Ende der Geschmacksverirrung

Lange Zeit habe ich mir eingeredet, so schlimm könne es doch nicht sein, doch seit heute gibt es keinen Zweifel mehr: Ich werde alt. Es ist noch gar nicht so lange her, da war klar, dass am Ende eines Tages wie heute ein Teller Pasta mit Mayonnaise und Käse stehen würde. Ein Tag, der wegen einer Mischung aus Hormonen und unbezahlten Rechnungen mit einem Heulkrampf beginnt, der damit weitergeht, dass wildfremde Kinder in unserem Garten auftauchen und das Prinzchen piesacken, ein Tag, der gewürzt ist mit diversen kleineren und grösseren Dramen und der mit dem vierten Musikschulkonzert innerhalb von drei Wochen und quälenden Bauchkrämpfen endet. Ein Tag also, den man nicht gelebt, sondern mehr schlecht als recht hinter sich gebracht hat. Ein Pasta-mit-Mayonnaise-Tag eben. 

Wenn ich es denn noch über mich brächte, Pasta mit Mayonnaise zu essen. Doch der Comfort-Food, der mich bei Teenager-Liebeskummer, schlechten Mathenoten, endpubertären Streitereien mit „Meinem“, Hochzeitsstress, Schwiegermutter-Dramen, Schwangerschafts-Elend, Babyblues und endlosen Tagen mit störrischen Kleinkindern getröstet hatte, schmeckt mir nicht mehr. Einfach so, ohne jegliche Vorwarnung, sind meine Geschmacksnerven erwachsen geworden und tolerieren keine derartigen Geschmacksverirrungen mehr. 

Gut, ich hab‘ festgestellt, dass Pasta mit Butter und Käse auch ganz tröstlich sind, aber irgendwie riecht das halt nicht gleich wohlig nach Selbstmitleid. Vielleicht liegt’s daran, dass man mit zunehmendem Alter nicht mehr so ungeniert im Selbstmitleid baden darf, weil man ja weiss, dass es anderen viel dreckiger geht. 

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6 Kommentare zu “Ende der Geschmacksverirrung

  1. Oh mein Gott.
    So lange lese ich schon still mit.
    Entdeckt habe ich Sie weil meine Tochter Leone & Belladonna bekam.

    Aber so verbunden wie heute hab ich mich Ihnen noch nie gefühlt.

    Soviele Jahre waren Nudeln mit Mayo und Käse mein Tröster und dann vor 2 Jahren wurd mir plötzlich übel davon. Ich kanns nicht mehr essen.

    Ich dachte ich sei allein damit.

    • Da müsste man doch glatt eine Studie durchführen, um herauszufinden, was so tröstlich ist an Pasta mit Mayonnaise und weshalb die Medizin irgendwann nicht mehr wirkt. 🙂

    • Nicht so ganz. Bin auch beim Schokoladenkonsum beängstigend vernünftig geworden. Was ich aber immer noch liebe, ist Milch aufgekocht mit Vanille-Puddingpulver und heiss genossen.

      • ich muss gestehen das weder vanille noch schokopuddingpulver in meinem haushalt vorhanden sind^^ wird immer „echt“ gemacht (etwas das ich vorrantreibe seit ich ihren Blog kenne und die Liebe zum „ursprünglichen“ entdeckt habe.
        Notfalltröster ist jetzt Yogitee mit viel Zucker und Zimt

      • Schokopuddingpulver habe ich auch nie. Nur Vanille. Ich gebe vor, ich würde das für den Wähenguss brauchen, aber in Wirklichkeit habe ich das nur als Vorrat für schwierige Lebensphasen. 😉

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