Wer ist hier der Vorstand?

„Welche Ausbildung hat der Haushaltsvorstand zuletzt abgeschlossen?“, wurde ich heute in einer Online-Umfrage gefragt. Der Haushaltsvorstand? Das variiert von Stunde zu Stunde.

Heute Nachmittag um halb vier hätte die Antwort gelautet, der Haushaltsvorstand habe noch nicht mal mit seiner Ausbildung begonnen und bringe es dennoch mit gezielt eingesetzten Trotzanfällen fertig, die ganze Familie nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. 

Eine halbe Stunde später hätte ich gesagt, der Haushaltsvorstand habe vier Beine, ein schön gemustertes Fell und gerade fünf hinreissende Kinder zur Welt gebracht, die jeder sehen will, weshalb man ständig gezwungen sei, die Zimmer halbwegs in Ordnung zu halten. Dieser Haushaltsvorstand hält es nämlich nicht für nötig, uns im Voraus bekannt zu geben, wann er Audienz hält.

Würde man mich gerade jetzt fragen, lautete die Antwort, die Stelle des Haushaltsvorstands sei vakant, weil gerade keiner von uns beiden, die wir noch wach sind, das geringste Bedürfnis verspürt, sich des Haushalts anzunehmen. 

Morgen früh – zu früh für einen Samstagmorgen – würde ich vermutlich sagen, der Haushaltsvorstand habe lange, blonde Haare, eine durchdringende Stimme und sei gerade mal zehn Jahre alt. Dieser Haushaltsvorstand bestimmt im Alleingang, wann es Zeit ist für die Tagwache, egal, wie sehr man sich gegen diese diktatorische Herrschaftsform auflehnt.

Allzu lange wird es aber nicht dauern, bis der Nächste das Szepter übernimmt. Mit seinen sechs Jahren weiss er schon sehr genau, was morgen auf dem Programm zu stehen hat und Wehe mir, sollte ich keine Lust verspüren, mich unter die Leute zu mischen. Dieser Haushaltsvorstand hat mir nämlich schon am Montag mitgeteilt, dass er am Samstag auf der Hüpfburg zu sein wünscht und er duldet keine faulen Ausreden.

Könnte aber auch sein, dass einer auf passiven Widerstand macht, sich ein Buch schnappt und dem oben genannten Haushaltsvorstand einen Strich durch die Rechnung macht, was natürlich unweigerlich zu Zoff führen wird, so dass nicht mehr klar sein wird, wer von den beiden jetzt wirklich das Sagen hat. Kampf der Haushaltsvorstände, sozusagen. Im schlimmsten Fall wird sich noch einer in die Sache einmischen, er wird verkünden, er hätte keine Lust auf Babykram, dafür sei er jetzt zu gross. Er wird sich ebenfalls ein Buch schnappen und erklären, wer nicht mitgehen wolle, solle sich ruhig ihm anschliessen, er werde schon für Ordnung und Disziplin sorgen zu Hause. Schon wäre die Familie in zwei Lager aufgeteilt und eine Einigung kaum mehr zu erreichen.

Um einen wüsten Kampf um den obersten Posten im Haushalt zu verhindern, werde ich die ganze Macht an mich reissen müssen –  der Co-Haushaltsvorstand ist morgen abwesend – , ich werde mit Machtworten um mich schmeissen müssen, damit alle wieder wissen, wo es langgeht.

Weil es fast immer auf dieses Szenario hinausläuft und es im Fragebogen keinen Platz für Ausführungen hatte, habe ich in der Umfrage frech behauptet, der Haushaltsvorstand sei ich. Worauf ich gefragt wurde „Studieren Sie?“ Äh, nein, nicht mehr, ich führe gerade einen Feldversuch in Konfliktmanagement durch.

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Zu viel verlangt

„Malochen Eltern weiterhin wie heute üblich, ist es nicht mehr weit bis zur Erschöpfung“, steht heute in der Tageszeitung und wohl fast jeder, der in der Schweiz Kinder grosszieht, kann nur zustimmend nicken. Bloss, warum wird das erst jetzt zum Thema? Haben wir denn tatsächlich geglaubt, Eltern könnten zugleich möglichst grosse Brötchen verdienen, die Kinder nach allen Ansprüchen der Erziehungswissenschaften erziehen, den Haushalt so in Ordnung halten, dass jederzeit ein Fotograf von „Schöner Wohnen“ zu Besuch kommen könnte, die ganzen administrativen Aufgaben erledigen, die heute so selbstverständlich zum Familien- wie zum Geschäftsleben gehören, den Freundeskreis pflegen, nach Möglichkeit einen kindergerechten und einen nur für die Eltern, in allen Bereichen auf dem Laufenden bleiben, sich der alternden Eltern annehmen, die Partnerschaft in Schwung halten und wenn möglich ein politisches Amt oder zumindest ein oder zwei Ehrenämter bekleiden? Und dabei bitte immer schön lächeln. Was sollen wir Eltern denn sein, die eierlegende Wollmilchsau? Oder vielleicht lieber ein Perpetuum Mobile? 

Nichts liegt mir ferner, als die Vergangenheit zu glorifizieren, aber mir scheint, man hätte etwas Wichtiges vergessen, was früher noch selbstverständlich war: Eltern können das alles nicht alleine stemmen, ohne Hilfe gehen sie zugrunde. Ob das nun wie in wohlhabenden Familien bezahltes Personal oder in armen Familien die erweiterte Verwandtschaft war, fällt nicht so sehr ins Gewicht. Tatsache ist, dass es Zeiten gab, in denen all die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt waren. Oh ja, ich weiss, was jetzt kommt: Heute gibt’s für alles nützliche Geräte, die einem die Arbeit abnehmen. Aber mit den Geräten nahm die Arbeit nicht wirklich ab, denn mit jeder Erfindung wurden die Ansprüche ein wenig höher geschraubt. Wer den besten, leistungsfähigsten Staubsauger hat, hat keine Ausrede mehr für Brosamen auf dem Fussboden, wer jeden Tag die Waschmaschine in Gang setzen kann, erlaubt es sich nicht, die Kinder auch mal mit einem kleinen Fleck auf dem T-Shirt zur Schule zu schicken, wer eine Profi-Küchenmaschine besitzt, hat auch dafür zu sorgen, dass Geburtstagstorten so aussehen, als kämen sie vom Profi. Und wo schon jeder einen Computer besitzt, kann man doch gleich die Aufgaben, die früher ein Schalterbeamter zu erledigen hatte, auf die Kunden abwälzen. Eine Erleichterung für den Kunden? Auf den ersten Blick vielleicht schon, auf den zweiten Blick eine weitere Pflicht, die gefälligst perfekt zu erledigen ist. Jeder Vater, jede Mutter sollte alles können und zwar so, dass es sich sehen lässt. Nur wer das nötige Kleingeld besitzt, kann es sich leisten, die eine oder andere Aufgabe an einen Profi zu delegieren. 

Wenn mich die vergangenen Jahre etwas gelehrt haben, dann dies: Wir schaffen es nie und nimmer, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Ja, wir haben es versucht, aber es hat uns in die Erschöpfung geführt, die von Experten jetzt endlich öffentlich thematisiert wird. Darum spielen wir nicht mehr mit in dem Theater mit dem Titel „Die tadellose Familie“, wir haben weder die Zeit noch die Kraft dazu. Wer damit leben kann, ist herzlich dazu eingeladen, mit uns unterwegs zu sein, wer Perfektion erwartet, muss anderswo suchen.

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Fossilien

Ganz klar, wir sind Fossilien. Ja, ich weiss, Leute die älter sind als ich, versuchen stets, mir die Sache auszureden, aber es hilft nichts. Zu gut kann ich mich daran erinnern, wie steinalt meine Eltern waren, als ich anfing, die Welt um mich herum bewusster wahrzunehmen und jetzt sind wir für unsere Kinder genau in diesem Alter, die Hinweise verdichten sich immer mehr.

Da standen wir neulich zusammen im Kindermuseum, meine Schwester, Luise und ich und betrachteten ein Paar schlichte, dunkelblaue Schnallenschuhe, wie wir sie als Mädchen jeweils trugen. Währenddem mir beim Anblick warm ums Herz wurde und meiner Schwester der gleiche Widerwille wie damals ins Gesicht geschrieben stand – wir hatten schon damals nicht den gleichen Geschmack in Sachen Kleidung -, sagte Luise kein Wort. Sie war wohl zu beschäftigt mit dem Gedanken, wie uralt ihre Mutter und ihre Tante sein müssen, wenn ihre Kinderschuhe es bereits in eine Museumsvitrine geschafft hatten. 

Jetzt, wo allmählich die prägenden Figuren unserer Kindheit das Zeitliche segnen, will vor allem Karlsson von uns Zeitzeugen wissen, wie es damals wirklich war. Ob Maggie Thatcher tatsächlich stets Blau getragen habe, oder ob dies nur im Film so sei, fragte er heute. Wie hätte ich ihm eine für ihn verständliche Antwort geben sollen? Die Farbbilder in den Tageszeitungen liessen sich damals noch an einer Hand abzählen und Fernsehen hatten wir nicht. Und Maggie Thatcher kannte ich ohnehin nur aus den Karikaturen im Satiremagazin, die ich furchtbar lustig fand, obschon ich sie nicht verstand. Anstatt Karlssons Frage zu beantworten, fing ich an, im Schatz meiner Erinnerungen zu kramen. Ich wäre wohl vom Hundertsten ins Tausendste geraten, hätte nicht Karlsson bald einmal den gleichen glasigen Blick in den Augen gehabt, den ich immer hatte, wenn meine Eltern zu lange von einem „Früher“ erzählten, das für sie lebendige Erinnerung war, für mich jedoch nur ein halbwegs interessanter Stummfilm in Schwarzweiss. 

Dank YouTube ist unser „Früher“ für unsere Kinder kein Stummfilm mehr, sondern ein ziemlich dilettantisch gedrehter Streifen in körnigen Farbbildern von Menschen mit lächerlichen Frisuren und schrecklichen Kleidern. Manchmal lachen sie sich halb krank darüber, manchmal haben sie auch nur ein müdes Schulterzucken dafür übrig, zum Beispiel, wenn ich zu erzählen beginne, welche Sensation es war, als 1985 der erste CD-Player im Wohnzimmer stand und mein Vater verkündete, dank dieser neuen Technologie gehörten Kratzer auf der Schallplatte der Vergangenheit an und umdrehen müsse man die Scheiben auch nicht mehr nach der Hälfte der Spielzeit. Natürlich langweilt diese Erzählung unsere Kinder, man muss ja auch so schrecklich viel erklären, damit sie überhaupt verstehen, wie die Geräte damals funktionierten. 

Sie werden sich vermutlich auch langweilen, wenn ich ihnen morgen erzähle, wie traurig mich die Nachricht von Trudi Gersters Tod gestimmt hat, denn sie waren nicht dabei, als wir stundenlang bäuchlings vor dem gelben Kinderplattenspieler lagen und der unvergleichlichen Stimme lauschten, bis wir die Geschichten inklusive Kratzer auswendig kannten. Oh ja, unsere Kinder wissen, wer Trudi Gerster war, sie haben auch schon CDs von ihr gehört, aber wir Fossilien haben eine ganz andere Beziehung zu ihr, denn wir kannten die Märchenerzählerin in einer Zeit, als man noch nicht jederzeit Musik, Informationen und Unterhaltung – ob gewollt oder ungewollt – im Ohr hatte.

Kaum mehr vorstellbar, wie still es damals gewesen sein muss. 

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Wenn ich bitten darf

Meine lieben Kinderlein

Wenn ich mich spätabends ins Bett legen möchte, habe ich keine Lust, zuerst ein halbes hartgekochtes Ei von der Matratze zu klauben. Ich schätze es auch nicht sonderlich, morgens in das Eigelb zu treten, das es nicht bis auf die Matratze geschafft hat. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, wenn jemand von euch eine nicht ganz verschlossene Eisteeflasche in meiner Handtasche aus Filz verstaut, ohne mir etwas davon zu sagen. Wisst ihr denn nicht, wie eklig es sich anfühlt, in einer feuchten Filztasche wühlen zu müssen. Und wühlen muss ich, denn bei all dem Kram, den ihr sonst noch in meine Tasche schmuggelt, ist es relativ schwierig, den Autoschlüssel auf Anhieb zu finden. A propos Autoschlüssel: Der gehört in meine Tasche und zwar immer, nicht mal auf den Küchentisch, mal in die Badewanne und mal in den Briefkasten. Können wir das hier ein für alle mal so festhalten?

Dann wäre da noch die Sache mit dem Lippenstift. Ja, ich weiss, ihr denkt, ich würde den ohnehin nie brauchen und es stimmt ja auch, meistens liegt er nur herum. Aber auch in meinem Leben gibt es Gelegenheiten, bei denen es ohne Lippenstift fast nicht geht und darum möchte ich euch bitten, ihn in Zukunft nicht mehr für Graffitis an den Zimmerwänden zu missbrauchen. Zumal es nicht ganz einfach ist, Lippenstiftspuren von der Tapete zu entfernen, ohne gleich die ganze Tapete abzureissen. Wo wir schon bei den Äusserlichkeiten sind: Würde es euch etwas ausmachen, meine Kleider in Zukunft nicht mehr in die Verkleidungskiste zu entführen? Und wenn das zuviel verlangt ist, könntet ihr zumindest darauf achten, beim Verkleiden keine Schokoladenflecken auf den zarten Stöffchen zu hinterlassen? 

Ich glaube, das mit den Küchengegenständen brauche ich nicht noch einmal zu erwähnen, ihr glaubt es mir ja doch nicht. Darf ich euch aber zumindest bitten, in Zukunft die Finger von meinem Lieblingsschneebesen zu lassen? Ich teile dafür alles andere, inklusive Spritzbeutel-Tüllen, mit euch. Auch mit Shampoos und Duschgels will ich nicht kleinlich sein; was ich eigentlich für mich kaufe, dürft ihr selbstverständlich ebenfalls nehmen. Es wäre einfach nett, ihr würdet jeweils einen ganz kleinen Rest für mich aufbewahren, denn wenn ich mir die Haare mit gewöhnlicher Seife waschen muss, weil alle anderen Flaschen leer sind, sehe ich aus wie eine Vogelscheuche und das passt euch dann ja auch wieder nicht. 

Mir ist klar, meine lieben Kinderlein, dass euch diese Bitten ziemlich viel Selbstbeherrschung abverlangen, aber versucht es doch einmal so zu sehen: Ich lege euch auch kein nasses Teekraut aufs Kopfkissen, ich vergreife mich weder an euren Legos noch an eurer Knetmasse und meines Wissens habt ihr mich auch noch nie dabei erwischt, wie ich unter euren Betten ein Picknick abgehalten habe, ohne danach aufzuräumen, ja, ich leihe mir nicht mal eure Kleider aus, wenn sich in meinem Schrank nichts mehr findet.

Ja, ich weiss, was jetzt kommt. „Aber der Papa hat neulich mein Sylvanian Families-Eichhörnchen in den Tiefkühler gelegt.“ „Und aus meinem Lieblingshemd hat er Putzlappen gerissen.“ „Mir hat er die ganze Papierflieger-Sammlung ins Altpapier geschmissen.“ Mag sein, dass der Papa all dies gemacht hat, ich aber habe damit nichts zu tun. Also legt das hartgekochte Ei beim nächsten Mal gefälligst auf seine Seite des Bettes, wenn ihr es unbedingt in unserem Zimmer liegenlassen müsst. 

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Wir können auch so

Nach den Kapriolen der vergangenen Monate hatte ich es selber nicht mehr für möglich gehalten, aber „Meiner“ und ich bringen es tatsächlich fertig, einen unbeschwerten Tag zu zweit nicht nur im Kalender einzutragen, sondern auch durchzuziehen. Alle Lehrkräfte gesund, Kinder komplett käferfrei, Prinzchen für einmal ohne sein sonst übliches montägliches „Staatskinder“-Gehabe -„Ich will nicht in die Krippe, ich will bei dir bleiben Mama!!!“ -, die Gutscheine für die Wellness-Oase noch längst nicht abgelaufen und diesmal sogar ohne hektische Suchaktion auffindbar, keine Anrufer, die einen mit einem ganz dringenden Anliegen zu einer spontanen Hilfsaktion zwingen, das Auto fahrtüchtig und mit halb vollem Tank. Weder unsere hochschwangere Katze, die kaum mehr von meiner Seite weicht, noch die Programmänderung, zu der „Meiner“ mich in letzter Minute überredete, konnten uns daran hindern, in schönster Eintracht morgens vor halb neun das Familienleben für ein paar Stunden hinter uns zu lassen.  

Es gab viel zu geniessen in diesen Stunden – ein Frühstück, das so süss und ungesund war, dass unsere Kinder nie davon erfahren dürfen, eine ziemlich menschenleere Saunalandschaft voller Überraschungen, vollkommen ungestörte Gespräche im Wechsel mit himmlischer Stille, ein Mittagessen, nach dem andere unseren Dreck wegräumen mussten. Was mich an diesem rundum gelungenen Tag zu zweit am meisten freut: Egal, wie sehr wir uns im Familienalltag zuweilen auf die Nerven fallen und egal, wie oft wir in der Hektik aneinander vorbeireden und zuweilen auch -leben, wenn wir mal Zeit haben, dann sind „Meiner“ und ich sofort wieder siebzehn. Dann quatschen wir, schmieden Pläne, grinsen über Menschen, die einfach nur peinlich sind und freuen uns daran, dass wir einander haben. 

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Flüster-Panik

Natürlich ist mal wieder die Schule Schuld, genauer gesagt eine Lehrerin, die den Kindern vor einiger Zeit völlig zu Recht erklärt hat, flüstern sei für die Stimmbänder äusserst ungesund. Kann ich voll und ganz verstehen, das ewige Geflüster würde mir auch auf die Nerven fallen, stünde ich Tag für Tag vor einer Klasse. Nun nimmt aber Luise ihre Lehrerin immer dann besonders ernst, wenn sie nicht gerade Hausaufgaben aufgibt oder sie zu mehr Fleiss in der Mathematik ermahnt und darum hat sie sich die Sache mit dem Flüstern sehr zu Herzen genommen.

Als wir nun gestern Abend allen Kindern mit Ausnahme von Karlsson, der lieber seine Ruhe haben wollte, erlaubten, gemeinsam in einem Zimmer zu schlafen, stellten wir irgendwann die Bedingung, dass nur noch geflüstert wird, weil sonst einfach nie Ruhe einkehren würde. Eine Weile lang hielten sie sich daran, dann kam Luise ins Wohnzimmer geschlichen: „Aber Mama, die Lehrerin hat gesagt, flüstern sei nicht gut für die Stimme. Wenn wir jetzt den ganzen Abend flüstern müssen, machen wir unsere Stimme kaputt.“ „Ja, meine liebe Luise, da hatte deine Lehrerin natürlich vollkommen Recht, aber wenn ihr eine halbe Stunde flüstert, werdet ihr nicht gleich vollends verstummen. Und ihr könnt ja auch einfach leise reden, wichtig ist einfach, dass es endlich ruhiger wird.“

Mit dieser frohen Nachricht ging Luise ins Zimmer zurück, aber dort hatte sich die Flüster-Panik bereits breit gemacht. Was die grosse Schwester einmal gesagt hat, hat einfach mehr Gewicht als das, was die Mama entgegnet. „Ich will aber meine Stimme nicht verlieren“, klagte das Prinzchen. „Wir dürfen nie flüstern, Luises Lehrerin hat es gesagt“, mahnte der Zoowärter den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Immer aufgeregter und lauter wurde die Diskussion um die Gefahr des stimmlosen Redens und wir mussten mehrmals mit ziemlich viel Stimmeinsatz zur Ruhe mahnen. Als endlich alle schliefen, dachten wir, das Problem habe sich von selbst erledigt, doch heute Morgen wurden wir durch lautes Heulen geweckt. „Was ist denn mit dem Zoowärter los?“, fragten wir Luise, weil unser Zweitjüngster trotz mehrmaligen Nachfragens nichts als laute Schluchzer herausbrachte. „Er hat geflüstert“, erklärte Luise, „und jetzt fürchtet er, er habe seine Stimme verloren.“

Nach einigem Zureden brachten wir den Zoowärter endlich dazu, uns zu glauben; das Schluchzen hörte auf und er redete wieder, ein wenig heiser zwar, was nach dem langen Geschrei wenig verwunderlich war. Erstaunlich, dass der Zoowärter Luise und ihrer Lehrerin mehr Glauben schenkt als seiner eigenen Stimme, die schon am frühen Morgen durch Mark und Bein dringen kann, wenn ihr Besitzer fürchtet, sie verloren zu haben.

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(Zu) selbständig

Es bringt durchaus auch Nachteile mit sich, wenn man die Kinder zur Selbständigkeit erzieht. Zum Beispiel, wenn Mama und Papa ein paar Minuten zu spät dran sind, um Luise von der Jungschar abzuholen und das Mädchen dann auf die Idee kommt, den Weg zu Fuss zurückzulegen. 4,6 Kilometer, teilweise entlang der Bahnschiene, teilweise am Waldrand, teilweise an der Hauptstrasse und das alles kurz vor der Dämmerung.

Solange es noch Wege gab, die wir absuchen konnten, blieb ich noch halbwegs ruhig. Besorgt ja, aber auch ziemlich gewiss, dass wir sie bald finden würden. Doch als alle Strecken abgefahren waren und Luise noch immer vermisst blieb, als es zu dämmern begann, als „Meiner“ schliesslich die Polizei anrief und beschreiben musste, wie sie aussieht, was sie trägt, wo sie sein könnte, da brannten alle Sicherungen durch, ich konnte nur noch heulen. Und mich auf die Jugendlichen verlassen, die den Jungscharnachmittag organisiert hatten und die nun innert kürzester Zeit einen Suchtrupp auf die Beine stellten und die es auch schafften, eine zutiefst besorgte Mama halbwegs zu beruhigen und zu trösten.

Tief in mir drinnen wusste ich zwar, dass Luise sich durchzuschlagen weiss, ich wusste, dass sie weiss, was man auf gar keinen Fall tun darf, doch irgendwann spricht nicht mehr die Vernunft, sondern nur noch die nackte Angst. Gott sei Dank musste ich nicht erfahren, wie ich reagiere, wenn ein polizeilicher Suchtrupp die Gegend nach meiner Tochter absucht, denn der erlösende Anruf von Karlsson, Luise sei wohlbehalten zu Hause angekommen, setzte der Aufregung nach 90 schlimmen Minuten ein abruptes und überglückliches Ende.

Ich bin dankbar, dass Luise selbständig genug ist, einen solchen Weg unbeschadet und ohne sich zu verlaufen zurückzulegen. Noch dankbarer bin ich aber, dass sie, als ihr dämmerte, was geschehen war, einsehen konnte, wie unsinnig es gewesen war, keine drei Minuten warten zu können, bis Mama und Papa zur Stelle waren, um sie abzuholen.

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Zweisam

Man kann es in jedem Babyratgeber nachlesen: Kommt Nachwuchs, wird es schwieriger, Zeit zu zweit zu finden. Wer aber sagt dir, dass es später, wenn die Kinder grösser sind, eher noch etwas schwieriger wird? Hier ein paar Erschwernisse, vor denen kaum einer warnt und die der Beziehung ganz schön zusetzen können:

Hausaufgaben: In der Theorie werden sie erledigt, kaum hat das Kind einen Zvieri im Bauch. In der Praxis sitzt das Kind an gewissen Tagen durchaus bis neun Uhr abends hinter den Büchern – mal, weil auf dem Tagesprogramm noch andere Dinge standen, mal weil der Lehrer einen ganzen Berg Hausaufgaben aufgegeben hat, mal weil das Kind die Sache zu lange vor sich hergeschoben hat. Und nun versuch mal, Feierabend zu machen, solange nicht die allerletzte Aufgabe gelöst ist…

Sorgen: Grosse Kinder verdrängen ihre Alltagssorgen oft erfolgreich, solange der Tag noch in vollem Gang ist. Abends aber, wenn es ruhiger wird, sind die Sorgen wieder präsent und dann muss geredet werden. Weil du so dankbar bist, dass dein Teenager mit dir reden will, wirst du ihm das Gespräch ganz bestimmt nicht verweigern.

Müdigkeit: Du glaubst doch nicht etwa, nach der Babyphase lasse sich das wieder ins Lot bringen? Klar, irgendwann werden die durchwachten Nächte weniger und die körperliche Anstrengung lässt nach. Die Verantwortung für die Kinder aber bleibt, lastet vielleicht sogar schwerer als früher auf deinen Schultern, der Job fordert dich voll und ganz, früher oder später lässt die Gesundheit von Eltern und Schwiegereltern nach und du wirst voll gefordert. Weil du dich mit der Geburt deiner Kinder daran gewöhnt hast, deine eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen, wirst du damit vermutlich nicht ausgerechnet in dieser Phase aufhören. Weil du aber in der Zwischenzeit nicht jünger geworden bist, zehrt das Ganze an deinen Kräften und so geschieht es schnell, dass man den Abend dösend vor dem Fernseher verbringt, anstatt in trauter Zweisamkeit.

Babysitter: Gar nicht so einfach, für grössere Kinder einen Babysitter zu finden und zwar darum, weil die Kinder partout nicht einsehen wollen, weshalb ihr ihnen noch keinen sturmfreien Abend gönnen wollt.

Volles Programm: Früher warst vielleicht du der Chef, aber heute bestimmen Sportvereine, Jugendgruppen, Freunde und Freizeitveranstaltungen das Programm. So kommt es, dass du am Samstagabend um halb elf den Chauffeur machst, anstatt mit „Deinem“ bei Kerzenschein und einer guten Tasse Tee den Abend zu geniessen.

Will ich damit sagen, das Familienleben sei der Tod der Beziehung? Nein,auf gar keinen Fall, ich bin da ganz optimistisch. Aber es bleibt wohl eine Herausforderung, Zeiten zu finden, in denen man nur füreinander da ist. Vielleicht muss man in der Gestaltung noch ein wenig kreativer werden als man es als Eltern ohnehin schon sein muss, weil der Abend nicht mehr automatisch der Partnerschaft gehört. Dafür vielleicht der Samstagnachmittag, eine Mittagspause oder sonst ein Tag, an dem ausnahmsweise mal alle gleichzeitig Programm haben.

Na ja, dann sollte man natürlich noch schlau genug sein, diese neuen Gelegenheiten zu erkennen, aber da haben zumindest „Meiner“ und ich noch einiges zu lernen.

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Umsorgt

Ich geb’s ja nur ungern zu, aber es bringt durchaus auch Vorteile mit sich, wieder vollzeitlich zu Hause zu sein. Zum Beispiel, wenn die Kinder krank sind. Nein, ich meine jetzt nicht die ganze „Wie bringe ich meinem Chef bei, dass ich schon wieder früher nach Hause muss, weil die Kinder krank sind“-Problematik. Auch nicht die „Warum darf mein Kind nicht in die Kita, wenn es krank ist“-Diskussion. Nein, ich rede von dem, was Karlsson vom Dach folgendermassen umschreibt, als er angeblich schwer erkrankt ist: „Du musst jetzt wie eine Mutter zu mir sein.“

Ihr wisst schon, was ich meine: Warme Decken anschleppen, wenn das Fieber die armen Kindchen schlottern lässt, Tee mit Honig servieren,  beim Gang ins Dorf  neben Medikamenten auch eine kleine Überraschung für die Patienten besorgen und dann natürlich haufenweise warme Wickel, lindernde Salben, liebevolle Umarmungen und tröstende Worte. Wohliger kann Kranksein wohl kaum sein und ich muss gestehen, dass mir selber ganz warm ums Herz wird, wenn ich meine Kinder so umsorgen kann. 

Ehe nun aber die „Mama an den Herd“-Fraktion freudig in die Hände klatscht und meinen Post als Plädoyer für ihre Weltsicht missbraucht, muss ich darauf hinweisen, was folgt, wenn alle bekommen haben, was sie brauchen: Dann wird geschrieben und zwar mit gleichem Ernst wie immer. Nur weil ich jetzt zu Hause bin, heisst das noch lange nicht, dass mein Lebensinhalt einzig aus Kind und Küche besteht. Und wenn „Meiner“ nachmittags nach Hause kommt, übernimmt er die Krankenpflege, damit ich meinen Abgabetermin einhalten kann. Ob Mama oder Papa pflegt, spielt nämlich überhaupt keine Rolle, Hauptsache, jemand hat Zeit, die Patienten mit Liebe zu überschütten.

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Copyright-Streit

Nicht nur unsere Kinder lernen von uns, auch wir lernen von ihnen. Die Bedeutung des Copyrights im Familienalltag hätten wir ohne sie wohl nie erkannt. Kommt einem ein unschuldiges „Au au“ über die Lippen, zetert der FeuerwehrRitterRömerPirat sofort los: „Das darfst du nicht sagen, das habe ich erfunden. ‚Au au‘ gehört mir und sonst niemandem!“. Und er hat damit ja in gewisser Hinsicht Recht, denn er war der einzige unserer Kinder, der als Kleinstkind jeweils „Au au!“ schrie, wenn er bekommen wollte, was die anderen bereits hatten. Singt jemand ohne Hintergedanken „So so so, zwei Chämi uf em Brot…“ steht sofort Karlsson da und fordert seine Tantiemen. Auch er zu Recht, haben doch er und sein bester Freund das Lied im zarten Alter von viereinhalb Jahren zur Melodie von „Summ summ summ, Bienchen summ herum“ getextet. Und äussert einer den sehnsüchtigen Wunsch, einmal eine echte, flauschige Wolke sein Eigen zu nennen, macht ihn der Zoowärter darauf aufmerksam, dass dieser Traum auf seinem Mist gewachsen ist, als er einmal abends brüllend im Bettchen stand und schrie, er wolle eine Wolke haben.

Im Laufe der Jahre sind „Meiner“ und ich zu regelrechten Experten in Sachen innerfamiliäres Copyright geworden und ich weise nicht ohne Stolz darauf hin, dass ich in diesem Bereich dank meines guten Gedächtnisses für frühkindliche Episoden klar die Führungsposition inne habe. Bis jetzt habe ich meine überragenden Fähigkeiten in Sachen Copyrightschutz aber nur angewendet, wenn der Streit ums Urheberrecht den Familienfrieden zu gefährden drohte. Nun aber hoffe ich, meine Überlegenheit für einmal zu meinem eigenen Vorteil einsetzen zu können. 

Es ist nämlich so: Gestern drehte ich beim Putzen den Küchentisch um 90 Grad und weil ich nach dieser Aktion von einer Schlafattacke übermannt wurde, blieb das Möbelstück so stehen, wie ich es gedreht hatte. „Meiner“ nützte meinen komatösen Zustand auf schamlose Weise aus, indem er das von mir begonnene Werk perfektionierte, was allerdings keines grossen Könnens bedurfte, hatte ich mit meiner raffinierten Tischdrehung doch bereits den Grundstein für eine vollkommen neue Küchenordnung gelegt. „Sieht gut aus, findest du nicht auch?“, bemerkte ich, als ich endlich wieder wach genug war, um mein Umfeld klar zu erkennen. „Da staunst du, wie ich das hingekriegt habe, wo doch gewöhnlich du fürs Möbelrücken zuständig bist“, fügte ich noch hinzu. „Aber das hab ich doch gemacht“, gab „Meiner“ leicht verwundert zurück. „Hast du nicht, das war meine Idee“, beharrte ich worauf er behauptete, er hätte den Tisch noch ganz gerade gerückt und die Hocker neu geordnet. Und deswegen glaubt er jetzt natürlich, jegliches Lob, das wir fürs Umstellen bekommen, könne er auf seinem Konto verbuchen, was natürlich gar nicht geht, wo ich doch die bahnbrechende Entdeckung gemacht habe, dass die Küche mit gedrehtem Tisch viel besser aussieht.

Ich glaube, ich muss mal die Kinder fragen, wie sie ihren Forderungen jeweils Nachdruck verleihen. Im Schlichten bin ich nämlich eindeutig erfahrener als im Beharren auf meinem Urheberrecht.

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