Verbrüderung

Wir wissen nicht so genau, weshalb wir uns mit dem Personal verbrüdern, sobald wir an einem Ort sind, wo man sich bedienen lassen kann. Vielleicht ist es der Sozialist in uns, der es uns verbietet, Dienstleistungen von Ausgebeuteten ohne Gegenleistung anzunehmen.

Ich werde zum Beispiel nie jenen Hochzeitstag vergessen, an dem „Meiner“ und ich Lust auf indisches Essen hatten. Leider waren wir die einzigen Gäste im Restaurant und so kam es, dass wir uns schon bald angeregt mit der gelangweilten Kellnerin unterhielten. Es war ja wirklich interessant, mehr zu erfahren über die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan, über die Unterschiede zwischen Muslimen aus dem Balkan und Muslimen aus Asie, über die miesen Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe, den Stress, zwei Restaurants gleichzeitig zu führen und die Angst, dass das Kind dabei zu kurz kommt. Das Gespräch erweiterte wirklich unseren Horizont, doch leider hätten „Meiner“ und ich damals eher Scheuklappen gebraucht, um wiedermal Augen nur für uns beide zu haben. Doch es sollte nicht sein. Irgendwann fand die Kellnerin heraus, dass ich drei Kinder hatte. Entsetzt zeigte sie auf „Meinen“ und fragte: „Drei Kinder? Von dem hier?“. Muss ich erwähnen, dass das Restaurant an diesem Abend seine letzten Gäste verloren hat? Inzwischen isst man dort nicht mehr.

Ja, so sind „Meiner“ und ich. Wir ziehen die Sorgen und Nöte des Personals magisch an. So war es auch dieses Jahr im Hotel. Schon bald wussten wir, dass es ungemein anstrengend ist, wenn man alleine für die Frühstücksschicht zuständig ist und 80 unzufriedene Touristen zu bedienen hat. Wir hörten Klagen über müde Knochen und Grippen, die man in der Hochsaison nicht auskurieren kann und manch einer liess zwischen den Zeilen auch mal eine Kritik an einem mühsamen Arbeitskollegen hören.

Soweit war alles wie immer. „Meiner“ und ich hörten zu, zeigten Verständnis und lobten die gute Arbeit nach Kräften. Dass man uns aber verzweifelte und verschwörerische Blicke zuwarf, wenn die Oberkellnerin, dieser Drachen, einen jungen Mitarbeiter zur Schnecke machte, war neu. Und als die Kinderbetreuung uns bat, doch bitte den Chef durch die Blume wissen zu lassen, dass die Oberkellnerin nicht zum Aushalten sei, begannen wir uns zu fragen, ob wir hier Gäste oder Mediatoren waren.

Wenn das so weiter geht, werden wir keine Ferien mehr buchen. Wir werden vielmehr unser Bewerbungsdossier bei diversen Hotels einreichen. Wir demolieren (Siehe „Das also ist der Haken“), spielen den Briefkastenonkel, beraten und coachen. Wer uns das beste All-Inclusive-Angebot für zwei Wochen bietet, darf unsere Dienstleistungen ganz ohne weitere Gegenleistungen zwei Wochen lang in Anspruch nehmen.

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