Dauerverunsichert

Schwangere rennen wegen geringster Beschwerden zum Gynäkologen. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Die Notaufnahmen für Kinder sind heillos überlastet, weil Mütter und Väter bei jedem Wehwechen das Schlimmste befürchten und ins Spital fahren. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Man traut Kindern nicht mehr zu, den Schulweg alleine zu bewältigen, darum karrt man sie mit dem Elterntaxi hin. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Viele Lehrer klagen nicht über schwierige Schüler, sondern über aufsässige Eltern, die aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Sogar an den Hochschulen hat man es heute mit stänkernden Eltern zu tun. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Mütter und Väter lassen sich durch ihre Kinder tyrannisieren. Es gibt gar Eltern, die von ihren Kindern geschlagen werden. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Kaum ein Kind kommt heutzutage noch ohne Therapie durch die Kindheit. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Manche Mütter holen erst die Meinungen von Fachleuten, Freunden und Verwandten ein, ehe sie die schwerwiegende Entscheidung treffen, ihrem fiebernden Kind ein Fieberzäpfchen zu verabreichen (oder es eben nicht zu verabreichen). – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Okay, wir Eltern werden tatsächlich mit Ratschlägen, Infobroschüren, Fachliteratur, Expertenmeinungen und vielem mehr eingedeckt, sobald der zweite Streifen auf dem Teststäbchen sichtbar geworden ist. Obendrein sind die Medien voll von beängstigenden Geschichten, die einem vor Augen führen, was alles schief gehen kann. Da ist es ganz natürlich, dass man sich immer mal wieder verunsichert fühlt. Aber auf die Dauer ist das doch kein Zustand. Wer will denn schon ein hilfloser Laie bleiben, der sich stets von anderen sagen lassen muss, was jetzt gerade gut ist für das Kind, was man besser bleiben lassen soll und mit welcher Methode der „Erfolg“ garantiert ist? Wer will denn schon abhängig bleiben vom Wissen und der Erfahrung anderer?

Natürlich braucht es Fachleute, die dann helfen, wenn etwas wirklich schief geht. Alltagssorgen, seien sie nun gesundheitlicher, pädagogischer oder praktischer Natur, sollten Mütter und Väter aber ohne Expertenhilfe meistern können, und darum ist es an ihnen, sich das nötige Grundwissen und damit auch eine gewisse Sicherheit anzueignen. Alles andere ist in meinen Augen verantwortungslos. Die Verantwortung für unsere Kinder haben nämlich in allererster Linie nicht die Ärzte, Lehrer, Therapeuten und Berater, sondern wir, die wir die kleinen Menschen gezeugt und geboren haben.

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