Komma

Da ich heute noch immer leicht schreibblockiert bin – darüber schreiben hilft nicht immer – (Komma) ich noch in diesem Jahr ins Bett kommen möchte und ich ausserdem gerade festgestellt habe (Komma) dass die Kommataste streikt (Komma) weil eines der Kinder Rimuss über die Tastatur geschüttet hat (Komma) heute nur dies: Ich wünsche allen (Komma) die  – regelmässig oder nur ab und zu – hier vorbeisurfen (Komma) ein gesegnetes neues Jahr. Schön (Komma) dass ihr mir das gute Gefühl gebt (Komma) nicht alleine in diesem Chaos zu stecken. Und nein (Komma) ich verrate euch nicht (Komma) wie der Rimuss zur Computertastatur gekommen ist. Ihr könnt es euch ja ausmalen…

War das ein Jahr?

Wie es sich gehört, halte auch ich in diesen etwas ruhigeren Tagen Rückschau auf das Jahr, das schon bald nichts mehr ist ausser ein paar Erinnerungen. Und genau bei diesen Erinnerungen hapert es diesmal ganz gewaltig. Nun gut, da gibt es schon den einen oder anderen denkwürdigen Moment – Spaziergänge durch Prag mit der ganzen Horde, Rigoletto im Avenches mit Karlsson, der Einzug von Leone und Henrietta, entspannende Tage im Piemont, die Aufführung von „Leone & Belladonna“ – aber sonst ist mir nichts geblieben als das Gefühl, dass mir das Leben stets mindestens drei Schritte voraus war und ich verzweifelt versuchte, doch noch alles in Griff zu bekommen.

Dieses Gefühl zog sich wie ein roter Faden durch alles, was ich in diesem Jahr erlebte, angefangen jeweils am Morgen, wenn ich eigentlich etwas früher zur Arbeit hätte gehen wollen, es aber wieder nur gerade rechtzeitig schaffte, weil das Prinzchen die Windel voll hatte. Oder am Mittag, wenn ich mir so fest vornahm, nicht erst zu Hause anzukommen, wenn alle anderen bereits am Tisch sassen und es dann doch wieder nicht fertig brachte, weil ich noch dieses und jenes „nur schnell“ erledigen wollte.

Dieses Gefühl hatte ich aber nicht nur in den kleinen Banalitäten des Alltags, ich litt überhaupt darunter. Da wollte ich nichts lieber, als endlich einmal die blühenden Bäume geniessen und musste feststellen, dass aus den Blüten bereits Früchte geworden waren. Ich freute mich auf gemütliche, laue Sommerabende mit „Meinem“ und merkte erst als ich endlich draussen saß, dass der Sommer vorbei war. Ich schwor mir, dass „ab nächster Woche“ alles anders, alles ruhiger, alles geordneter würde und wurde dann doch wieder mitgerissen von einer Welle von Aufgaben und Verpflichtungen, die ich in diesem Ausmass nicht vorhergesehen hatte.

Jetzt, wo dieses Jahr fast zu Ende ist, erkenne ich erst, wie ausgelaugt und müde ich bin, wie weit ich mich entfernt habe von dem, was ich mir eigentlich unter Leben vorstelle. Nein, ich träume nicht vom süßen Nichtstun, das wäre mir zu öde. Aber etwas mehr Ausgewogenheit, ein gesünderer Wechsel von Aktivität und Ruhe und vor allem das Gefühl, dass ich mehr oder weniger überschauen kann, was in mir drin und um mich herum geschieht, das alles wünsche ich mir.

Oh nein, ich erwarte nicht, dass in drei Tagen, wenn das neue Jahr beginnt, alles anders sein wird, so naiv bin ich dann doch wieder nicht. Aber ich werde alles daran setzen, das Schiff wieder in ruhigere Gewässer zu steuern. Und weil ich weiss, dass mir nach diesem aussergewöhnlich anstrengenden Jahr die Kraft dazu fehlt, bete ich schon mal fleißig für günstigen Wind.

 

Fröstel

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind meine Lieblingstage. Es sind die Tage, an denen der Kalender so leer ist, dass scheinbar unendlich viel Zeit bleibt, um bis Mittag im Pyjama herumzulümmeln, heisse Schokolade zu trinken, zu lesen, zu dösen, mit den Kindern zu spielen, die unzähligen ungelesenen Zeitschriften durchzublättern und seichte romantische Komödien zu schauen. Das Haus verlässt man nur, um Vorräte einzukaufen oder um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen. Sollte einem das Leben mit den eigenen Lieben zu langweilig werden, lädt man eben andere Liebe zum Brunch ein. Oder vielleicht auch zu Kaffee und Kuchen, Hauptsache kein aufwendiges Menü.

Einfach herrlich, diese faulen Tage. Zumindest, wenn die Heizung mitspielt. Wenn die Heizung nicht mitspielt, dann verbringt man die eine Hälfte des Tages fröstelnd im Heizkeller, wo man verzweifelt nach der Ursache für die Störung sucht, die andere Hälfte des Tages sitzt man schlotternd mit einer bereits wieder abgekühlten Tasse Tee da und wartet auf den Anruf des Heizungsmonteurs. Weil weder Decken noch warme Socken noch heisse Getränke so richtig gegen die Kälte helfen, rafft man sich irgendwann dazu auf, das Unvermeidliche zu tun: Man fängt an zu putzen. Das ist zwar eine Tätigkeit, die für die Tage zwischen den Feiertagen nicht vorgesehen ist, aber immerhin wird einem dabei etwas wärmer.

Ach ja, irgendwann gegen Abend taucht dann der Monteur endlich auf und bringt die Heizung wieder in Schwung. Exakt auf den Zeitpunkt, an dem sie auf Nachtbetrieb umstellt und nur noch ganz sparsam ein wenig Wärme von sich gibt. Auf dass das fröhliche Frösteln noch etwas weitergehe…

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Geschafft

Nichts gegen Weihnachten, aber ich bin froh, dass wir es für dieses Jahr hinter uns haben. Unser Tannenbaum sieht ja ganz nett aus, das Essen war wunderbar, jeder hat bekommen, was er sich sehnlichst gewünscht hat und durch den Einzug von fünf Wachteln namens Carla, Elisha, Foirenza, Josefine und Waldemar Leopold – von dem noch keiner weiß, ob er tatsächlich ein Hahn ist – kommt endlich etwas Abwechslung in unser ach so beschauliches Familienleben. Sogar die Weihnachtsgeschichte konnte ich ohne Unterbrüche im Sinne von „Mach mal vorwärts, ich will endlich Geschenke auspacken!“ aus. Ein durchaus gelungenes Fest also.

Zu dumm nur, dass viel kochen, viel essen und viel auspacken auch viel Arbeit mit sich bringen. Nach jedem Gang sieht die Küche wieder aus, als hätte sie seit drei Wochen keinen Lappen mehr gesehen. Mit jedem Geschenk, das ausgepackt wird, steigt die Gefahr eines Zimmerbrandes, weshalb entweder „Meiner“ oder ich die Müllabfuhr übernehmen müssen, währenddem sich die Kinder ins Spiel vertiefen. Und weil Playmobil-Kran, Mikroskop und Siegelwachs noch nicht ganz ohne elterliche Hilfe bedient werden können, bräuchte man mindestens zehn Arme, um überall auf der Stelle helfen zu können. Und auf dem Herd kocht schon das Wasser für den nächsten Gang über…

Ja, Weihnachten war schön und doch bin ich froh, dass es vorbei ist. Denn wenn die Familie Weihnachten feiert, gibt es nur zwei Rollen zu besetzen: Verzauberte, auf Wolke sieben schwebende kleine Menschen und überarbeitete, sich nach mehr Besinnlichkeit sehnende grosse Menschen.

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Fast bereit – oder auch nicht

DONE

  • Geschenke gekauft
  • 88 % (oder so) der Geschenke eingepackt
  • Tannenbaumstamm abgeschliffen, damit er in den Ständer passt und dabei zum ersten Mal überhaupt mit einer Schleifmaschine hantiert. Das war ein Bild: Ich von Kopf bis Fuss in Pink auf dem orangefarbenen Sofa mit dem Baumstamm auf dem Schoss und der Schleifmaschine in der Hand. Damit unsere Kinder später etwas zum Lachen haben, wenn sie über die guten alten Zeiten reden.
  • Stall für die Wachteln soweit fertig gebaut, dass die Tierchen ihre erste Nacht im Hause Venditti katzensicher versorgt sind. 
  • Patenkind beschenkt
  • Nachbarn beschenkt
  • Geschenke für die Patenkinder von „Meinem“ eingekauft
  • 7 Guezlisorten gebacken
  • Vorweihnachtliches Chaos angerichtet, damit wir alle noch ein wenig nervöser werden: Schaffen wir es, die Wohnung aufzuräumen, bevor es mit all dem Geschenkpapier noch schlimmer wird?
  • To Do – Liste geschrieben
  • Eine E-Saite für Karlssons Geige gekauft (und zu Hause erst gemerkt, dass die uns eine A-Saite mitgegeben haben)

TO DO

  • Endlich entscheiden, was ich zur Familienfeier mit meinen Eltern, Geschwistern & Co.  morgen Abend zum Essen mitbringen werde
  • Endlich das Weihnachtsmenü planen. „Meiner“ wäre für Paella oder asiatisch aber wir anderen finden, dass so etwas überhaupt nicht geht. Und er findet, wir seien alle stockkonservativ und langweilig, weil wir lieber Suppe im Brot, Morcheln und Bûche de Noël wollen.
  • Wirklich einmal früh aufstehen und nicht nur davon reden. Damit ich die Erste bin in der Migros, um endlich das Essen für die Festtage einzukaufen. Und dann vor lauter Weihnachten das Katzenfutter, die Feuchttücher und den Essigreiniger nicht vergessen
  • Herausfinden, ob der Geigenbauer morgen noch offen hat, damit wir doch noch eine E-Saite auftreiben können. Karlsson will morgen vor der gesamten Verwandtschaft auftreten, was ohne E-Saite relativ schwierig sein dürfte. Und ein Karlsson, der nicht vor der ganzen Verwandtschaft auftreten darf, dürfte ebenfalls etwas schwierig sein. 
  • Endlich entscheiden, ob die Katzen auch etwas zu Weihnachten bekommen. Und wenn die Katzen etwas bekommen, warum dann die Wachteln nicht? Oder reicht es, wenn die armen Tierchen zu Weihnachten einen eigenen Stall, ein Futtergeschirr und sieben Vendittis bekommen?
  • Die restlichen 12 % (oder so) der Geschenke einpacken
  • Geschenke, die im Trubel der Vorweihnachtszeit ihr Papier schon wieder verloren haben,  wieder einpacken.
  • Weitere Geschenke für Nachbarn und Freunde verteilen
  • Tannenbaum gerade richten
  • Nicht vergessen, dass wir noch weitere Kerzenhalter kaufen müssen. „Meiner“ hat ausnahmsweise mal einen grossen Baum gekauft.
  • Tannenbaum schmücken
  • Den Stall für die Wachteln fertig bauen und endlich entscheiden, ob er vorerst mal auf den Balkon kommt, oder bereits in den Garten
  • Einstreu für den Stall kaufen
  • Mit „Meinem“ ausdiskutieren, wer sich sich morgen Abend frühzeitig davonmachen darf, um bei der Christanchtfeier zur Ruhe zu kommen 
  • Aufräumen, aufräumen und nochmals aufräumen
  • Putzen, putzen und nochmals putzen
  • Eine Strategie entwickeln, wie wir die Kinder motivieren können, damit sie mitmachen beim Aufräumen, aufräumen und nochmals aufräumen. Das Putzen, putzen und nochmals putzen dürfte einfacher sein, denn das machen sie gern.
  • Scharf nachdenken, ob wir beim Geschenkekauf wirklich niemanden vergessen haben und Notfallszenario entwickeln, falls uns doch noch jemand in den Sinn kommt
  • Endlich in Festtagsstimmung kommen, damit ich nicht wieder erst an Ostern Zeit finde, über den tieferen Sinn des Weihnachtsfestes nachzudenken
  • Endlich begreifen, dass morgen wirklich schon der Heilige Abend ist und nicht der 24. Juli 2011

Und falls mir dann noch etwas Zeit bleibt, können wir ja noch die Spitzbuben backen, bevor der Teig, der schon längst im Kühlschrank wartet, vor lauter Kummer schlecht wird.

Wie ausgewechselt

Eben noch hast du dich heiser gebrüllt, weil keiner auf dich hören wollte. Du hast erfolglos mit Dessertenzug gedroht, hast dir den Mund fusselig geredet, um ihnen beizubringen, dass es so nicht weitergehen kann, weil sie dir sonst noch den letzten Nerv ausreissen. Du hast geklagt, geseufzt, nach Ursachen geforscht und manchmal, wenn sie sich ganz quer stellten, warst du den Tränen nahe. Wann ist sie endlich vorbei, diese elende Vorweihnachtszeit, die aus deinen sonst so umgänglichen Kindern quengelnde, ungehorsame kleine Monster macht, die dich in den Wahnsinn treiben?

Und dann, wenn du glaubst, es könne nicht mehr schlimmer kommen, sind sie plötzlich wie ausgewechselt. Du willst wie üblich den Dritten zur Eile antreiben, damit er nicht zu spät zur Schule kommt, aber da steht er schon vor dir, geputzt und gestriegelt, bereit zu gehen und rechtzeitig anzukommen. Du kommst mittags von der Arbeit nach Hause und stellst erstaunt fest, dass der Älteste den Tisch gedeckt hat und allen schon Saft eingeschenkt hat. Keiner hat sich mit Joghurt und Bananen den Appetit verdorben, weil er nicht warten konnte, bis Mama und Papa da sind und nach dem Essen helfen alle widerspruchslos, den Tisch abzuräumen. Abends, als die Wäsche dran ist, noch einmal das gleiche Bild: Alle helfen brav mit, als hätte noch nie eine Diskussion um die Frage „Warum müssen ausgerechnet wir bei der Wäsche helfen? Wir haben sie ja nicht gewaschen“ gegeben. Ja, und dann kommt es doch noch zu einem kleinen Krach, weil deine Tochter den Tisch ganz alleine decken und dekorieren will, was der grosse Bruder nicht einfach so hinnehmen will. Das geht doch nicht, dass jemand die ganze Arbeit an sich reisst. Abends, als bereits um Viertel nach neun himmlische Ruhe herrscht, reibst du dir verwundert die Augen und du fragst dich, ob da jemand heimlich deine widerspenstigen Kinder gegen diese wunderbar netten Geschöpfe aus dem Erziehungsratgeber ausgetauscht hat.

Du fragst dich natürlich auch, ob du selbst vielleicht etwas zu diesem Wandel beigetragen hast. „Hoffentlich habe ich sie mit meinem ewigen Genörgel der letzten Tage nicht eingeschüchtert“, sagst du zu dir selbst. Nun, in einem Punkt kannst du dich beruhigen. Die Mär von „Santa Claus bringt dir keine Weihnachtsgeschenke, wenn du nicht spurst“ kennen deine Kinder nicht. Weihnachtsgeschenke dürfen nicht an Bedingungen geknüpft werden, denn derjenige, der an Weihnachten gefeiert wird, liebt auch bedingungslos. Ein Dessert kann man schon mal verweigern, aber ein Weihnachtsgeschenk? An der Angst, dass sie an Weihnachten leer ausgehen könnten, kann es also nicht liegen, dass die Kinder wie verwandelt sind. Aber was ist es dann? Die Vorfreude? Das gute Gefühl, dass schon bald ganz viele Träume wahr werden? Oder liegt es nur daran, dass der Mond wieder abnimmt?

Du kannst dir den Kopf zerbrechen, soviel du willst, die Antwort wirst du kaum finden und schon gar nicht den Schalter, mit dem du deine Kinder von „Ich stelle mich aus Prinzip quer“ auf „Ich bin ein kooperatives Wesen, das sich aktiv dafür einsetzt, dass in der Familie alles rund läuft“ umschalten kannst. Am besten hörst du so schnell wie möglich auf mit dem Grübeln und freust dich stattdessen an dem völlig unerwarteten Frieden. Die anderen Tage werden auch wieder kommen und dann darfst du dich getrost fragen, was du jetzt schon wieder falsch gemacht hast.

Der Zeit voraus

Okay, in unserer Wohnung herrscht wie immer das pure Chaos, die Weihnachtsguetzli sind noch immer nicht gebacken und auch die Sommerkleider sind noch längst nicht weggeräumt, aber zumindest in einer Sache habe ich in diesem Jahr die Nase vorn: Die Weihnachtsgeschenke für unsere Kinder sind eingepackt. Gewöhnlich erledige ich dies irgendwann zwischen Tannenbaumschmücken und dem Rühren der Morchelsauce am Weihnachtstag und ich stelle mir die Frage, ob sich das überhaupt noch lohnt, wo das Papier ohnehin in einer halben Stunde zerfetzt wird. In diesem Jahr aber warten alle Geschenke perfekt verpackt auf ihren grossen Tag.

Selbstverständlich gibt es einen guten Grund dafür, denn gewöhnlich renne ich dem Leben hinterher und versuche verzweifelt, es an seinem Rockzipfel zu erwischen. Vorsprung auf die Pflichten des Alltags kommt äußerst selten vor, wie man an unserem Haushalt auf den ersten Blick erkennt. Dass die Geschenke bereits verpackt sind, war reine Notwehr. Das Prinzchen und der Zoowärter spürten nämlich jedes einzelne Geschenklein auf und was nicht weihnächtlich verpackt war, wurde zum Inventar des Spielzimmers erklärt und zum Spielen eingesetzt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als alles so schnell wie möglich zu verpacken und damit auch für einen Dreijährigen unmissverständlich als Weihnachtsgeschenk zu deklarieren. Wenn es mir jetzt noch gelingt, die Katzen von dem verlockend raschelnden Papier fern zu halten, dann kann ich zumindest mal in einem Bereich so tun, als wäre ich bestens auf das Fest der Feste vorbereitet.

Es braucht ja keiner zu wissen, dass die Geschenke für Gotten und Göttis noch nicht mal angefangen sind…

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Hach, wie besinnlich

In diesen Tagen reagiere ich mal wieder besonders empfindlich auf tiefe Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen. Zumindest, wenn sie von Kinderlosen kommen. Ja, ich weiss, die Vorweihnachtszeit ist für die meisten Menschen ziemlich hektisch, aber für uns Kinderreichen ist sie mehr als das. Sie ist das, was für den Buchhalter der Jahresabschluss, für das Warenhaus der Sommerausverkauf, für den Magenbrotverkäufer die Herbstmesse und die Verkäuferin am Schwimmbadkiosk der erste Hitzetag nach drei Wochen Regen ist. Und zwar alles miteinander. Hochsaison für gestresste Eltern, sozusagen.

Ich rede hier nicht in erster Linie von den unzähligen Geschenken, die es zu kaufen, zu verstecken und einzupacken gilt. Auch nicht von der Vorweihnachtsbäckerei, die den Kindern genau so lange Spass macht, bis es ans Aufräumen geht. Auch das Geschenkebasteln für Gotte, Götti, Grossmama, Grosspapa, Lehrerin und Lieblingstante ist hier nicht das Thema. Und für einmal will ich auch nicht klagen über die verschiedenen mehr oder weniger romantischen Veranstaltungen – im Wald bei Wind und Regen, vor der Kirche bei klirrender Kälte, in einem überheizten Wohnzimmer bei Kerzenschein -, zu denen wir Eltern in der Vorweihnachtszeit gerne eingeladen werden. Das sind ja eigentlich die schönen Seiten dieser besonderen Zeit und wenn auch nicht immer alles als besonders gelungen bezeichnet werden kann, so verleiht es doch diesen Tagen das ganz besondere Etwas, ohne das es nie so richtig Weihnachten werden könnte.

Nein, was uns in diesen Tagen so sehr zu schaffen macht, ist der Alltag, dem es schnurzegal ist, ob es noch ein halbes Jahr dauert bis Weihnachten oder nur noch zwei Wochen. So widrig die Widrigkeiten des Alltags während des Jahres auch sein mögen, sie sind nie so widrig wie dann, wenn man eigentlich allmählich besinnlich werden möchte. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat am sechsten August das Gipspulver für seine Fossilien, die er giessen will, im Treppenhaus  verschüttet und danach im ganzen Haus Spuren verteilt, dann ist es ein Ärgernis. Geschieht das Malheur aber am siebten Dezember, dann möchte man laut heulen. Denn eigentlich hätte man so gerne eine Kerze angezündet, einen Tee aufgesetzt und mit den Kindern über den Sinn von Weihnachten philosophiert. Bekommen die Kinder an einem gewöhnlichen Dienstag zu viele Hausaufgaben, quittiert man dies mit einem Seufzer. Müssen sie aber am Nikolaustag lange über den Büchern brüten, möchte man sich die Haare raufen und laut schreien. Stattdessen treibt man die Kinder zur Eile an. „Nun mach schon vorwärts, in einer halben Stunde kommt der Samichlaus!“ Hach, wie romantisch!  Versinkt das Haus an einem gewöhnlichen Sonntag im Chaos, findet man das zwar lästig, aber man kann so halbwegs damit leben. Wenn da aber eine, zwei, drei oder gar vier Adventskerzen ihr sanftes Licht verbreiten sollten, sieht das Ganze einfach nur noch schrecklich aus und man kann gar nicht mehr anders, als der Unordnung zu Leibe zu rücken, alleine schon, um die Brandgefahr zu verringern denn Kerzen und Chaos passen nicht nur optisch so gar nicht zusammen. 

Nun macht der Alltag natürlich auch bei Menschen, die keine Kinder haben, keinen weiten Bogen um die Vorweihnachtszeit. Auch wer keine Kinder hat, ringt oftmals verzweifelt um ein paar stille Momente. Aber sie müssen nicht zuerst all die Erdnussschalen, die sich nach dem Samichlausbesuch im ganzen Haus verteilen, vom Sofa klauben, bevor sie sich zu einem gemütlichen Tässchen Tee hinsetzen. Und darum ertrage ich auch die Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen so schlecht. Vor allem, wenn ich gerade auf einer Erdnussschale sitze. Oder Gips vom Fussboden aufwische.

 

Sind sie nicht süss, die Kleinen?

„Mama, das Prinzchen hat zwei meiner Adventspäckchen ausgepackt und die Schokolade aufgegessen!“

„Zoowärter, Prinzchen! Seid ihr wahnsinnig geworden? Ihr malt einfach mein Mathebuch voll und dann erst noch mit Filzstift!“

„Papa! Komm sofort her! Das Prinzchen und der Zoowärter haben alle Kleider aus meinem Schrank geräumt!“

„Nein, Zoowärter! Lass die arme Katze am Leben. Und überhaupt: Ich hatte sie zuerst. Immer nimmst du mir die Katze weg.“

„Mama, Papa, die Kleinen habe alle Nüsse aus dem Vorratsschrank geholt und auf dem Fussboden verteilt. Sagt ihnen, dass sie sie wieder einsammeln sollen.“

„Zoowärter, pass doch auf! Du hast schon wieder meinen Apfelsaft verschüttet.“

„Nein, Prinzchen! Nicht das ganze Papier ins WC stopfen, sonst muss der Papa wieder entsopfen und du weisst, wie wütend er dann wird…“

„PRINZCHEN!!! ZOOWÄRTER!!!“

Und das alles im Viertelstundentakt. So allmählich beginne ich zu verstehen, weshalb grosse Geschwister ihre kleinen Geschwister nicht immer von Herzen lieben. Aber bitte, sagt das nicht meinen grossen Geschwistern…

Was haben wir jetzt wieder falsch gemacht?

Die Idee war doch eigentlich brillant: Um das ewige Gezanke beim samstäglichen Putzen und Aufräumen zu umgehen, erklärten „Meiner“ und ich die zu putzende Etage zur kinderfreien Zone. „Nach dem Frühstück wollen wir euch zwei Stunden lang nicht mehr hier unten sehen“, verkündete ich. „Ihr habt absolutes Aufräumverbot, zumindest hier unten und eure Zimmer müssen einfach bis am Abend fertig sein, es ist mir egal, wann ihr euch an die Arbeit macht.“ Ist doch unglaublich nett und grosszügig, so ein Vorschlag, nicht wahr? Das Sahnehäubchen obendrauf war, dass ich Lieblingsessen kochte und Lieblingsessen heisst bei uns nicht Dosenravioli mit Ofenfrites, sondern Gemüsecurry mit frischem Naan, also ziemlich aufwändig. Damit hatten „Meiner“ und ich unser Möglichstes an Entgegenkommen gezeigt.

Und trotzdem gab es Zoff. Der Zoowärter wollte die kinderfreie Zone partout nicht verlassen, mochten wir noch so oft mit dem Staubsauger um ihn herumkurven. Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat schlugen sich oben die Köpfe ein – man munkelt von einer Klobürste, die dabei zum Einsatz kam – und standen alle paar Minuten heulend in der Küche. Das Prinzchen wollte nach langer Zeit wieder einmal freiwillig baden, was natürlich nicht zu meinem Plan, die Badewanne gründlich zu putzen, passte. Und ausserdem befand er sich ebenfalls in der kinderfreien Zone, was der arme Kleine natürlich überhaupt nicht verstehen konnte. Einzig Karlsson hielt sich an unsere Abmachung und liess sich kaum einmal blicken. Doch leider stellte sich später heraus, dass er massgeblich an dem Gezanke zwischen Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten beteiligt gewesen war. Also war auch er mit Schuld daran, dass aus unserer Vorstellung vom fröhlichen Haushalten nichts wurde. Als dann auch noch das Lieblingsessen von einigen unserer lieben Kinderlein mit Verachtung gestraft wurde, da konnte ich nicht mehr anders als sehr tief zu seufzen und zu fragen: „Wie weit muss man euch denn noch entgegenkommen, damit so ein Samstag endlich einmal halbwegs erträglich wird?“

Natürlich bekam ich keine Antwort auf meine verzweifelte Frage, aber immerhin murmelten alle betreten ihr“ Tschuldigung, Mama“. Na, dann freue ich mich doch schon auf den kommenden Samstag. Mal sehen, mit welchem Versuch wir dann scheitern werden.