Ich will das nicht können müssen

Grundsätzlich bin ich keine  Freundin von klassischen Rollenmustern. Das fing schon in der Ehevorbereitung an, wo  „Meiner“ und ich einander stets fragend anschauten, wenn mal wieder eine Liste mit „typisch er – typisch sie“ gezeigt wurde. Wäre man  nach diesen Listen gegangen, dann wäre in den meisten Fällen er „sie“ und ich „er“ gewesen.  Und so haben wir uns relativ früh dazu entschieden, einfach zu sein,  wer wir sind und uns unseren Alltag so einzurichten, dass jeder das tut, was ihm besser liegt, auch wenn es nicht den Geschlechterklischees entspricht, die man damals in der Ehevorbereitung noch predigte.

Gewöhnlich sind wir damit ganz glücklich, aber hin und wieder überkommt „Meinen“ der Drang, die Dinge auf den Kopf zu stellen, vermutlich um zu verhindern, dass  wir einrosten. Heute Morgen zum Beispiel kam  er auf den irrigen Gedanken, dass ich die  Kinder zum Skikurs fahren könnte, währenddem er sich um den Haushalt kümmert. Mir war sofort klar, dass es in diesem Fall weiser wäre, uns an die klassische  Rollenteilung zu halten und deshalb versuchte ich, meinen Mann davon zu überzeugen, wie viel besser es doch wäre, wenn ich das Frühstücksgeschirr abwaschen, die Wäsche aufhängen und den Fussboden saugen würde. Hätten wir ein Bügeleisen hier, ich hätte ihm sogar vorgeschlagen, dass ich danach noch die Unterwäsche bügle. Ihr seht also, ich war echt verzweifelt.

Aber „Meiner“ blieb hart: „Ich will nicht jeden Morgen der Idiot sein, der in diese elende Kälte hinaus muss und es sind ja nur zehn Minuten Fahrt.“ „Aber ich kenne den Weg nicht“, jammerte ich, worauf „Meiner“ nur meinte, die Kinder wüssten ja, wo es lang ginge und sich dem Abwasch zuwandte. Am liebsten hätte ich laut gebrüllt, dass ich doch eine Frau und deshalb grundsätzlich ungeeignet sei für solche Abenteuer, aber ich wusste ja, dass „Meiner“ so etwas nicht gelten liesse und so schickte ich mich eben grummelnd und schimpfend in das Unvermeidliche.

Aber natürlich stellten sich meine Bedenken als vollkommen berechtigt heraus. Ich kenne ja meine Grenzen. Auf dem Hinweg ging es ja noch, denn da konnten mich die Kinder lotsen. Aber auf dem Rückweg? Na, was wohl? Mein Orientierungssinn liess mich mal wieder im Stich und so fand ich zwar  ganz ungewollt den Weg zu dem Krankenhaus, in welchem Karlsson vor etwas mehr als drei Jahren seinen geplatzten Blinddarm losgeworden ist, ich fand den Laden, in dem ich mir damals Rosinenbrötchen gekauft hatte, weil der Spitalkoch nicht begreifen konnte, dass eine schwangere Vegetarierin mit einer Bratwurst und nichts dazu nicht satt zu bekommen ist. Ich fand auch den Weg zum Bahnhof, hinter welchem irgendwo die Strasse zu unserem Ferienhaus zu finden wäre, aber wie ich die Bahnlinie umgehen sollte, um zu dieser Strasse zu gelangen, das erschloss sich mir bei allem Schimpfen und Klagen nicht. Am Ende blieb mir nichts anderes übrig, als den ganzen Weg noch einmal zurückzufahren und irgendwann die richtige Abzweigung zu erwischen.

Als ich nach einer Stunde Irrfahrt endlich dem Ferienhaus nahe war, kam ein besorgter Anruf von „Meinem“. Wo ich denn geblieben sei? Blöde Frage von dem Mann, der seit nunmehr zwanzig Jahren mit mir unterwegs ist. Man sollte doch meinen, er hätte in dieser Zeit so einiges von meinen  Irrfahrten mitbekommen und würde  mich deshalb vor weiteren solchen Situationen bewahren. Gehört doch irgendwie zu einer Ehe, oder? Ich schliesse den armen Mann ja auch nicht mit der Steuererklärung in einem Zimmer ein und mache mich dann aus dem Staub.

 

 

Familienanalyse

Das Prinzchen schaut mich treuherzig an und meint: „Gell Mama, Karlssons Brüder machen dich manchmal fast wahnsinnig.“

Ja, mein Prinzchen, das tun sie. Aber leider muss ich dich darauf aufmerksam machen, dass du auch einer von Karlssons Brüdern bist.

Das Prinzchen fährt fort: „Ich bin dein Bruder und du bist meine Frau, die Mami heisst. Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter sind auch meine Brüder und ich bin Luises Schwester. Papa ist mein Sohn und er ist mein Mann, der Papa heisst. Und ich bin ein grosser Junge, der klein ist. Und der Grossvater wird sich bestimmt freuen, wenn ich ihn Grosspapa nenne.“

Irgendwie so ähnlich ist es, mein Sohn. Einfach das mit den richtigen Bezeichnungen müssen wir noch üben, bevor du in die Schule kommst, wo du deine Familie wirst vorstellen müssen.

Ziemlich genau so ist es, mein Sohn

Archiv der Sentimentalitäten

Am Anfang war es ja noch einfach zu entscheiden, was man als Erinnerung für spätere nostalgische Momente aufbewahrt: Der erste Strampler, die erste abgeschnittene Locke, der erste Versuch des Kindes, mit Stift und Papier umzugehen, vielleicht auch noch die erste Eintrittskarte für den Zirkus. Bei den Fotos wurde es dann schon etwas schwieriger. Welche kommen aufs Papier, welche werden für immer digital bleiben – im vollen Bewusstsein, dass in fünfzig Jahren wohl keiner mehr wissen wird, wie man sie aus diesen altmodischen Computern herausbringt? Ein schwerer Entscheid und vermutlich werden die Kinder später genau die Bilder vermissen, die wir als nicht ausdruckenswert angesehen hatten. Auch bei den Zeichnungen fällt es nicht leicht zu trennen zwischen wertlosem Gekritzel und potentiellem Beweismaterial mit dem man der Welt zeigen kann, dass sich da schon ganz früh eine künstlerische Ader zeigte. Welches Bild gehört an den Kühlschrank gehängt und welches darf man getrost der Altpapiersammlung übergeben?

Mit all diesen Fragen hatten wir ja gerechnet, als wir Eltern wurden. Immerhin waren wir genau im richtigen Alter, um unsere eigenen Eltern zu fragen, weshalb sie denn unseren ersten Strampler nicht aufbewahrt hatten, warum sie die Negative mit den Ferienbildern von 1989 weggeschmissen hatten und ob es denn fair sei, dass vom grossen Bruder noch ein Fütterungsplan da sei, während man für sich selbst keinen einzigen Beleg hatte, dass die Eltern in den erstn Lebensmonaten für ausreichend Nahrung gesorgt hatten. Mal abgesehen von diesem peinlichen Bild mit dem schreienden, pausbackigen Baby.

Nun aber zurück zu meinem eigentlichen Problem: Welche von den Kindern gespeicherten Computerdateien archiviert man? Klar, die irrwitzigen Kurzgeschichten, die sie in die Tasten hauen, behält man. Mir treten ja heutzutage selbst die Tränen der Rührung in die Augen, wenn ich in den „Lenzurger Schulnachrichten“ von 1987 meinen ersten veröffentlichten Text lese und erkenne, dass ich damals schon gebloggt habe. Die Texte der Kinder also bleiben. Bei Karlssons Kompositionen bin ich mir da schon nicht mehr so sicher. Nun ja, er hat sich wirklich grosse Mühe gegeben, aber am Ende sind es doch mehr oder weniger zufällig aneinander gereihte Noten. Wobei, die Namen seiner Werke sind echt kreativ, also bleiben sie vielleicht doch. Bei seiner ersten Power Point Präsentation bin ich nun aber wirklich unsicher. Wenn das erste Kind in der fünften Klasse bereits seine erste Präsentation macht, wie viele Präsentationen werden es dann sein, bis das Prinzchen aus der Schule kommt? So viel Speicherplatz haben wir nie und nimmer. Und wie um Himmels Willen sollen wir noch den Überblick behalten, wo unser Computer bereits jetzt alles Berufliche, Private, Ehrenamtliche und Kreative von „Meinem“ und mir im Kopf behalten muss?

Der Entscheid fällt mir zwar schwer, aber ich glaube, die Präsentationen können wir nicht auch noch archivieren. Wobei, Karlsson hat sich ja wirklich grosse Mühe gegeben…

Standortbeurteilung

Früher nannten sie es Beurteilungsgespräch. Das Kind bekam in der Schule oder im Kindergarten einen Fragebogen mit Smiley-Gesichtern, auf dem es einzeichnen durfte, was es gut kann und was ihm Mühe bereitet. Die Lehrerin füllte den gleichen Bogen aus, dann wurden Eltern und Kind zu einem Gespräch eingeladen. Das Kind stand im Zentrum, man sprach über sein Wohlbefinden, über seine Stärken und seine Schwächen. Man liess das Kind reden, stärkte sein Selbstbewusstsein mit lobenden Worten und einigen Hinweisen, was es besser machen könnte. Das Beurteilungsgespräch war nicht perfekt, es gab immer wieder Eltern, die mit einem mulmigen Gefühl nach Hause gingen. Heute erinnert man sich dennoch sehnsüchtig an das Beurteilungsgespräch zurück.

Der Begriff „Beurteilungsgespräch“ wurde abgeschafft, man spricht jetzt von „Standortgespräch“. Das läuft so ab: Man zitiert die Eltern zum Gespräch – je nach Lehrperson bitte lieber ohne Kind – und präsentiert ihnen einen Zettel mit Kreuzen drauf. „Trifft in hohem Masse zu“ – gibt es nicht. „Trifft zu“ – wen interessiert das schon? Über das, was gut läuft, braucht man nicht zu reden. „Trifft teilweise zu“ – hier wird es allmählich interessant. „Wenn wir in diesem Bereich nichts unternehmen, besteht die Gefahr, dass es zu einem Defizit kommt“, heisst es dann. „Es ist natürlich nicht dramatisch, aber eine Fördermaßnahme wäre angezeigt“ oder „Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Ihr Kind hier ein Problem hat?“ Die Spalte „Trifft nicht zu“ bleibt gewöhnlich leer, aber der Hinweis „Wir wollen doch nicht, dass das Kind hier landet“ macht sich immer mal wieder gut, wenn das Kind nicht den gewünschten Einsatz zeigt.

Der Hauptteil des Gesprächs dreht sich um „Trifft teilweise zu“, wenn man Glück hat, fällt irgendwann noch die Bemerkung, dass man eigentlich ganz zufrieden sei mit dem Kind und dann steht man plötzlich auf der Strasse und fragt sich, ob man in den falschen Film geraten ist. Da will man nicht mehr von „Beurteilung“ reden, tut aber genau das in einem Mass, dass man sich als Eltern fragen muss, was aus dem Wohlwollen geworden ist, auf das die Kinder so sehr angewiesen sind, um sich gesund entwickeln zu können.

Nehmt diesem Kind den Wecker weg!

Jeden Mittwoch muss Luise früh raus. Um zwanzig nach sieben fängt die Schule an, was „Meiner“ und ich regelmäßig vergessen. So ist es schon mehrmals vorgekommen, dass Luise nur gerade ein paar Minuten Zeit hatte, um sich für die Schule bereit zu machen. Damit sich dies ändert, hat die Grossmama Luise einen Wecker geschenkt.

Heute früh, es war wohl gegen halb sechs, kam das Ding zum ersten Mal zum Einsatz. Wenige Momente später stand das Kind in unserem Schlafzimmer. „Mama, Papa! Ihr müsst aufstehen, sonst komme ich zu spät zur Schule.“ Ein Blick auf die Uhr zeigte uns, dass unsere Tochter mal wieder übertreibt. „Geh zurück ins Bett. Es ist noch viel zu früh“, murmelte ich und versuchte, wieder einzuschlafen. Zehn Minuten später wieder Luise: „Wann steht ihr endlich auf? Ich komme ganz bestimmt zu spät.“ Nach weiteren fünf Minuten dann „Mama, kannst du mir einen Pferdeschwanz binden?“ „Nein, kann ich nicht, es ist noch nicht mal sechs Uhr und ich weigere mich, die Augen aufzumachen. Wenn du unbedingt wach sein willst, kannst du etwas lesen, aber sei bitte still, mir brummt der Schädel“, war meine ziemlich unfreundliche Antwort. „Aber Mama, ich komme doch zu spät zur Schule. Der Wecker hat schon längst geklingelt. Und Grossmama hat gesagt…“ „Ja, meine liebe Luise, ich weiss, dass dir Grossmama gesagt hat, du sollst den Wecker stellen, damit du nicht zu spät kommst, aber sie hat dir nicht gesagt, du solltest ihn mitten in der Nacht stellen.“ „Aber Mama, du weisst doch, dass ich einen Eintag bekomme, wenn ich nicht rechtzeitig bin…“

Ja, mein Kind, ich weiß es, aber du weisst auch, dass deine morgenmuffelige Mama das Bett erst dann verlässt, wenn es sich wirklich nicht mehr länger vermeiden lässt. Und was ist schlimmer, eine unausgeschlafene, übel gelaunte Mama, oder ein Eintrag im schulischen Sündenregister?

Lieber pseudo-moderner Papa

Es ist ja ganz nett, dass du dir abends nach der Arbeit Zeit nimmst, um mit Frau und Söhnchen den Wocheneinkauf zu erledigen. Es ist nahezu rührend, wie du voller Stolz den Einkaufswagen mit der Babyschale vor dir herschiebst und damit den aktiven Papa markierst. Die Mutter deines Kindes ist bestimmt ganz froh darüber, dass du bei der Wahl des richtigen Joghurts mitredest. Fast könnte man meinen, du wärst ein moderner Papa, einer, der begriffen hat, dass Kind und Haushalt nicht einfach Frauensache sind.

Nun, ich muss dir leider sagen, dass ich dir das mit dem modernen Papa nicht abnehme. Warum nicht? Etwa, weil ich per Zufall mitgekriegt habe, wie du am Telefon deinem Kumpel voller Bedauern mitgeteilt hast, dass ihr bestimmt nicht bis Mitternacht bleiben könnt, weil der Kleine ins Bett muss? Nein, daran liegt es nicht, denn ich weiss, dass man trotz Kind hin und wieder gerne bis tief in die Nacht mit Freunden quatschen möchte. Entlarvt hat dich, dass du ungeniert telefonierend an der Käsetheke lehnst, aus der ich unseren Käsevorrat angeln will. Wie? Du verstehst nicht, wie ich anhand einer solchen Bagatelle erkennen will, dass dein „Seht mal her, wie fortschrittlich ich bin“-Gehabe nur Show ist?

Nun, ich werde es dir erklären: Wenn du fünfundvierzig Minuten vor Ladenschluss eine zerzauste Hausfrau mit tiefschwarzen Augenringen und einem übermüdeten Dreijährigen im voll beladenen Einkaufswagen siehst, dann solltest du eigentlich wissen, dass die Frau nicht aus reinem Vergnügen hier ist. Hättest du eine Ahnung von Kind und Haushalt, du würdest sofort aus dem Weg gehen, wenn diese Frau sich der Käsetheke nähert, die du dir als Rückenlehne ausgesucht hast. Du würdest nicht erst dann drei Millimeter zur Seite rücken, wenn sie dir unmissverständlich klar macht, dass sie an den Gruyère hinter dir will. Du würdest dich sofort in eine unwichtige Ecke verkrümeln – irgendwo zwischen Toilettenpapier und Besen – und ihr nicht einfach zwei Schritte weiter vorne den Zugang zum Raclette-Käse versperren und danach zum Reibkäse und dann auch noch zum Bergkäse. Vor allem aber würdest du die Frau nicht entnervt anschauen, wenn sie dich immer und immer wieder aus ihrem Jagdrevier vertreibt, denn du wüsstest, dass sie bei der Arbeit ist und deshalb keine Zeit hat für solche lächerlichen Spielchen.

Aber das alles weisst du nicht, weil du eben nur ein pseudo-moderner Papa bist, der zwar so tut, als wäre er dabei, der in Wirklichkeit aber die ganze Sache mit Kind und Haushalt noch immer als Weiberkram abtut.

Es lohnt sich doch

Im „Spiegel“ haben sie ja neulich geschrieben, eine Beziehung – vor allem eine Beziehung, die durch Kinder bereichert wird – könne nur überleben, wenn das Paar immer mal wieder Zeiten zu zweit erlebe. Und weil ich jedes Wort glaube, das im „Spiegel“ steht, haben „Meiner“ und ich uns heute eben zu einem Saunatag zu zweit aufgerafft.

Nein, Spass beiseite. Dass wir Tage zu zweit brauchen, wussten wir auch vor dem Artikel im „Spiegel“, einem Artikel übrigens, der vor Binsenwahrheiten nur so strotzte. Unsere Tage zu zweit waren uns auch vorher schon heilig. Nun gut, zuerst mussten ein paar sehr anstrengende Familienjahre ins Land ziehen, bevor wir erkannten, dass sich die Zeit zu zweit nich aufschieben lässt auf den ersten Schultag des letzten Kindes. Seither aber sind wir ziemlich konsequent geblieben mit dem Erkämpfen von Freizeit, auch wenn unsere Kinder nicht so recht glauben mögen, dass „Meiner“ und ich auch ohne sie Spass haben können.

Dass wir zwei heute Spaß haben könnten, hätte ich mir vor zwei Wochen auch nicht so richtig vorstellen können, auch wenn der freie Tag bereits eingeplant war. Aber so, wie „Meiner“ und ich uns gegen Ende Jahr wegen jeder Kleinigkeit in die Wolle gerieten, hegte ich ernsthafte Zweifel daran, dass wir es acht Stunden ohne Streit aushalten würden. Ein schräger Blick und schon waren wir wieder in irgend einen unsinnigen Konflikt verwickelt. Nicht, dass wir dabei laut geworden wären. Ich schmiss ihm auch keinen Blumenkohl an den Kopf, wie ich das in den Anfängen unserer Beziehung einmal hemmungslos auf offener Strasse tat. Oh nein, diesmal war es viel schlimmer: Es herrschte kalter Krieg und keiner von uns beiden wusste, ob das nächste falsche Wort dazu führen würde, dass aus dem kalten ein heisser Krieg wird. Kalter Krieg, das bedeutet zum Beispiel, dass ich fein säuberlich die Grünabfälle vom Rest trenne und „Meiner“ kippt sie in einem unbeobachteten Moment in den gewöhnlichen Abfallsack. Oder „Meiner“ hört sich Jovanotti an, um sich die Putzerei erträglich zu gestalten und ich ziehe den Stecker des CD-Players, anstatt meinen Mann höflich zu bitten, doch bitte die Musik etwas leiser zu stellen, weil sie meine Kopfschmerzen stört. Wir tun das nicht mit dem erklärten Ziel, einander zu nerven, wir finden einfach, der andere setze mal wieder ganz falsche Prioritäten und müsse in die Schranken gewiesen werden. Eine Art von Geringschätzung, wenn auch eher subtil.

Warum diese Spannungen, mag man sich fragen. Weder er noch ich hatten nämlich etwas Schwerwiegendes getan, was unserer Beziehung hätte schaden können. Weder er noch ich hatten unsere Ehe satt. Es war schlicht und einfach der FamilienArbeitsVorweihnachtsHaushaltsDezemberbluesIchbrauchedringendferien-Alltag, der uns dazu trieb, nicht mehr zu spüren, wie sehr wir einander auch im vierzehnten Ehejahr noch lieben. Es war genau diese banale Wahrheit, die in jedem Eheratgeber und natürlich auch im oben erwähnten Artikel steht: Zuviel Alltag und zu wenig Feiern bekommt keiner Ehe gut. Und darum hatte der Entscheid, die Badetasche zu packen und die Kinder den Betreuerinnen anzuvertrauen tatsächlich etwas von „sich aufraffen“ an sich. Denn wer will schon mit einer nörgelnden Ehefrau (oder mit einem genervten Ehemann) eine entspannende Zeit verbringen?

Natürlich hat sich das Aufraffen gelohnt, denn so ganz ungestört vom Alltags-Theater, wenn die nörgelnde Ehefrau und der genervte Ehemann mal endlich die Klappe halten, sieht man plötzlich wieder, wie schön es doch eigentlich ist, jemanden zu haben, der das Ganze mit einem durchsteht.

Heldenhaft

Wäre ich nicht bereits mit ihm verheiratet, dann wäre heute der Tag, an dem ich ihm einen Heiratsantrag machen würde. Das Erste, was ich heute Morgen sah, als ich gegen neun Uhr die Augen aufschlug, war „Meiner“, der den abgeschmückten Tannenbaum aus dem Fenster beförderte. Als ich deutlich später endlich widerwillig das Bett verliess, dämmerte mir rasch einmal, dass der Tannenbaum erst der Anfang gewesen war und dass mein Herr Gemahl das allgemeine Chaos zum Kampf herausgefordert hatte. Da stand er mit Möbelpolitur und Staublappen und holte das Beste aus unseren alten Fensterbrettern heraus. Und so ganz beiläufig auch aus unseren Kindern: „Ich geh‘ mal nach oben und räume mein Zimmer auf“, verkündete Karlsson nach dem Mittagessen, das für einmal ganz gesittet in einem sehr aufgeräumten Esszimmer stattfand. „Luise und ich haben vorgestern Abend noch gespielt und jetzt sieht es ein wenig unordentlich aus“, erklärte unser Ältester, als ich ihn erstaunt ansah. Ich hatte dann aber keine Zeit mehr, mich länger um den Gesundheitszustand unseres Sohnes zu sorgen, denn am Nachmittag fegte die allgemeine Aufräumwut mit solcher Wucht durch unsere vier Wände, dass ich mich im Büro in Sicherheit brachte.

Als ich irgendwann spät abends wieder nach Hause kam, glaubte ich zuerst, ich hätte mich in der Adresse geirrt. Jedes Zimmer piekfein aufgeräumt, das Prinzchen und der Zoowärter im neuen gemeinsamen Schlafzimmer friedlich schlummernd, das Elternschlafzimmer dort, wo ich es immer gerne gehabt hätte und dazu noch in jedem erdenklichen Winkel Kerzen, Blumen, Schnickschnack – die Wohnung, die ich mir immer mal wieder erträume, die ich aber nie so hinkriege, wie „Meiner“ das mit Leichtigkeit und vor allem ohne schlechte Laune und Gemotze schafft. Ein wahrer Held, wenn ihr mich fragt. Ob ich ihn fragen soll, ob er mein Haushälter werden will?

Fast bereit – oder auch nicht

DONE

  • Geschenke gekauft
  • 88 % (oder so) der Geschenke eingepackt
  • Tannenbaumstamm abgeschliffen, damit er in den Ständer passt und dabei zum ersten Mal überhaupt mit einer Schleifmaschine hantiert. Das war ein Bild: Ich von Kopf bis Fuss in Pink auf dem orangefarbenen Sofa mit dem Baumstamm auf dem Schoss und der Schleifmaschine in der Hand. Damit unsere Kinder später etwas zum Lachen haben, wenn sie über die guten alten Zeiten reden.
  • Stall für die Wachteln soweit fertig gebaut, dass die Tierchen ihre erste Nacht im Hause Venditti katzensicher versorgt sind. 
  • Patenkind beschenkt
  • Nachbarn beschenkt
  • Geschenke für die Patenkinder von „Meinem“ eingekauft
  • 7 Guezlisorten gebacken
  • Vorweihnachtliches Chaos angerichtet, damit wir alle noch ein wenig nervöser werden: Schaffen wir es, die Wohnung aufzuräumen, bevor es mit all dem Geschenkpapier noch schlimmer wird?
  • To Do – Liste geschrieben
  • Eine E-Saite für Karlssons Geige gekauft (und zu Hause erst gemerkt, dass die uns eine A-Saite mitgegeben haben)

TO DO

  • Endlich entscheiden, was ich zur Familienfeier mit meinen Eltern, Geschwistern & Co.  morgen Abend zum Essen mitbringen werde
  • Endlich das Weihnachtsmenü planen. „Meiner“ wäre für Paella oder asiatisch aber wir anderen finden, dass so etwas überhaupt nicht geht. Und er findet, wir seien alle stockkonservativ und langweilig, weil wir lieber Suppe im Brot, Morcheln und Bûche de Noël wollen.
  • Wirklich einmal früh aufstehen und nicht nur davon reden. Damit ich die Erste bin in der Migros, um endlich das Essen für die Festtage einzukaufen. Und dann vor lauter Weihnachten das Katzenfutter, die Feuchttücher und den Essigreiniger nicht vergessen
  • Herausfinden, ob der Geigenbauer morgen noch offen hat, damit wir doch noch eine E-Saite auftreiben können. Karlsson will morgen vor der gesamten Verwandtschaft auftreten, was ohne E-Saite relativ schwierig sein dürfte. Und ein Karlsson, der nicht vor der ganzen Verwandtschaft auftreten darf, dürfte ebenfalls etwas schwierig sein. 
  • Endlich entscheiden, ob die Katzen auch etwas zu Weihnachten bekommen. Und wenn die Katzen etwas bekommen, warum dann die Wachteln nicht? Oder reicht es, wenn die armen Tierchen zu Weihnachten einen eigenen Stall, ein Futtergeschirr und sieben Vendittis bekommen?
  • Die restlichen 12 % (oder so) der Geschenke einpacken
  • Geschenke, die im Trubel der Vorweihnachtszeit ihr Papier schon wieder verloren haben,  wieder einpacken.
  • Weitere Geschenke für Nachbarn und Freunde verteilen
  • Tannenbaum gerade richten
  • Nicht vergessen, dass wir noch weitere Kerzenhalter kaufen müssen. „Meiner“ hat ausnahmsweise mal einen grossen Baum gekauft.
  • Tannenbaum schmücken
  • Den Stall für die Wachteln fertig bauen und endlich entscheiden, ob er vorerst mal auf den Balkon kommt, oder bereits in den Garten
  • Einstreu für den Stall kaufen
  • Mit „Meinem“ ausdiskutieren, wer sich sich morgen Abend frühzeitig davonmachen darf, um bei der Christanchtfeier zur Ruhe zu kommen 
  • Aufräumen, aufräumen und nochmals aufräumen
  • Putzen, putzen und nochmals putzen
  • Eine Strategie entwickeln, wie wir die Kinder motivieren können, damit sie mitmachen beim Aufräumen, aufräumen und nochmals aufräumen. Das Putzen, putzen und nochmals putzen dürfte einfacher sein, denn das machen sie gern.
  • Scharf nachdenken, ob wir beim Geschenkekauf wirklich niemanden vergessen haben und Notfallszenario entwickeln, falls uns doch noch jemand in den Sinn kommt
  • Endlich in Festtagsstimmung kommen, damit ich nicht wieder erst an Ostern Zeit finde, über den tieferen Sinn des Weihnachtsfestes nachzudenken
  • Endlich begreifen, dass morgen wirklich schon der Heilige Abend ist und nicht der 24. Juli 2011

Und falls mir dann noch etwas Zeit bleibt, können wir ja noch die Spitzbuben backen, bevor der Teig, der schon längst im Kühlschrank wartet, vor lauter Kummer schlecht wird.

Schildkröten und damit basta!

Neulich unterhielt ich mich mit einer anderen Mutter über Haustiere. „Das einzige Haustier, das für uns in Frage kommt, ist eine Schildkröte. Die Tiere sind einfach toll. So schön langsam und weil sie die kalte Jahreszeit verschlafen, ist die Freude über das Tier jeden Frühling wieder neu“, erklärte mir die Mutter und ich kam mir vor, ich würde mich selber reden hören. So, wie ich vor wenigen Monaten noch geredet hatte. Bevor die Ratte auf dem Balkon mich dazu getrieben hat, mich auf die Suche nach zwei Kätzchen zu machen. Bevor Leone und Henrietta, die Katzen, die schliesslich den Weg zu uns gefunden haben, unsere Herzen im Sturm eroberten.

„Schildkröten könnt ihr von mir aus haben“, sagte ich jeweils zu den Kindern, wenn sie mir wieder in den Ohren lagen mit „Ich will Kaninchen und Katzen und einen Hund und Hamster und Meerschweinchen und … einen Eisbären oder einen Braunbären und zwar sofort.“ „Wozu wollt ihr überhaupt noch mehr Haustiere haben? Wo ihr euch doch schon um die nicht kümmert, die ihr bereits habt. Wann habt ihr denn zum letzten Mal die Spinnen gefüttert und die Ameisen gestreichelt? Und um die kleinen, braunen Käfer auf dem Fensterbrett kümmert sich auch keiner“, pflegte ich zu sagen. Vor den Katzen fiel es mir noch leicht, bei meinem Nein zu bleiben, doch jetzt, wo wir uns ein Leben ohne die zwei nicht mehr vorstellen können, ist der Damm rissig geworden und ich fürchte, bald wird er vollends brechen.

Schuld daran sind nicht alleine die Katzen, auch „Meiner“ hat seinen Teil dazu beigetragen. Ausgerechnet er, der anfangs sogar bei Schildkröten gemauert hatte. Da bemühte ich mich den ganzen Herbst hindurch, Luise davon zu überzeugen, dass sie keine Häschen zu Weihnachten bekommt, weil ihr Zimmer einem Saustall gleicht. Und dann, als ich sie schon fast so weit hatte, sich doch wieder eine Puppe zu wünschen, kommt mein lieber Herr Gemahl daher und setzt unserer Tochter den Floh mit den Wachteln ins Ohr. Die Häschen sind vergessen, die neue Puppe auch, es müssen Wachteln sein und ohne die Unterstützung von „Meinem“ bin ich machtlos gegen diesen Wunsch. Die Tiere sind also reserviert, die Suche nach dem geeigneten Käfig läuft und wenn alles läuft wie geplant, werden sie ihre Körner schon bald bei uns picken. Wie soll ich da noch dem Zoowärter seinen Geburtstagswunsch nach „ganz vielen echten Meerschweinchen“ abschlagen können, wenn Luise ohne Toben und Schreien Wachteln bekommt? Nun ja, der Zoowärter ist noch so klein, dass er sich auch mit einem Playmobil-Zoo zufrieden geben wird, aber was mache ich bloss, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat uns im Sommer um einen Hund bittet?

Das ist also geworden aus meinem Grundsatz „Schildkröten könnt ihr von mir aus haben, aber sonst gibt’s keine Tiere“ und ich habe den leisen Verdacht, dass es der Mutter, mit der ich über das Thema geredet habe, nicht viel anders ergehen wird als uns.