Ich will das nicht können müssen

Grundsätzlich bin ich keine  Freundin von klassischen Rollenmustern. Das fing schon in der Ehevorbereitung an, wo  „Meiner“ und ich einander stets fragend anschauten, wenn mal wieder eine Liste mit „typisch er – typisch sie“ gezeigt wurde. Wäre man  nach diesen Listen gegangen, dann wäre in den meisten Fällen er „sie“ und ich „er“ gewesen.  Und so haben wir uns relativ früh dazu entschieden, einfach zu sein,  wer wir sind und uns unseren Alltag so einzurichten, dass jeder das tut, was ihm besser liegt, auch wenn es nicht den Geschlechterklischees entspricht, die man damals in der Ehevorbereitung noch predigte.

Gewöhnlich sind wir damit ganz glücklich, aber hin und wieder überkommt „Meinen“ der Drang, die Dinge auf den Kopf zu stellen, vermutlich um zu verhindern, dass  wir einrosten. Heute Morgen zum Beispiel kam  er auf den irrigen Gedanken, dass ich die  Kinder zum Skikurs fahren könnte, währenddem er sich um den Haushalt kümmert. Mir war sofort klar, dass es in diesem Fall weiser wäre, uns an die klassische  Rollenteilung zu halten und deshalb versuchte ich, meinen Mann davon zu überzeugen, wie viel besser es doch wäre, wenn ich das Frühstücksgeschirr abwaschen, die Wäsche aufhängen und den Fussboden saugen würde. Hätten wir ein Bügeleisen hier, ich hätte ihm sogar vorgeschlagen, dass ich danach noch die Unterwäsche bügle. Ihr seht also, ich war echt verzweifelt.

Aber „Meiner“ blieb hart: „Ich will nicht jeden Morgen der Idiot sein, der in diese elende Kälte hinaus muss und es sind ja nur zehn Minuten Fahrt.“ „Aber ich kenne den Weg nicht“, jammerte ich, worauf „Meiner“ nur meinte, die Kinder wüssten ja, wo es lang ginge und sich dem Abwasch zuwandte. Am liebsten hätte ich laut gebrüllt, dass ich doch eine Frau und deshalb grundsätzlich ungeeignet sei für solche Abenteuer, aber ich wusste ja, dass „Meiner“ so etwas nicht gelten liesse und so schickte ich mich eben grummelnd und schimpfend in das Unvermeidliche.

Aber natürlich stellten sich meine Bedenken als vollkommen berechtigt heraus. Ich kenne ja meine Grenzen. Auf dem Hinweg ging es ja noch, denn da konnten mich die Kinder lotsen. Aber auf dem Rückweg? Na, was wohl? Mein Orientierungssinn liess mich mal wieder im Stich und so fand ich zwar  ganz ungewollt den Weg zu dem Krankenhaus, in welchem Karlsson vor etwas mehr als drei Jahren seinen geplatzten Blinddarm losgeworden ist, ich fand den Laden, in dem ich mir damals Rosinenbrötchen gekauft hatte, weil der Spitalkoch nicht begreifen konnte, dass eine schwangere Vegetarierin mit einer Bratwurst und nichts dazu nicht satt zu bekommen ist. Ich fand auch den Weg zum Bahnhof, hinter welchem irgendwo die Strasse zu unserem Ferienhaus zu finden wäre, aber wie ich die Bahnlinie umgehen sollte, um zu dieser Strasse zu gelangen, das erschloss sich mir bei allem Schimpfen und Klagen nicht. Am Ende blieb mir nichts anderes übrig, als den ganzen Weg noch einmal zurückzufahren und irgendwann die richtige Abzweigung zu erwischen.

Als ich nach einer Stunde Irrfahrt endlich dem Ferienhaus nahe war, kam ein besorgter Anruf von „Meinem“. Wo ich denn geblieben sei? Blöde Frage von dem Mann, der seit nunmehr zwanzig Jahren mit mir unterwegs ist. Man sollte doch meinen, er hätte in dieser Zeit so einiges von meinen  Irrfahrten mitbekommen und würde  mich deshalb vor weiteren solchen Situationen bewahren. Gehört doch irgendwie zu einer Ehe, oder? Ich schliesse den armen Mann ja auch nicht mit der Steuererklärung in einem Zimmer ein und mache mich dann aus dem Staub.

 

 

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