Tür auf!

Die ersten Augenblicke des Tages sind oft die entscheidenden. So, wie es angefangen hat, so geht es meist für den Rest des Tages weiter. Gestern Morgen, zum Beispiel, setzte „Meiner“ sich um sechs Uhr im Bett auf. Im gleichen Augenblick richtete sich Luise, die krankheitsbedingt in unserem Bett nächtigte und mich aufs Sofa vertrieben hatte, ebenfalls auf und – bitte verzeiht den Ausdruck – kotzte „Meinem“ den Rücken voll. Kann man es dem guten Mann verargen, dass er von da an zu nichts zu gebrauchen war, wegen jeder Kleinigkeit in die Luft ging und abends um neun auf dem Sofa einschlief? 

Ganz anders mein heutiger Start in den Tag: Die ganze Familie inklusive Katzen stand verzweifelt vor der verschlossenen Türe der Vorratskammer. „Der Andere“ – wer denn sonst? – hat es mal wieder geschafft, den Schlüssel drinnen zu lassen und die Tür zuzuknallen. Corn Flakes, Kakao, Katzenfutter – alles eingeschlossen und keiner schaffte es, die Türe zu öffnen. Keiner, ausser mir. Schlaftrunken ging ich auf die Tür zu, schnappte mir ein ganz gewöhnliches Messer, schob das Ding in den Türspalt und Sesam war geöffnet. Wer den Tag mit einer Heldentat beginnt, der kann wohl gar nicht anders, als voller Zuversicht weiterzugehen.

So war es dann auch: Alles lief runder als gewöhnlich und hätte ich nicht diesen dummen Fehler begangen, so wäre ich wohl für einmal ohne meine üblichen Schnitzer ausgekommen. Zu dumm nur, dass ich am späten Nachmittag aus lauter Gewohnheit die Tür der Vorratskammer zuschlug, als der Schlüssel noch immer drin war. Was ja nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn der Trick vom Morgen noch funktioniert hätte, aber das tat er nicht, so sehr ich mich auch abmühte. Nun gut, auch damit hätte ich leben können, wäre ich mit Gartenarbeit oder mit der Steuererklärung beschäftigt gewesen. Wie es der Zufall aber wollte, war ich gerade dabei, Luises Geburtstagstorte zu backen. Der Teig halb fertig, die Form eingefettet, der Ofen heiss und keine Chance, an Backpulver und Mehl heranzukommen. Was blieb mir da noch anderes übrig, als die heute sorgsam geschonten Nerven doch noch zu verlieren? 

Zum Glück gelang es „Meinem“ irgendwann doch noch, die Tür zu öffnen. Ich mag es ihm von Herzen gönnen, dass er der Retter der Geburtstagstorte ist. Nachdem Luise ihn gestern vor dem Frühstück mit Halbverdautem beglückt hat, hat er ein bisschen Heldenverehrung mehr als verdient.

Ich will ja nicht sagen dass…, aber…

In letzter Zeit sah ich mich öfters mal dem leisen Vorwurf ausgesetzt, man müsse bei der Familienplanung doch auch etwas Vernunft walten lassen und könne nicht einfach so gedankenlos Kinder auf die Welt stellen. Ich verstehe zwar, was die Leute damit sagen möchten und bis zu einem gewissen Grad stimme ich ihnen auch zu, aber es erstaunt mich doch sehr, dass ich dies jetzt, wo unsere Familienplanung abgeschlossen ist, vermehrt zu hören bekomme. Damals, als die Kinder eins nach dem anderen angepurzelt kamen, hätte ich das noch besser verstanden.

Wie gesagt, ich stimme diesen kritischen Aussagen bis zu einem gewissen Grad zu, denn es kann ja wohl nicht sinnvoll sein, weit über seine eigenen Kräfte hinaus ein Kind nach dem anderen in die Welt zu stellen. Und irgendwo sollte man ja auch noch die Zeit finden, sich jedem einzelnen dieser wunderbaren Geschöpfe anzunehmen. Dennoch überkommen mich immer grössere Zweifel an unserer festen Überzeugung, dass wir alleine wissen,  wie die richtigen Antworten zu den Fragen wann?, wie viele? und in welchem Abstand? lauten. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin nicht plötzlich ins Lager der Fundamentalisten gewechselt, die Verhütung verteufeln und die Frauen zu Gebärmaschinen degradieren wollen. Ich will auch keinen verurteilen, der die Familienplanung besser im Griff hat als „Meiner“ und ich es hatten, aber wenn ich mir unsere Bande manchmal anschaue, dann frage ich mich doch, was wohl gewesen wäre, wenn wir nicht einen gewissen Freiraum fürs Ungeplante gelassen hätten.

Wie hätte ich zum Beispiel eine der traurigsten Zeiten meines bisherigen Lebens überstanden, wäre da nicht das strahlende Lächeln des FeuerwehrRitterRömerPiraten gewesen, der nach rein rationalen Kriterien in viel zu kurzem Abstand zu Luise das Licht der Welt erblickt hatte? Wie hätte Luise, die fast zwei Jahre lang die Nacht zum Tag machte, je schlafen gelernt, wenn „Meiner“ und ich nicht den aberwitzigen Entschluss gefasst hätten, doch noch ein viertes Kind zu zeugen? Ich weiss auch nicht, wie wir auf diese Idee gekommen sind, aber der Zoowärter konnte bewirken, was weder Schlaftees, ein neues Bett, liebevolles Kuscheln, medizinische Untersuchungen noch schlaue Bücher bewirkt hatten: Von dem Tag an, als er zu unserer Familie stiess, schlief Luise wie ein Murmeltier und die Zeiten, in denen sie ihren Brüdern mitten in der Nacht Schokolade verfütterte und die Küche unter Wasser setzte, hatten schlagartig ein Ende. Welche Entscheide hätte ich getroffen, wenn nicht das Prinzchen in unser Leben geschneit gekommen wäre und mich und „Meinen“ damit zu einer ausgedehnten Denk- und Verschnaufpause gezwungen hätte? Damals konnte ich mir schlicht nicht vorstellen, woher wir die Kraft für ein weiteres Kind nehmen sollten und heute erkenne ich, dass wir genau in jener Zeit den Mut gefunden haben, Wege einzuschlagen, die wir wohl übersehen hätten, hätte nicht dieses kleine, kraftstrotzende Menschlein unsere Pläne auf den Kopf gestellt. 

Mit all dem will ich keineswegs sagen, dass man sich nun munter drauflos vermehren soll, ohne Rücksicht auf Gesundheit, Finanzen und Platzverhältnisse. Aber manchmal, wenn ich höre oder lese, wie jemand darlegt, weshalb ein Kind nur unter genau diesen Umständen, zu genau jenem Zeitpunkt und mit genau diesem Abstand zum Geschwisterkind richtig sein kann, dann frage ich mich insgeheim: „Woher willst du das denn so genau wissen?“ Und wenn ich lese, dass der Wahn nach dem „perfekten“ Kind mit dem „richtigen“ Geschlecht, den „besten“ Genen und der „schönsten“ Augenfarbe immer groteskere Züge annimmt, dann ertappe ich mich zuweilen gar bei dem ganz und gar altmodischen Gedanken, dass man die Kinder doch einfach nehmen soll, wie sie kommen. Ich hätte mir ja auch nie vorstellen können, dass ich als Mutter von vier Söhnen und einer einzigen Tochter glücklich sein könnte…

 

Ängste

Im Allgemeinen sind wir ja ganz geübt darin, die Ängste um unsere Kinder unter dem Deckel zu halten. Anders würden wir es wohl kaum schaffen, unsere Kinder Schritt für Schritt in die Selbständigkeit zu entlassen. Manchmal stockt uns der Atem, wenn wir gerade noch im rechten Moment hinzugekommen sind, bevor das Kind sich zu weit aus dem offenen Fenster gelehnt hat. Manchmal stellen wir mit Schrecken fest, dass wir beinahe zu spät zum Arzt gegangen sind mit dem Kind. Unzählige Male atmen wir auf, weil der Schutzengel schneller war als unser Kind, weil wie durch ein Wunder nichts passiert ist. 

Und dann nehmen wir eines Morgens die Zeitung aus dem Briefkasten, lesen die ersten Sätze und müssen erfahren, dass das unvorstellbar Schlimme, das wir im Alltag meist so erfolgreich verdrängen, geschehen ist. Jeder Satz, den wir lesen, ein Abbild der Ängste, die uns durch den Kopf gehen wollen, wenn wir unsere Kinder ziehen lassen. Ängste, denen wir keinen Raum geben wollen, weil wir sonst unsere Kinder zurückhalten würden. Ängste, denen wir nicht ins Gesicht sehen können, weil alleine die Vorstellung zu schrecklich ist. Wir schaffen es nicht, die Artikel zu Ende zu lesen, die von Eltern berichten, deren Ängste schreckliche Realität geworden sind. Zu nahe an unserer eigenen Realität ist das, was da geschehen ist.

Schreckensnachrichten sind Alltag, aber meist sind es Schreckensnachrichten aus Welten, die so anders sind als die unsere. Welten, in denen das Essen nicht für alle reicht, Welten, in denen die Regierung das eigene Volk verfolgt. Auch diese Nachrichten berühren uns. Manchmal zumindest, wenn wir uns nicht gerade darüber ärgern, dass der Nachbar abends nach acht noch den Rasen mäht. Oder wenn wir zufällig die Zeit finden, zwischen Küche aufräumen, Kinder ins Bett bringen und Losrennen zur nächsten Sitzung noch kurz über das Elend dieser Welt nachzudenken. Meist aber ist das Schlimme schnell wieder vergessen, denn es ist ja so fern von unseren eigenen Sorgen und Ärgernissen. Ich vermute, dass wir Nichtbetroffenen auch das Unglück der Belgischen Familien schnell wieder vergessen werden. Diesmal aber nicht, weil es zu fern ist von unserem Erleben, sondern weil es uns so nahe geht, dass wir den Gedanken daran kaum aushalten können. 

Wochenendpläne

Dieses Wochenende hauen wir mal wieder so richtig auf den Putz. Wir lassen es krachen, wie es nur Grossfamilien krachen lassen können. Zum Aufwärmen hatten wir heute Abend schon einmal eine fliegende Übergabe, als ich zu spät von der Arbeit nach Hause kam und „Meiner“ gleich wieder weg musste, danach eine sich übergebende Luise – farblich perfekt abgestimmt auf das frisch bezogene Elternbett -, ein Prinzchen mit Durchfall und einen streitlustigen Karlsson, der sich nach fünf Tagen Kranksein endlich wieder ins Familienleben einbringt. Nach dieser Einstimmung kommt auch bei mir allmählich Partystimmung auf, mein Magen grummelt bereits verheissungsvoll.

Ob wir uns heute Abend überhaupt schlafen legen, oder ob wir die ganze Nacht durchfeiern, ist noch offen. Klar ist, dass es bereits in den frühen Morgenstunden weitergehen wird. „Meiner“ wird von dem ganzen Spass zwar wenig mitbekommen, da er den ganzen Tag unterwegs ist, dafür aber werde ich umso mehr davon abbekommen. Zuerst einmal ein Auftritt mit der Musikgrundschule für den FeurwehrRitterRömerPiraten, danach der heldenhafte Versuch, ihm ebenso viel Zeit beim Ausprobieren der verschiedenen Musikinstrumente zu schenken wie damals seinen beiden grossen Geschwistern. Ob die anderen einander währenddessen auf dem Spielplatz die Köpfe einschlagen, oder ob sie zu Hause über der Kloschüssel hängen werden, haben wir noch nicht entschieden, aber es wird ganz bestimmt lustig. Vor allem, weil ich um halb zwölf noch einen netten kleinen Termin habe. 

Wie wir den Rest des Wochenendes verbringen, ist noch nicht ganz klar, aber ich denke mal, dass wir uns einfach von einem Vergnügen zum nächsten treiben lassen. Um die Gäste, die wir am Sonntag eingeladen haben oder den Menschenstrom gegen Atom, der ebenfalls im Kalender eingetragen ist, werden wir uns nicht kümmern müssen, denn im Rausche der Schwindelanfälle und der Aufwisch-Orgien werden wir alles andere um uns herum vergessen. Sicher werden wir auch die eine oder andere Auseinandersetzung geniessen, denn gesundheitlich leicht angeschlagen streitet es sich am schönsten. 

Was immer die kommenden zwei Tage noch bringen werden, am Montag werden wir mit dunklen Augenringen zur Arbeit erscheinen und verkünden: „Dieses Wochenende war echt der Hammer! Mir brummt noch heute der Schädel…“ Ich bin mir bloss nicht so sicher, ob die anderen uns beneiden werden…

Hausmännerfrusttag

Zugegeben, das war nicht besonders nett von mir. Da wünschte ich „Meinem“ gestern, dass er sich endlich einmal richtig entspannen könne und was mute ich ihm heute zu? Einen Hausmännerfrusttag mit allem Drum und Dran. Es fing an mit verfaultem Obst im Schulthek des FeuerwehrRitterRömerPiraten, ging weiter mit einem Arzttermin, danach musste ein Geburtstagsgeschenk für des Zoowärters Kindergartenfreund her, schliesslich Raubtierfütterung ohne meine Unterstützung und nachmittags QuerflötenstundeOrchesterprobeZoowärterFürDieGeburtstagspartyBereitmachenHausaufgabenÜberwachenKücheSaubermachenScherbenAufwischenLuiseZurechtweisenPrinzchenTröstenArztterminAbsagenAnruferAbwimmelnUndAllDerKleinkramDerSchonLängstWiederVergessenIst. Also das volle Programm und nichts mit aufatmen und entspannen.

Und was tat ich derweilen? Zivilstandsregister wälzen mit meinem Vater, der sich des Familienstammbaums angenommen hat. Etwas, was ich mir als halbe Historikerin natürlich nicht entgehen lassen kann. Herrlich, dieses Stöbern in verstaubten Büchern! Wenn bloss das schlechte Gewissen nicht wäre, weil „Meiner“ sich ganz alleine dem übervollen Mittwochsprogramm stellen musste. Das einzige, was meine Gewissensbisse ein wenig dämpft ist die Aussicht auf einen nicht minder turbulenten Donnerstag, der wohl damit ausgefüllt sein wird, die Spuren des heutigen Hausmännerfrusttages zu beseitigen. Ist irgendwie beruhigend, dass „Meiner“ das nicht besser hingekriegt hat als ich jeweils…

Phasen

Wir stecken mal wieder mitten drin in einer „Nein, nur Mama darf das“-Phase. Mama kann am besten Spaghetti verschneiden, Mama kann besser den Hintern abwischen, Mama kann besser Zahnpaste auf die Zanhbürste drücken, Mama kann besser Schuhe binden… Der übliche unverrückbare Glaube eines Dreijährigen an die übermenschlichen Fähigkeiten seiner Mama. Wenn es nicht so anstrengend wäre, für jede kleine Handreichung herbeigerufen zu werden, auch wenn der Papa zehn Zentimeter neben dem Kind steht, ich würde mich geehrt fühlen. Endlich wieder einer, der mir etwas zutraut und wenn es nur darum geht, ihm einen Löffel aus der Schublade zu reichen.

Früher hat „Meiner“ arg gelitten unter der  Zurückweisung, die er als Vater während dieser Phase jeweils erlebt. Besonders schlimm war es,  als Karlsson drei war und einen Tobsuchtanfall bekam, weil Papa sich erfrecht hatte, die Autotür für ihn zu öffnen. Heute wissen wir natürlich beide, dass eine solche väterliche Kompetenzüberschreitung nicht toleriert wird, aber damals glaubten wir noch, man müsse dem Kind nur deutlich genug beweisen, dass der Papa das ebenfalls ganz gut hinkriegt, dann sei die Sache nach ein paar Tagen ausgestanden. Hach, wir hatten ja keine Ahnung damals. Einmal geriet Karlsson so sehr in Rage darüber, dass „Meiner“ mit ihm zur Post ging, während ich mit Luise den Bücherladen aufsuchte, dass die Passanten glaubten, das arme Kind würde misshandelt. Es war das einzige Mal, dass „Meiner“ verdächtigt wurde, ein böser, fremder Mann zu sein, der ein wehrloses Kind in seiner Gewalt hatte. Dabei war es genau umgekehrt, aber das glaubt einem ja keiner, erst recht nicht, wenn man ein Mann ist.

Heute würde uns so etwas  nicht mehr passieren. Wir haben gelernt, dass Papa während dieser Phase das  Kind unter gar keinen Umständen berühren darf, dass er aber, wenn er sich an dieses kindliche Verbot hält, in zwei oder drei Jahren mit abgöttischer Liebe von eben diesem Kind für diese Zurückweisung entschädigt wird. Aber nicht nur „Meiner“ hat gelernt, auch ich weiss inzwischen, dass ich für zwei oder drei Monate rund um die Uhr im Dienste des Prinzchens stehen werde und dass ich mich deswegen wohl am besten von allen anderen Pflichten beurlaben lasse. Ich stelle mich auf eine ziemlich herausfordernde Zeit ein, aber inzwischen weiss ich, dass das Kind sich erst dann ein Stück weit von der Mama entfernen wird, wenn es zuerst ausgiebig getestet hat, ob diese im Notfall immer da ist.

Wobei ich eigentlich noch gar nicht soweit bin, das Prinzchen ziehen zu lassen, wo nach ihm doch kein kleiner Mensch mehr kommt, der mir das Gefühl vermittelt, ich  könne alles, aber auch wirklich alles besser als jeder andere Mensch auf diesem Planeten. Ich glaube, ich muss mir etwas einfallen lassen, damit er noch etwas bei mir bleibt. Vielleicht versuche ich es mal mit der „Nein, nur das Prinzchen darf das“-Phase…

 

Uraufführung

Nachdem Luise zweimal hintereinander eine tragende Rolle in einem Theaterstück bekommen hat, ist sie nicht mehr aufzuhalten. Kaum erwähnt einer das Wort Theater, stellt sie sich aus den Anwesenden ein Ensemble zusammen, verschanzt sich mit diesem in einem entlegenen Winkel der Wohnung und dann wird geprobt und zwar „richtig und nicht so ‚Gell, ich wäre jetzt der Gärtner und würde dort drüben ein Blümchen giessen‘ oder solchen Quatsch“. Natürlich führt Luise nicht nur Regie, sie gibt auch den Text vor und dass sie eine der tragenden Rollen übernimmt, versteht sich von selbst. Sie hat ja auch am meisten Erfahrung.

Heute waren das Prinzchen und der Zoowärter die Auserwählten, die mitmachen durften. Pünktlich um halb acht wurde vor ausgebuchten Sofaplätzen das Stück „Die Reise nach England“ uraufgeführt. Eine herzzerreissende Geschichte von drei Waisenkindern, die sich mit nackten Füssen und nur einer Scheibe Knäckebrot zu ihren guten Grosseltern nach England durchschlagen müssen. Natürlich hat die Regie ein Happy Ending vorgesehen, dumm ist nur, dass die Zuschauer es nicht zu sehen bekamen,  weil einer der Schauspieler mitten im Stück streikte.

Am Anfang lief noch alles bestens. Die drei Kinder sassen laut schluchzend am Grabe ihrer Eltern. Nun gut,  das Prinzchen hätte vielleicht nicht zum Publikum gewandt „Ihr seid beide tot“ sagen sollen,  aber über diesen Schnitzer konnte Luise noch hinwegsehen. Auch die erste Etappe des Fussweges nach England verlief leidlich gut,  dann aber weigerte sich das Prinzchen,  der im Stück übrigens die kleine Lily war, nach einer kurzen Nacht wieder aufzustehen. Nachdem sich das Kind unter vielen Drohungen – „Prinzchen,  willst du vielleicht nichts von dem Eintrittsgeld? Wenn du nicht sofort mitmachst,  behalten der Zoowärter und ich alles für uns!“ – doch noch zum Weitermachen bewegen liess,  war auch schon die Mittagspause dran. Betrübt kauten die drei an ihrem trockenen Knäckebrot,  wohl wissend,  dass dies ihr letzter Vorrat war. Dennoch wollte das Prinzchen nicht weitermarschieren,  ehe er seine ganze Scheibe verdrückt hatte. Wieder Drohungen,  diesmal verbunden mit Herumzerren,  um das Kind auf seine Füsse zu stellen,  wieder ein zögerliches Mitmachen,  dann aber hatte der Kleine endgültig genug. Anstatt den beschwerlichen Weg nach England weiterzugehen,  machte er es sich auf dem Zuschauersofa bequem.

Noch einmal versuchte die verzweifelte Luise,  ihren Schauspieler mit der Aussicht auf eine fette Gage zu locken,  doch es liess sich nichts ausrichten. „Wenn du nicht sofort weitermachst,  musst du ein Jahr lang ins Gefängnis“,  machte Luise die renitente „Lily“ auf die überaus harten Vertragsbedingungen aufmerksam. Das Prinzchen liess sich nicht beeindrucken. „Wo ist denn das Gefängnis?“,  wollte er bloss wissen und als er im ganzen Wohnzimmer keines entdecken konnte,  machte er weiter in Verweigerung. 

Luise war am Boden zerstört,  hatte sie doch stundenlang mit ihren beiden Brüdern geprobt. Zum Glück hatten Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat Erbarmen mit ihr und so konnten die Zuschauer zumindest erahnen,  dass am Ende alles gut sein würde. Auch wenn es etwas befremdlich war,  dass Grossvater Karlsson auf die traurige Nachricht, dass die Kinder nun ohne Eltern waren,  mit einem trockenen „Ach so,  dann wohnt ihr eben jetzt bei uns. Stellt euch mal eurer Grossmutter vor“,  reagierte. Aber er hatte ja auch keine Zeit zum Proben… 

Heilige Momente

Es sind diese unvorhersehbaren Momente, die das Familienleben so schön machen. Die ganze Horde sitzt am Tisch und isst, Luise fordert das Prinzchen auf, in die Hände zu klatschen und Momente später klatschen alle sieben wie verrückt in ihre Hände und keiner weiss warum. Irgendwann hört das Klatschen wieder auf und das Prinzchen übernimmt die Führung. Alle sollen die Arme in die Luft halten, alle tun, was der Kleine sagt. Er knurrt, die Geschwister knurren mit. Er hüpft auf und ab, die Geschwister tun es ihm nach. Er steht auf, rennt singend um den Tisch, die anderen singend hintendrein. Eine übermütige Polonaise zieht durch die Wohnung, laut und wild und doch in bester Ordnung, denn der Jüngste gibt den Ton an und alle folgen ihm. „Meiner“ und ich sitzen grinsend da und freuen uns an diesem kostbaren Moment. Und nachdem alle des Tanzens müde sind, kuscheln sich Luise und das Prinzchen zusammen aufs Sofa, ein zuckersüsses Bild von grosser Schwester und kleinem Bruder, die nicht zu wissen scheinen, was es heisst, einander auf die Nerven zu fallen.

Etwas später hat der Zoowärter die Idee, mit seinen Rittern ein Theaterstück aufzuführen. Der Aufbau der Kulisse – eine Playmobil-Ritterburg – will aber nicht so recht klappen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt ihm zu Hilfe, schafft es aber auch nicht, das Ding zum Stehen zu bringen. „Wir haben doch irgendwo noch weitere Teile von dieser Burg“, meint Karlsson. „Komm, Prinzchen, hilf mir beim Suchen.“ Und schon sind vier Jungs – der eine fast zu gross für Playmobil, zwei im besten Alter dafür und einer noch fast zu klein – in ein friedliches Spiel vertieft. Ein heiliger Moment im oftmals so spannungsgeladenen Familienleben. Die Stimmung kippt erst, als die Mama die hirnrissige Idee hat, den Cousin, der gerade im Haus ist, zum Spielen einzuladen. Plötzlich ist nur noch der Cousin interessant und der Bruder, eben noch der beste Spielkamerad, ein störendes Anhängsel.

Am Abend dann noch einmal ein heiliger Moment. Der Zoowärter und das Prinzchen haben während meiner Ferien entdeckt, wie toll sie mich finden und so wird das Gutenacht-Ritual zum Fest. Der Zoowärter singt mir voller Leidenschaft Lieder vor, das Prinzchen schlüpft beinahe zurück in meinen Bauch,  jeder möchte noch ein wenig näher bei mir sein und beide zusammen verkünden, ich sei die beste Mama der Welt. 

Man kann sie nicht erzwingen, diese Momente, man kann sie sich nur schenken lassen. 

Skistar in spe

Als wir heute Vormittag am Übungs-Skilift standen und unseren vier Skifahrern beim Abschlussrennen zuschauten, wurde mir mal wieder überdeutlich klar, was „Meinem“ und mir fehlt: Das „Schaut mal hier, mein Kind ist ein Star“-Gefühl. Oh ja, auch wir sind stolz auf unsere Knöpfe, die am Anfang der Woche noch kaum wussten, wie man sich Skier montiert und die heute schon mehr oder weniger sicher den Hügel hinuntergleiten. Aber sich heiser schreien, bloss weil der  Zoowärter, der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise  und Karlsson vorzeigen, was sie gelernt haben? Mit der Videokamera mitten  auf der Piste stehen und damit die Kinder gefährden,  nur damit ich auch wirklich jede Sekunde der Abfahrt für die Ewigkeit festhalten kann? Mich lauthals darüber beschweren, dass alle Kinder, die mitgemacht  haben, eine Medaille bekommen haben, dass alle den ersten Rang gemacht haben? Und nicht nur meine Kinder, die doch so viel talentierter sind als alle anderen? Und ist es nicht eine absolute Frechheit, dass die keine Zeiten gemessen haben? Dann hätte jeder sehen können, wer das Zeug zum Skistar hat.

Nein danke, auf all das kann ich verzichten. Ich bin den Veranstaltern sogar von Herzen dankbar, dass sie auf ein „Wer ist der Beste?“-Wettrennen verzichtet haben. Sie haben dait unseren Familienfrieden gerettet. Seit Tagen schon hatte ich mich darum gesorgt, was geschehen würde, wenn die einen mit  Auszeichnung, die anderen mit leeren Händen nach Hause kämen. Denn seien wir doch ehrlich: Nicht alle unserer Kinder sind fürs Skifahren gleich talentiert. Einsatz gezeigt haben alle, den inneren Schweinehund musste jeder mal überwinden, wenn es draussen kalt und im Bett so gemütlich warm war und besser als ihre Mama fahren die vier allemal. Also eindeutig verdient, diese Medaillen, auch wenn die Eltern, die neben uns für ihre Töchter gefiebert haben, dies ganz anders sehen.

Feierabendglotzen

Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was auf dem Programm steht. Ob sie nun Zeichentrickfilme schauen, eine schlaue Kindersendung oder einen alten Kinderfilm, das Resultat ist immer das gleiche, zumindest wenn der Fernsehkonsum nach dem Abendessen stattgefunden hat: Die beiden Jüngsten kommen unzählige Male aus dem Bett gekrochen, weil sie Angst haben oder weil sie unbedingt noch einmal erzählen müssen, was Laura mit dem Stern und Heidi mit Klaras Rollstuhl angestellt hat. Wenn sie dann endlich doch eingeschlafen sind, kannst  du darauf wetten, dass mindestens einer der beiden gegen drei Uhr morgens ins Elternbett gekrochen kommt. Manchmal kommen auch beide und dann muss man wieder Ängste wegbeten und sich zum hundertsten Mal anhören, wie unfair es doch ist, dass „Meiner“ und ich „Yakari“ erst ab 7 freigegeben haben.

Man könnte ja glauben, die drei  Grossen kämen besser klar mit abendlichem Fernsehkonsum und vordergründig ist das auch so. Wegen Ängsten kommt immerhin niemand von ihnen die Treppe heruntergeschlichen. Dafür aber stürmen wir Eltern alle zehn Minuten die Treppe hoch, um zu verhindern, dass Blut fliesst. Unglaublich, wie viele Aggressionen so eine halbe Stunde ganz gewöhnliches Fernsehen an die Oberfläche spült. Da kommen Schimpfwörter über die Lippen, für die sie sich gewöhnlich schon im Voraus entschuldigen, es werden Schläge ausgeteilt und anstelle des üblichen netten „Fandest du Mama heute nicht auch furchtbar unfair?“-Getuschels hört man alle paar Sekunden ein „Mama, Papa, kommt schnell, Karlsson ist soooooo gemein zu mir!“-Gebrüll. Und das alles nur wegen dieser elenden Glotze.

Wie, ihr glaubt, ich würde mal wieder massloss übertreiben? Tue ich nicht, ich beschreibe nur das übliche Szenario, wenn Vendittis in den Ferien sind und die Kinder abends ausnahmsweise KiKa schauen  lassen. Nicht, dass unser Alltag zu Hause komplett fernsehfrei wäre – schon gar nicht, wenn „Meiner“ von der Arbeit gestresst ist -, aber auf Gutenachtfernsehen verzichten wir jeweils gerne und auch sonst setzen wir lieber auf DVDs, weil die irgendwann einmal zu Ende sind, im Gegensatz zum Fernsehprogramm. Nach einigen Tagen Ferien wissen  wir  auch wieder, weshalb wir diesen Erziehungsgrundsatz noch nicht über Bord gekippt haben.