Gar nicht so einfach diese Erziehung

Müsste ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten für die ersten Wochen dieses Jahres einen Strafregisterauszug liefern, dann stünde darauf folgendes:

1 Mal die Küche unter Wasser gesetzt

1 Mal die Tapete in sehr grossen Fetzen von der Wand gerissen

1 Mal Tannenbaumschmuck mutwillig zerstört und die Scherben auf dem Fussboden verteilt

1 Mal extensiv mit Hartweizendunst, Wasser und Teigwarenmaschine experimentiert

Wenn man dies liest, könnte man fast meinen, er halte sich an die Regeln von Michel aus Lönneberga: Jeder Unfug nur einmal. Wären da nicht noch diese Ausnahmen, welche vielleicht aber auch nur die Regel bestätigen:

2 Mal Drucker-Nachfülltinte in Mamas Büro verschüttet, einmal schwarz, einmal magenta

3 Mal vierzig Minuten zu spät vom Kindergarten nach Hause gekommen

Ja, der FeuerwehrRitterRömerPirat hat uns ziemlich auf Trab gehalten und wir zerbrechen uns den Kopf, wie wir verhindern können, dass es so weitergeht. Früher hätte man sich das ja einfach gemacht:  Das Kind wird als „schwer erziehbar“ abgestempelt, kriegt eins hinter die Löffel und verschwindet auf unbestimmte Zeit im Tischlerschuppen. Ist aber nicht unser Stil. Es ist aber auch nicht unser Stil, einfach wegzuschauen und unser Kind grenzenlos randalieren zu lassen.

Was aber ist unser Stil, wenn alle Erziehungsmittel, die bei Karlsson und Luise zum Ziel führen, beim FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Leere laufen? Wie können wir dem Kind beibringen, dass es so nicht weitergehen kann, wenn er jedes Mal, wenn er ertappt wird, frech grinst und bloss mit den Schultern zuckt, wenn wir fragen, weshalb er getan hat, was er getan hat? Und schliesslich die drängendsten aller Fragen: Warum tut er all dies? Was fehlt ihm und wie können wir ihm helfen? Denn so sehr er uns mit seinem Verhalten zur Weissglut treibt, es bleibt uns dennoch klar, dass mehr dahinter steckt. Dass er nicht einfach ein „schwieriges Kind“ ist, sondern dass er irgend einen Grund hat, weshalb er all dies tut.

In solchen Momenten wird mir jeweils bewusst, was für eine immense Herausforderung diese Erziehung doch ist. Es ist so einfach, drakonische Strafen zu verhängen und dies als Erziehung zu deklarieren. Oder gleichgültig wegzuschauen und dann zu behaupten, man befolge damit einen erzieherischen Grundsatz. Nein, zur Erziehung taugen beide Wege nichts und sie sind wohl bloss deshalb so populär, weil sie einfach anzuwenden und vordergründig sehr wirkungsvoll sind. Wenn auch diese Wirkung fragwürdig ist. Doch um solche Probleme zu lösen, taugen keine Patentrezepte, keine „Erziehungstipps“ wie zum Beispiel diesen: Ich müsse dem FeuerwehrRitterRömerPiraten eben mit der Holzkelle den Hintern versohlen. Es taugen auch keine mitleidigen Seufzer. Und deshalb verbitte ich mir jegliche Kommentare, die in die eine oder andere Richtung gehen.

Der einzige Weg aus der Zwickmühle wird wohl sein, dass wir dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ganz nah sind, um zu spüren, was ihn dazu treibt, so viel Unfug zu machen. Wir werden herausfinden müssen, welche Konsequenzen sein Tun haben muss, so, dass wir ihn nicht einfach sinnlos bestrafen, sondern so, dass ihm bewusst wird, dass das, was er getan hat, nicht in Ordnung ist. Und das Wichtigste: Wir werden ihm immer und immer wieder eine Chance bieten müssen, uns zu beweisen, dass er anders kann, ja, dass er anders will. Und deshalb habe ich schon mal all seinen Unfug aus dem „Strafregisterauszug“ gestrichen. So, dass wir das alles zwar noch als witzige Anekdoten in Erinnerung behalten, aber auch so, dass er weiss, dass wir ihm nichts nachtragen und ihn nicht abstempeln. Denn egal, was er alles auf dem Kerbholz hat, wir lieben ihn über alles!

13 Kommentare zu “Gar nicht so einfach diese Erziehung

  1. OK – ich bin mal mutig und kommentiere (auf die Gefahr hin, dass ich ihn die „Schulterzuck-Ecke“ falle)

    Es gibt Kinder die leben im Hier und Jetzt – denen ist nicht klar, dass das was sie tun Konsequenzen hat. Unser *kleinerSohn* ist so – ein Sonnenschein-aber sehr anstrengend.
    Und so hatten wir Scherenexperimente (meine Bluse *schnieff*, x-Mal die eigenen Haare, Kuscheltierfelle usw); Seifenexperimente, Fett-Seifenexperimente, viele Malereien wo sie nicht hingehören uws. Wir haben geschimpft, gemahnt und alles mögliche ausprobiert. Manchmal hat es geholfen (speziell wenn die grossen Geschwister das WIRKLICH NICHT MEHR LUSTIG FANDEN) aber dafür kamen dann neue Experimente.
    Es wird seit einiger Zeit nun besser – er kann besser im Voraus abschätzen was seine Experimente auslösen.
    Seine Hauptbegründung war übrigens „Ich wollte es ausprobieren“.

    Wenn ich darüber nachdenke ist es der Zeitpunkt gewesen, an dem er genug lesen konnte um so die Welt zu entdecken, an dem die Schäden abnahmen. Vielleicht ist es hemmungsloser Entdeckungsdrang?

    • Nein, dieser Kommentar gehört nicht in die „Schulterzuck-Ecke“. 🙂 Ich habe auch den Verdacht, dass es etwas mit Unterforderung und überbordender Kreativität zu tun haben könnte. Nur beginnt er langsam etwas zu destruktiv zu werden. Eine neue Tapete kommt ja nicht von selbst wieder an die Wand…

  2. Er ist ein klassisches Sandwichkind, genau in der Mitte. Die haben es meistens am schwersten und sind auch am rebellischsten.
    Sie sind nicht so süß wie die Kleineren, aber auch noch nicht so vernünftig wie die Großen. Sie finden ihren Platz am schwersten.
    Vielleicht würde es helfen, ein Buch über Geschwisterkonstellationen zu besorgen ?
    Ich habe mal eines gelesen (als ich noch keine eigenen Kinder hatte) und fand es überaus interessant, wie stark die Geschwisterposition das Leben beeinflusst.
    Liebe Grüße,

    Katrin

    • Danke für den Hinweis. Mit Geschwisterkonstellationen habe ich mich auch schon öfters auseinandergesetzt und ich denke, dass Vieles davon sehr zutreffend ist. Dennoch möchte ich mich nicht zu sehr darauf abstützen, da ich darin eine zu grosse Gefahr des Abstempelns sehe. Mir ist klar, dass Geschwister eine riesige Rolle im Leben eines Kindes spielen, ich denke aber, dass auch der Charakter, der einem Kind mitgegeben ist, wichtig ist.

  3. Ich sag gleich: eigene in dem Alter habe ich ja noch nicht, aber mehr als eine Handvoll jüngere Geschwister und noch so ein paar AuPairKinder…

    Jedenfalls habe ich in dem Zusammenhang oft schon ähnlich wie die Hostmam oben den Gedanken gehabt, dass sie einfach ausprobieren. Klar ist schon ein gewisses Unrechtsbewusstsein da, aber noch keines, das groß genug ist, um in dem Moment die Neugier zu übertönen. Spontane Versuche, und manchmal auch direkt das schlechte Gewissen hinterher, wenn es zu spät ist, das konnte ich auch schon beobachten.

    Lösungen – vielleicht Experimentiermöglichkeiten bewusst anbieten, wesentlich mehr als vielleicht den beiden anderen, die das weniger brauchten? Also Dinge, mit denen hemmungslos gemantscht, geschnitten, gefärbt etc. werden darf, ohne dass deshalb das Arbeitszimmer verwüstet ist. Und eben mehr als die klassischen „Fingerfarben und Pappmache“ – auch mal was unkonventionelles. Großes. Ungewöhnliches. Neues.

    Das spät nach Hause kommen kenne ich übrigens von mir. Trödelt er auf dem Weg? Ich habe manchmal für einen 10 min-Weg bis zu einer Stunde gebraucht. Und es war mir immer erst klar, wenn ich fast zuhause war (da war ich schon 8 oder 9). Auf dem Weg gab es so viel zu sehen, so viel zu experimentieren, Stöcke und Steine und Wasser und Pflanzen… ich war einfach weg und dachte nicht ans heimgehen. Und dann kam das schlechte Gewissen. Aber beim nächsten mal alles auf Anfang. Ein Stück weit bin ich so geblieben. Wenn ich’s mir recht überlege, kenne ich auch die übrigen Dinge ein wenig von mir, ich habe so einige Dinge gemacht, die mir erst hinterher beim Ausschimpfen als ungünstig klar wurden, und die „Warum?“-Frage konnte ich auch nie beantworten. Weil ich das eben in dem Moment machen wollte und nicht nachgedacht hatte.

    • Hast du nicht mal in einem deiner Posts geschrieben, dass du ziemlich überdurchschnittlich warst in schulischen Belangen? Deine Beschreibungen passen genau auf das Verhalten des FeuerwehrRitterRömerPiraten und ich habe manchmal den Eindruck, dass er, was die Intelligenz betrifft, seinen Altersgenossen voraus ist. ich frage mich je länger je mehr, ob der Junge so unglaublich viel zum Nachdenken und Erforschen hat, dass er sich nicht um unsere Banalitäten kümmern kann. Deshalb möchte ich sein Verhalten auch nicht einfach als Fehlverhalten abtun, sondern herausfinden, was in ihm vorgeht, damit wir ihm helfen können, die Person zu sein, die er ist.
      Wir bieten ihm immer wieder Möglichkeiten, Neues auszuprobieren und zu entdecken, aber manchmal dünkt mich, er müsste eine Betreuungsperson für sich alleine haben, die regelmässig „Futter“ nachschiebt, bevor ihm wieder langweilig wird. Denn ich kann ja nicht die anderen vier vernachlässigen, um mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten endlose Diskussionen über die Ermordung Cäsars und die ritterliche Liebe zu führen. So sehr mich seine Themen auch interessieren…

  4. Pingback: Darum also… | Beautiful Venditti - Grossfamiliengroove à discrétion

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