Mach‘ die Leine länger, Mama

Während ich mit einem Bein noch mitten im Babyalter stehe und mich noch immer mit halb-durchwachten Nächten abplage – heute Nacht war das Prinzchen ein Hahn, der fröhlich sein Kikeriki krächzte, bis „Meiner“ brummte, der Hahn solle jetzt doch endlich still sein -, tauchen am anderen Ende des Spektrums neue Fragen auf: Wie viel kann ich Karlsson schon zutrauen? Wann darf ich guten Gewissens ja sagen, wo muss er mit einem Nein leben können, weil er zwar schon fast zehn, aber lange noch nicht erwachsen ist? Während ich mich noch immer fühle wie eine Glucke, die stets darum bemüht ist, ihre Küken unter ihre Flügel zu sammeln, fängt Karlsson so langsam aber sicher an, sich einen erweiterten Radius zu wünschen. Nicht, dass sein Wunsch nach mehr Freiheit besonders ausgeprägt wäre – andere Kinder in seinem Alter sind da weitaus unternehmungslustiger -, aber doch so, dass ich so langsam aber sicher zu ahnen beginne, dass mein kleiner Karlsson ein grosser Karlsson werden will.

Ein grosser Karlsson,  der in drei Wochen zum ersten Mal ohne seine Eltern in ein Ferienlager fahren wird. Und sich unbändig auf diese Woche freut. Die einzige Sorge, die ihn dabei plagt, ist, ob er es eine Woche ohne seinen geliebten Eisbären David aushalten wird. Ob er ohne Mama und Papa auskommen wird, ist für ihn keine Frage. Er liebt es, hin und wieder ohne uns zu sein. Ich hingegen will mir lieber gar nicht ausmalen, wie sehr ich meinen Ältesten vermissen werde. Wie ich wohl hundertmal am Tag den Drang verspüren werde, die Leiter anzurufen, um nachzufragen, ob es meinem Sohn denn auch gut gehe. Wie ich mich zusammenreissen werde, um nicht zu heulen, wenn er eine ganze Woche lang nicht mit uns am Tisch sitzen wird. Ich meine, man muss sich das einmal vorstellen: Geschlagene sechs Tage zwanzig Kilometer vom Elternhaus entfernt, ohne anständiges Essen, in einem Bett, in dem schon hundert andere gelegen haben… Ach, Karlsson, musst du denn wirklich so schnell gross werden?

Karlsson scheint zu spüren, dass mir das Loslassen nicht so ganz leicht fällt. Und darum fängt er an, mich zu trainieren. Ob er noch im Schwimmbad bleiben dürfe, wenn der Schwimmunterricht vorbei sei, wollte er letzten Donnerstag aus heiterem Himmel wissen. Ich müsste bloss der Lehrerin einen Brief schreiben, dann sei die Sache geritzt. Wie bitte? Mein Sohn soll ohne mich im Schwimmbad bleiben? Was, wenn ausgerechnet an diesem Tag ein weisser Hai im Schwimmbecken auftaucht? Oder wenn eine Pferdebremse ihre Runden dreht? Oder wenn er gar am Ende noch ein Auge auf eine seiner bildhübschen Klassenkameradinnen wirft? Weiss denn mein armer kleiner Junge nicht, welche Gefahren da so lauern in einem öffentlichen Schwimmbad? Da kann Mama doch nur nein sagen, oder? Karlsson war da natürlich anderer Meinung, aber wie hätte ich denn reagieren sollen, wenn mein Kind von der Schule nach Hause kommt und so ganz ohne Vorwarnung von mir verlangt, dass ich ihn alleine unter ein Rudel von Wölfen gehen lasse?

Karlsson scheint aus der Situation gelernt zu haben: Diese Woche fragte er mich bereits zwei Tage im Voraus, ob er diesmal länger bleiben dürfe. Immerhin sei er letztes Mal fast der Einzige gewesen, der sofort hätte nach Hause gehen müssen. Nach reiflicher Überlegung gestattete ich ihm schliesslich schweren Herzens, dass er bis fünf bleiben dürfe, wenn sein bester Freund auch dürfe. Und natürlich schärfte ich ihm noch ein, dass ich ihn pünktlich zu Hause erwarten würde, weil sonst die Leine sofort wieder gekürzt würde. Karlsson versprach hoch und heilig, er werde um zwanzig nach fünf zu Hause sein. Und ward bis zwanzig vor sechs nicht mehr gesehen. Als ich gerade in Panik ausbrechen wollte – vorher hatte mich ein krankes Prinzchen davon abgehalten, zu bemerken, dass Karlsson schon längst hätte da sein sollen -, kam ein strahlender Karlsson angehumpelt. Er hätte Blasen an den Füssen gekriegt, entschuldigte er sich. Und weil seine Füsse so sehr geschmerzt hätten, habe er sich in der Apotheke verarzten lassen und von dort aus auch versucht, uns anzurufen, damit wir uns keine Sorgen machten, aber unser Telefon sei besetzt gewesen. Danach sei er weiter gehumpelt und weil die Schmerzen nur noch schlimmer geworden seien, habe er sich in der Drogerie noch einen weiteren Verband machen lassen. Und jetzt sei er wieder da, habe Hunger und wolle jetzt gleich etwas essen und zwar auf dem Sofa, weil sie ihm in der Apotheke gesagt hätten, er solle sich ein wenig hinlegen.

Und jetzt soll man mir mal sagen, wozu dieses Kind überhaupt noch eine Glucke braucht, wo es doch so gut auf sich selbst aufpassen kann. Ob mein Kind mir mit seinem mustergültigen Verhalten sagen möchte, ich sollte doch bitte ein klein wenig lockerer werden?

9 Kommentare zu “Mach‘ die Leine länger, Mama

  1. Ja, ja, das Loslassen. Der Teenager war letztes Jahr ohne uns zwei Wochen in Italien. Ich habe mein Auto extra in die Garage gebracht, damit es für eine eventuelle Fahrt in den Süden (Rückführung!) gerüstet sein möge und mich kaum vom Telefon weggetraut.
    Willkommen in der Hölle 😉

    • Du machst mir ja Mut… 😉 Wenn sogar du das sagst, wo du mir doch als eine der coolsten Teenager-Mütter rüberkommst, dann muss ich mich wohl tatsächlich auf Einiges gefasst machen….

  2. …als ob ich es wäre……als Mutter von 3 Kindern ( 20,17,15) fällt das Loslassen immer noch schwer, auch wenn man es mit der Zeit immer ein Stückchen mehr lernt…. Meinen Phantasien waren in „Extremsituationen“ keine Grenzen gesetzt. Aber geniesst diese Zeiten und Gefühle…die Kids werden leider viel zu schnell groß.
    Viel Spaß

    • Das mit den Phantasien kenne ich leider auch schon: Kaum kommt mal ein Kind fünf Minuten zu spät, schon erinnere ich mich an sämtliche Horrorgeschichten, die ich je in meinem Leben gehört oder gelesen habe.

  3. Ich kann so gut nachfühlen! Als unsere Aelteste das erste Mal ein Adonia-Lager besuchte, war ich täglich wie auf Nadeln. Leider hiess es im Infobrief, dass nur in Notfällen angerufen werden soll. Folgsam, wie ich war, verkniff ich mir den Anruf. Heute würde ich zum Telefon greifen – schliesslich war ICH definitiv ein Notfall 😉 Aber Kopf hoch – wir sind ja noch lernfähig und entwickeln uns zusammen mit unseren Kids weiter!!

    • Ob eine Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs als Notfall durchgeht? Ich kann es ja mal testen. Karlsson macht seine ersten Lagererfahrungen nämlich auch bei Adonia.

  4. Pingback: Mütterlicher Fortschritt « Schreibschaukel

  5. Willkommen im Klub der Pubertisten-Eltern…. 🙂

    Es wird von mal zu mal aber ein bisschen (aber nur ein klitzekleines bisschen) leichter. Umso schöner ist dann der Tag an dem sie alle wieder nach ihren Ferienwochen da sind – voller Geschichten, leicht ausgehungert, definitiv badewannenpflichtig und sehr sehr zufrieden mit sich selbst.
    DAS entschädigt dann auch für die eine Woche „was wäre wenn – Stress“

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