Nachahmungstäter

Um niemanden blosszustellen, nenne ich ausnahmsweise keine Namen. Angefangen hat die Geschichte damit, dass zwei unserer Kinder zwei Porzellanpuppen geschenkt bekamen. Wunderschön waren sie, mit eleganten Roben, hüftlangen Korkenzieherlocken und sanftem Lächeln. Nun sind bekanntlich die Puppen meist deutlich friedlicher als ihre Besitzer und so kam es, dass eines Tages die Puppenbesitzer in einen heftigen Streit mit einem ihrer Geschwister gerieten. Worum es ging, habe ich natürlich schon längst vergessen. Wo käme ich denn hin, wenn ich mich auch noch an all die Streitauslöser erinnern wollte? Das Resultat des Konflikts habe ich aber noch in lebendiger Erinnerung: Eines Tages standen die Porzellanpuppen mit geschorenem Haupt auf ihren Ständern. Die Lockenpracht war dahin, der Familienfrieden auch und nach stundenlangen Verhören konnte endlich der Frevler ausfindig gemacht werden. Die anderen seien immer so gemein, darum hätten die Puppen eben Haare lassen müssen, das war die nicht sehr logische, aber doch einfache Erklärung.

Porzellanpuppen ohne Locken sind natürlich nur noch halb so schön und deshalb musste Ersatz her. Dieser wurde in Strasbourg gefunden. Zwei neue Prachtsexemplare kamen mit uns nach Hause, um den armen Geschorenen Gesellschaft zu leisten. Ganze zwei Wochen lang dauerte das Glück, dann waren auch die Locken der Neuen weg. Der Verdacht fiel natürlich auf den ersten Missetäter, doch dieser verfügte über ein wasserdichtes Alibi. Blieben noch zwei Verdächtige. Der eine verstand gar nicht, was los war. Der andere wurde bald einmal still und blass und als wir drohten, alle drei müssten den ganzen Tag beim Aufräumen helfen, wenn sich der Schuldige nicht bald einmal melde, gestand er seine Tat. Der Grund? „Ich war böse auf Papa, weil er mich auf mein Zimmer geschickt hatte. Und die anderen sind ja manchmal auch gemein zu mir und da habe ich es eben gemacht,“

Ein klarer Fall von einer Nachahmungstat also und darum bin ich mir gar nicht so sicher, ob wir die Missetäter damit bestrafen sollen, dass sie auf Ricardo Puppen-Schadenersatz besorgen. Was, wenn das Lockenschneiden zum eingeschliffenen Verhaltensmuster bei Familienkonflikten wird? Dann scheren die eines Tages Luise und mich kahl, bloss weil sie gerade keine Porzellanpuppen zur Hand haben.

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