Nicht so gefragt im Moment

Auf dem Küchentisch steht plötzlich ein Red Bull. Genauer gesagt: Eine Dose Red Bull. Also eine klare Übertretung des „Kind, trink bloss keine Energy Drinks, die sind ungesund. Und wenn du schon welche trinken musst, dann gefälligst nicht aus der Dose, denn Dosen sind nicht umweltfreundlich“-Gebots.

Beim samstäglichen Putzen kommt jetzt immer öfter Javel-Wasser zum Einsatz, weil Mamas Meinung zu diesem giftigen Zeug nichts mehr gilt. Wenn Grossmama und Tante sagen, dass man damit alles blitzsauber bekommt, dann stimmt das und obendrein riecht das ja auch so unglaublich gut…

Hätte ich mir erlaubt, auf Facebook einen mütterlichen Kommentar abzugeben, dann hätte er mich aus seiner Freundesliste gekippt.

Filme, die ich lustig finde, sind grundsätzlich doof. Dafür sind die Studienfächer, die ich zum Gähnen langweilig finde, auf einmal unglaublich interessant. Und wenn ich bemerke, er solle bei der Berufswahl seine Talente berücksichtigen, fragt er, ob ich jetzt etwa auch so eine ehrgeizige Glucke sei, die ihren Nachwuchs pushen wolle.

Wenn er dreimal in zehn Minuten meinetwegen seine Lektüre unterbrechen muss, verdreht er entnervt die Augen und fragt, ob ich eigentlich nicht alle Anliegen auf einmal vorbringen könne.

Okay, verstanden. Derzeit stehe ich bei Karlsson nicht besonders hoch im Kurs, doch solange wir noch miteinander herumalbern und über uns selbst lachen können, habe ich kein Problem damit. Früher oder später muss er ja wohl seinen eigenen Weg finden.

Ich hoffe bloss, dass der Frevel mit den Getränkedosen bald ein Ende hat…

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Komfortabel, nicht?

Versteht mich bitte auf gar keinen Fall falsch, ich will mich wirklich nicht beklagen. Und erst recht will ich nicht behaupten, für mich sei es schwieriger als für andere Mütter. Ich will einzig darauf hinweisen, dass es nicht mal in meiner privilegierten Situation einfach ist, Familie und Job unter einen Hut zu bringen.

Komfortabler als ich kann man es ja wirklich nicht haben: Will ich zur Arbeit gehen, muss ich bloss meinen Laptop auf den Tisch stellen, eine Tasse Tee kochen, den guten alten Johann Sebastian auf Endlosschlaufe setzen und schon kann ich mich meinen Aufgaben widmen. Vierzig Minuten bevor die Kinder nach Hause kommen, setze ich das Mittagessen auf, wenn der Herd ohne meine Anwesenheit auskommt, kann ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden, danach essen wir gemeinsam. Wenn es der Stundenplan der Kinder erlaubt, arbeite ich am Nachmittag weiter, ansonsten eben erst am nächsten Morgen. Steht ein Abgabetermin bevor, gibt’s auch mal eine Nachtschicht. Wirklich ideal, nicht wahr?

Na ja, in der Theorie schon. In der Praxis sieht das leider ein wenig komplizierter aus, denn in der Praxis ist auch eine von zu Hause aus arbeitende Mutter zu stetiger Flexibilität gezwungen. Mal machen einem die Schulferien einen Strich durchs sorgfältig geplante Arbeitsprogramm – diesmal dank unterschiedlicher Schulferien im Aargau und in Solothurn ganze vier Wochen lang -, mal ist die Lehrerin krank. Dann wieder liegen meine eigenen Kinder im Bett… Ach, was, ich brauche das nicht weiter auszuführen, die Situationen kennt jede berufstätige Mutter und wahrscheinlich denkt sich manch eine hin und wieder: „Wenn ich bloss von zu Hause aus arbeiten könnte. Dann könnte ich nach meinen Kindern schauen und trotzdem meine Sachen erledigen.“

Und das stimmt ja auch irgendwie. Immerhin fällt das Problem mit dem verärgerten Chef und der Krippe, die keine kranken Kinder nimmt, weg. Aber glaubt mir, das Leben findet immer einen Weg, einer berufstätigen Mutter Steine in den Weg zu legen, auch wenn eine glaubt, sie hätte die ideale Lösung gefunden. Die Steine sehen einfach ein wenig anders aus. Da ist zum Beispiel der grosse Bruder, der den kleinen „zufällig“ in den Gartenteich stösst. Oder das Telefon, das pausenlos klingelt, weil irgendwelche Kinder sich einen kleinen Venditti zum Spielen ausleihen möchten, damit es in den Schulferien nicht so langweilig ist. Oder die „Mama, mir ist soooo langweilig und warum musst du immer arbeiten, wenn wir Ferien haben?“-Diskussion. Oder die fiese Programmänderung, die dazu führt, dass „Meiner“ nicht da ist, wenn er eigentlich für die Kinder zuständig wäre, damit ich wenigstens einmal in diesen Schulferien ungestört arbeiten könnte. Und wenn mal mit Mann und Kindern alles reibungslos läuft, steht bestimmt plötzlich eine entfernte Bekannte vor der Tür, die beim besten Willen nicht begreifen will, dass ich den Computer nicht zum Spielen, sondern zum Arbeiten aufgestartet habe. Warum begreifen gewisse Menschen nicht, dass man nicht automatisch Zeit zum Kaffeetrinken hat, wenn man zu Hause ist und an einem Tisch sitzt?

Wie gesagt, ich will mich nicht beklagen, ich habe wirklich die für mich derzeit ideale Form von Familien- und Berufsleben gefunden. Und doch bin ich zuweilen ziemlich frustriert, wenn ich meine Arbeitsstunden schon wieder in den Feierabend schieben muss, weil ich die einzige in unserem ziemlich lebhaften Familiengefüge bin, die ihren Verpflichtungen zu jeder Tages- und Nachtzeit nachgehen kann. 

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Tais-toi, Edith!

Als vor einigen ein Teenager bei uns Zwischenstation machte, dauerte es nicht lange, bis eine erzürnte Nachbarin anrief, weil der Junge seine Après-Ski-Musik zu laut und zu lange laufen liess. „Das kann ja heiter werden, wenn unsere Kinder in dem Alter sind“, sagte ich damals zu „Meinem“.

Nun, noch ist keines unserer Kinder ganz so alt wie der Teenager damals war, aber die Musik dröhnt inzwischen ganz schön laut aus Karlssons Boxen. Bis anhin hat sich aber noch niemand über den Lärm beklagt. Weder meine Mutter, die zwei Etagen unter Karlsson wohnt und täglich in den Genuss von seinen Musikvorlieben kommt, noch die damals so gehässige Nachbarin, die auf dem Hundespaziergang ganz bestimmt auch mithören kann. 

Woran das liegen mag? Vermutlich daran, dass die zwei Frauen durch das markdurchdringende „Non, rien de rien. Non, je ne regrette rien..“ in ihre jungen Jahre zurückversetzt fühlen. Und so bleibt es an mir, mit zornesrotem Kopf in Karlssons Zimmer zu stürzen und zu brüllen: „Kannst du dieser Edith nicht endlich einmal den Stecker ziehen? Dieses Gejaule ist ja nicht mehr zum Aushalten!“

Ich muss unbedingt daran denken, meine Enkel eines Tages mit Bob Marley, Eros Ramazotti und Michael Jackson zu versorgen, damit ich dereinst Karlsson mit einem milden Lächeln und einem „Ach, wie ist das schön. Das erinnert mich an meine Teenagerjahre. Meinetwegen müssen sie nicht leiser drehen“ zum Wahnsinn treiben kann. 

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Du und ich

Natürlich bin ich ihnen wichtig. Daran zweifle ich keinen Moment, obschon es oberflächlich betrachtet schon mal danach aussieht, als würden sie ganz gerne auf mich verzichten. Sie lieben mich sogar, des bin ich mir sicher. Aber erkennen sie auch, dass da Grenzen sind? Nein, nicht Grenzen meiner Liebe, nur feine Linien, die sagen „Dort bist du und hier bin ich“.

Zum Beispiel eine geschlossene Bürotür, die unmissverständlich verkündet: „Mama arbeitet, geh zu Papa, wenn du etwas brauchst.“

Oder ein schön eingerichtetes Regal im hintersten Winkel meiner Küche. Ein klares Signal, dass hier ein paar Dinge sind, die ich mit niemandem teile. Dinge, die ich nicht in Scherben vorfinden will, wenn ich sie zur Hand nehmen möchte.

Manchmal stellt auch das Telefon am Ohr eine solche Grenze dar. Nein, nicht dann, wenn ich zur anderen Person sage: „Hör mal, meine Kinder brauchen mich, ich muss jetzt auflegen.“ Sondern dann, wenn ich schwatzend von Zimmer zu Zimmer flüchte, jedes Mal die Tür hinter mir zumache und entnervt die Augen verdrehe, wenn fünf Sekunden später schon wieder jemand gestikulierend an meiner Seite steht.

Einige Familienmitglieder wollen partout nicht verstehen, dass auch die geschlossene Badezimmertür ein klares Zeichen ist, dass ich jetzt nicht mit mir reden lasse. Und schon gar nicht diskutieren, ob man jetzt einen Film schauen dürfe.

Wenn doch die fünf Lieben endlich begreifen würden, dass ich diese Linien nicht aus purem Egoismus ziehe, sondern auch aus reiner Liebe zu ihnen. Überschreiten sie nämlich diese Linien trotz aller Ermahnungen immer und immer wieder, werde ich irgendwann sehr kleinlich und ziemlich ungeniessbar. Dann werde ich laut und plötzlich haben sie das Gefühl, ich würde ganz gerne auf sie verzichten.

Was natürlich ganz und gar nicht der Fall ist. Ich will bloss, dass sie nicht andauernd diese feine Linie zwischen „Dort bist du und hier bin ich“ mit den Füssen treten.

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Erstklässler

Er musste schon zweimal beim Schwimmunterricht zuschauen, weil die Badehose zu Hause geblieben war. – Kennen wir.

Sein Elternbüchlein, das für die Kommunikation zwischen Lehrerin und Eltern vorgesehen wäre, ist unauffindbar. – Kennen wir.

Wenn man ihn nach seinen Hausaufgaben fragt, weiss er meist nicht so recht, was er zu erledigen hat. – Kennen wir. 

Die Lehrerin gibt ihm ein Brieflein mit, in dem sie uns höflich bittet, doch bitte etwas genauer zu kontrollieren, ob er alles gemacht und eingepackt hat. – Kennen wir.

Muss er als Hausaufgabe ein Blatt lesen, langweilt ihn das ziemlich, weil er schon längst lesen kann. – Kennen wir. 

Manchmal muss er die Hausaufgaben vom Vortag nachholen, weil er vergessen hat, uns zu sagen, dass er noch etwas hätte machen müssen. – Kennen wir.

Ihn gleich nach der Mittagspause zum Arbeiten zu bewegen, ist nahezu unmöglich. – Kennen wir. 

Er hat lieber Pause als Unterricht. – Kennen wir.

Wenn man ihm bei den Mathehausaufgaben sagt: „Schau, hier hast du eins mehr und hier eins weniger, also gibt das…?“, dann kommt die richtige Antwort wie aus der Pistole geschossen. – Hä, wie bitte? Das war bestimmt ein Zufall.

Sagt man ihm bei der nächsten Aufgabe: „Also, auf dieser Seite hast du zwei mehr und hier zwei weniger…“, dann steht die richtige Lösung bereits da, bevor man ausgeredet hat. – Du meine Güte, was ist denn mit diesem Kind los? Ob es zum Arzt muss?

Will man ihm die übernächste Aufgabe erklären, steht das Resultat schon da, bevor man sich die Rechnung angeschaut hat. – Himmel, die haben uns doch nicht etwa das falsche Kind mit nach Hause gegeben im Spital?

Schaut man zufälligerweise auf die Uhr, währenddem er seine fertigen Hausaufgaben einpackt, stellt man mit Erstaunen fest, dass er gerade mal fünf Minuten gebraucht hat für die zwei Seiten. Und das ohne Gemotze und Gezeter und „Nun mach schon!“. – In mir meldet sich der Verdacht, dass dieses Kind tatsächlich rechnen kann. 

Bekommt der grosse Bruder diese Szene mit, fragt er: „Von welchem Stern kommt dieses Kind?“ – Das wüsste ich auch zu gerne. 

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Eine Familien-Ära geht zu Ende

Immer mal wieder zwischen 1996 und 2004:

„Eine Putzfrau kommt mir nie ins Haus. Ist doch das Letzte, jemanden die Drecksarbeit machen zu lassen und selber auf der faulen Haut zu liegen. Und nachher motzen, dass sie es nicht recht gemacht hat. Sind doch alles nur verwöhnte Tussis, die sich zu fein sind, selber einen Lappen in die Hand zu nehmen…“

2005, drei Vorschulkinder, ein kürzlich abgeschlossener Umbau, ein Feierabend-Teilzeitjob:

„Manchmal überlege ich mir schon, ob es nicht Zeit wäre, eine Putzfrau einzustellen. Jemand, der einmal pro Woche gründlich sauber macht und ich würde während der übrigen Zeit Schadensbegrenzung betreiben. Aber ob unser Budget das mitmachen würde? Und überhaupt, meine Mama hat es auch ohne hingekriegt und die hatte ein paar Kinder mehr als ich. Ich kann doch nicht einfach jemand anderem meine Drecksarbeit aufbürden.“

Ende 2006, drei Wochen vor dem Geburtstermin, Mutterschaftsurlaub, beginnende Erschöpfung, weil Töchterchen seit zwei Jahren keine Nacht durchschläft:

„Auuuuuutsch!!! Scheissmöbel!!!! Das war mein Zeh!!!!“

Drei Stunden später:

Zeh gebrochen, der Arzt befiehlt Hochlagerung des Fusses und eine Haushalthilfe.

Drei Tage später:

„Es tut mir wirklich schrecklich Leid, dass ich hier faul auf dem Sofa liege, währenddem Sie für mich die Drecksarbeit erledigen müssen, aber ich schaffe es einfach nicht, mehr als fünf Minuten auf den Beinen zu sein. Ach, das ist mir jetzt peinlich, dass Sie auch noch hinter diesem Buffet putzen müssen. Das hätte ich schon längst tun wollen, aber Sie wissen ja, mit drei kleinen Kindern. Und jetzt dieser elende Zeh. Wenn ich Ihnen doch bloss helfen könnte, aber der Arzt hat gesagt…“

Ende Januar 2007, Heimkehr aus dem Spital mit Zoowärter und einem Rezept für mehrere Monate Haushalthilfe:

„Ich bin ja schon froh, dass die Haushalthilfe noch etwas länger bleibt, aber eigentlich müsste ich das jetzt selber schaffen. Ich kann doch nicht immer faul herumliegen. Klar, ich bin müde und der Zoowärter braucht mich rund um die Uhr, aber irgendwie muss ich das doch wieder alleine hinkriegen. Und die Krankenkasse will ja jetzt doch nichts daran zahlen. Also, wir machen das nicht länger als unbedingt nötig.“

Herbst 2007, vier kleine Kinder, ein Feierabend-Teilzeitjob, drei Ehrenämter, keine Haushalthilfe mehr:

„Okay, wir schaffen es nicht ohne. Rufen wir halt die Frau, die das Inserat aufgehängt hat, mal an. Vielleicht ist es wirklich besser, wenn wir es eine Weile lang so machen. Zumindest, bis ich die Ehrenämter abgegeben habe.“

Eine Woche später, Samstagmorgen:

„Gut, einmal die Woche, nur putzen, das Aufräumen erledigen wir selber. Schön, dann sehen wir uns nächsten Montag.“

März 2008, vier kleine Kinder, Feierabend-Teilzeitjob aufgegeben, Ehrenämter fast abgegeben, Erschöpfungszustand ärztlich diagnostiziert, ein positiver Schwangerschaftstest:

„Die Putzfrau bleibt, koste es, was es wolle! Und wenn das Baby kommt, muss für die ersten Monate ein Au Pair her, anders schaffe ich das auf keinen Fall.“

Oktober 2008, fünf Kinder, Familienchaos pur:

„Gott sei Dank haben wir eine Putzfrau! Sonst würden wir im Chaos untergehen.“

Bis Frühling 2013 wird sich an dieser Überzeugung nichts mehr ändern. 

Herbst 2013, der Familienalltag ist etwas ruhiger geworden, Körper und Seele haben sich von den Strapazen der vergangenen Jahre erholt, der neue Teilzeitjob lässt sich von zu Hause aus erledigen, alle Kinder sind theoretisch gross genug, um selber zu Staubsauger und Putzlappen zu greifen:

„Ich glaube, wir müssen uns allmählich Gedanken darüber machen, ob es nicht auch ohne Putzfrau geht. Die Kinder nehmen das alles viel zu selbstverständlich und ich habe ja jetzt auch wieder mehr Zeit. Aber ich bringe es einfach nicht übers Herz, sie gehen zu lassen. Klar, sie hat ihre Eigenarten, aber sie ist eine tolle Frau und ich mag sie wirklich.“

Ende 2013, das Familienbudget ächzt unter Weiterbildungskosten, die sich weniger schnell als erwartet bezahlt machen:

„Es geht nicht mehr anders, wir müssen auf die Putzfrau verzichten. Es klappt ja jetzt wirklich ganz ordentlich ohne ihre Hilfe, aber es fällt mir trotzdem unglaublich schwer. Es muss wohl einfach sein… nun ja, vielleicht können wir sie später hin und wieder für den Frühjahrsputz oder andere grössere Einsätze engagieren. So ganz ohne sie ist das ja auch irgendwie schwierig…“

29. Januar 2014:

„Sie muss unbedingt bald einmal zum Kaffee kommen, sag ihr das, wenn sie heute zum letzen Mal kommt. Schade, dass ich nicht zu Hause bin, ich hätte sie so gerne noch einmal gesehen. Du musst sie aber wirklich unbedingt einladen, ich will sie nach all den Jahren doch nicht einfach so ohne irgend eine Anerkennung ziehen lassen. Und ich muss ihr unbedingt noch ein Geschenk besorgen…“

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Aussensicht

Sie sei immer ganz brav, meinte der Lehrer. Vielleicht fast ein wenig zu schüchtern, man dürfte ruhig mehr von ihr hören. Mal auf den Tisch klopfen, das könnte sie sich durchaus erlauben. Sich etwas mehr zu Wort melden und auch mal sagen, wenn ihr etwas nicht passt.

Sie sei wirklich nett, sagten die Klassenkameraden. Vielleicht eher still, aber ganz bestimmt keine Zicke.

Gut, dass uns wieder mal jemand gesagt, wie sie auswärts ist. Zu Hause läuft das nämlich ein wenig anders.

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Im Bienenhaus

11:00 Uhr Meine Nichte und ich sitzen in der Küche, bereiten das Mittagessen vor und unterhalten uns bestens.
11:40 Nach und nach trudeln die fünf kleinen bis mittelgrossen Vendittis ein.
12:07 „Meiner“ kommt nach Hause und bringt die zwei Praktikantinnen, die drei Wochen lang in seiner Klasse im Einsatz waren, zum Essen mit. Angekündigt, versteht sich. Gemütliches und sehr lebhaftes Mittagessen zu zehnt.
12:57 Das Prinzchen, der sich unbemerkt davon gemacht hatte, taucht mit seinem besten Freund auf.
13:12 „Meiner“, die Praktikantinnen und Luise gehen zur Schule. Das Prinzchen lässt sich nach viel Gezeter vom Zoowärter und dem besten Freund in den Kindergarten begleiten.
13:30 Zoowärter, FeuerwehrRitterRömerPirat, Karlsson, meine Nichte und ich geniessen die relative Ruhe.
14:07 Zoowärters Freund kommt zum Spielen. Meine Nichte und ich suchen im Internet nach Praktikumsstellen.
14:50 Meine Schwester und ihre kleine Tochter bringen ein Geburtstagsgeschenk für den Zoowärter, bleiben zu Kaffee und Saft und berichten, dass sie im Garten dem Kaninchen begegnet sind.
15:05 Luise kommt nach Hause.
15:10 Luise und meine Nichte gehen nach draussen, um das Kaninchen einzufangen. Es gelingt ihnen, den Ausreisser in die Volière zurückzubringen.
15:12 Eine Schulkameradin des FeuerwehrRitterRömerPiraten lädt sich selber zum Spielen ein, obschon der FeuerwehrRitterRömerPirat sich mit Händen und Füssen dagegen zur Wehr setzt.
15:25 Zoowärters Freundin kommt ebenfalls zum Spielen.
15:42 Meine Schwester und ihr Töchterlein verabschieden sich. Schade, wir hatten kaum Zeit zum Reden vor lauter Durcheinander.
16:30 Ich greife panisch zum Telefon, um „Meinen“ nach Hause zu bestellen, damit er Karlsson rechtzeitig zur Konzertprobe chauffieren kann.
16:40 Ich erkundige mich bei den Kindern, wer wann nach Hause gehen muss.
16:45 „Meiner“ holt Karlsson ab.
16:55 Zeit, um Zoowärters Freund und die Freundin des FeuerwehrRitterRömerPiraten nach Hause zu schicken. Das Mädchen bettelt, ob sie noch bleiben dürfe, aber ich erlaube es nicht. Wir müssen bald weg.
17:08 Die Freundin des FeuerwehrRitterRömerPiraten kommt zurück. Sie hat ihre Schultasche vergessen und bittet um ein Glas Wasser.
17:10 Die Mama des Mädchens ruft an, um nach dem Verbleib ihrer Tochter zu fragen. Das Kind sei unterwegs, sage ich. Was auch stimmt, vor wenigen Augenblicken hat sie – diesmal mit Schultasche – das Haus verlassen.
17:14 „Meiner“ kommt nach Hause.
17:20 Die Mama von Zoowärters Freundin kommt, um ihre Tochter abzuholen. Wir unterhalten uns kurz über den Karlsson-Propeller, den sie dem Zoowärter zum Geburtstag geschenkt hat.
17:35 Meine Nichte wird abgeholt. Es war so schön, sie den ganzen Tag hier zu haben.
17:55 Prinzchens bester Freund geht nach Hause, weil wir weg müssen.
18:00 Luise und ich gehen zum Bahnhof, „Meiner“ kommt wenig später mit dem Auto nach.
18:35 Zum ersten Mal in der Geschichte sitzt Familie Venditti eine halbe Stunde vor Konzertbeginn in der vordersten Reihe und wartet gespannt auf Karlssons Auftritt. Ach, wie schön menschenleer es in der vordersten Reihe doch ist. Nach all den Lieben heute mögen wir uns nicht auch noch mit Fremden herumschlagen…

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Déja v(éc)u

Morgen gehen die Einladungen raus, Ende Woche muss ich die Schürze waschen, Mitte nächster Woche werden Fleischbällchen gedreht, bis sich mein an vegetarische Kost gewöhnter Magen umdreht, am Mittwochnachmittag schliesslich werde ich mir die karierte Schürze umbinden und mit der Holzkelle die kleinen Rotznasen vom Stehlen der Fleischbällchen abhalten. Kurz, ich werde die gehässige Hildur Bock geben.

Wieder einmal. Diese Rolle spielte ich jeweils an Karlssons Geburtstagsparties, beim ersten Mal freiwillig, danach auf Drängen von Karlssons Freunden, die mich schon Wochen vor der Party wissen liessen, dass sie fest mit Fräulein Bock rechnen. Also drehte ich Fleischbällchen, band mir die Schürze um und jagte die Kinder durch die Wohnung, auch dann noch, als Karlsson längst dem Karlsson vom Dach-Alter entwachsen war. 

Nun also wünscht der Zoowärter das gleiche Programm und ich freue mich darauf. Zum einen, weil wir uns für einmal nicht den Kopf darüber zerbrechen müssen, was wir mit der Rasselbande bloss wieder anstellen sollen. Zum anderen, weil Zoowärters Freunde ähnlich fantasievoll und begeisterungsfähig sind wie damals Karlssons Freunde – wir hatten auch schon Parties, bei denen trotz aller Bemühungen unsererseits keine Freude aufkommen wollte – und zum dritten, weil das endlich mal wieder eine Party wird, bei der auch ich meinen Spass haben werde. 

Eine einzige Frage nur raubt mir den Schlaf: Schaffe ich dieses ganze Herumgerenne überhaupt noch? Zwischen diesem und dem letzen Mal liegen immerhin einige Lebensjahre, zwei Schwangerschaften und ein paar zusätzliche Kilos auf den Rippen. 

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Was wir unsere Kinder zu lehren versuchen

Je lauter einer schreit „Ich kann’s!“, umso weniger kann er es wirklich.

Je lauter einer also schreit, umso weniger braucht man sich von ihm beeindrucken zu lassen.

Man braucht keine aufregenden Ferienerlebnisse zu erfinden, wenn man keine hatte. Es ist durchaus erlaubt, auch mal langweilige Ferien zu haben. Meines Wissens gibt es auch noch andere Familien, die das Jahr ohne viermal Dubai, zweimal St. Moritz, achtmal New York und einmal Mondflug überstehen müssen.

Die Füsse gehören nicht auf den Tisch, auch dann nicht, wenn man Prinzchen heisst.

Es ist ein Privileg, in die Schule gehen zu dürfen. Auch wenn man das zuweilen kaum glauben mag und auch wenn mich selber hin und wieder gewisse Zweifel beschleichen.

Es geht mich nichts an, wie alt die Mama irgend einer Schulkameradin war, als sie zum ersten Mal ihre Tage hatte. Zum Glück teilen unsere Kinder meine Meinung, sonst müsste ich fürchten, sie würden von mir auch Dinge herumerzählen, die keinen etwas angehen.

Messer rechts, Gabel links, Teller in der Mitte, Glas oben rechts. Und zwar ohne, dass ich sie vor jeder Mahlzeit dazu auffordern müsste.

Die Katze ist kein Spielzeug. Auch dann nicht, wenn sie sich wie eines aufführt.

Es reicht, dass die kleinen Geschwister bei ihren Kameraden hässliche Wörter aufschnappen, sie brauchen diese nicht vom grossen Bruder und der grossen Schwester gelehrt bekommen.

Bloss weil Papa als Secondo weniger Hemmungen bezüglich hässlicher Wörter hat, bedeutet dies noch lange nicht, dass ich sie toleriere. Die Sprache ist mein Revier, so wie das Visuelle seines ist und er duldet auch keine hässlichen Bilder an der Wand.

Wir meinen es immer gut mit euch. Selbst dann, wenn ihr euch das beim besten Willen nicht vorstellen könnt.

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