Kultur

Wann haben wir diese Sätze zum letzten Mal gehört? „Wahnsinn! Ihr seid ja echt zu beneiden! Können wir nicht tauschen mit euch?“ Es ist lange her, seit uns jemand um etwas benieden hat. Mal abgesehen von der Frauenärztin, die ganz furchtbar gerne einen Haufen Kinder gehabt hätte und leider zu spät damit angefangen hat und jetzt das Grossfamilienleben in etwas allzu rosaroten Tönen malt. Aber echter Neid? Jemand, der mit uns tauschen möchte? Momentan sind eher mitleidiges Kopfschütteln und schweres Seufzen die Reaktionen, wenn wir jemandem aus unserem Leben erzählen.

Der Grund für den Neid waren zwei Eintrittskarten. „Silo 8“ von „Karls Kühne Gassenschau“. Offenbar möchte jeder das gesehen haben und deshalb sind die Leute auch gerne bereit, 64 Franken für ein Ticket hinzublättern. Wir haben die Tickets geschenkt bekommen. Das heisst, „Meiner“ hat sie bekommen. Grosszügig, wie die Geber waren, hatten sie auch an den Anhang gedacht, was mehrfach betont wurde. Als ob man an einem lauen Sommerabend alleine in den Ausgang gehen würde…
Nun, so machen wir uns voller Vorfreude auf den Weg. Endlich mal wieder Kultur! Und zwar live, nicht aus der Konserve. Und wenn man weiss, dass andere voller Neid an einen denken, wird der Abend gleich noch etwas schöner. Über den Inhalt des Programms muss an dieser Stelle nichts gesagt werden, darüber haben andere genug geschrieben. Anfangs ist man noch amüsiert über die Handlung, doch bald schon kommt der Eindruck auf, dass über all den ausgeklügelten Effekten die Handlung etwas allzu kurz kommt. Und als es dann losgeht mit den wilden Töfffahrten, mit den Staubwolken, dem Knallen und dem Feuer, beginnt das Kind im Bauch zu rebellieren. Irgendwann ist der Bauch steinhart und man ist nur noch froh, dass das Stück jetzt zu Ende ist, weil man fürchtet, sonst mit frühzeitigen Wehen im Spital zu landen. 
Da sitzt man nun, die Hände schützend um den Bauch gelegt, während alle anderen frenetisch applaudieren. Die grosse Spielverderberin, die nicht mehr fähig ist, das zu geniessen, was alle anderen so toll finden. Wie soll man nachher über den Abend diskutieren, ohne dem anderen die Freude am Erlebten zu trüben? Ein Blick nach rechts beruhigt fürs Erste. „Meiner“ sitzt genauso verdattert da und weiss nicht recht, wohin mit den Händen. Er hat ja kein Baby im Bauch, das er beruhigend streicheln könnte. 
Etwas später sitzen wir im Strassencafé. Erinnerungen an einen anderen lauen Sommerabend kommen auf. Es waren die alten Lokaljournalisten-Zeiten, als fast jedes Wochenende mindestens ein Kulturanlass auf dem Programm stand. Wann war das genau? Vor acht oder schon vor zehn Jahren? Und wie hiessen nochmals die Künstler? Ein Blick ins Artikelarchiv würde Klarheit schaffen. Doch damit würde man einen Asthmaanfall riskieren und so einen braucht man nicht schon wieder, nach all den Staubwolken bei „Silo 8“. Wir erinnern uns an diesen urkomischen Abend, als vielleicht zwanzig oder dreissig Verrückte sich auf einen Platz in der Zofinger Altstadt verirrt hatten, um ein paar irren Strassenkünstlern dabei zuzusehen, wie sie auf Pocket Bikes um die Ecke furzten. Wie eine Schauspielerin so hinreissend komisch die italiensiche Immigrantin spielte, die über ihr „gratis mangiare“ auf der Ferienreise in Verzückung gerät. Noch heute freuen wir uns ihretwegen kindlich über jedes „gratis mangiare“, und sei es noch so schlecht. Vieles von dem, was uns damals so zum Lachen brachte, dass wir fast von den Gartenstühlen gefallen wären, sehen wir in „Silo 8“ wieder. Nur dass es hier viel plakativer daherkommt, mit weniger zarter Ironie und mehr Getöse. 
Nachdem wir damals ein paar Münzen in den Hut geworfen hatten, bedauerten wir all jene, die diesen Abend voller Witz und Ironie verpasst hatten. Und heute wundern wir uns, warum alle Welt „Silo 8“ sehen will, wo es doch so wunderbare Kleinkunst gibt. Oder gibt es sie gar nicht mehr und wir haben es nicht mitbekommen, weil wir zu beschäftigt waren mit Kinderkriegen? Egal. Hauptsache, es gibt noch einen anderen Menschen auf diesem Planenten, der versteht, warum man sich gar nicht als so beneidenswert fühlt, wenn man den Kulturanlass besuchen darf, den alle besuchen wollen. 

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