Wer am lautesten schreit….

Meistens lassen mich Artikel über Kindererziehung ja ziemlich kalt. Was da geschrieben wird, passt für Grossfamilien einfach nicht. Klar weiss ich, dass es am besten ist, wenn man sich zu einem Kind auf Augenhöhe begibt und ihm tief in die Augen schaut, wenn man ihm sagen möchte, dass es etwas nicht tun soll. Aber wer schon mal versucht hat, fünf Kindern gleichzeitig tief in die Augen zu schauen, der weiss, was ich meine, wenn ich sage, dass das bei uns alles nicht ganz so einfach ist. Klar ist mir bewusst, dass es am besten wäre, wenn man jeden Abend mit jedem Kind den Tag bewusst mit einem Abendritual abschliessen könnte, aber würden wir das konsequent durchziehen, ich glaube, unser Abendrituale würden sich bis weit nach Mitternacht erstrecken. Auch wir versuchen, mit den Kindern abends bewusst ruhiger zu werden, den Tag mit Nähe ausklingen zu lassen, aber meist sitzen wir dann alle zusammen auf dem Sofa und schliessen den Tag gemeinsam ab.

Dennoch habe ich gestern den Artikel über das Vogelmutter-Prinzip in einer Familienzeitschrift von A bis Z durchgelesen. Im Artikel ging es darum, dass man als Eltern vermeiden sollte, dass derjenige, der am lautesten schreit auch am meisten Aufmerksamkeit bekommt. Denn wenn das Kind merkt, dass schreien zum Erfolg führt, schreit es beim nächsten Mal noch lauter. Eigentlich nichts Neues für mich, aber hin und wieder  ist es gut, sich solche Dinge mal wieder in Erinnerung zu rufen. Und da bei uns derzeit ziemlich laut und ziemlich viel geschrien wird, habe ich mir die Sache zu Herzen genommen. Heute Morgen im Bus hatte ich dann gleich Gelegenheit, das Gelesene zu testen. Der Zoowärter, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat wollten alle bei mir sitzen, keiner aber war dazu bereit, bei mir auf dem Schoss zu sitzen, damit ich allen Wünschen gerecht werden könnte. Während der FeuerwehrRitterRömerPirat sein Recht mit den Fäusten zu verteidigen suchte, Luise mich nett und freundlich darum bat, ich möchte doch endlich mal wieder neben ihr Platz nehmen, schrie der Zoowärter lauthals. Da ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten eben erst an der Bushaltestelle neben mir hatte sitzen lassen und ich den Artikel mit der Vogelmutter noch im Kopf präsent hatte, entschied ich mich dazu, Luises Wunsch zu erfüllen. Worauf der Zoowärter natürlich noch viel lauter schrie und dabei ohne Erfolg blieb, weil ich ja eben  keine Vogelmutter sein wollte.

Nun ja, der Zoowärter wäre ohne Erfolg geblieben, hätte nicht ein sehr freundlicher Buschauffeur eingegriffen. Er schnappte sich das Mikrofon und forderte den Zoowärter dazu auf, doch bitte zu ihm nach vorne zu kommen. Nach heftigem Widerstand von Seiten unseres Dreijährigen schaffte es „Meiner“, mit dem Zoowärter zum Chauffeur zu gelangen. Und dann ging die Post ab. Unser kleiner Trotzkopf durfte den Türöffner betätigen, bekam einen Fahrplan geschenkt, durfte dem Chauffeur beim Steuern zuschauen und erfuhr, dass im vergangenen Winter ein Häschen darum gebeten hat, mit dem Bus mitfahren zu dürfen. Und dass das Häschen im Frühling mit seiner ganzen Familie wieder Bus gefahren sei und dass es deshalb im Bus jetzt spezielle Billetts für Häschen gebe, von denen der Zoowärter eines haben durfte. Ausserdem erklärte der Chauffeur unserem staunenden Zoowärter, dass Elefanten nicht Bus fahren dürfen, weil sie viel zu schwer sind und gar nicht durch die Tür passen würden.

Derweilen sassen unsere restlichen Kinder brav bei mir hinten und schauten dabei zu, wie das Kind, das am lautesten geschrien hatte, am meisten Aufmerksamkeit bekam und dies, obschon ich mich brav daran gehalten hatte, keine Vogelmutter zu sein. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem Schreiwettkampf, den sich unsere Horde bei der nächsten Busfahrt liefern wird, wenn wieder der nette Chauffeur fährt….

8 Gedanken zu “Wer am lautesten schreit….

  1. Das denke (und hoffe) ich auch. Und auch wenn die wohlmeinenden Leute einem hin und wieder mal ins Handwerk pfuschen, so sind sie mir doch tausendmal lieber als jene, die schon wegen der kleinsten Sache anfangen, auf den Kindern rumzuhacken.

  2. Man kann denen ja auch nicht wirklich böse sein. sie meinten es nur gut und haben das ja auch toll gemacht. Nur, dass gerade in diesem einen speziellen Moment die Eltern etwas anderes im Sinn hatten.

    🙂

    Wahrscheinlich werden unsere Kleinen dennoch ganz passable Kinder, Jugendliche und Erwachsene (hoffe ich zumindest).

  3. Ja, daran wird’s wohl liegen. Vielleicht bringe ich ihm beim nächsten Mal eine Probenummer der Familienzeitschrift vorbei? 😉

  4. Jetzt habe ich aber beim lesen deiner Artikel.. sehr laut lachen müssen…. (zum Glück ist im Moment niemand da)….tja ich würde meinen Der Chauffeur hat nur so gehandelt da er den Artikel gar nicht gelesen hat!!!!

  5. Ja, der arme Mann tut mir fast leid. Er hat sich so viel Mühe gegeben und am Ende kritisiere ich ihn auch noch….

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