Immer schön im Takt bleiben

In zwei Wochen müssen alle Schüler Franz Schuberts „Forelle“ auswendig vorsingen und zwar vor versammelter Klasse. Wer mehr als achtmal daneben trifft, bekommt eine Ungenügende.

Einen Monat später müssen alle ein Klezmer-Stück vorspielen. Für ihren Vortrag können sie zwischen Violine, Klarinette, Akkordeon und Hackbrett wählen. Bei der Benotung wird nicht berücksichtigt, ob jemand musikalische Vorkenntnisse hat, oder ein blutiger Anfänger ist.

Die Klezmer-Prüfung ist tüchtig in die Hose gegangen, kaum einer hat eine genügende Note erreicht. Vor versammelter Klasse liest der Lehrer Namen und Noten vor. Diese Klasse sei eine Zumutung, findet er. Wenn es nach ihm ginge, müssten die Klassen nach musikalischen Fähigkeiten eingeteilt werden, dann müsste er sich nicht mit solchen Dilettanten herumschlagen.

Der Frühling naht, von jeder Klasse werden die besten Musiker auserkoren, zum Schuljahresende findet vor versammelter Dorfbevölkerung das Wettmusizieren statt. Mit lauten Rufen und viel Applaus werden die Wettkämpfer angespornt. Die Besten jedes Jahrgangs bekommen eine Auszeichnung und kommen in der Zeitung. Die Schüler, die ebenfalls ihr Bestes gegeben haben und es trotzdem nicht in die Endausscheidung geschafft haben, stehen mit hängenden Köpfen da und schämen sich.

Am gleichen Wochenende findet eine Sportshow der Schüler, die den freiwilligen Sportunterricht besuchen, statt. Wer muss, weil eines seiner Kinder mitmacht, begibt sich widerwillig in die Turnhalle, um der Vorstellung beizuwohnen. Doch eigentlich interessiert keinen, was die Schüler einstudiert haben, man unterhält sich lieber mit den anderen Anwesenden und wirft nur ab und zu einen geistesabwesenden Blick auf die Sportler, die ihr Bestes geben.

Wer ein guter Musiker ist, wird von allen Seiten gerühmt, Absenzen für Konzerte und Übungsstunden werden diskussionslos gewährt. Die Allerbesten schaffen es vielleicht sogar ins Musikgymnasium, ja, Vereinzelte dürfen ihr Land dereinst an den internationalen Musikfestspieken, die alle vier Jahre mit grossem Pomp durchgeführt werden, vertreten. An höheren Schulen wird gerne auch mal der reguläre Unterricht zugunsten einer Direktübertragung eines musikalischen Wettkampfs abgesagt. Wie gebannt sitzen dann die musikbegeisterten Schüler vor dem Bildschirm, alle anderen machen derweil gute Miene zum für sie ziemlich langweiligen Spiel.

Wehe dem Schüler, der aus seiner Abneigung gegen die Musik keinen Hehl macht. Der Zorn seines Lehrers und der Spott seiner Mitschüler sind ihm sicher. Wenn einer einen Stimmumfang von weniger als zwei Oktaven hat, wird er von den anderen gehänselt, wer lediglich ein paar Töne auf der Blockflöte blasen kann, wird stets als Letzter ins Ensemble gewählt.

Hin und wieder wagen vereinzelte Querulanten, die Dominanz des Fachs Musik in Frage zu stellen. Musik sollte doch in erster Linie Freude bereiten, meckern sie. Es sei absolut unfair, vollkommen ungleich musikalisch begabte Menschen mit dem gleichen Massstab zu messen. In der Mathematik und im Französisch gelte auch für alle das Gleiche, kontern die Musiklehrer, wer nicht zu den Besten gehöre, müsse sich eben mehr anstrengen.

So ist das mit der Dominanz des Musikunterrichts an unseren Schulen, ja, in unserer gesamten Gesellschaft. Oder habe ich da vielleicht etwas durcheinander gebracht?

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