Da bin ich aber erleichtert

Nachdem  ich  gestern noch befürchtet hatte, ich müsste  mich jetzt, wo ich 35 geworden bin, zum alten Eisen zählen, habe ich mich heute wieder etwas beruhigt. Ich weiss jetzt, dass ich jung bin. Und auch meine Familie ist nicht überdurchschnittlich gross.  Sie ist „une jolie petite famille“ und „la maman est tellement jeune“. Für nicht Französischsprechende frei übersetzt: Ich bin jung und knackig und habe eine wunderschöne Kleinfamilie. Habe ich alles heute früh beim Einkauf erfahren.

Sollte also wiedermal einer sagen, „Meiner“ und ich hätten zu viele Kinder, dann können wir ihm jetzt entgegenhalten, mit fünf Kindern gelte man in Frankreich als Kleinfamilie. Dass es in Frankreich offenbar so wenige Kleinfamilien gibt, dass die Dame, die uns entdeckt hat auch noch andere Kundinnen auf unsere „jolie petite famille“ aufmerksam machen musste, brauche ich dann ja nicht zu erwähnen. Auch nicht, dass sie mich, wie so viele andere vor ihr, gefragt hat, wie ich das alles schaffen würde. In Zukunft werde ich uns ganz selbstbewusst als Kleinfamilie verkaufen. Und alt fühlen werde ich mich erst an meinem vierzigsten Geburtstag wieder. Versprochen.

028

Klamauk in der Ruhezone

Wenn ich mich alle Schaltjahre einmal in eine kinderfreien Zone begebe, werde ich innert Sekunden zum Kinderfeind. Man sollte es nicht für möglich halten, dass ich, die ich dafür plädiere, dass Kinder jeden hintersten Winkel dieses heruntergewirtschafteten Planeten beleben, mich je über kleine Menschen aufregen könnte. Aber ich kann es. Zum Beispiel, wenn man mir verspricht, dass in der Sauna nur Personen über fünfzehn Jahren Zutritt haben. Dann will ich dort keine Personen unter fünfzehn Jahren sehen, so gerne ich sie an allen anderen Orten auch sehen mag. Und erst recht will ich sie nicht hören. Und schon gar nicht herumschreien, lachen und blödeln hören. Dann will ich einfach meine Ruhe haben.

Noch mehr als herumblödelnde Kinder in der Sauna nerven mich die Mamas, die dies ihren Sprösslingen erlauben, die nicht einmal einschreiten, wennn es in der Ruhezone wirklich unerträglich laut wird. Brauchen die denn nie eine Verschnaufpause von ihren Kindern? Ist es denn wirklich zuviel verlangt, dass man sich an diese eine simple Regel hält? Ich schleppe ja meinen Nachwuchs auch nicht mit in die Sauna. Auch nicht dann, wenn sie mich auf Knien darum anflehen. Mütter müssten doch wissen, dass andere Mütter zuweilen ganz froh sind um einige Momente der Ruhe. Warum gönnen sie die einem dann nicht? Vielleicht deshalb, weil sie selber die Sauna auch nicht als einen Ort der Entspannung sehen.  Sondern als einen Ort, an dem man mit der Busenfreundin den neusten Tratsch austauscht.

Und jetzt ist fertig gejammert. Der Rest meines Geburtstags ist nämlich äusserst angenehm verlaufen.

025

Kinderprogramm

Vielleicht sind hier doch nicht alle so nett. Ich zumindest finde es nicht besonders nett, wenn der Vergnügungs- und Kletterpark geschlossen ist und bis zum Tag unserer Abreise geschlossen bleiben wird, obschon auf dem Werbeprospekt steht, er sei bis zum 4. November täglich geöffnet. Ich finde es auch nicht nett, dass die Schlittschuhbahn ebenfalls den ganzen Oktober geschlossen ist, das Schwimmbad erst nachmittags um vier öffnet und die Minigolfanlage jeweils von acht Uhr abends bis zwei Uhr morgens offen ist. Nicht gerade die Tageszeit, zu der wir mit unseren Kindern unterwegs sind. Und ich finde es erst recht nicht nett, dass unsere Kinder im Café zurechtgewiesen werden, sie dürften die Spatzen nicht füttern, während der ältere Herr am Nebentisch dies ungestraft tun darf. Okay, wie bekommen dafür einen Schleckstengel geschenkt und der ältere Herr nicht, aber ob es nett war, Kindern Schleckstengel zu schenken, zeigt sich jeweils erst, wenn der Zahnarzt später auch keine Löcher in den Gebissen der Kinder findet.

Eigentlich weiss doch jeder, dass ein ansprechendes Kinderprogramm  das A und O eines gelungenen Ferientages ist. Weil dies heute aber partout nicht klappen will, müssen wir eben zum Erwachsenenprogramm übergehen: Tee und Törtchen in einer romantischen Konditorei. Sehr gemütlich. Bis Luise ihren Durst unter dem Tisch zu stillen beginnt. Das Personal soll ja nicht sehen, dass wir eine angefangene Limonadenflasche vom Mittagessen ins Lokal geschmuggelt haben. Dummerweise bemerkt der Zoowärter, dass er auch durstig ist, will aber nicht verstehen, dass er heute nur unter dem Tisch trinken darf. Wo es doch sonst immer heisst, er dürfe nicht unter dem Tisch essen und trinken. Da verstehe einer diese Eltern! Natürlich gibt es ein Geschrei, in welches alsbald das Prinzchen einstimmt, weil er hundemüde ist und ausserdem eine volle Windel hat. Gäste und Personal atmen hörbar auf, als wir das Lokal fluchtartig verlassen.

Das also war die erste Hälfte meines 35. Geburtstags. Bleibt zu hoffen, dass die zweite Hälfte besser wird. Immerhin ist es schon hart genug, dass ich mich jetzt endgültig nicht mehr jung nennen darf. Aber um diesen Schmerz zu lindern habe ich von „Meinem“ heute Morgen eine Mini-Weiterbildung und eine Flasche Tonic-Water geschenkt bekommen und das tröstet über Vieles hinweg…

042

Weit weg vom Alltag?

Eigentlich reist man ja in die Ferien, um mal wieder Ruhe zu haben vor allem, was im Alltag so lästig ist: Rechungen im Briefkasten, Vertreterbesuche, Versicherungsanträge, Werbeanrufe. Meistens gelingt das tadellos, man taucht ein in eine andere Welt, leistet sich Dinge, auf die man zu Hause verzichtet, vergisst den Alltagsstress. Herrliche Ruhe vor dem Telefon! Nicht so, wenn man mit Hapimag Ferien macht. Da läutet nämlich schon an Tag 3 das Telefon. Während des Abendessens! Ob wir nicht auch Hapimag-Aktien kaufen möchten? Oder zumindest an einer Präsentation teilnehmen möchten? Mit einer Engelsgeduld wimmelt „Meiner“ den Telefonverkäufer ab, erklärt ihm, dass er als fünffacher Vater und Primarlehrer wohl nicht ganz zur Zielgruppe von Hapimag gehört.

Wie wir überhaupt zu Ferien mit Hapimag gekommen sind? Nun, das war ein Geschenk, das letztes Jahr bei der Heizölbestellung inbegriffen war. Für einmal bescherte uns die Heizöllieferung mehr als bloss ein schlechtes Gewissen, dass wir unsere Ölheizung noch immer nicht gegen ein umweltfreundlicheres Modell eingetauscht haben. Dass wir als Gegenleistung für das Geschenk auch in den Ferien Werbeanrufe würden abwimmeln müssen, hat uns natürlich keiner gesagt. Wir hätten gedacht, die würden dann erst zu Hause wieder versuchen, uns Ferienaktien aufzuschwatzen. Dabei ist doch sonnenklar, dass wir nicht die Zielgruppe von Hapimag sind. Kaum bläst Karlsson auf dem Balkon stolz in seine Tröte, steht auch schon der Nachbar auf der Matte. Pöbel wie wir hat hier definitiv nichts verloren.

032

Vorurteile

Okay, ich geb’s ja zu. Ich habe zugelassen, dass sich in meinem Kopf Vorurteile bilden, und zwar gegen die Franzosen. Wer gerne nach England reist und auch sonst eher anglophil ist, denkt wohl mit der Zeit automatisch, die Franzosen seien arrogant, unfreundlich und was der Klischees sonst noch sind. Allein schon wegen  der Kontinentalsperre zu Zeiten Napoleons. Und Nicolas Sarkozy hat nicht eben dazu beigetragen, dass mir die Franzosen sympathischer wurden. Doch jetzt, wo ich nach vielen Jahren wieder mal in Frankreich bin, merke ich einmal mehr, dass Vorurteile nichts taugen. Die Franzosen sind ebenso nett, ebenso hilfsbereit, ebenso kinderfreundlich wie der Rest der Welt, nämlich mal mehr, mal weniger.

In einem Bereich werden wir uns aber trotz  aller wiedergewonnenen  Sympathie wohl nie finden: In der Abfalltrennung. Da soll ich doch tatsächlich PET-Flaschen, zerfledderte Zeitungen, Konservendosen und Aludeckel in den gleichen Sack schmeissen! Und Grünabfälle zusammen mit dem „Restmüll“ entsorgen! Wie können die nur? Bei jedem Aludeckeli, das im Sack landet, schreit die umweltbewusste Schweizerin in mir, die von frühester Kindheit an auf Aludeckelisammeln trainiert wurde, entsetzt auf. Bei jedem Salatblatt, das ich zum  „Restmüll“ schmeisse, schaue ich vorsichtig über meine Schultern. Hat mich auch ganz bestimmt keines der Kinder beobachtet? Nicht dass sie dieses frevelhafte Tun übernehmen und zu Hause den Abfall plötzlich à la francaise trennen.

Was mich an der ganzen Sache am meisten irritiert, ist, dass man mich dazu auffordert, den Abfall der Umwelt zuliebe auf diese Art und Weise zu trennen. Da meint man ganz naiv, Umweltschutz sei ein universelles Anliegen und muss erkennen, dass das, was der Schweizerischen Umwelt schadet, der Französischen Umwelt nützt. Und vielleicht auch umgekehrt…

039

Souvenirjagd

Irgendwann, vor etwa drei Jahren, hat es sich in unserer Familie eingebürgert, dass jedes Kind pro Urlaub ein Souvenir auswählen darf. Eines, nicht zwei, drei oder vier, wie Karlsson jeweils wünschte. Meistens überlegen sich die Kinder bereits auf der Hinreise, was sie auswählen werden, obschon sie das landestypische Sortiment an Kitsch noch gar nicht kennen. Kaum ist man dann  angekommen, möchten sie die Läden stürmen. Doch „Meiner“ und ich sind da jeweils strikte dagegen. Die Kinder sollen zuerst vergleichen, was es auf dem Markt gibt. So ein Souvenirkauf muss wohlüberlegt sein. Man könnte es sonst später bitter bereuen, dass man sich zu früh zu einem Kauf entschieden hat. Zumal es ja, wie bereits erwähnt, nur ein Souvenir gibt.

Dieses Mal schafften wir es, die Souvenirjagd bis Montag herauszuzögern. Als ich aber heute im Supermarché Nachschub für unseren Kühlschrank besorgen musste, gab es für die Kinder kein Halten mehr. Zwei volle Ferientage ohne Souvenirshopping, das war einfach zu viel des Guten. Der Erste, der sein Herz an etwas hängte, war der FeuerwehrRitterRömerPirat. Eine hässliche Blechbox mit diesem dämlichen McQueen von Disney drauf für 6 Euro sollte es sein. Wie sollte ich ihm das bloss wieder ausreden? Theoretisch ist es nämlich so, dass „Meiner“ und ich unseren Kindern im Rahmen des Budgets freie Hand lassen beim Souvenirkauf. Deshalb kommt es nicht in Frage, dass wir einfach plump nein sagen zu einem Wunsch. Da müssen schon diplomatischere Künste her. Mein erstes Argument, dass es diesen Mist auch zu Hause gebe, zog nicht. Er habe noch nie so etwas gesehen in der Migros, entgegnete mir ein zu allem entschlossener FeuerwehrRitterRömerPirat. Auch das Argument, er solle sich doch zuerst die anderen Sachen ansehen, bevor er sich entschliesse, zog nicht. Deshalb musste dann eben doch ein Nein sein. Ich kenne doch meinen Dritten:  Sobald er etwas anderes sieht, das sein Herz begehrt, schaut er mich treuherzig an und murmelt, er hätte noch gar kein richtiges Souvenir gekauft. McQueen gebe es ja auch in der Schweiz. Und ehe ich es verhindern kann, hat der Schlaumeier zwei Souvenirs. Und wenn er zwei bekommt, braucht Karlsson auch ein Zweites,  und Luise auch.

Irgendwie schaffte ich es, einen traurigen FeuerwehrRitterRömerPiraten aus dem Laden zu lotsen. Das war auch dringend nötig, denn Luise hatte sich bereits auf die Auslage im Geschäft gegenüber gestürzt. Für sie sollte es ein Picknick-Korb sein. So einen, wie sie „schon immer“ gewollt hatte. Eine gute Wahl, bloss etwas teurer als die Limite von 10 Euro, die ich mir gesetzt hatte. Aber weil Luise ja ihr ganzen Leben nichts anderes begehrt hatte als diesen einen Picknick-Korb, konnte ich ihr den Wunsch nicht abschlagen. Den in Souvenirfragen noch ziemlich anspruchslosen Zoowärter beglückte ich im gleichen Laden mit sechs kanllbunten Badeenten und schon war die Hälfte des Einkaufs getätigt.

Weiter also zu Karlssons Traumladen, „100 000 Souvenirs“ genannt. Doch oh weh, der Laden ist montags geschlossen. Weil aber Karlsson keine weitere Minute ohne sein Souvenir leben konnte, musste schnell gehandelt werden. Zum Glück gab es ein paar Schritte weiter vorn einen weiteren Einkaufstempel. Leider wurde dieser gerade von einer Horde italienischer Senioren überfallen, so dass ich mich nicht mehr voll und ganz auf die Einkäufe meiner Söhne konzentrieren konnte. Ich brauchte nämlich meine ganze Energie dafür, mit Ellbogen und bösen Blicken meinen Platz in der Warteschlange zu verteidigen. Und ehe ich mir’s versah, waren Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat zu stolzen Besitzern von zwei Tröten aus echtem Kuhhorn geworden.

Ich möchte bloss wissen, wer ihnen diesen Mist gekauft hat. Haben die Jungs denn keine Mama, die ihnen beim Einkauf ein wenig auf die Finger schaut?

044

Liebesbrief an die moderne Technologie

Immer, wenn  wir in die Ferien verreisen gilt meine erste Sorge dem Internetanschluss. Nicht dass ich mich in der Illusion wiege, meine Leser könnten nicht ein paar Tage ohne neues Gebrabbel meinersteits auskommen. Ob ich das allerdings  überstehen würde, ist eine andere Frage. Diesmal aber war es besonders wichtig, denn ich hatte den Abgabetermin meiner Kolumne bereits verschieben müssen, weil ich Donnerstag und Freitag im Spital mit Warten vertrödelt hatte. Die Zeit drängte also, als wir in Chamonix ankamen. Undwie immer, wenn die Zeit drängt, lief alles schief.

Zuerst mal funktionierte das Modem nicht, das mir die Réception zur Verfügung gestellt hatte. Also begann ich ohne Internetverbindung zu schreiben. Irgendwann stellte ich mit Schrecken fest, dass das Schreibbprogramm des Laptops zwar Wörter, nicht aber Zeichen und Leerschläge zählt. Also begannen „Meiner“ und ich zu zählen. Dies aber passte dem Laptop nicht, weshalb er zu protestieren begann, sein Akku werde demnächst leer sein, was dazu führte, dass „Meiner“ und ich panisch begannen, den Text von Hand abzuschreiben, denn der Adapter für ausländische Steckdosen war mal wieder zu Hause geblieben und die Réception war inzwischen geschlossen. Also ab zum Computer in der Lobby, der aber aus unerfindlichen Gründen etwas gegen mich hat und alles tat, nur nicht das, was ich will.

Irgend wann gab ich auf, stürmte entnervt in die Ferienwohnung, wo ich einen hefitgen Streit mit „Meinem“ vom Zaun brach. Wenn ich schon keinen an der Réception zur Schnecke machen konnte, musste eben „Meiner“ dranglauben. Und man sagt ja, die meisten Paare würden in den  Ferien streiten, weshalb also sollten wir eine Ausnahme machen?

Wie die Kolumne dann doch fertig geworden ist? Nun, heute früh – und ich meine wirklich früh – funktionierte alles wieder tadellos. Und zum Zeichen der Versöhnung hat mir „Meiner“ sogar ein  anderes Modem geholt an der Réception. Somit fanden meine von Hand abgezählten 3000 Zeichen inklusive Leerschläge gerade noch rechtzeitig den Weg nach Aarau. Ob der Text gut ist? Keine Ahnung. Bei so viel Zählen konnte ich mich nicht auch noch auf den Inhalt konzentrieren…

Und jetzt starten wir einen neuen Anlauf, das süsse Leben hier zu geniessen.

023

Das schaffe ich doch mit links…

Meine Naivität scheint einfach keine Grenzen zu kennen. Da reise ich mit drei Kindern, einem Kinderwagen und drei Taschen im Zug nach Chamonix – „Meiner“ fährt mit dem Prinzchen und Karlsson im Auto –  und glaube allen Ernstes daran, ich könne unterwegs noch Zeitung lesen. Okay, gewöhnlich bin  ich mit fünf Kindern unterwegs, und drei Kinder sind zwei weniger als sonst, aber es sind dennoch drei Kinder und nicht drei Bücher, oder drei Einkaufstaschen, oder drei Velos. Entsprechend ist der Stress auch nicht gerade klein. Und dass wir fünfmal umsteigen müssen, erleichtert die Sache nicht unbedingt.

Es fängt schon beim Einkaufen des Proviants an. Das heisst, der Proviant ist schnell erledigt. Die Auswahl der Reiselektüre ist da schon schwieriger. Doch weil wir bis vorgestern noch nicht sicher waren, ob der Zoowärter überhaupt reisen darf, verliefen die Vorbereitungen etwas überstürzter als sonst. Und so stehe ich vor dem Regal, schaue entnervt auf die Uhr und warte, bis sich Luise und der FeuerwerRitterRömerPirat entschliessen können. Weil die Zeit drängt, verlasse ich den Laden mit einem Papa Moll-Buch und einem Disney-Schinken. Himmel, wie tief kann man denn noch sinken? Aber ich habe keine Zeit, mir weiter über mein gesunkenes Niveau den Kopf zu zerbrechen, denn jetzt müssen wir zum Bahnhof rennen.

Die Reise ist dann das Übliche: Kinderwagen in den Zug hieven, schimpfen wie ein Wald voller Affen, weil sich das Vorderrad verkeilt hat und einem keiner hilft, Sandwiches auspacken und von den Sitzen kratzen, wenn sie runtergefallen sind, aufs WC rennen mit dem Zoowärter, während Luise auf den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufpasst, Kakao aufwischen,  der in der Tasche mit den Stofftieren ausgelaufen ist, den Zoowärter zurechtweisen, weil er im überfüllten Familienwagen ein Mädchen gebissen hat, die Mutter des Mädchens ankeifen, ich würde mich selber um die Erziehung des Zoowärters kümmern, sie müsse ihm keine Sanktionen androhen, Saft aufwischen, den  FeuwerwehrRitterRömerPiraten daran hindern, auf dem Polster herumzuhüpfen, die Sitznachbarin anlächeln, weil sie die Kinder so süss findet, Luise trösten, weil ihr geliebter Stoffhase im Auto reist und zwischendurch mal immer wieder tiiiiieeeef seufzen.

Erstaunlicherweise bringen wir die Reise dennoch ohne grössere Zwischenfälle hinter uns, wenn man mal davon absieht, dass wir beinahe in Vallorcine gestrandet wären, weil für die SBB das Überqueren der Schweizergrenze gleichbedeutend ist mit Umsteigen in einen anderen Zug.  Aber eben, wir sind nur beinahe gestrandet und deshalb habe ich jetzt endlich Zeit und Musse, die gestrige Zeitung zu lesen, die im Zug aus mir völlig unverständlichen Gründen ungelesen geblieben ist.

031

Von Bildung und Liebe

„Das Einzige, das Eltern ihren Kindern dauerhaft vermachen können, ist gute Bildung“, muss ich in der aktuellen Ausgabe des „Spiegels“ lesen. Mit dieser Aussage will der Leiter einer elitären Privatschule erklären, weshalb teure Bildungsangebote sinnvoll seien. Seine Aussage macht mich stutzig.  Bis anhin hatte ich nämlich ganz naiv geglaubt, das Einzige, was wir Eltern den Kindern dauerhaft vermachen könnten, sei Liebe. Und damit hatte ich mich auf der sicheren Seite gewähnt. Denn während unser Bankkonto nicht ausreichend gepolstert ist, um unseren Kindern eine elitäre Privatschule zu ermöglichen, mangelt es bei uns nicht an Liebe zu den Kindern. Im Gegenteil: Sie wächst sogar täglich, trotz aller Widrigkeiten, denen man im Familienalltag so begegnet.

Bei der Bildung hatte ich bis anhin immer geglaubt, die nütze nur etwas, wenn das Kind seinen eigenen Beitrag dazu leiste, sich selber an die Arbeit mache um zu lernen, was es nur könne. Und wenn das Kind sich verweigere, nütze auch die beste Privatschule nichts. Doch jetzt muss ich mir sagen lassen, dass unsere Kinder von uns nur gute Bildung wollen und nicht so etwas Diffuses wie elterliche Liebe. Mist! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir all den Stress mit den fünf Kindern sparen können. Dann wäre ich besser Lehrerin an einer elitären Privatschule geworden. Da würde ich wenigstens anständig bezahlt für meinen Job.

Fragt sich bloss, wohin ich mit all der Liebe soll, wenn die doch gar nicht gefragt ist…

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Expertenrunde

Kaum sind der Zoowärter und ich wieder zu Hause, bekommen wir die Meinungen von Experten zu hören. Das was vorgefallen sei, sei  alles gar nicht weiter schlimm, sagt eine Bekannte zu „Meinem“ am Telefon, nachdem „Meiner“ sich wegen der durchwachten Nacht geweigert hatte, all ihrem Gequassel zuzuhören. Sie habe als Kind genau das Gleiche erlebt und deshalb müsse er sich überhaupt keine Sorgen machen, sagt sie und quasselt weiter über Dinge, die für uns momentan gar nicht weiter schlimm sind.

Die nächste Expertin meldet sich ein paar Stunden später. Auch sie hat irgend einen Ratschlag für uns parat, den ich Gott sei Dank vergessen habe, weil ich zu müde bin, um in meinem Gehirn Unwichtiges zu speichern. Schliesslich meldet sich dann auch noch die Schwiegermutter zu Wort, selbsternannte Expertin in sämtlichen Gesundheitsfragen. Die weiterführenden Untersuchungen seien komplett unnötig, versichert sie. Eine Epilepsie könne man ausschliessen. Aber gegen Schweinegrippe müssten wir den Kleinen impfen. Das sei der Grund, weshalb er gestern diesen Zusammenbruch erlitten habe.

Zum Glück gibt es auch noch Leute, die einfach so anrufen, um zu fragen, wie es dem Zoowärter gehe, die Verständnis haben, dass man nach so einem Erlebnis leicht erschüttert und ziemlich durcheinander ist. Das sind eindeutig meine Lieblingsexperten…

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