Expertengespür

Von Anfang an hat die Kinderärztin es mir eingeschärft: „Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Kind nicht mehr zu kennen, dann sollten Sie zum Arzt gehen. Sie kennen Ihr Kind am allerbesten und spüren darum auch am besten, wenn etwas nicht mehr stimmt.“ Ein einleuchtender Grundsatz, und doch hat es viele Jahre gedauert, bis ich nicht nur verstand, was sie damit meinte, sondern auch entsprechend zu handeln lernte. Mir fehlte das Selbstbewusstsein, dass ich zwar keine Expertin in Sachen Medizin bin, sehr wohl aber eine Expertin in Sachen Karlsson, Luise, FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen. Zu gross war mein Respekt vor dem medizinischen Wissen, über das entsprechend ausgebildete Menschen verfügen, das mir aber mangels einer solchen Ausbildung fehlt. 

Geändert hat sich dies erst, als ich mehrmals erlebte, wie ich mit meiner mütterlichen Intuition den Ärzten eine halbe Nasenlänge voraus war. So konnte man zum Beispiel Luises Blinddarmentzündung erst dann zweifelsfrei belegen, als der miese Kerl entfernt war, mir aber war bereits bei der Anmeldung auf der Notaufnahme klar, dass er es sein musste, der mein Töchterchen vor lauter Schmerzen schreien liess. Zwei oder drei ähnliche Begebenheiten führten mir endlich vor Augen, was ich in meinem Kopf bereits wusste: Als Mutter spürst du sehr genau, wann du deinem Kind selber helfen kannst und wann es medizinische Hilfe braucht.

Zugegeben, dieses Gespür kommt nicht über Nacht. Erst einmal brauchst du ein paar Jahre, um herauszufinden, wie jedes deiner Kinder in Sachen Krankheit tickt. Die einen – Karlsson, zum Beispiel – machen wegen jeder Bagatelle ein Geschrei, werden dann aber plötzlich ganz still und schlucken ihren Schmerz tapfer hinunter, wenn es ernst ist. Andere wiederum – bei uns der FeuerwehrRitterRömerPirat – sind so meisterhaft im Vortäuschen von Beschwerden, dass du ziemlich viel Übung brauchst, um zu erkennen, wann sie wirklich krank sind. Am einfachsten in Sachen Krankheit sind wohl Kinder wie der Zoowärter: Fast nie krank, wenn aber, dann gleich richtig und dann können sie dir auch sehr genau sagen, wo und wie es wehtut. 

Nicht nur das Verhalten der Kinder, auch der mütterliche Umgang mit diesem Gespür hat einen Einfluss darauf, wie wirksam es ist. Die leise innere Stimme lässt sich zum Beispiel ganz leicht mit Panikmache übertönen. Im Internet und im Gespräch mit der Schwiegermutter lässt sich ausreichend Material finden, mit dem man sich so richtig schön in eine Panikattacke hochschaukeln kann. Dann geschieht es, dass du heulend vor den Pforten der Notaufnahme stehst, obschon du tief in deinem Inneren wüsstest, dass du getrost noch abwarten könntest. Du kannst dir dieses Gespür auch klein reden lassen von irgend einem schnöseligen Assistenzarzt, der noch nicht begriffen hat, dass Eltern die besten Partner sind, wenn es um die Gesundheit eines Kindes geht und darum herablassend meint: „Woher wollen Sie denn wissen, dass es der Blinddarm ist?“ (Dies, meine Lieben, ist ein wortgetreues Zitat.) Natürlich kannst du dieses Gespür auch zur alleingültigen Wahrheit erheben. Schmerzhaft, wenn du dir irgendwann kleinlaut eingestehen musst, dass du dieses eine Mal vielleicht doch besser auf den Arzt gehört hättest. 

Mir scheint, inzwischen hätten auch viele Ärzte gelernt, dem Gespür der Eltern ein gewisses Gewicht beizumessen. Immer öfter fallen auf der Visite Fragen wie „Wie erleben Sie ihr Kind? Haben Sie den Eindruck, es spreche gut an auf die Behandlung? Antwortet es verlangsamt, oder entspricht dies seiner Art?“ So allmählich scheint man zu begreifen, dass Kinder am besten gesund werden, wenn man sie selber und auch ihre Eltern in die Behandlung mit einbezieht.

Auch ich fange endlich an, etwas zu begreifen und zwar dies: Im Spital pflegen sie dein Kind nur so lange, bis keine Gefahr mehr besteht und es gesund genug ist, um nach Hause zu gehen. Ob es auch gesund genug ist, den Alltag wieder in Angriff zu nehmen, liegt in meinem Ermessen, denn jetzt, wo die Experten getan haben, was ich nicht tun konnte, ist wieder meine Expertenwissen gefragt. Und dieses Wissen sagt mir, dass der Zoowärter noch längst nicht fit genug ist für Kopfarbeit. Darum ignoriere ich auch die Bemerkung der Lehrerin, der Zoowärter solle doch bitte übers Wochenende schon mal ein paar Hausaufgaben machen. 

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