Wer darf die Geschichte erzählen?

Es ist ein umwerfendes Bild: Die neu eingesetzte Spanische Verteidigungsministerin, die hochschwanger die Ehrengarde abschreitet. Und was dahinter steckt, ist noch umwerfender: Da ist ein Chef, der in einer Schwangerschaft kein Hindernis sieht, der nicht davon ausgeht, dass eine Frau, die geboren hat, nicht mehr kompetent ist, der ihr ein Amt zutraut, ja sogar eines, dass normalerweise in Männerhand ist. Ein Chef, dem es egal ist, dass die Frau ein paar Wochen Mutterschaftsurlaub beziehen wird.
Warum nur ist dies noch immer die grosse Ausnahme? So gross, dass sämtliche Zeitungen das Bild auf der Frontseite bringen? So aussergewöhnlich, dass darüber Kommentare geschrieben werden müssen? Warum nur sieht die Realität für die meisten schwangeren Frauen noch immer anders aus, zumindest in der Schweiz und ganz sicher auch anderswo?
Dann noch eine andere Frage zu einem anderen Thema, das dennoch dasselbe ist: Warum hört man lieber Vätern zu statt Müttern? „Jetzt reden die Väter“ titelt der Beobachter, wenn es um Familie geht. Das Migros Magazin bringt anrührende Stories über allein erziehende Väter, Kolumnist Bänz Friedli darf Woche für Woche aus seinem Leben als Hausmann erzählen.
Man verstehe mich nicht falsch. Ich finde es grossartig, dass es heute für Männer selbstverständlich ist, Kinder zu wickeln, es interessiert mich, wie sie das Leben mit der Doppelbelastung Familie und Beruf erleben und ich liebe die Kolumnen von Bänz Friedli. Aber seien wir doch ehrlich: Hiesse der Bänz nicht Bänz, sondern Bernadette, kein Schwein würde sich für seine Texte interessieren. Wäre er eine Frau, würde man ihr vorwerfen, sie könne nichts als jammern, sie hätte mal eine Horizonterweiterung nötig, sie sei eine frustrierte Hausfrau, die nicht zu schätzen wisse, wie erfüllend es sei, für eine Familie zu sorgen. Aber weil der Bänz ein Mann ist, wird er von den Leserinnen verehrt, veröffentlicht er Bücher, darf er Lesungen abhalten und keiner fragt, wer denn während seiner Abwesenheit die Kinder betreue.
Familie ist plötzlich ein Thema und dies nicht nur, weil der Generationenvertrag ins Wanken kommt. Seitdem die Männer Fläschchen wärmen, Windeln wechesln, Brei kochen und laufende Nasen putzen ist es plötzlich ein Thema, ob man dabei immer so erfüllt ist, wie es die Werbung vorgaukelt. Plötzlich interessiert es alle, wie der Familienalltag aussieht. Wie der aussieht, hätten Frauen schon seit Jahrzehnten erzählen können. Sie hätten davon erzählen können, wie es ist, wenn man plötzlich nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird, wenn man vor lauter Überforderung nichts anderes mehr tun kann als schreien. Wie man sich fühlt, wenn man mit einer Magen-Darm-Grippe Mittagessen kochen muss. Wie sich die Erschöpfungsdepression schleichend ins Leben frisst. Sie häten auch erzählen können, was für ein unbeschreibliches Gefühl es ist, ein Wesen, dass während Monaten im Bauch herangewachsen ist, in den Armen zu halten. Dass es nichts Schöneres gibt, als von klebrigen Kinderhänden gestreichelt zu werden. Dass es manchmal erschütternd ist, zu erkennen, dass man diesen Menschen, die man über alles liebt, nie ganz gerecht werden kann.
All dies und noch viel mehr hätten sie erzählen können. Doch es interessierte keinen, denn es waren „Frauenthemen“. Es geht hier nicht darum, Männer gegen Frauen auszuspielen. Warum aber dürfen jetzt die Väter erzählen, während die Mütter noch immer nicht ernst genommen werden?

4 Gedanken zu “Wer darf die Geschichte erzählen?

  1. Ich finde Ihre Fragen sehr begründet. Und um mal weiter zu fragen: Ob sich wohl jemand für die Kolumne einer Maschinenbauerin oder eines weiblichen DAX-Vorstandes interessieren würde? Oder wäre da die Leserschaft gleich wieder irritiert, statt Rührungstränchen aus den Augen zu wischen, wie sie es bei den aktiven Vätern tut?

  2. Ja, ich glaube, den Optimismus darf man sich trotz aller Baustellen, die da noch immer sind, nicht nehmen lassen. Vielleicht sieht das dann bei unseren Töchtern mal ganz anders aus.

  3. Ja, gute Fragen stellst Du da!

    Hier in Deutschland gibt es zwar seit einiger Zeit die auf dem Papier voll gleichberechtigte Elternzeit für Väter und Mütter, aber de facto ist das noch immer nicht in den Köpfen angekommen. Hätte mein Freund Elternzeit beantragt, wäre er vermutlich bei der nächsten Kündigungsrunde als erster drangewesen und so waren wir froh über die zwei Wochen Urlaub, die er zur Geburt bekam.

    Und so bleiben die Männer eher in der Rolle der Geldverdiener und die Frauen, die machen halt den Haushalt. Ist doch immer so gewesen…

    Schade ist das. Ich sehe an meinem Freund, was er für einen wundervollen Vater abgibt. Wie zärtlich er Nasen putzen kann, was für hinreissende Späße er mit unserer Tochter macht, mit welcher Engelsgeduld er ihr bei den Mahlzeiten hilft und wie furchtbar besorgt er ist, wenn es ihr nicht gut geht. Sicher ist er in vielen Aspekten auch anders als ich, etwas rollentypischer vielleicht. Er tobt wilder und er vergisst manchmal ihre Medizin oder Mahlzeiten, aber das ist alles nichts Gravierendes und vermutlich auch ganz gut so.

    Er ist also ein ganz genau so guter Vater, wie ich eine Mutter bin.

    Nur staunen bei ihm die Leute, wenn sie ihm im Umgang mit der Kleinen sehen, während sich bei mir kein müdes Lid mehr hebt.

    Aber ich bin Optimistin und denke, dass das mit den Jahren immer besser werden wird. Die Elternzeit hier tut viel für das Ansehen der Väter im Haushalt und auch für den Wiedereinstieg der Frauen im Beruf. Es braucht einfach noch Geduld, denke ich, bis das auch im letzten Kopf angekommen ist.

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