Man könnte auch mal einfach mitdenken

Wir Schweizer können ja ziemlich viel mitreden, wenn es darum geht, die Geschicke des Landes zu bestimmen. Eine gute Sache, finde ich, auch wenn ich mich zuweilen frage, ob uns die Tragweite gewisser Entscheide bewusst ist. Und auch wenn sich zuweilen die Pessimistin in mir zu Wort meldet, die behauptet, das alles sei nur eine Farce, in Wirklichkeit hätten wir nicht mehr mitzureden als andere auch. 

Nun, wie dem auch sei, wir reden mit und das finde ich grundsätzlich gut. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien hat dieses Mitreden allerdings Formen angenommen, die mir ziemlich auf den Geist gehen. Man redet  – oder postet -, bevor man nachgedacht hat. Neuestes Beispiel: Es kommt zu einem schrecklichen Familiendrama, es gibt Hinweise, dass die Behörde versagt hat, die Boulevardpresse schlägt die Sache breit, bringt ein paar weitere Geschichten, die schief gelaufen sind und zwei Tage später verbreitet sich auf Facebook die erste Online-Petition, die „Weg mit dieser Behörde!“ fordert. Nicht nur mit der lokalen Behörde, die wohl wirklich ziemlich daneben lag mit ihren Entscheiden, sondern gleich mit dem ganzen System, landesweit. 

Kein Nachdenken. Kein Bewusstsein, dass wir nur die Version der Presse kennen und sich erst noch zeigen muss, was wirklich war. Keine Erinnerung an schlimme Geschichten, die es auch schon gab, als noch Laien für diesen Bereich zuständig waren. Kein Gedanke daran, dass es vielleicht gar nicht in unserer Kompetenz liegt, Behörden abzuschaffen, weil noch nicht alles so läuft, wie man sich das bei der Einführung vorgestellt hatte. Einfach mal lauthals dagegen anbrüllen, weil ja irgend einer, den wir irgendwo mal getroffen haben, auch schlechte Erfahrungen gemacht hat. Und weil die Partei, die lieber mit Schlagworten als mit praktikablen Lösungsansätzen politisiert, auch schreit, diese Behörde gehöre abgeschafft. Einfach mal Dampf ablassen, weil es so unglaublich gut tut, nicht nur am Stammtisch, sondern auch in den sozialen Netzwerken gehört zu werden. 

Versteht mich nicht falsch, auch mir bricht fast das Herz, wenn kleine Kinder sterben müssen, weil das System versagt. Auch ich wünsche mir Verbesserungen an diesem System, das noch zu viele Fehler macht. Aber ich masse mir nicht an, zu wissen, durch welche Verbesserungen sich solche Tragödien verhindern liessen. Um das herauszufinden, müsste ich mich mit der Materie auseinandersetzen und zwar vertieft, nicht nur mithilfe einiger Zeitungsartikel. Ich müsste Experten konsultieren, mir vor Ort ein genaues Bild über die Arbeitsweise dieser Behörde machen, Vor- und Nachteile abwägen – kurz: Ich müsste mitdenken, ehe ich mitrede

Dieses Mitdenken könnte zwei Dinge zur Folge haben: a) Ich begreife, dass ich in der Sache nichts zu sagen habe oder b) Ich sehe einen Weg, wie man sich für eine Verbesserung engagieren könnte. Dann aber richtig, nicht mit irgendwelchen unbedachten „Weg mit dieser Behörde“-Forderungen. 

Guerriero; Gianluca Venditti

Guerriero; prettyvenditti.jetzt

4 Kommentare zu “Man könnte auch mal einfach mitdenken

  1. Stimmt und die Behörde kann sich nicht einmal richtig rechtfertigen, wegen dem Amtsgeheimnis.
    Das gute am medialen Wirbel. Die Behörde muss untersuchen was falsch lief und hat so die Chance sich zu verbessern.

    • Das ist sicher so. Ich wünschte einfach, die Medien, die sachlicher über die Sache berichten würden mehr Beachtung finden, aber ich wünsche wohl vergeblich…

  2. Oh was habe ich mich schon über diese Stammtischkommentare auf den Onlineplattformen geärgert. In diesem Fall finde ich die Kritik aber teilweise gerecht. Es gibt halt viele Ungereimtheiten und Fakt ist, dass sehr viel an Fremdplatzierungen zu verdienen ist. Es tut mir so leid für die Kinder, ob die Mutter mit dieser Tat weiterleben kann, wird sich zeigen.
    Lg Carmen

    • Kritik ist selbstverständlich angebracht, aber diese unsachliche „Anti-KESB-Bewegung“ geht weit über das akzeptable Mass an Kritik hinaus und ist – meiner Meinung nach – politisch geschürt, weil gewisse Politiker lieber zurück zum alten (leider nicht besseren) System wollen.

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