Ist doch alles gar nicht wahr!

Bis jetzt hatte ich ja stets vehement widersprochen, wenn mir mal wieder jemand mit der abstrusen Behauptung kam, jüngste Kinder seien verwöhnt. Wie kann man denn bloss so etwas behaupten, wo doch die jüngsten Kinder nicht nur von ihren grösseren Geschwistern immer wieder eins aufs Dach bekommen und sich anhören müssen, sie seien noch zu klein,  um mitzuspielen. Nein, die armen jüngsten Kinder müssen schon vom ersten Tag ihres Lebens damit klarkommen, dass ihre Eltern nicht mehr taufrisch sind, dass sie schon unzählige durchwachte Nächte hinter sich haben, dass sie nicht mehr bei jedem Lächeln die Kamera zücken, bei jedem neuen Wörtchen applaudieren, von jeder witzigen Situation ein Filmchen für YouTube drehen. Bis vor wenigen Wochen bin ich jedem, der behauptete, die Jüngsten hätten es am besten, noch fast an die Gurgel gesprungen. Immerhin bin ich ja selbst die Jüngste und glaubt mir, bei sechs älteren Geschwistern weiss ich sehr wohl, wovon ich rede, wenn ich behaupte, das Leben eines jüngsten Kindes sei nicht eitel Sonnenschein.

Doch inzwischen bin ich ja nicht bloss jüngste Schwester, sondern auch Mutter eines jüngsten Bruders und so langsam beginne ich zu ahnen, dass das Klischee vielleicht doch nicht ganz von Ungefähr kommt. Zum Beispiel dann, wenn ich nach einer halben Stunde Schlafliedchen-Singen folgsam noch ein weiteres Liedchen anhänge, wenn das Prinzchen mich mit hinreissendem Augenaufschlag auffordert: „genge“, womit er sagen will, dass er noch ein Liedchen will. Weshalb ich das mache, wo ich doch bei all den anderen Kinder spätestens nach dem vierten Lied gesagt hatte, es sei jetzt genug? Nun, offen gestanden weiss ich selbst nicht, ob ich weitersinge, weil ich inzwischen weiss, wie schnell die Zeit der Schlafliedchen vorbeigeht, oder weil ich keine Nerven mehr habe für das Gebrüll, das einsetzt, wenn ich nicht mehr singe, oder weil ich inzwischen wieder gelernt habe, dass es nicht Schöneres gibt, als einem Kleinkind beim Einschlafen zuzusehen.

Es gibt noch andere Situationen, in denen mir auffällt, dass das Prinzchen darf, was vor ihm noch keiner im Hause Venditti durfte: Auf dem Esstisch sitzen, zum Beispiel. Dies vor allem, weil ich meist gar nicht bemerke, dass das Prinzchen auf dem Tisch sitzt, weil ich gerade Karlsson bei den Hausaufgaben helfe, oder Luise in einen Schmetterling verwandle, oder den FeuerwehrRitterRömerPiraten davon überzeugen muss, dass es jetzt nicht Zeit ist, über die Römer zu diskutieren, sondern dass er jetzt in den Kindergarten gehen muss, oder dem Zoowärter ein Bilderbuch erzähle. Oder dann, wenn das Prinzchen zum hundertsten Mal aus dem Bett geklettert kommt und ich noch immer lache, weil er einfach zu süss aussieht. Luise haben wir damals, als sie im Ausbrecheralter war, mit Schlaftee zu beruhigen versucht, anstatt dass sich einer von und neben ihr Bett gesetzt hätte und endlos Schlafliedchen gesungen hätte…

Ich gebe es ungern zu  – und ich muss euch inständig darum bitten, meinen grossen Geschwistern nichts davon zu erzählen, weil sie dann wieder behaupten, sie hätten es ja schon immer gewusst -, aber ich muss gestehen, dass ich durchaus dazu neige, das Prinzchen zu verwöhnen. Nicht, weil ich ihn lieber hätte als die anderen vier, auf gar keinen Fall. Auch nicht, weil ich vor lauter Sentimentalität, dass die Babyzeit so langsam aber sicher zu Ende geht, nicht anders kann. Okay, gut, vielleicht spielt das ja ein ganz wenig mit, aber sagt’s bitte nicht weiter… Nein, ich denke, der Hauptgrund ist wohl, dass ich inzwischen gelernt habe, dass man einem Kind gar nie genug Liebe mitgeben kann. Und dann kann es schon mal vorkommen, dass ich vor lauter Liebe einmal ein Auge zudrücke, das ich früher noch nicht zugedrückt hatte, weil ich damals noch Angst hatte, ich würde meine Kinder zu sehr verwöhnen.

Wobei ich heute denke, dass man ein Kind, das mit vielen Geschwistern teilen muss, gar nicht wirklich verwöhnen kann. Denn genau so oft, wie ich jedem unserer Kinder zeige, wie viel es mir bedeutet, genau so oft kommt es vor, dass ich in Hitze des Gefechts übersehe, dass ein Kind mich jetzt ganz dringend gebraucht hätte.

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