Harmoniesüchtig

So streitbar ich im realen Leben sein kann, wenn mir etwas oder jemand auf die Nerven fällt, so harmoniesüchtig bin ich, wenn ich Bücher lese. Egal, ob die Hauptfigur mit ihrer Mutter Zoff hat, ob Boyfriend Girlfriend auf dreckigste Art verlässt, ob Mama ihr Kind nicht liebt oder der Papa der Mama das Leben sauer macht, ich kann die Spannungen zwischen den Personen nicht ertragen und blättere über die Seiten, die mir so zu Herzen gehen. Oder ich lese kurz das Ende, um zu sehen, ob sich am Schluss alle wieder liebhaben und wenn dies nicht der Fall ist, lege ich mir am Ende einen alternativen Schluss zurecht, um mit der Disharmonie klarzukommen. Das geht sogar so bei Büchern, die ich schon in- und auswendig kenne. Von den unzähligen Malen, die ich „Pride & Prejudice“ gelesen habe, habe ich die Szene, wo Elizabeth den Heiratsantrag von Mister Darcy ablehnt vielleicht drei oder viermal gelesen. Ich kann es einfach nicht ertragen, dass dem armen Snob so viele ungerechtfertigte Vorwürfe an den Kopf geworfen werden.

Solange man nur liest, ist diese Harmoniesucht ja noch einigermassen erlaubt. Es kann einen ja niemand dazu zwingen, etwas zu lesen, was man nicht erträgt. Aber wenn man selber schreibt, dann wird die Harmoniesucht zum ernsthaften Problem: Da lasse ich meine Hauptfigur mit offenen Augen auf einen wüsten Konflikt zusteuern und im letzten Moment bekomme ich kalte Füsse und zwinge meine Hauptfigur dazu, jetzt ganz schnell für eine harmonische Lösung zu sorgen, weil ich sonst meine eigene Geschichte nicht ertragen kann. Meistens ist die Hauptfigur genauso harmoniesüchtig wie ich und dann ist sie so dankbar, dass ich sie vor dem Zoff gerettet habe, dass sie für viele viele Seiten schön brav tut, was ich von ihr will. Dann läuft das Schreiben wie geschmiert und die Geschichte wird immer langweiliger, bis am Ende sogar ich fast einschlafe. Manchmal aber ist die Hauptfigur gar nicht damit einverstanden, dass ich sie zu einer konfliktscheuen Marionette machen will und dann verweigert sie sich zuerst mal vollständig. Ich setze mich an den Computer und versuche zu schreiben, aber meine Hauptfigur schmollt und macht mir klar, dass sie erst dann wieder mitmachen wird, wenn ich ihr einen anständigen Konflikt biete. Weil ich auch Zoff mit meiner Hauptfigur schlecht ertragen kann, gebe ich irgendwann nach und was dann folgt, ist eine wilde Berg- und Talfahrt, während welcher die Figur sich einen Dreck schert um meine Bedenken und sich mit aller Welt anlegt. Dann gibt sie erst wieder auf, wenn sie jeden, der ihr über den Weg läuft, vor den Kopf gestossen hat. Und schliesslich, wenn sich die Hauptfigur genügend ausgetobt hat, dann lässt sie sich willig an der Hand nehmen und auf ein „happily ever after“  hinsteuern. Aber da mache ich nicht mehr mit. Denn wenn die Hauptfigur schon so eigenwillig Streit vom Zaun gebrochen hat, soll sie doch die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt hat. Die soll nicht glauben, ich würde ihr aus der Patsche helfen und alles wieder gerade biegen, was sie versaut hat.

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