DIY-Romantik

So, wie es aussieht, wird es dieses Jahr nichts mehr aus lauen Sommerabenden zu zweit, schon gar nicht auswärts. Die Gründe dafür sind vielfältig: Kinder, die wegen der Wärme den Schlaf nicht finden, abendliche Gewitter, ausgerechnet dann, wenn mal etwas früher Ruhe einkehren würde, Termine, die sich einfach so in die zu kurzen Sommermonate geschlichen haben und Käfer, die mich nun schon zum zweiten Mal innert weniger Wochen heimgesucht haben und mich dazu zwingen, den ganzen Tag im Dämmerzustand auf dem Sofa zu verbringen.

Nein, so habe ich mir den Sommer nicht vorgestellt. Was also tun? Mich grün und blau ärgern? Im Selbstmitleid versinken? Das bringt ja doch nichts, Alternativen müssen her. Eine davon wäre, das iPad schnappen, im Garten die Liegestühle aufstellen, die „Meiner“ neulich im Brockenhaus erstanden hat und einen Film reinziehen. Wenn wir nicht zum Open Air-Kino können, muss das Open Air-Kino eben zu uns kommen. Jetzt muss ich nur noch „Meinen“ dazu bringen, mein Krankenlager nach draussen zu transportieren und der romantische Abend ist zumindest halbwegs gerettet…

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Gespräch unter Forschern

Zoowärter, Prinzchen und ich sind im Auto unterwegs, das Prinzchen zeigt auf einen Sendeturm, der auf einem Hügel steht:

„Mama, ist dort das Weltall?“

Zoowärter: „Nein, das Weltall ist viel grösser.“

Prinzchen: „Mama, ist hier der Erdkern?“

Zoowärter: „Nein, der Erdkern ist ganz tief in der Erde drin.“

Prinzchen: „Ich will einmal im Sandkasten so tief graben, bis ich zum Erdkern gelange.“

Zoowärter: „Das darf man nicht.“

Prinzchen: „Ich schaue mir den Erdkern nur kurz an, dann mache ich das Loch wieder zu.“

Zoowärter: „Dann grabe ich mit, aber danach müssen wir das Loch ganz schnell wieder zumachen, der Erdkern ist nämlich sehr heiss.“

Aufklärung, Stufe 2

Stufe 1 war noch einfach: Die Kinder fragten, so wie Kinder eben fragen, wenn sie etwas wissen wollen. Wir antworteten, so wie Eltern eben antworten. Möglichst viel Wahrheit auf möglichst kindergerechte Art verpackt. Klar, hin und wieder mussten wir schmunzeln, wenn eine Frage aus erwachsener Sicht himmelschreiend komisch war – „Iiih, Mama, habt ihr das wirklich fünf Mal getan? Das ist ja eklig!“ -, aber ich glaube, im Grossen und Ganzen haben wir unser Ziel erreicht: offen und unverkrampft über die Dinge reden, welche die Kinder irgendwann eben wissen wollen. Kein Problem, solange das alles für die Kinder noch weit weg und sehr fremd war, etwa gleich fremd wie dasWeltall, die Tierwelt Australiens oder der Alltag der alten Griechen. Faszinierend ja, aber nicht wirklich relevant. Darum konnten sie ja auch so unbefangen fragen.

Jetzt aber, wo Stufe 2 kommt, wird es deutlich anspruchsvoller. Klar, wir sind weiterhin darum bemüht, offen und ehrlich zu sein, wir achten darauf, respektvoll mit dem Thema umzugehen und dennoch eine gewisse Leichtigkeit beizubehalten, wir signalisieren Gesprächsbereitschaft und doch spüren wir, wie da allmählich eine gewisse Zurückhaltung aufkommt. Da geschehen auf einmal Dinge, welche die Kinder nicht richtig einordnen können. Ja, Mama und Papa haben das erklärt, und sie erklären auch jetzt, wenn man fragt. Aber dass da wirklich etwas geschieht, dass der Körper sich wirklich allmählich verändert, darauf war man nicht vorbereitet. Darauf kann man wohl nicht vorbereitet sein, egal, wie viel man theoretisch schon weiss. Wenn man auf einmal fühlt, riecht, sieht, vielleicht auch leidet, dann wird einem die Sache peinlich, auch wenn die Eltern noch so sehr beteuern, dass man sich nicht zu schämen braucht, dass es vollkommen normal ist, was da geschieht, dass sie das Ganze auch einmal durchgemacht haben. 

Mag sein, dass es für unsere Generation schwieriger war, die Eltern dazu zu bringen, mit uns über die diese Veränderungen zu reden. Mag sein, dass viele von uns dadurch noch verwirrter waren, als man es ohnehin ist in dem Alter. Allmählich aber dämmert mir, dass der Weg vom Kind zum Erwachsenen nie schmerzfrei sein wird, auch dann nicht, wenn die Eltern gesprächsbereit, verständnisvoll und offen sind. Es käme uns nicht in den Sinn, die Kinder in der Sache allein zu lassen, aber gehen müssen sie den Weg selbst.

Ochsengespann

Mit mehr als einem Monat Verspätung haben „Meiner“ und ich es heute endlich geschafft, unseren vierzehnten Hochzeitstag zu feiern. Zuerst kam uns ja Zoowärters Spitalaufenthalt dazwischen, dann der Schuljahresabschluss, anschliessend die Ferienanwesenheit sämtlicher potentieller Babysitter, danach eine Phase, in der wir uns andauernd in die Haare gerieten und das Interesse an Zeit zu zweit sehr gering war und schliesslich auch noch meine Magen-Darm-Seuche.

Heute endlich fanden wir die Zeit, einen kinderfreien Nachmittag in der Sauna zu verbringen. Und wieder einmal wird mir klar, dass ich diesen Mann auch heute noch heiraten würde, dass wir zwei uns noch immer sehr viel zu sagen haben, dass wir noch immer viele gemeinsame Träume haben – und dass uns unser Alltag so oft die Energie raubt, mehr zu sein als ein Ochsengespann, das darum bemüht ist, den Karren über einen steinigen Feldweg zu ziehen.

Bilanz nach vier Tagen Strasbourg

  • Strasbourg ist wunderschön.
  • In Frankreich gibt es eine überwältigende Auswahl an unglaublich coolen,  schönen und sinnvollen Küchengadgets.
  • Auch wenn mir der Konsumwahn immer mehr zu schaffen macht,  wenn ich eine überwältigende Auswahl an unglaublich coolen,  schönen und sinnvollen Küchengadgets vor mir habe,  bringe ich es nicht fertig,  zu widerstehen.
  • Wenn der Euro für uns Schweizer so billig zu haben ist,  ist das seeeeeehr gefährlich für unser Familienbudget.
  • Unsere Kinder mögen kein Pain au Chocolat. Als ich in ihrem Alter war,  hätte ich für einen Bissen Pain au Chocolat mein letztes Hemd hergegeben. 
  • Die Franzosen mögen unsere Kinder nicht. Ob das damit zusammenhängt,  dass unsere Kinder kein Pain au Chocolat mögen,  oder ob es für diese Abneigung einen anderen Grund gibt,  weiss ich nicht. Tatsache ist,  dass unsere Kinder noch nie so oft vollkommen grundlos von wildfremden Personen ermahnt worden sind. Für grundlose Ermahnungen sind gewöhnlich wir Eltern zuständig und ich bin zutiefst beleidigt,  wenn ein anderer meine Aufgabe an sich reisst. Zumal die Ermahnungen wirklich grundlos waren.
  • Muss das Prinzchen ein paar Tage ohne seine Milch auskommen,  isst er plötzlich mit grossem Genuss Chicken Korma,  Madras Reis,  Samosas,  Mint Raita und sogar rohe Tomaten. Ich Rabenmutter hatte stets behauptet,  das Kind sei heikel,  dabei war es einfach pappsatt von der vielen Milch,  die es gewöhnlich in sich hineinschüttet. 
  • Luise gefällt es in Prag besser als in Strasbourg. Hat sie mir nur ca. 127 mal gesagt in diesen vier Tagen.
  • Babybel gibt es in verschiedenen Farben,  die für verschiedene Geschmacksrichtungen stehen. Während der Farbunterschied relativ einfach festzustellen ist,  versuche ich weiterhin herauszufinden,  wo sich der Geschmacksunterschied versteckt hat.
  • Während es die Franzosen problemlos fertigbringen,  bequeme Zugabteile für acht Personen zu bauen,  bringt die Deutsche Bahn auf einer ähnlich grossen Fläche gerade mal sechs Personen unter. 
  • Der Zoowärter scheint ein Ohr für die Französische Sprache zu haben. 
  • Karlsson und Luise scheinen derzeit ein Ohr für all jene Wörter zu haben,  die in ihrem Wortschatz nichts verloren haben. 
  • Egal wie perfekt ein Hotel sein mag,  auf TripAdvisor findet sich immer einer,  der eine schlechte Bewertung abgibt. Vielleicht,  weil ihm die Farbe des Teppichs nicht gepasst hat,  oder weil die Blumen an der Reception etwas welk waren. Hauptsache,  man kann sich über etwas beklagen.
  • Wenn ich „Meinem“ lange genug nichts schenke,  dann freut er sich auch, wenn er von mir einen Regenschirm bekommt. Nun gut,  der Regenschirm war ein Designstück…
  • Wenn man mit einer Europa-Fahne im Gepäck in die Schweiz reist,  lassen sie einen dennoch über die Grenze. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat’s getestet. Es gibt keinen Detektor,  der das Reisegepäck nach Europäischer Propaganda durchleuchtet.
  • Egal,  ob man lange oder kurz weg war,  wieder nach Hause zu kommen ist jedes Mal gleich schwierig. 

Souvenirs

Okay, dass ich mich in einer ausgeprägten „Trautes Heim, Glück allein“-Phase befinde, ist mir natürlich schon längst aufgefallen. Wie schlimm es aber tatsächlich um mich steht, habe ich erst gestern bemerkt. Ziehe ich gewöhnlich in jeder Stadt von Buchladen zu Buchladen, fand ich mich hier in Strasbourg beim Geschäft mit den Küchenschürzen wieder. Und ich bewunderte nicht das Modell mit dem topmodernen Cupcakes-Aufdruck, sondern die altmodischen mit den Störchen und den Bauernmägden, die Schürzen mit dem praktischen Knopf, an dem man ein Küchentuch befestigen kann. Nun ja, ich kann mir einreden, dass ich das Cupcakes-Modell nur deshalb kaum beachtete, weil es 35 Euro kostete, aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, dann muss ich gestehen, dass es das Küchentuch war, das mein Herz höher schlagen liess. Wie praktisch, ein Küchentuch, an dem man die Hände abwischen kann, damit die Schürze sauber bleibt…

Zuerst glaubte ich selber noch an einen Scherz, als ich zu „Meinem“ sagte, ich würde mir eine Schürze kaufen, aber spätestens als ich mit Luise darüber diskutierte, ob wir uns beide eine kaufen sollten und ob es nicht schön wäre, wenn wir beide die gleiche hätten, wusste ich, dass es kein Zurück mehr gab. Da stand nicht mehr die berufstätige Mutter, die sich einen Dreck darum schert, dass der Haushalt im Chaos versinkt, sondern die altmodische Hausfrau, die ihre Butter selber macht, die Müesli-Mischung und die Essiggurken. Diese altmodische Hausfrau, die sich in letzter Zeit immer öfter in den Vordergrund drängt, wenn wieder mal alles zuviel wird. Die Hausfrau, die beinahe in Freudentränen ausbricht, wenn sie ihren ersten hausgemachten Mozzarella serviert, die ihre Kinder nervt mit ihrem „Riecht mal an diesem Joghurt. Diese Frische, diese zarte Süsse, dieses Aroma!“. Die Hausfrau, die in Strasbourg keine Bücher kauft, sondern eine Küchenschürze mit Geschirrtuch, dazu noch passende Topflappen und ein geschnitztes Buttermodel.

Jetzt, wo mein Kaufrausch überstanden ist und ich mir meine Einkäufe genauer ansehe, wird mir ein wenig mulmig. Steckt in mir drin doch mehr Hausfrau als mir lieb ist, war das einfach ein kleiner Ausrutscher – so wie man vielleicht mal ein Buch kauft, das einem leicht peinlich ist- , oder stecke ich am Ende in einer Midlifecrisis?

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Strasbourg

Nun haben wir es doch nicht ausgehalten, fünf geschlagene Wochen in der Schweiz zu verbringen, währenddem alle anderen verreisen. Wir haben uns für Strasbourg entschieden, vier Tage nur, aber es reicht, um den Kopf frei zu bekommen und zu tun, was man sonst selten tut: Velos mieten und durch die Touristenmenge kurven – und mit dem Prinzchen im Kindersitz hinfallen, weil zwei Japaner mit ihren Kameras im Wege stehen -, mit dem Touristenboot die Kanäle der Stadt abfahren, Ganita schlürfen, den Flohmarkt durchstöbern, Toiletten suchen, mit Luise bei Pylones überteuerten Schnickschnack bewundern, bei „Paul“ den köstlichsten Joghurt aller Zeiten geniessen, das Münster bewundern – einfach alles, was nicht Alltag ist.

Vor lauter Touristenprogramm kommt es zuweilen vor, dass wir das Essen vergessen und so ist plötzlich weit und breit nichts Essbares zu haben, wenn sich bei sieben Vendittis gleichzeitig der Hunger meldet. Nur so kann ich es mir erklären, dass wir gestern ausgehungert und übermüdet in einem Kebab-Laden gelandet sind. Dort kam mir ein äusserst interessantes Gespräch zu Ohren. Ein Gast – vermutlich ein nach Deutschland ausgewanderter Italiener – und der Türkische Restaurantbesitzer unterhielten sich in einer Mischung aus Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch über die alten Währungen Europas. „Eine D-Mark, ça c’est quatre Französische Francs…“ „Yes, and un millione di Lire era how much?“ „Un million, c’était one Deutsche Mark, et une Deutsche Mark, c’était cobmien de Swiss Francs?“

So ging das Gespräch nahezu endlos weiter und später, als ich schlaflos im Bett lag und versuchte, die billige Pizza Margherita zu verdauen, überlegte ich mir, ob der Wirt und sein Gast hoffnungslose Nostalgiker waren, oder ob sie der Zeit vielleicht einfach ein paar Schritte voraus sind.

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Gespräch mit einer Immigrantin

Sie ist vor mehr als drei Jahrzehnten in die Schweiz eingewandert, die Sprache ist ihr noch immer fremd, die Lebensweise der Menschen hier versteht sie nicht immer und obschon sie nie mehr in ihre alte Heimat zurückkehren könnte, wird sie sich wohl auch hier nie ganz zu Hause fühlen. Wir kommen ins Gespräch miteinander – auf Italienisch, denn Deutsch geht nicht -, reden über meine Kinder und ihre Freunde.

Ich: „Ich bin so froh, dass unser Ältester gute Freunde gefunden hat, die ähnliche Interessen haben. Freunde, die damit leben können, dass er mit Fussball nichts anfangen kann.“

Sie: „Ja, es ist wichtig, dass die Kinder nicht in schlechte Kreise geraten.“

Ich: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat jetzt einen neuen Freund. Er kommt aus Eritrea, ein unglaublich fröhliches Kind. Die zwei verstehen sich prächtig.“

Sie (zögerlich): „Nun ja, ich denke, Kinder sind auf der ganzen Welt gleich. Aber Erwachsene… Aber die Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien sollen wirklich schlimm sein, sagt man…“

Ich: „Nun, hier im Dorf leben sehr viele nette Familien, die aus dem Balkan eingewandert sind…“

Sie: „Ja, kann schon sein, dass einzelne anders sind, aber die meisten sind richtig schlimm, glaube ich.“

An diesem Punkt musste ich meinen Nerven zuliebe das Thema wechseln. Wir redeten dann darüber, wie mühsam wir es finden, dass Ausländerfeindlichkeit immer salonfähiger wird.

Prinzchen-Patriotismus

Nein, ein Patriot ist er nicht, unser Prinzchen. Die Knallkörper sind ihm zu laut, die Wunderkerzen mag er nicht in der Hand halten, als wir die Vulkane anzünden verkriecht er sich ins Haus und die Raketen, welche die Nachbarn steigen lassen, will er nicht mal vom geschlossenen Fenster aus sehen. Zu seinem Glück fällt unser Feuerwerk wie jedes Jahr sehr bescheiden aus – wer will denn schon viel Geld für Brennbares ausgeben? Und so stellt unser Jüngster, als er sich in sein sicheres Bett verkriecht, befriedigt fest: „Mama, wir haben gewonnen beim Feuerwerk. Wir waren viel schneller fertig als alle anderen.“

Brav, mein Kind, genau so sehe ich das auch.

Kind, entspanne dich

Neulich lag eine Postkarte für „Meinen“ im Briefkasten. „Lieber Herr Venditti“, stand darauf, „seitdem ich nicht mehr zu Ihnen in die Schule gehe, haben sich meine Noten sehr verbessert. In Deutsch habe ich jetzt eine fünf, in Mathematik eine viereinhalb, in Sachkunde eine fünf und in Geschichte ebenfalls eine fünf. Liebe Grüsse aus Honolulu.“

Das Kind geht schon seit Jahren nicht mehr zu „Meinem“ in die Schule, seine Noten sind ganz okay – bei uns ist bekanntlich eins die schlechteste Note und sechs die beste -, es hat Sommerferien und dürfte ganz unbeschwert sein. Warum bloss verspürt das arme Kind den Drang, dem ehemaligen Lehrer eine Zusammenfassung seiner Schulleistungen um den halben Globus zu senden?