Motivationssuche im Morgengrauen

Das linke Auge öffnet sich. „Dunkel“, brummt es. Das Rechte öffnet sich ebenfalls einen Spaltbreit. Eine Weile lang starren beide Augen ins Leere. „Viel zu dunkel“, brummen sie beide und schliessen sich wieder. „Aber der Wecker!“, schreit das Ohr hysterisch. „Lass ihn doch klingeln, den alten Tyrannen“, murmeln die Augen. „Aber dieser Lärm. Der ist nicht zum Aushalten“, jammert das Ohr. „Na, dann bring den Kerl doch einfach zum Schweigen“, schaltet sich die linke Hand ein und verpasst dem iPad, das heute die Rolle des Weckers spielt, einen Klaps. Ruhe. Himmlische Ruhe.

Acht Minuten lang, dann geht das Spiel wieder von vorne los, diesmal einfach mit dem Unterschied, dass sich auch noch die Zehen in die Diskussion einbringen. Das Ohr schon wieder vollkommen hysterisch, die Augen noch immer nicht bereit, sich offen zu halten – „Mich dünkt, ich hab‘ da noch ein bisschen was von dem Sandmännchenzeugs drin, ich mach lieber wieder zu.“ -, die linke Hand schon bereit, den Wecker wieder abzuwürgen. „Halt, lass ihn noch, ich teste mal die Temperatur da draussen“, ruft der linke grosse Zeh und streckt sich unter der Decke hervor. „Na ja, ist ganz angenehm. Von mir aus können wir es wagen…“ „Bist du verrückt geworden?“, meldet sich der rechte grosse Zeh, der sich von allen unbemerkt ebenfalls unter der Decke hervorgewagt hat, zu Wort. „Saukalt ist es ja nicht gerade, aber hier unter der Decke ist es allemal wärmer. Ihr anderen könnt von mir aus machen, was ihr wollt, aber ich bleibe hier und geniesse die Wärme.“ „Aber der Wecker!“, schreit das Ohr. „Halt die Klappe“, brummt die linke Hand, verpasst dem iPad einen weiteren Klaps und zieht dann mithilfe des linken Arms die Decke über den Kopf. „Zufrieden? Jetzt hörst du nichts mehr und kannst uns anderen in Frieden lassen.“

Diesmal herrscht länger Ruhe, denn das Ohr bekommt jetzt nicht mehr mit, dass der Wecker schon wieder meckert. Schliesslich fängt es aber doch wieder an zu stänkern: „Ich hör‘ da was…“, sagt es. „Du hörst immer irgendwas“, gibt der rechte grosse Zeh zurück. „Lass uns in Ruhe mit deinen Hörübungen“, motzen die Augen. „Immer diese übereifrigen Streber“, raunzt die linke Hand. „Nun seid doch mal still, ich höre wirklich etwas“, beharrt das Ohr. „Es klingt, als ob Luise und ‚Meiner‘ sich in den Haaren lägen. Irgend so eine Sache mit einer Hausaufgabe, die sie nicht erledigt hat. Ziemlich ernste Sache, dünkt mich. Ich rechne jederzeit mit einem lauten Türknall…“

„Ach, Sch…., dann müssen wir wohl“, meldet sich das Gehirn zum ersten Mal an diesem Tag zu Wort. „Tut mir leid, meine Lieben, es ist ja wirklich nett hier, aber wenn Luise und ‚Meiner‘ bereits vor dem ersten Türknall stehen, dann sind wir ganz eindeutig zu lange liegen geblieben. Also los, auf zur Friedensmission!“

Und jetzt endlich schafft es die demotivierte Bande, unter der Decke hervorzukriechen, den Wecker ein für alle mal zum Schweigen zu bringen und in die Küche zu schlurfen, um einer anderen demotivierten Bande Beine zu machen. 

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