und eine Motivationsspritze für die Hausaufgaben brauchen.

18:00 bis 21:00 Uhr: Allmählich wird das Tempo gedrosselt, alle schalten einen Gang tiefer. Nun ja, zumindest, wenn kein Elternabend auf dem Programm steht. Falls doch, dauert das Trainingsprogramm eben noch ein wenig länger: Kinder in Rekordzeit füttern, ins Bett bringen und dann, pünktlich um fünf vor sieben, los zum Schulhaus. Wann endlich teilt jemand der lieben Lehrerschaft mit, dass ein Elternabend um sieben Uhr uns Eltern daran hindert, unseren Kindern einen pädagogisch wertvollen Tagesabschluss mit Ritualen, Gutenachtgeschichten und „Ich hab‘ dich lieb“ zu bieten? Und die Strafe tragen natürlich wieder wir Eltern, denn wenn wir um halb neun nach Hause gehetzt kommen, sind bestimmt alle noch wach, weil sie doch ohne Rituale, Gutenachtgeschichten und „Ich hab‘ dich lieb“ nicht einschlafen konnten.

 

 

Kein Feierabend in Sicht

Das Unvermeidliche ist eingetroffen: Kaum haben unsere Kleinsten damit aufgehört, unsere Nacht zum Tag zu machen, fangen unsere Grössten damit an, den Tag bis in die späten Abendstunden zu verlängern. Konnte man bis vor wenigen Monaten noch damit rechnen, dass es ab acht Uhr ruhiger und ab neun Uhr fast ganz still wird, so ist heute frühestens um halb elf endgültig Feierabend. Ihr erfahrenen Mütter, die ihr das Ganze schon hinter euch habt und die ihr schon immer gepredigt habt, dass es mit grossen Kindern nicht leichter, sondern anders wird, dürft jetzt wieder aufhören, hämisch hinter den Seiten eures Romans, den ihr euch zum Feierabend gönnen könnt, hervor zu grinsen. Ich habe ja nie behauptet, ihr hättet nicht Recht mit eurer Aussage, aber ein wenig Gejammer müsst ihr mir nun einfach durchgehen lassen. Bei uns geht das eine ja nahtlos in das andere über, von den durchwachten Nächten zu den nicht enden wollenden Tagen. Wer weniger Kinder hat, der bekommt zwischen den zwei Phasen immerhin eine kleine Verschnaufpause, während der die Kinder schön artig um acht ins Bett gehen und durchschlafen bis morgens um sieben. 

Wäre ich ein Mensch, der die Dinge hin nimmt, wie sie nun mal sind, so würde ich mich jetzt in mein Schicksal fügen und durchbeissen. Aber erstens passt das mit „die Dinge nehmen, wie sie sind“ nicht so recht zu meinem Wesen und zweitens fühle ich mich nach nahezu elf Jahren Mutterschaft körperlich derart ausgelaugt, dass ich mir einen Massnahmenkatalog erarbeitet habe, der mir dabei helfen soll, die neue Lebensphase mit meinen grösser werdenden Kindern zu überstehen, ohne noch näher an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu geraten:

1. Lerne so rasch als möglich, dich nicht als faule Schlampe zu fühlen, wenn du dir morgens oder nachmittags – je nachdem, wie es der Teilzeitjob und die Stundenpläne der Kinder zulassen – eine ausgiebige Auszeit gönnst. Du bist keine faule Schlampe, du ziehst lediglich den Feierabend vor, den dir deine Kinder nicht mehr gönnen wollen.

2. Finde einen Weg, wie „Deiner“ und du die Zeit zu zweit, die ihr bisher abends hattet, am Morgen oder am Nachmittag – wieder abhängig von (Teilzeit)Jobs und Stundenplänen – haben könnt. Glaube nur ja nicht, dass es einfach wird, diesen Weg zu finden, aber wer hat denn je behauptet, es sei einfach, eine Familie zu haben?

3. Wenn deine Kinder nicht schlafen wollen, sollen sie eben arbeiten. Warum sollst du die Einzige sein, die zu später Stunde noch Wäsche aufhängt und Geschirr spült? Spätestens nach drei abendlichen Arbeitseinsätzen werden deine Kinder erkennen, dass Mamas und Papas Feierabendprogramm gar nicht so unterhaltsam ist, wie sie sich das immer vorgestellt hatten, als sie noch kleiner waren und sich darüber aufregten,  dass die Eltern noch ihren Spass haben durften, während sie bereits im Bett liegen mussten. Wenn sie arbeiten müssen, werden deine Kinder von allein wieder früher schlafen gehen  oder zumindest so tun, als ob sie schlafen würden. Aber dir ist ja eigentlich auch egal, ob sie schlafen oder bloss so tun als ob, Hauptsache, du kannst nach einem anstrengenden Tag endlich die Füsse hochlegen und lesen.

4. Sorge dafür, dass du nur noch mit den Menschen ehrenamtlich zusammenarbeitest, mit denen du dich auch privat gut verstehst. Dadurch erreichst du, dass abendliche Sitzungen Spass machen. Wenn ihr wirklich diszipliniert seid, dann schafft ihr es locker, die Traktanden innerhalb von fünfzehn Minuten abzuhaken, um danach einen gemütlichen Abend unter Freunden zu haben. Warum man dazu einen Sitzungstermin braucht? Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sind ehrenamtlich tätige Menschen meist so vielbeschäftigt, dass sie sich ungemein faul und egoistisch fühlten, würden sie sich einfach so einen netten Abend ganz und gar ohne Arbeit leisten. Und zweitens wollen deine noch wachen Kinder garantiert nicht mitkommen, wenn du ihnen sagst, du müsstest zu einer Sitzung gehen. Würdest du ihnen nämlich sagen, dass du dich mit einer Freundin zum Kaffee triffst würden sie garantiert zetermordio schreien, weil du mit ihnen nie so etwas machst und weil du immer nur im Restaurant sitzt und Kaffee trinkst.

5. Finde dich damit ab, dass das, was du jetzt erlebst, erst der Anfang ist. Noch ein paar Jahre und du wirst an den endlosen Tag ohne Feierabend auch noch eine halbe durchwachte Nacht anhängen, weil du nicht zu Bett gehen magst, solange deine Kinder noch nicht zu Hause sind. Aber das ist ja nicht das Ende. Noch ein paar Jährchen mehr, und deine Kinder werden mit schwarzen Schatten unter den Augen an deinem Tisch sitzen und fragen: „Mama, waren wir auch mal so schlimm? Ich möchte nur noch schlafen, schlafen, schlafen…“

Und das würde ich jetzt auch tun, wenn ich nicht noch die Küche aufräumen müsste.

Ich bin noch nicht soweit

Jetzt wollen sie also tatsächlich, dass das Prinzchen aus dem Elternschlafzimmer auszieht. Alle wollen das, am meisten aber „Meiner“ und Luise. „Meiner“, weil er findet, dass wir unser Zimmer endlich wieder für uns haben sollten, Luise, weil sie seit jenem Tag, an dem sie sich damit abgefunden hat, dass das Prinzchen kein Mädchen ist, sehnsüchtig auf den Tag wartet, an dem der Jüngste in ihr Zimmer umzieht. Karlsson, der FeuerwehrRiterRömerPirat und der Zoowärter sind zwar nicht ganz so versessen auf den Umzug, aber auch sie finden, es wäre langsam Zeit, vor allem, weil sie sich erhoffen, dass er sehr bald einmal verkünden wird, dass er nicht mehr bei Luise schlafen will, sondern bei einem seiner grossen Brüder. Ja, und auch das Prinzchen hat in den vergangenen Wochen hin und wieder angedeutet, dass er abends ganz gerne oben bei seinen grossen Geschwistern sein möchte.

Was soll also ich da noch ausrichten können? Zumal Luise heute Tatsachen geschaffen hat, indem sie das Prinzchen-Bett ganz alleine aus dem Elternschlafzimmer gehievt hat. „Meiner“ hat ihr dann auf der Treppe bereitwillig geholfen. Danach ging alles ganz schnell: Luise wechselte ihrem kleinen Bruder die Windel, brachte ihn zu Bett und sang ihm Schlaflieder, welche durch lautes Geheul des Zoowärters, der möchte, dass das Prinzchen mit ihm das Zimmer teilt, begleitet wurden. Und ich, was sollte ich jetzt tun? Keiner mehr da, der meine Schlaflieder hören will, kein gemütliches Feierabendritual mit meinem Jüngsten, der mir noch ein wenig von den zahlreichen Abenteuern des Tages erzählt. Wie ich da so etwas verloren in der Küche stand und nicht so recht wusste, was ich mit der gewonnenen Zeit anfangen sollte, fühlte ich mich auf einmal ziemlich leer. Bis jetzt war da stets noch ein Kleineres gewesen, wenn ein Kind allmählich weniger Mama und mehr grosse Geschwister wünschte. Jetzt aber folgt niemand, so langsam muss ich mich wohl damit abfinden, dass die Kleinkindertage in unserem Hause gezählt sind und so sehr ich mir zuweilen etwas mehr Ruhe und Ordnung wünschte, es fällt mir dennoch sehr schwer, dass schon bald einmal Schluss sein wird damit. 

Ob das Prinzchen gespürt hat, wie ich mich fühle? Oder ist er am Ende auch noch nicht bereit, auf die schönen Momente am Abend zu verzichten? Ich weiss nicht, welches von beidem der Grund war, Tatsache ist, dass er, kaum war Luise eingeschlafen, zu „Meinem“ und mir aufs Sofa gekrochen kam, wo er sich eine ausgiebige Kuschelrunde gegönnt hat. Danke, mein Prinzchen, dass ich noch ein wenig länger Kleinkind-Mama sein darf.

Was wäre wenn…?

Mir scheint, wir leben uns allmählich auseinander, die Schule und ich. Während ich mir vor sechs Jahren, als Karlsson in den Kindergarten kam, noch sehnlichst wünschte, dass das Kind dort den ganzen Vormittag betreut würde, habe ich heute ernsthafte Bedenken, ob der Zoowärter damit zurechtkommen wird, wenn er ab nächster Woche jeden Tag von Viertel nach acht bis zwanzig vor zwölf im Kindergarten sein wird. Als Karlsson vor vier Jahren eingeschult wurde, war ich noch der Meinung, dass er ruhig etwas mehr gefordert werden dürfte. Knappe zwei Jahre später, als Luise mit einem entzündeten Blinddarm im Untersuchungszimmer des Kinderspitals sass und sich sorgte, ob die Lehrerin mit ihr schimpfen würde, weil sie keine Zeit hatte, die Hausaufgaben zu machen, sah ich das schon ein wenig anders. Schulstress in der zweiten Klasse schon? Das darf doch nicht wahr sein. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat nächste Woche eingeschult wird, wird er jede zweite Woche an drei Nachmittagen Unterricht haben. Nur noch zwei freie Nachmittage, um unbeschwert Kind zu sein, als Siebenjähriger schon. Mir wird mulmig dabei und wenn ich erst bedenke, dass Luise in der Dritten ebenfalls nur noch zwei freie Nachmittage hat, davon einer zur Hälfte belegt mit Querflötenstunde und Therapie, dann wird mir Angst und bang. Ja, ich weiss, das Kind wird sich auswärts zusammenreissen, wird auf die Zähne beissen und überall ihr Bestes geben, dafür aber wird sie zu Hause umso mehr Dampf ablassen, bei jeder Gelegenheit aus der Haut fahren und der freien Zeit, die sie nun nicht mehr hat, nachtrauern.

Je länger ich Mutter bin, umso mehr zweifle ich daran, dass Kinder derart gefordert werden müssen. Ja, Bildung ist wichtig, der Wissensdurst der Kinder will gestillt werden, aber je länger je mehr bekomme ich den Eindruck, dass sich bei derart vollen Stundenplänen gar kein richtiger Wissensdurst mehr entwickeln kann. Wie viel Wissen haben unsere Kinder während dieser einen Woche in Prag in sich aufgesogen, einfach so, weil sie mehr über das erfahren wollten, was sie sahen. Mit wie vielen neuen Pflanzennamen und Gedanken über unseren Umgang mit der Natur kehren sie jeweils von einem Ausflug in den Wald zurück. Wie viel lernen sie, wenn sie selber zum Kochbuch greifen und einfach mal drauflos kochen. Der Lehrplan sieht ja gewöhnlich vor, dass man all das in der Theorie gründlich lernt und am Ende, falls das Budget es erlaubt und man im Stundenplan noch eine Lücke findet, geht man auf eine Exkursion, um sich das Ganze noch in Echt anzuschauen. Ja, ich weiss, die Lehrer würden das oftmals auch gerne umgekehrt machen, aber sie haben meist auch nicht den Spielraum dazu.

Was wäre, wenn es genau umgekehrt wäre? Wenn man zuerst erleben würde, anschauen, ausprobieren, erfahren und dann, wenn man sich auch wirklich etwas unter der Sache vorstellen kann, würde man sich hinter die Theorie machen, die man ja wohl auch kennen muss, wenn man eine höhere Schulbildung anstrebt und vielleicht einmal etwas selber erforschen will? Müsste man dann die Kinder morgens auch mit Mühe und Not davon überzeugen, sich endlich auf den Weg zu machen? Hätte man dann auch diese aufreibenden Diskussionen über Sinn und Unsinn von Hausaufgaben? Gäbe es gleich viele Schulversager? Weniger? Oder mehr?

Ich weiss es nicht und  mir ist klar, dass auch ich die Schule nicht neu erfinden werde, aber heute, wo ich mich ein wenig vor dem neuen Schuljahr fürchte, wünschte ich mir, die Schule wäre ein kleines bisschen mehr so, wie ich mir sie erträume. Und ich gebe offen zu, dass hinter diesem Wunsch sehr viel Egoismus steckt, denn kaum etwas strengt mich in meinem Alltag als Mutter mehr an als die ewige Antreiberei, die mir je länger je schwerer fällt, weil ich immer weniger dahinter stehen kann.

 

Erfolgsbilanz

Wohl in keinem anderen Lebensbereich wird die Freude über den klitzekleinsten Erfolg sogleich wieder durch den nächsten Misserfolg zunichte gemacht wie im Familienleben. Du glaubst, du hättest eine Situation ausnahmsweise mal bravourös gemeistert, doch kaum drehst du dich um, siehst du, dass es dafür an einem anderen Ort bereits wieder brennt. Abends hast du dann das Gefühl, der Tag sei eine Aneinanderreihung unzähliger kleiner Missgeschicke und Misserfolge gewesen. Die Lichtblicke dazwischen hast du schon längst vergessen. Damit dies heute nicht der Fall ist, hier eine kleine Erfolgsbilanz aus dem Hause Venditti:

  • Karlsson hat beim Zwischendurcheinkauf gebettelt, ich möchte doch wieder einmal Salat kaufen, er hätte so grosse Lust darauf. Als ich bloss einen in den Wagen legte, protestierte er lautstark und verlangte nach einem zweiten. Schokolade, Chips und andere vollwertige Nahrungsmittel hingegen hat er ausnahmsweise keines Blickes gewürdigt.
  • Das Prinzchen hat nur einen der beiden Frischhefe-Würfel zerkrümelt und auf der Matratze des Ehebetts verteilt. Der andere Würfel ist ganz geblieben. Nun ja, wenn ich es recht bedenke, ist das vielleicht nicht unbedingt ein Erfolg, sondern viel eher ein glücklicher Zufall, weil das Prinzchen durch etwas anderes, das ihn spannender dünkte, abgelenkt wurde.
  • Luise hat heute fast nie gezickt, was vielleicht daran lag, dass sie den ganzen Nachmittag weg war.
  • Das Prinzchen schlief heute Abend ohne sein Nuschi ein und ersparte mir damit eine lange, nervenaufreibende Suchaktion.
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter haben sich nicht ein einziges Mal verhauen.
  • Der Zoowärter hat sich ganz alleine angezogen, ohne zu protestieren, das könne er noch nicht und er sei noch viel zu klein und wenn man viereinhalb sei, müsse man sich noch nicht selber anziehen, auch wenn man nächste Woche in den Kindergarten komme.
  • Das Prinzchen verlangte nach einer zweiten Portion Orecchiette mit Bohnen und sagte nicht bereits vor dem ersten Bissen „Hani nöd gern!“
  • Luise hat ihre Schuhe ins Regal gestellt. 
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat war bereits angezogen, als ich zum Mittagessen nach Hause kam und so, wie es aussah, hat ihn niemand dazu zwingen müssen.
  • Das Prinzchen hat nicht auf den Boden gepinkelt, als er ohne Windel unterwegs war, sondern hat das Katzengeschirr, das wir uns schon mal angeschafft haben, als Töpfchen verwendet.
Und schliesslich noch der unglaublichste aller Erfolge:
  • „Meiner“ und ich konnten uns heute nach dem Mittagessen kurz hinlegen, weil gerade niemand sein Holzschwert geflickt haben, oder die Schürze des Dirndls gebunden haben, oder die Geschichte vom kleinen Maulwurf uns seiner blauen Hose vorgelesen haben wollte.
Eine ganz beachtliche Erfolgsbilanz, nicht wahr? Wie? Ihr findet, das seien alles nur Bagatellen? Da muss ich euch leider widersprechen. Nehmen wir das Beispiel von Luises Schuhen. Wenn ihr wüsstet, wie oft wir das Kind schon darauf aufmerksam gemacht haben, dass ihre Schuhe ins Regal gehören, dann wüsstet ihr, dass das heutige Ereignis so denkwürdig ist, dass es eigentlich gebührend gefeiert werden müsste. Leider hatten wir keine Zeit dazu, denn ausnahmsweise kamen heute die Kinder nicht ein einziges Mal aus ihren Betten gekrochen und wenn mich nicht alles täuscht, herrschte spätestens um Viertel nach neun absolute Ruhe in den Kinderzimmern. Auch das ein Erfolgserlebnis, wobei man hier nie so ganz sicher sein kann. Vielleicht erfahren wir auch morgen früh, dass die Kinder gar nicht geschlafen, sondern die halbe Nacht Gespenster gejagt haben. Was bekanntlich so leise vor sich gehen muss, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die Gespenster nichts davon merken.

Wieder da

Nach

…unzähligen Schritten durch Prags wunderschöne Gassen
…einigen sehr sehenswerten Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel das Musikmuseum und das Kommunismusmuseum in Prag oder der Altstadt von Regensburg
…einigen nicht so sehenswerten Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel dem Schloss Karlšteijn oder dem Turm der Burg Falkenstein
…dem Kauf von zahllosen Reiseandenken, vom Mini-Theater mit dem Kleinen Maulwurf für den Zoowärter bis hin zum Dirndl für Luise – das muss man sich mal vorstellen, wie die allem Volkstümlichen abgeneigte Mama mit ihrer einzigen Tochter im  Laden Dirndl bewundert, während der männliche Rest der Familie völlig entnervt im Auto wartet und dem Lieben Gott dafür dankt, dass es nicht mehr Frauen gibt in der Familie
…ein paar kleineren Familienstreitigkeiten und dem einen oder anderen Gemotze, sowohl von elterlicher als auch von kindlicher Seite
…sehr vielen Kilometern auf Tschechischen und Deutschen Strassen mit erstaunlich wenig Stau und keiner einzigen Panne und dies, obschon nachbars Auto, mit dem wir unterwegs waren, schon bessere Tage gesehen hat
…einigen sehr erfreulichen Begebnungen mit Menschen, die sich an unseren Knöpfen freuten
…zum Glück nur wenigen negativen Begegnungen mit Menschen, die unsere Knöpfe schrecklich fanden
…zu viel Fastfood, zumindest für Menschen, die eigentlich am liebsten viel Gemüse und dergleichen essen
…sehr viel Eis
…einigen äußerst faulen Tagen, an denen die größte Anstrengung darin bestand, die paar lästigen Wespen loszuwerden und sich ein Glas Wasser in der Küche zu holen
…keinem einzigen Morgen, an dem man vor neun aus den Federn war
…endlosen Kinderfragen zu den Weltkriegen, dem Kalten Krieg und anderen Katastrophen der jüngeren Vergangenheit
…endlosen Kinderfragen im Sinne von „Warum kriege ich diese mit Zuckerperlen gefüllte Nuckelflasche mit der Trillerpfeife dran nicht?“ – Nun  ja, offen gestanden war es keine Frage, sondern ein Tobsuchtanfall mitten im Laden
…sehr vielen gemütlichen Lesestunden
…zu vielen Wiederholungen der immer gleichen Hörspiel-CD

und

… dem Besuch beim ehemaligen Au-Pair  mit Familie, der einfach rundum perfekt und wunderschön war, der aber leider auch dazu führte, dass heute Abend fast alle kleinen Vendittis weinend ins Bett gingen, weil sie „ihr“ Au Pair so sehr vermissen

… sind wir nun wieder da. Eine unglaublich intensive Zeit, zwei Wochen, die sich anfühlen wie ein halbes Jahr, so voll waren sie mit Schönem, Unvergesslichem, aber auch Anstrengendem, was das Familienleben in Ferienzeiten zu bieten hat. Wie immer wird auch diesmal nicht allzu viel Fassbares bleiben, dafür umso mehr Erinnerungen. Ach ja, und dann wäre natürlich noch dies, aber das hat man eben davon, wenn man zwei Wochen lang so tut, als wisse man nicht, was das Wort „Wäscheberg“ bedeutet:

Nun, eigentlich käme jetzt hier ein Bild unseres Wäschebergs, aber mir scheint, der Kerl geniert sich und darum klappt das heute nicht ganz mit dem Bild. Da er nicht kleiner wird, wenn ich hier noch lange herumprobiere, muss meine Leserschaft leider auf das Bild verzichten. Aber ich nehme jetzt mal an, dass 90% meiner Leserschaft einen eigenen Ferienwäscheberg abzutragen hat, also was sitzt ihr eigentlich noch hier…

Ein klitzekleiner Wunsch

Liebe Mitarbeitende sämtlicher Kindernotfallstationen auf diesem Planeten

Verzeiht mir, wenn ich etwas direkt bin, aber das, was ich hier schreibe, muss jetzt einfach mal raus. Könntet ihr bitte etwas netter sein mit uns Eltern, wenn wir voller Panik zum Telefon greifen, um von euch zu erfahren, ob mit unserem Kind noch alles in Ordnung ist, oder ob wir gleich eine Ambulanz bestellen sollen. Sätze wie „38 Grad Fieber sind nun wirklich nicht viel!“ sind irgendwie deplaziert, wenn man soeben erklärt hat, dass das Kind sich kaum mehr auf den Beinen halten kann, eine eitrige Wunde am Arm hat und nicht mehr fähig ist, alleine aufs WC zu gehen. Ich weiss ja selber auch, dass 38 Grad Fieber nicht viel sind, aber das ist ja nur einer von mehrerenFaktoren in dieser ganzen Geschichte. Und ausserdem reden Sie hier mit einer Frau, die selbst bei einem Tischtennisballgrossen Abszess nicht mehr als 38,5 Grad Fieber zustande bringt, warum also sollte die Tochter da so anders sein. Aber das brauche ich Ihnen nicht zu erzählen, es geht ja nicht um mich hier. 

Glauben Sie mir, wir Eltern greifen nicht aus lauter Langeweile morgens um halb sechs zum Telefon. Nein, wir müssen uns nicht ein wenig die Zeit vertreiben bis zum nächsten Pediküre-Termin. Wir haben auch nicht zufällig Ihre Nummer gewählt, als wir eigentlich unsere beste Freundin anrufen wollten, weil wir ihr unbedingt von diesem sa-gen-haf-ten Restaurant erzählen wollten, das wir neulich kennen gelernt haben. Wir haben tatsächlich Sie anrufen wollen, weil wir uns um unser Kind sorgten. Mag ja sein, dass unsere Sorge übertrieben ist, aber glaubt mir, würden wir nicht anrufen und es stellte sich Stunden später heraus, dass es doch ein Notfall war, dann würde man uns genau dies unter die Nase reiben: „Warum sind sie denn nicht früher gekommen? Haben Sie denn nicht gesehen, wie elend es Ihrem Kind geht?“ 

Ja, ich weiss, Sie haben eine strenge Nacht mit vielen Fehlalarmen hinter sich und ich kann ja sehr gut verstehen, dass Sie die Nase gestrichen voll haben von Eltern, die wegen einer Dornwarze mitten in der Nacht auf der Notfallstation auftauchen. Ich weiss, dass die ewigen „Mein Kind hat seit drei Wochen diesen leichten Schnupfen und da haben wir gedacht, dass wir mal schnell nachts um drei bei Ihnen vorbeischauen könnten, wo Sie doch ohnehin offen haben“-Patienten nerven. Aber ich kann Ihnen versichern, dass die Eltern, die freiwillig zur Notfallstation kommen, äusserst dünn gesät sind, auch wenn man hin und wieder das Gegenteil vermuten könnte bei all den Bagatellen. Ja, ich verstehe, dass Sie genervt sind nach einer anstrengenden Nacht auf der Notfallstation, aber bitte denken Sie daran, dass die Eltern, die im Morgengrauen bei Ihnen anrufen eine nicht minder anstrengende Nacht hinter sich haben. Auch wir haben uns eine Nacht lang mit diversen Sorgen und Nöten herumgeschlagen, die einen Bagatellfälle wie „Ich brauche eine warme Milch“ oder „Mein Teddy ist aus dem Bett gefallen“, die anderen ernst zu nehmende Sorgen wie „Mama, meine Wunde schmerzt so sehr und es wird immer schlimmer.“

Im Grunde wollen weder Sie noch wir, dass wir ohne Anlass auf der Notfallstation aufkreuzen, aber glauben Sie mir, wenn ich sicher wäre, dass kein Anlass besteht, dann würde ich Sie nicht anrufen. Ich greife wirklich nur dann zum Telefon, wenn ich Angst habe um mein Kind und wenn ich Angst habe, bin ich ziemlich dünnhäutig. Im Grunde genommen macht es mir nichts aus, wenn Sie mir sagen, dass ich nicht zu kommen brauche mit meinem Kind, eigentlich möchte ich genau dies hören, aber es ist nicht besonders nett, wenn Sie mich anschnauzen. Immerhin bin ich höflich genug, zuerst anzurufen, anstatt plötzlich unangemeldet auf der Matte zu stehen. Also lassen Sie in Zukunft bitte diese doofen Kommentare wie „Woher wollen Sie denn wissen, ob das schlimm ist oder nicht.“ Verbindlichsten Dank und bis zum nächsten Mal, das hoffentlich noch lange auf sich warten lässt.

Ich geh‘ dann mal zur Kinderärztin mit unserer Luise.