Da sitze ich und bemitleide mich selber, weil das Erste meiner fünf Kinder so langsam aber sicher gross wird. Sehnsüchtig denke ich zurück an die Zeiten, als er noch ganz winzig war. Ich lache über die Wutanfälle, mit denen er mich damals, als er etwa drei war, beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte, ich grabe alte Anekdoten aus und starre minutenlang auf das erste Ultraschallbild, das mein erster Beweis war, dass aus einer ganz gewöhnlichen Frau schon bald eine jener Mütter werden würde, die im Nachhinein alles rosaroter sehen, als es je war. Und jetzt wird es wohl nur noch ein paar Jährchen dauern, bis ich zum ersten Mal im Brustton der Überzeugung behaupten werde, meine Kinder hätten sich nie gestritten, sie seien immer ganz brav gewesen. Und irgendwann werde ich wohl meinen eigenen Blogposts über das alltägliche Familienchaos nicht mehr glauben….
Aber eigentlich wollte ich ja von etwas ganz anderem reden, nämlich davon, dass ich vor lauter Sentimentalität beinahe übersehen hätte, dass auch für Karlsson die Veränderungen nicht immer einfach sind. Mal wünscht er sich, noch etwas länger klein bleiben zu dürfen, zum Beispiel dann, wenn die Kleinen noch ein Stofftier mitnehmen dürfen, er aber nicht mehr. Dann wieder brüstet er sich stolz damit, dass er als Einziger seiner Geschwister bereits hin und wieder zwei Stunden ganz alleine zu Hause bleiben darf. Mal beneidet er die Kleinen, weil sie noch keine Hausaufgaben erledigen müssen, dann wieder schüttelt er verständnislos den Kopf, wenn der Zoowärter nicht begreifen will, weshalb im Sommer kein Schnee fällt.
Es hat lange gedauert, bis „Meinem“ und mir endlich gedämmert hat, dass dieses ständige Hin und Her zwischen der Sehnsucht nach der sich ihrem Ende zuneigenden Kindheit und der Vorfreude auf das Abenteuer des Grosswerdens unserem Ältesten ganz schön zusetzt. Wir, die wir das Grosswerden schon hinter uns haben, – was sich bei mir in der Vertikalen allerdings stark in Grenzen gehalten hat – haben vergessen, was es heisst, wenn die Leute plötzlich nicht mehr „ach, wie süüüüüssss!“ seufzen, wenn sie einen ansehen. Wir haben übersehen, dass die Veränderung, die vor allem mir nicht immer leicht fällt, für Karlsson noch viel einschneidender ist als für uns. Wir mussten uns erst wieder in Erinnerung rufen, wie schwierig es war, den Schritt vom Kleinkind zum Schulkind, vom Schulkind zum Teenager, vom Teenager zum Erwachsenen zu machen, bevor uns bewusst wurde, dass unser Sohn nicht viel dafür kann, wenn er zurzeit launisch ist wie das Aprilwetter. Wenn er jede leise Ermahnung als Kritik an seiner Person empfindet, jeden Tadel als tiefe Beleidigung, wenn er ob all der Unsicherheiten so emotional wird, dass er inzwischen öfter die Tür knallt als seine Mama.
Nun denn, ich nehme an, ich werde meine Sentimentalitäten auf später aufschieben müssen, denn jetzt gilt es, unseren Grossen in einen neuen Lebensabschnitt zu begleiten.
