Sonntagnachmittag

Waren sie nicht furchtbar langweilig, unsere Eltern, wenn sie sonntags nichts weiter tun wollten als schlafen, essen und vielleicht noch ein wenig lesen? Da mochte man noch so sehr betteln, sie möchten sich zu einem Ausflug in den Zoo aufraffen, ein Eis essen kommen oder vielleicht draussen mit den Kindern ums Haus jagen, aber für all dies hatten sie nur ein Gähnen und ein deutliches Nein übrig. So sie denn überhaupt reagierten. Denn meist schliefen sie schon tief und fest, ehe man nur die Chance gehabt hätte, mit den zähen Verhandlungen um das Sonntagnachmittagsprogramm zu beginnen. Wie konnten diese Erwachsenen bloss so langweilig sein? Das bisschen Arbeit, das sie wochentags zu bewältigen hatten, konnte doch nicht dermassen anstrengend sein, dass man sonntags nur noch ausgelaugt auf dem Sofa lag. Aber die Erwachsenen sahen dies anders und deshalb blieb den Kindern nichts anderes übrig, als die Sache selber in die Hand zu nehmen.

Waren sie nicht furchtbar lustig, diese Sonntagnachmittage ganz ohne Einmischung der Eltern? Diese endlosen Stunden, während derer man tun und lassen konnte, was man wollte? Zum Beispiel alle Arten von Kräutern sammeln und über dem offenen Feuer – zum Glück waren die grossen Brüder Pfadfinder und wussten, wie man so etwas macht – einen Tee brauen. Oder unter der Regie der ältesten Schwester ganze Theaterstücke einüben, die man den Eltern, wenn sie endlich mal wach waren, voller Stolz vorführte. Oder heimlich den Kühlschrank plündern, weil man glaubte, die Eltern bekämen nichts mit davon, weil sie ohnehin zu tief schliefen. Aber sonderbarerweise bekamen sie solche Dinge immer mit, auch wenn alles andere nicht durch ihre bleierne Müdigkeit dringen konnte. Am Ende hatte man an einem solchen Nachmittag so viel Spass, dass man froh war, dass die Eltern sich nicht hatten aufraffen können, irgend ein Programm durchzuziehen. In der verklärten Erinnerung sind jene Sonntagnachmittage die schönsten Stunden einer Kindheit, die ohnehin viel besser, fröhlicher, unbeschwerter und sonniger war.

Wie bei so vielen Dingen im Leben geht es auch beim Sonntagnachmittag darum, aus welcher Perspektive man ihn anschaut. Die Kinder, die damals die Erwachsenen so furchtbar öde fanden, sind heute selber erwachsen und wissen, wie sehr einem die ganze Verantwortung, die man damals noch nicht zu tragen hatte, zu schaffen machen kann. So sehr, dass sie heute diejenigen sind, die nur einen tiefen Seufzer von sich geben, wenn die Kinder fragen, ob man nicht mal wieder schlitteln gehen könnte. Sie sehnen sich nach den unbeschwerten Stunden von damals und erkennen nicht, dass sie einen Hauch davon wieder haben könnten, wenn sie mit ihren Kindern auf dem Schlitten sässen und ihnen der kalte Wind um die Ohren bliese. Sie glauben, ihre Kindheit damals sei viel schöner gewesen als diejenige der Kinder heute und sehen dabei nicht, dass die heutigen Kinder sich den Spass nicht nehmen lassen, auch wenn auf den Strassen mehr Autos fahren, die Spielsachen nicht mehr so stilvoll sind und die Wiese rund ums Haus leider nicht mehr so gross ist wie diejenige, die das eigene Elternhaus umgab. Die Welt, die in unseren Augen so schrecklich ist, erscheint in den Augen der Kinder noch so wunderbar, wie sie wohl einst mal war.

Die Kinder, die heute Kinder sind, schütteln genauso verständnislos die Köpfe ob der erwachsenen Trägheit und wissen noch nicht, dass in nicht allzu vielen Jahren sie diejenigen sein werden, die ihren Allerwertesten nicht mehr hochkriegen, um ein wenig Spass zu haben. Sie wissen auch nicht, dass die Erwachsenen schon wollten, wenn sie denn noch könnten. Sie wissen nicht, dass sich ihre Eltern ein schlechtes Gewissen machen, weil sie sich vom Alltagsstress so sehr vereinnahmen lassen, dass sie sonntagnachmittags nur noch ausspannen mögen. Und schon gar nicht wissen sie, dass ihre heimlichen Raubzüge durch die Vorratskammer, ihre fantasievollen Geschichten, die sich erst so richtig entspinnen können, wenn sich die Kinder frei von elterlicher Kontrolle fühlen, ihre chaotischen Experimente und was sie sonst noch an so einem Nachmittag anstellen mögen, den elterlichen Augen nicht verborgen bleiben.

Denn so ist das nun mal mit uns Eltern: Wir mögen zwar schlafen, aber wir wissen, dass wir auch im Schlaf die Verantwortung nie ganz abgeben und darum kriegen wir fast alles mit, auch wenn wir die Augen fest geschlossen haben.

Krank oder nicht krank, das ist hier die Frage

Okay, die Schweinegrippe, die uns letztes Jahr kurz vor Weihnachten in die Knie gezwungen hatte, war wahrlich kein Spass. Aber das, was wir dieses Jahr erleben, ist noch viel weniger lustig, auch wenn man um die diesjährigen Käfer ausnahmsweise mal kein grosses Geschrei macht. Nun gut, in diesem Jahr scheinen sie auch nicht allzu aggressiv zu sein, dafür aber umso mühsamer. Wer sie erwischt, weiss nämlich nie, ob er nun krank ist oder nicht. Zumindest ist das bei unseren Kindern so: Sie sind zu krank, um gesund zu sein und zu gesund, um krank zu sein. Alles klar? Vielleicht erkläre ich das mal ganz praktisch: Entscheidest du dich morgens, dass die Kinder wohl besser zu Hause bleiben, weil sie sich schlapp und elend fühlen, dann bereust du diesen Entscheid spätestens eine halbe Stunde später, wenn die eben noch so leidenden kleinen Menschen einander gegenseitig durch die Wohnung jagen und sich bei jeder Kleinigkeit in die Haare geraten. Entscheidest du dich aber, die Kinder dennoch aus dem Haus zu schicken, weil du den Eindruck hast, so krank seien sie dann auch wieder nicht, dann meldet sich spätestens bei ihrer Rückkehr das schlechte Gewissen: Was bist du doch für eine elende Rabenmutter, deine Kinder so blass, lustlos und mit fieberglänzenden Augen in die Schule oder in den Kindergarten gehen zu lassen?

Die Kinder wissen diesen Zustand zwischen Gesundheit und Krankheit natürlich weidlich auszunützen. Forderst du sie dazu auf, mal kurz das Wohnzimmer aufzuräumen, dann fühlen sie sich auf einmal wieder ganz elend, Bauch und Ohren tun weh, die Glieder sind schwer und der Schädel brummt. Sie brauchen ganz dringend einen Zitronenwickel, einen heissen Tee und eine warme Decke. Sehen sie ein paar Minuten später, dass draussen ein paar Klassenkameraden den Winter geniessen, sind sie plötzlich wieder vollkommen fit und glauben, es keine Sekunde länger in der Wohnung auszuhalten. Dann bist du natürlich einmal mehr die Böse, weil du darauf bestehst, dass die Kinder drinnen bleiben, weil sie krank sind. Willst du sie davon überzeugen, sie sollten sich ein wenig hinlegen und ausruhen, dann finden sie, sie seien doch schon längst wieder gesund und sich hinlegen sei etwas für Memmen. Schickst du sie nach einem Tag, an dem sich all die Halbkranken ohne Unterbruch gezankt und gerauft haben, etwas früher ins Bett, weil du vom vielen Schimpfen völlig fertig bist, dann stehen sie garantiert ein paar Minuten später wieder da und bitten dich mit leidendem Blick um eine Bauchmassage, weil sie sich „plötzlich wieder ganz fruchtbar krank“ fühlen.

So läuft das nun seit einer Woche und so langsam wäre ich froh, die Kinder würden sich endlich entscheiden, ob sie nun krank sein wollen oder nicht. Denn wenn das so weitergeht, werde ich noch krank. Vor lauter Ärger.

 

So blöd bin ich auch wieder nicht

Ein Anruf heute kurz vor dem Mittagessen: „Frau Venditti, wie ich in unserer Kartei gesehen habe, sind Sie schon seit langer Zeit Kundin unseres Verlags. Jetzt möchte ich Ihnen…“ Ich unterbreche, weil ich fürchte, eine Verkäuferin jenes Verlages am Telefon zu haben, der  mir mal hoch und heilig versichert hatte, ich würde bloss ein Ansichtsexemplar bekommen, doch im Begleitbrief  dieses Ansichtsexemplars begrüsste man mich als neue Abonnentin von „hochwertigen Kinderbüchern, welche die mathematischen Fähigkeiten Ihres Kindes fördern, so dass ihm eine Professur an der ETH so gut wie sicher ist“. Oder vielleicht ist es ja auch der Verlag, der mein deutliches „Nein danke, diesen Mist können Sie gerne jemand anderem aufschwatzen“ als „Oh, ja, gerne, schicken Sie mir diese wunderbare Sache gleich sofort bis zu meinem Lebensende“ aufgefasst hatte und mir daraufhin ein grosses Paket mit billigst hergestellten und überteuert verkauften Bilderbüchern ins Haus lieferte, Rechnung und Bestätigung, dass ich von nun an alle zwei Wochen eine Sendung von „tollen Kinderbüchern mit allen Helden von Walt Disney, die Ihre Kleinen so sehr lieben“ erhalten würde.

Um mich nicht wieder  gegen einen Vertrag wehren zu müssen, den ich nicht abgeschlossen habe, will ich wissen: „Was habe ich denn bis jetzt so gekauft, wo ich doch Kundin sein soll bei Ihnen?“ Selbstbewusst beginnt die Dame aufzuzählen: „Wunderbare Gartenwelt, Bastelideen für das ganze Jahr, Omas Koch- und Backrezepte…“ Ich bin mir fast ganz sicher, dass ich nie etwas dergleichen bestellt hatte, wo ich doch nicht bastle, bei Kochbüchern Wert darauf lege, dass ich sie zuerst anschauen kann und mich beim Gärtnern ganz auf meinen Instinkt verlasse und dabei meist scheitere. Ganz sicher, dass ich nie und nimmer zu den Kunden jenes Verlages gehört habe, bin ich mir aber erst, als die Dame das nächste Werk nennt, welches ich angeblich gekauft habe: Antike Kulturen. Mag ja sein, dass ich in meiner geistigen Umnachtung schon den einen oder anderen Mist gekauft habe, mag sogar sein, dass sich auch schon ein Bastelbuch bei mir eingeschlichen hat und dass ich dies aus lauter Scham verdrängt habe, aber dass ich keine pseudogeschichtswissenschaftlichen Bücher kaufe, da bin ich mir sicher. Ich bin ja zwar bloss eine halbfertige Historikerin, aber auch als solche hat man gewisse Qualitätsansprüche. Und siehe da, kaum erwähne ich dies, gesteht die Dame, dass sie sich wohl geirrt hat und beendet das Telefonat, hoffentlich ohne dass sie mein deutliches Nein als freudiges Ja interpretiert hat. Kann ja sein, dass ich trotzdem demnächst mit „Omas Koch- und Backrezepte“beliefert werde.

Wenig später wieder ein Anruf: „Frau Venditti, wenn Sie jetzt einen Vertrag mit uns abschliessen, dann…“ Ein ganzer Wortschwall schwappt über mich und weil das Prinzchen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich mal wieder in den Haaren liegen, verstehe ich kaum die Hälfte davon. Irgend etwas von einem Inserat in ganz vielen Zeitschriften, die in der ganzen Schweiz erscheinen werden. So höflich wie nur möglich winke ich ab und wende mich wieder meinen tobenden Söhnen zu. Drei Minuten später wieder ein Anruf. Die gleiche Firma, die gleiche Stimme, das gleiche Angebot. Also bescheide ich der Dame knapp, dass sie mich ja eben erst angerufen hätte und dass ich meine Meinung in den letzten drei Minuten noch immer nicht geändert habe. Und was meint die Dame dazu? Vielleicht „Oh, entschuldigen Sie bitte, da habe ich mich wohl verwählt“? Oder „Ach, das tut mir aber leid, dass ich Sie noch einmal gestört habe“? Nein, sie sagt: „Ach so, das war aber nicht ich, die Sie vorhin angerufen hat.“

Ach so, das waren nicht Sie, sondern eine andere Frau? Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich genau die Frau bin, die Ihnen vor drei Minuten klipp und klar gesagt, dass sie nicht das geringste Interesse an Ihrem Angebot hat.

 

Sollen wir? Oder doch lieber nicht?

Morgen verreist unser Au-Pair in die Weihnachtsferien und so langsam muss ich der Tatsache ins Auge sehen, dass sich ihre Zeit bei uns ihrem Ende zuneigt. Im Januar wird sie noch einmal für ein paar Wochen zurückkommen, bevor es für sie und für uns weitergeht. Bis heute habe ich die Tatsache verdrängt, weil ich einfach nicht will, dass sie geht. Und die Kinder und „Meiner“ auch nicht. Und noch mehr als vor dem Ende ihrer Zeit bei uns graut mir vor dem Anfang mit einem neuen Au-Pair. Zweimal im Leben wird man ja wohl kaum das Glück haben, jemanden zu finden, der wie ein Puzzlestück ins verrückte Bild unseres Familienlebens passt.

Aber wie dem auch sei, eine Lösung muss her. Ohne fremde Hilfe schaffen „Meiner“ und ich es einfach nicht, Kinder, Jobs, Haushalt, Freizeit und Freunde zu jonglieren. Also wäre es nur logisch, wenn ich heute Abend mal wieder ein Familienprofil zusammenstelle, um ein neues Au-Pair zu finden. Aber wer denkt denn schon logisch, wenn es darum geht, einen Menschen zu sich einzuladen, der alles mit uns teilt? Der mein zerknittertes Gesicht in den frühen Morgenstunden zu sehen kriegt, der mich erlebt, wenn ich mal wieder mit den Nerven am Ende bin, der hin und wieder auch miterlebt, wie meiner und ich uns anschnauzen können, bevor wir uns wieder versöhnen. Was, wenn wir niemanden finden, der es mit uns aushält? Was, wenn wir jemanden erwischen, mit dem wir es nicht aushalten können? Ich vermute, ich werde mir all die Fragen noch etwas länger durch den Kopf gehen lassen, bevor ich mich entscheiden kann, ob wir wieder sollen oder nicht. Und bis diese Frage geklärt ist, werde ich mich eben einfach daran freuen, dass es bei diesem Mal so perfekt gepasst hat.

 

Prinzchenalarm

Nachdem mir gestern Nacht um halb drei das Druckerpapier ausging und ich endlich gezwungen war, aufzuhören mit arbeiten, musste heute Morgen Nachschub her. Was ich natürlich ganz gut bei uns im Dorf hätte erledigen können. Aber weil ich a) mal endlich wieder meine Höhle verlassen musste, b) nach so viel Nachtarbeit nicht auch noch gemeinsam mit der Putzfrau unsere Höhle aufräumen wollte und ich c) nach so viel Stress in den vergangenen Tagen mal wieder ein wenig Retail Therapy brauchte – ja, ich weiss, das kann ich mir momentan eigentlich nicht leisten – schnappte ich mir das Prinzchen, den Zoowärter und das Au-Pair und fuhr mit dem Bus in die Stadt.

Kaum aus dem Bus ausgestiegen, machten wir uns auf ins Warenhaus, wo wir mit lautem Alarm begrüsst wurden. Nun gehöre ich schon gewöhnlich nicht zur Kategorie Ladendieb,  wenn ich aber eben erst den Laden betreten habe, ist mein Gewissen noch reiner als sonst. Also hatte ich kein Problem damit, dass die Verkäuferin sogleich angerannt kam. Einer nach dem anderen mussten wir die Schranke noch einmal passieren, eins ums andere Mal blieb alles still. Einzig, als das Au-Pair mit dem Prinzchen auf dem Arm den durchspazierte, heulte der Alarm wieder. Au-Pair ohne Prinzchen war okay, Au-Pair mit Prinzchen ging nicht. Also war klar, dass beim Prinzchen eine Untersuchung angesagt war. Aber wie lange wir auch tasteten, wir konnten nichts finden, was den Alarm ausgelöst hatte, schon gar kein Diebesgut natürlich. Am Ende stand das Kind ohne Jacke, Mütze und Schuhe da und endlich, nachdem jedes Kleidungsstück einzeln getestet worden war, stellte sich heraus, dass des Prinzchens Schuhwerk den Alarm ausgelöst hatte. Die Verkäuferin war so nett, dafür zu sorgen, dass die Schuhe in Zukunft kein Chaos mehr anrichten, denn, so meinte sie, „Es wäre ja peinlich, wenn Sie mit dem Kind in keinen Laden mehr gehen könnten.“ Um uns für unsere Umstände zu entschädigen, schenkte sie uns noch einen Gutschein, obschon die Schuhe aus einem anderen Geschäft stammten und dann zogen wir endlich los, um uns unseren Einkäufen zu widmen.

Ein paar Momente später, als wir uns wieder einer Schranke näherten, heulte der Alarm erneut. Weil ich inzwischen im Begriff war, meine Sachen zu bezahlen, wusste ich, dass ich mit voller Einkaufstasche nicht mehr ganz so unschuldig erscheinen würde, wenn der Alarm sich erneut melden würde und so wandte ich mich mit meinem Kummer an eine andere Verkäuferin. Noch einmal alles von Vorne, wobei inzwischen immerhin bekannt war, was den Alarm ausgelöst hatte. So stellte sich bald einmal heraus, dass die erste Verkäuferin wohl nur einen Schuh „entschärft“ hatte, der andere uns aber weiterhin fälschlicherweise des Ladendiebstahls bezichtigte. Schliesslich aber, nachdem auch der zweite Schuh seine Spezialbehandlung erhalten hatte, war alles wieder wie immer. Wir konnten wieder völlig unbehelligt gehen, wohin wir beliebten.

Nun, ganz alles war nicht wie vorher. Das Prinzchen starrte von da an jede Schranke vorwurfsvoll an, weil sie einfach nicht mehr blinken und lärmen wollte. „Blöde Schranke“, schien er zu denken, „weisst du den nicht, dass das Leben viel mehr Spass macht, wenn es hin und wieder mal ordentlich heult.“ Dann hoffen wir mal, dass das Kind nicht zum Kleptomanen wird, bloss weil er den ganzen Spass wieder und wieder erleben will.

Arbeit frisst Leben

Vor einiger Zeit habe ich ja damit geprahlt, dass der Adventsstress in diesem Jahr nichts wissen will von mir. Das ist auch weiterhin so geblieben, aber erst heute ist mir endlich klar geworden, weshalb das so ist. Vor lauter Arbeit habe ich nämlich noch gar nicht realisiert, dass am Sonntag der dritte Advent ist und dass es so langsam aber sicher an der Zeit wäre, in Weihnachtsstimmung zu kommen. Aber wie soll man denn in Weihnachtsstimmung kommen, wenn die Arbeit, die man bis anhin noch ziemlich gut vom Familienleben hatte trennen können, sich mehr und mehr in den Alltag frisst?

Heute Morgen war mal wieder ein klassisches Beispiel dafür. Nach einer anstrengenden Sitzung und einer halbdurchwachten Nacht war ich heute Morgen reif für ein wenig Faulenzen mit Duftkerzen, Schwarztee, ein paar Weihnachtsguetzli und ausgiebiger Zeitungslektüre. Und für einmal schien das Familienleben meinem Ansinnen wohlgesinnt zu sein: Karlsson und Luise machten sich pünktlich auf den Weg und sogar der FeuerwehrRitterRömerPirat verliess heute das Haus bevor der Kindergarten angefangen hatte. Der Zoowärter verschlief den ganzen Morgen, das Tageskind kam ausnahmsweise später und einzig ein sehr gut gelauntes Prinzchen sorgte für gerade genug Leben in der Bude, damit mir nicht langweilig würde. Alles war perfekt für ein fröhliches Tête-à-Tête bei Tee und Kakao mit meinem Jüngsten. Ach ja, und wo wir schon dabei waren, könnten wir uns doch gleich noch einen gemütlichen Schwatz mit dem Au-Pair gönnen. Vielleicht könnten wir ja endlich besprechen, wer war zu Weihnachten bekommen soll.

Und dann kam der erste Anruf, kurz darauf der Zweite und als ich den Dritten entgegennahm, klingelte gleichzeitig auch noch das Arbeitshandy.  Dazwischen zwei oder drei E-Mails, die ganz dringend beantwortet werden mussten. Das Au-Pair tat inzwischen, was ich eigentlich so gerne getan hätte: Sie quatschte mit dem Prinzchen, freute sich an seinen Fortschritten und sorgte dafür, dass er die Mama, die schon wieder an der Strippe hing, nicht zu sehr störte. Dabei hätte ich doch noch so gerne von ihm gestört werden wollen, lechzte ich doch nach einer ziemlich anstrengenden (Arbeits)woche richtiggehend nach Zeit mit meinem Jüngsten. Aber am Ende kam doch wieder die Arbeit zuerst, auch wenn das Au-Pair mich davon zu überzeugen versuchte, ich solle doch beim nächsten Mal das Telefon einfach läuten lassen. Irgendwann war ich so frustriert über meinen verpatzten vorweihnachtlichen Mama-Sohn-Morgen, dass dieser eine Anruf mehr nicht weiter ins Gewicht fiel. Ausserdem war es jetzt ohnehin Zeit, mit Luise zur Kinderärztin zu fahren, um die Fäden aus ihrer Bauchnaht zu entfernen.

Auf dem Weg zur Ärztin, als wir an unglaublich vielen Samichläusen, Lichterketten und dekorierten Tannenbäumen vorbeifuhren, wurde mir endlich klar, dass ich mich jetzt ganz dringend mal dem Advent und allem, was er so an Schönem mit sich bringen kann, widmen muss. Denn tue ich das nicht, steht am Ende doch noch der Adventsstress vor der Tür, weil ich vor lauter Arbeit das Backen, das Dekorieren, das Singen, das Geschenkemachen, das Geniessen und die Stille auf den letzen Moment aufgeschoben habe.

Home sweet home?

Luise ist wieder zu Hause, was ich als fürsorgliche Mutter natürlich begrüsse. Ich meine, es gibt doch nichts Besseres für ein Kind, als in seiner vertrauten Umgebung gesund zu werden. Dort, wo die Menschen sind, die sie lieben und die sie liebt. Dort, wo sie all ihre Sachen, ihr gewohntes Essen und auch die Ruhe hat, die sie im Spitalzimmer, das sie mit einer fünfzehnjährigen Quasselstrippe teilen musste, vergeblich herbeisehnte. Ist doch einfach schön, dass man heute die Kinder nicht mehr unnötig lange im Krankenhaus behält, wo sie sich vor lauter Schläuchen und Apparaturen kränker fühlen, als sie wirklich sind. So sehe ich das, theoretisch zumindest.

Praktisch ist es leider so, dass in den Augen eines kleinen Bruders die grosse Schwester, die einen Infusionsschlauch hinter sich herzieht, ein schutzbedürftiger Mensch ist. Auf eine grosse Schwester aber, die zwar noch etwas müde und blass, sonst aber wieder ganz die Alte ist, muss man doch nicht sonderlich Rücksicht nehmen, nicht wahr? Jetzt ist sie ja wieder da, also kann man sich wieder wie gewohnt mit ihr streiten. Wegen dieser klitzekleinen Wunde am Bauch soll die doch kein Geschrei machen. Ist doch alles halb so wild. Dann will sie auch noch ganz alleine mit Mama Guetzli backen, bloss weil sie nicht dabei war, als die anderen das Lebkuchenhaus bauten. Und das, nachdem sie Mama einen Tag und zwei Nächte lang ganz für sich alleine haben durfte. So ein Affentheater, bloss wegen diesem kleinen Blinddarm.

Aber auch für uns Eltern ist es im Alltag gar nicht so einfach, Luise die Ruhe zu bieten, die sie eben auch jetzt noch braucht, obschon sie zwischendurch schon ganz fit und munter ist. Liegt dein Kind im Krankenhausbett, klein, hilflos und müde, dann wird dir bewusst, wie sehr sie auf dich angewiesen ist. Liegt dein Kind zu Hause auf dem Sofa, musst du aufpassen, dass du überhaupt mal Zeit findest, dich um sie zu kümmern. Zwischen dem schrillenden Telefon, den anderen Kindern, die jetzt auch wieder Aufmerksamkeit brauchen, zwischen Abwasch, kochen und Aufwischen geht ein krankes Kind zuweilen fast vergessen. Und dies, obschon sie auch jetzt noch ganz viel Zuwendung bräuchte, um wieder ganz auf die Beine zu kommen.

Mag sein, dass Luise sich zu Hause wohler fühlt, aber ich bin mir fast sicher, dass ihr ein weiterer Ruhetag im Krankenhaus dennoch ganz gut getan hätte. Auch wenn ich theoretisch weiterhin der Meinung bin, dass man zu Hause schneller gesund wird.

Da waren’s nur noch drei…

Drei Blinddärme, meine ich natürlich, die uns nächtens auf die Notfallsation treiben könnten, mit der bangen Frage im Kopf, ob der Kerl nun entzündet, bereits geplatzt oder völlig gesund ist. Zumindest bei zwei Kindern werden wir in Zukunft sagen können, dass es garantiert nicht der Blinddarm ist, der Kind und Eltern Bauchschmerzen bereitet. Luise ist den Ihren nämlich vergangene Nacht losgeworden. Jetzt liegt sie da und erholt sich, währenddem ich an ihrer Seite abwechslungsweise Handschuhe stricke, den Laden zu Hause via Fernsteuerung – auch unter dem Namen Handy bekannt – halbwegs unter Kontrolle zu halten versuche und die Welt an unserem neuesten Abenteuer teilhaben lasse.

Und ich muss gestehen: Auch wenn ich gerne auf das Drama verzichtet und Luise die Operation erspart hätte, es ist dennoch ganz schön, wieder einmal nur für ein einziges Kind da zu sein, es zu trösten, zu ermutigen und zu hätscheln. Und sich halb krank zu lachen über den Humor, den die unverwüstliche Luise gleich nach dem Aufwachen wieder entwickelt hat. Einfach köstlich, ihr dabei zuzusehen, wie sie mit gefährlichem Blitzen in den Augen und einem frechen Spruch auf den Lippen in ihrem Krankenbett auf und ab fährt.

Wenn ich zurückdenke an die ersten Stunden nach Karlssons Blinddarmoperation, dann wird mir klar, dass einiges anders ist als damals. Was nicht bloss daran liegt, dass Karlssons Blinddarm bereits seit zwei Tagen geplatzt war, bevor unser Erstgeborener endlich so richtig zu jammern begann, während Luises Blinddarm erst leicht entzündet war, als sie bereits weinte vor lauter Schmerz. Was übrigens nichts über den Umgang der beiden Kinder mit Schmerzen im Allgemeinen aussagt, denn oft ist Luise viel härterem Nehmen als Karlsson. Es liegt auch nicht nur daran, dass Karlsson damals von der Ambulanz im Hotel abgeholt werden musste, in dem wir die Ferien verbrachten, während Luise und ich gestern Abend viele Wartestunden hatten, in denen wir uns damit abfinden konnten, dass der Blinddarm weg muss. Und auch die Tatsache, dass ich damals schwanger und deswegen überempfindlich war, fällt nicht so sehr ins Gewicht.

Nein, der allergrößte Unterschied liegt darin, dass diesmal eben nicht alles neu und deswegen beängstigend war. Klar, auch in dieser Nacht brachte ich kein Auge zu, ehe meine geliebte Luise nicht wieder bei mir war. Und natürlich kamen auch diesmal Erinnerungen an Geschichten hoch, die man irgendwo gelesen hatte. Geschichten von Routineeingriffen, die in einem Drama endeten. Aber dank der Erfahrung, dass Karlsson damals eine weitaus schlimmere Blinddarmgeschichte unbeschadet überstanden hat, half mir, die düsteren Gedanken besser in Schach zu halten. Wir sind im Umgang mit dem Routineeingriff also einiges routinierter als auch schon. Auch wenn keine Geschichte gleich verläuft wie die andere, ruhiger ist man dennoch, wenn man zumindest ein bisschen weiß, worum es geht.

Den nächsten entzündeten Blinddarm werden wir dann wohl erkennen, bevor das Kind überhaupt Bauchschmerzen kriegt und den Übernächsten lassen wir präventiv entfernen, damit er gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt.

Ach ja, und dankbar, dass das geliebte Kind wieder auf dem Wege der Besserung ist, bleibt man, egal, wie oft man schon größere und kleinere Dramen durchgestanden hat.

Stammgast

Ob man auf der Kinder-Notfallstation auch Zimmer mieten kann? So langsam scheinen wir hier zu Stammgästen zu werden, einfach jedes Mal mit einem anderen Kind. Diesmal mit dabei: Luise mit Verdacht auf Blinddarmentzündung. Die Warterei ist endlos, Luise tapfer und sehr darum bemüht, jetzt schon möglichst viel über ihren Traumberuf Krankenschwester zu lernen. Nicht mal bei der Blutabnahme schaut sie weg und schlafen will sie erst recht nicht, aus Angst, etwas zu verpassen.

Und Mama? Die ist inzwischen auch ein wenig weiser geworden und hat vorsorglich ihr Strickzeug, das iPad und ein Buch eingepackt. Bloß etwas hat sie vergessen: Dass man ein Abendessen im Magen haben sollte, bevor man sich aufmacht, im Spital zu warten.

Wo bleibt er denn nur?

Was läuft hier bloss wieder falsch? Ich kann ihn umwerben wie ich will, zu mir will er in diesem Jahr einfach nicht kommen. Landauf landab klagen die Mütter, in diesem Jahr sei es besonders schlimm mit ihm, sie wüssten ihm fast nicht mehr zu wehren, aber von mir will er einfach nichts wissen. Andere Mütter werden in diesen Tagen belästigt mit Adventssingen, Adventsbasteln, Adventsbacken, Adventsshopping, Adventsichweissnichwassonstnoch, aber bei mir herrscht noch heute, am Tag nach dem ersten Advent, gespenstische Ruhe. Klar, am Samstag haben wir auch Adventskränze gebastelt, aber das war kein Stress, weil jemand anders die Sache perfekt organisiert hatte. Ach ja, und die Kinder machen natürlich auch bei so einer Art Krippenspiel mit, aber dieser eine zusätzliche Termin war nun wirklich nicht so schlimm, zumal unser Samstagnachmittag mit weniger Kindern dafür umso ruhiger verlief. Auch die zwei anderen adventsbedingten Termine, die bis Weihnachten noch in unserem Kalender stehen, fallen auch nicht gross ins Gewicht.

Und so kommt es, dass ich in diesen Tagen wohl eine der wenigen Mütter bin, die allen Ernstes vorschlägt: „Lass uns doch im Dezember mal wieder Kaffee trinken. Mein Kalender ist noch ziemlich leer. Wann hättest du denn Zeit?“ Warum bloss zückt bei dieser freundlichen Einladung die andere Person nicht sogleich die Agenda? Warum bloss schaut sie mich an, als hätte ich da eben eine furchtbar ketzerische Frage gestellt? Warum bloss zweifeln einige gar an meinem Verstand, wenn ich frage, ob sie bald einmal wieder Zeit für einen Schwatz hätten?

Nun ja, ich weiss nur zu gut, warum das so ist. Klage ich doch gewöhnlich auch über den Adventsstress, der mich daran hindert, Ruhe und Besinnung zu finden. Was ich aber nicht weiss: Warum bloss ist es in diesem Jahr anders bei mir? Habe ich ein besonders gutes Jahr erwischt, in dem sämtliche Lehrkräfte meiner Kinder adventsmüde sind und deswegen auf zusätzliche Termine verzichten? Sind unsere Kinder in diesem Jahr besonders bescheiden und belästigen uns nicht mit unerfüllbaren Wünschen? Oder habe ich in den vergangenen Wochen in derart hohem Tempo gelebt, dass ich mich jetzt, wo es arbeitsmässig etwas ruhiger wird, nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen lasse?

Vielleicht aber – und das befürchte ich fast – spielt der Adventsstress in diesem Jahr ein besonders heimtückisches Spiel mit mir: Er kündigt seinen Besuch nicht wie üblich weit im Voraus an, sondern wartet, bis wir glauben, er habe und in diesem Jahr vergessen weshalb wir es uns mit Glühmost und Guetzli gemütlich machen, und dann schlägt er aus dem Hinterhalt zu, wenn wir am wenigsten mit ihm rechnen.