Mir dämmert etwas…

Jetzt ist es also soweit: Das letzte Kindergartentäschchen ist gekauft, morgen lernt das Prinzchen seine Kindergartenlehrerin kennen, bekommt Leuchtstreifen, Stundenplan und Klassenliste, in vier Tagen macht er seinen Schulabschluss, in drei Wochen steht er vor dem Traualtar und Ende Jahr halte ich sein erstes Kind im Arm. Irgendwie so wird das gehen, ich weiss es doch. Ich erlebe das ja nicht zum ersten Mal.

Kaum hat dein Kind seinen Fuss über die Schwelle des Kindergartens gesetzt, fängt es an, in die Höhe zu schiessen, es bringt Wörter nach Hause, die es von dir nie zu hören bekäme, es verknallt sich unsterblich in die Kindergartentante, verbringt jede freie Minute mit seinen Freunden und du bist nur noch dazu da, Pausenbrote zu schmieren, kleine Wunden zu verarzten und Elternbriefe zu lesen. 

Okay, ich weiss, ich übertreibe mal wieder, aber nur ganz leicht, denn meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass die Jahre noch schneller verfliegen, wenn ein Kind erst mal dem Schulsystem in die Fänge geraten ist. Ich meine, es ist doch erst ein paar Wochen her, seitdem ich Karlsson zum Schnuppermorgen in den Kindergarten begleitet habe und morgen ist schon das Prinzchen dran. Ich könnte heulen.

Tue ich aber nicht, denn neulich habe ich mir vorzustellen versucht, wie ein Prinzchen-freier Vormittag aussehen könnte und mir dämmerte, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal die Wohnung putzen kann, ohne dass mir gleich wieder einer den Fussboden verdreckt.

Okay, ich geb’s zu, das ist es, was mir hätte dämmern müssen. In Wirklichkeit hat mir natürlich gedämmert, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal eine Kanne Tee aufgiessen und mich mit einem dicken Schmöker aufs Sofa schmeissen kann. Natürlich nur, um mich über Prinzchens Abwesenheit hinwegzutrösten…

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Überstanden

Angedeutet hatte er es schon öfters, seit heute aber ist es offiziell: „Meiner“ und ich sind unfair, haben ihn immer nur an der kurzen Leine gehalten, erlauben ihm nichts, aber auch wirklich gar nichts, die jüngeren Geschwister hingegen dürfen alles, sie können tun und lassen, was sie wollen. Keine zehn Schritte darf er aus dem Haus machen, es ist ein Wunder, dass wir ihn überhaupt in die Schule gehen lassen. Unsere Behauptung, wir hätten ihn immer mal wieder dazu ermutigt, grössere Schritte zu wagen, ist eine fette Lüge. Er hätte ja schon gewollt, aber wir haben immer alles zu verhindern gewusst. Okay, er weiss auch nicht so recht, was er denn überhaupt hätte machen wollen, aber hätte er eine Idee gehabt, hätten wir ganz bestimmt nein gesagt. Wie immer, wenn er etwas will. Wenn aber die anderen fragen, sagen wir immer ja. Immer… Er schäumte vor lauter Wut und auch mir fiel es alles andere als leicht, die Fassung zu bewahren, vor allem, als er… Nein, das schreibe ich hier nicht, das ist privat und ich hätte es auch nicht geschätzt, wenn meine Mutter so etwas breitgeschlagen hätte.

So schnell, wie der grosse Zorn aufgezogen war, war er auch wieder verflogen. Bald konnten wir wieder ganz vernünftig miteinander reden und inzwischen bin ich froh, dass wir endlich unsere erste halbwegs heftige pubertätsbedingte Auseinandersetzung hatten, denn je länger sie ausbleibt, umso mehr fürchtet man sich vor ihr. Mir kommt es vor, als hätten sich die Auseinandersetzungen in der Trotzphase nach einem ganz ähnlichen Muster abgespielt, wenn auch damals mit weniger direkten Angriffen auf „Meinen“ und mich. Die Trotzphase haben wir auch irgendwie überstanden, also werden wir auch das mit den Teenagerjahren irgendwie packen. Auch wenn er uns natürlich in ein paar Jahren – teilweise zu Recht – vorwerfen wird, mit den kleinen Geschwistern seien wir viel weniger streng gewesen als mit ihm.

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Schwärmerisch

Da stehe ich also vor meinen üppig wuchernden Erbsen und breche die erste reife Schote ab, öffne sie und zeige den Inhalt dem Prinzchen. „Sind da wirklich so viele drin?“, fragt er staunend und probiert zum ersten Mal in seinem Leben eine erntefrische Erbse. Unbeschreiblich, diese Frische, diese Süsse, dieser Genuss. Weil das Prinzchen glaubt, nach einer einzigen kleinen Erbse müsse man gleich zur Zahnbürste greifen, setze ich meinen Gartenrundgang alleine fort. Die Tomatenpflanzen, die wegen der Kälte eben noch klein und mickrig waren, haben sich nach wenigen Sonnenstunden prächtig entwickelt, die Krautstiele, welche der Regen beinahe ertränkt hätte, werden in wenigen Tagen gross genug sein, um in der Pfanne zu landen, die Tigermelone wuchert nach allen Seiten, die Kamillenblüten sind so gross und aromatisch wie noch nie, den Salatköpfen kann man beim Wachsen beinahe zuschauen. 

Unfassbar, was aus den winzigen Samen, die ich im Februar in die Erde gedrückt habe, geworden ist. Und dies trotz Kälte, heftigem Wind, Mangel an Sonnenlicht und viel menschlichem Gejammer. Eine unglaubliche Vielfalt, die aus nicht viel mehr besteht als aus Wasser und Licht und alles, was ich dazu beitragen kann, ist regelmässiges Giessen, ein erbarmungsloser Kampf gegen die Nacktschnecken und ab und zu ein wenig Brennessel-Gülle.

Es gelingt mir nicht, mein Staunen in Worte zu fassen, mein genüssliches Schmatzen, wenn ich in eine süsse, sonnenwarme Erdbeere beisse, muss reichen. Ja, ich weiss, ich bin heute ziemlich schwärmerisch, aber was erwartet ihr von einer, die sich inzwischen dabei ertappt, wie sie mit ihren Randen redet?

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Kann ich das überhaupt?

Nicht, dass ich nicht wollte, im Gegenteil. Ich liebe es, mein Leben mit anderen zu teilen, lerne auch gerne neue Menschen kennen, baue mit Begeisterung an Freundschaften mit. Am liebsten hätte ich jeden Tag jemanden zu Besuch. Zuweilen aber frage ich mich, ob in unserem Leben überhaupt noch Raum ist für neue Freundschaften, wo es doch schon schwierig genug ist, für die Beziehungen Zeit zu finden, die seit Jahren bestehen. 

Liebend gerne lasse ich alles stehen und liegen, wenn jemand bei uns Kaffee trinken oder einfach ein wenig quatschen möchte. Bloss, kann sich ein Gast bei uns überhaupt noch wohl fühlen, wo er doch nur äusserst selten die ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt? Mal verwickeln mich die Kinder in peinliche Diskussionen über meine schlimmsten Erziehungsfehler, mal muss ich die gemütliche Runde unterbrechen, weil eines der Kinder chauffiert werden muss, mal habe ich nichts ausser Getränken anzubieten, weil weder Zeit zum Backen noch zum Einkaufen blieb, mal fällt mir mitten im gemütlichen Beisammensein eine Verpflichtung ein, die sich nicht verschieben lässt. Neulich musste ich gar eine liebe Person abwimmeln, weil in der Küche gerade das nackte Chaos ausgebrochen war und jeder, der den Raum betreten hätte, für immer auf dem Fussboden kleben geblieben wäre. 

Nach solchen Erlebnissen überkommen mich jeweils grosse Zweifel, ob das mit mir und den lieben Mitmenschen überhaupt funktionieren kann, ob ich überhaupt alles bieten kann, was man von einer Freundschaft erwarten dürfte. Doch spätestens dann, wenn wieder jemand ganz spontan bei uns hereinschneit oder wenn Freunde, auf die wir uns wochenlang gefreut haben, mit uns am Tisch sitzen, wird mir klar, dass ich solche Zeiten um nichts in der Welt missen möchte. Darum bleibe ich so gut als möglich dran und hoffe darauf, dass unsere Freunde – ob neue oder uralte – trotz all meiner misslungenen Bestrebungen erkennen können, wie viel sie mir bedeuten. 

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Ende der Kleinkindphase

Nach langer Zeit habe ich endlich wieder die Geduld, an einem Buch dranzubleiben, bei dem ich Abschnitte mehrmals durchlesen muss, weil so viel drin steht. Kein Buch, das man sich so nebenbei, zwischen Hausaufgaben und kochen reinziehen kann, weil es so seicht ist, sondern ein Buch, das mich in Gedanken begleitet, wenn ich den Geschirrspüler ausräume oder im Garten Nacktschnecken zertrete. Ein Buch, über das ich gerne mit jemandem diskutieren möchte, aber ausser mir interessiert sich wohl keiner für das Thema. 

Ich freue mich wieder darüber, wenn ich bei einer Umfrage nach meiner Meinung gefragt werde und lege nicht mehr entnervt auf, weil im Hintergrund drei Kinder im Chor brüllen. Bevor nun alle Meinungsforschungsinstitute zum Telefon greifen, um mich anzurufen, möchte ich betonen, dass ich mich nur über Umfragen freue, bei denen ich nach meinen politischen Ansichten gefragt werde. Ist doch immer ein Genuss, wenn man über alles wettern kann, was einen in den vergangenen Monaten bei der Zeitungslektüre genervt hat. 

Wenn wir aus dem Haus gehen, sobald alle anderen weg sind, schaffen es das Prinzchen und ich, zu Fuss einkaufen zu gehen, unterwegs mit ziemlich vielen Leuten zu reden und doch noch rechtzeitig das Mittagessen auf den Tisch zu bringen. Eben noch hätten wir dafür mindestens einen Tag gebraucht, doch seitdem das Prinzchen nicht mehr jeden Regenwurm begrüssen und jede Mauer besteigen muss, überholen wir locker jede Weinbergschnecke, der wir unterwegs begegnen. 

Schneit jemand spontan bei uns herein, kann ich fast immer sagen: „Kaffee oder Tee? Ich habe Zeit.“ Und fast immer meine ich es ehrlich, denn seitdem ich von zu Hause aus arbeite, kommt es mir nicht so sehr darauf an, ob ich mittags am Computer sitze oder um Mitternacht. Hauptsache, ich schaffe mein Tagespensum. 

Ich backe wieder Brot, mache wieder Joghurt und es macht mir wieder Spass, am Sonntagnachmittag Stunden in der Küche zu verbringen, um Falafel selber zu machen. 

Sieht ganz danach aus, als normalisiere sich das Leben mit dem Ende der Kleinkindphase wieder. Oder habe ich endlich gelernt, meinen Alltag unseren Lebensumständen anzupassen?

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Leben anpassen

Jedes Leben verändert sich und wenn unter einem Dach sieben Leben gelebt werden, gibt es stets kleinere und grössere Anpassungen vorzunehmen. Zurzeit muss mal wieder an allen Ecken und Enden angepasst werden.

Zum Beispiel beim Wocheneinkauf. Mehrere Jahre lang blieben die Mengen, die ich einkaufen musste, mehr oder weniger gleich. 20 Liter Milch, 2.5 Kilo Äpfel, vier Bund Bananen, 22 Joghurts und so weiter. Abzählen musste ich schon lange nicht mehr, der Einkaufswagen war jede Woche etwa gleich voll, am Mittwoch waren Kühlschrank  und Obstschale leer, am Donnerstag wurde aufgefüllt. Seit einiger Zeit aber sind die Tomaten schon weggegessen, bevor ich Zeit hatte, sie aus der Einkaufstasche zu nehmen, die Obstschale ist bereits am Samstagmittag leer, am Sonntagabend ist kein Joghurt mehr da und am Montagmorgen durchsuche ich verzweifelt die Vorratskammer nach znünitiauglichem Futter für die grosse Pause. Wie die Heuschrecken fallen die Kinder über alles her, was essbar ist und es ist klar: Mindestens drei Kinder machen einen heftigen Wachstumsschub durch und wenn ich nicht ganz schnell das richtige Mass finde, stehe ich bald täglich in der Migros, um Nachschub zu besorgen. 

Auch die Alltagsplanung ist eine Baustelle. Ich muss lernen, meine Arbeitszeiten auf möglichst kinderfreie Zeiten zu legen. Die Kinder müssen lernen, dass eine Mutter, die am Laptop sitzt, am Arbeiten und nicht am Spielen ist. „Meiner“ muss sich wieder angewöhnen, jeden noch so kleinen Termin im Kalender einzutragen. Wir Eltern müssen uns endlich bewusst machen, dass ein Tag, an dem wir zwei keine Termine haben, trotzdem voller Termine sein kann, weil die Kinder inzwischen mehr um die Ohren haben als wir. „Meiner“ muss wieder einmal lernen, Arbeitstermine mit mir abzugleichen, ehe er eine Zusage macht und ich muss lernen, mich nicht masslos zu ärgern, wenn er mal wieder keine andere Wahl hatte, als ein Elterngespräch abends um acht anzubieten. 

Nachdem mir in den vergangenen Monaten der Sinn nicht gerade nach sozialen Kontakten stand, fehlt mir jetzt allmählich der Austausch mit Mitmenschen, die nicht zu meinem engsten Umfeld gehören. Doch soziale Kontakte ergeben sich selten von selbst, wenn man mehrheitlich zu Hause sitzt. Gut, beim Einkauf im Dorf oder bei der Gartenarbeit komme ich immer mit Menschen ins Gespräch, doch das ist kein Ersatz für das Zusammensein mit Freunden oder die Auseinandersetzung mit Menschen, mit denen man den Arbeitsalltag teilt. Noch habe ich den Weg nicht gefunden, wie ich als Hausfrau und Freischaffende mein alltägliches Sozialleben so gestalten kann, dass mein – zugegeben sehr grosses – Bedürfnis nach tiefschürfenden Gesprächen, Tratsch, Diskussionen und gegenseitiger Anteilnahme gestillt werden kann.

Eine äusserst anstrengende Baustelle ist das Familienbudget. Jahr für Jahr brachte die Prämienverbilligung Mitte Jahr eine spürbare Entlastung. Nun sind wir aber dank meines Einkommens auf dem Papier in die Steuerklasse aufgestiegen, die keine Vergünstigungen mehr bekommt, also bleibt die Entlastung aus. Weil aber gleichzeitig die Kinder deutlich grössere und damit teurere Kleider benötigen, alle zwei Jahre ein weiteres Kind zum Musikinstrument greift, der Einkaufswagen aus oben erwähnten Gründen immer voller wird und obendrein auch noch die Steuerrechnung höher ausfällt, ist eben nur theoretisch mehr Geld da. Ich will mich nicht beklagen, im Vergleich zu den meisten Menschen auf diesem Planeten geht es uns blendend und uns fehlt es an nichts. Dennoch werde ich Monat für Monat leicht hysterisch, wenn ich sehe, wie schnell ein eigentlich anständiges Einkommen aufgebraucht ist, wenn mehrere Menschen davon leben. 

Dann stehen da noch Anpassungen im Bereich „Lebensziele“ an, denn sowohl bei „Meinem“ als auch bei mir verlangt das kreative Schaffen nach mehr Raum. Spannend, aber auch ziemlich herausfordernd, wenn man weder sagen kann noch will: „Du, mich hat gerade die Muse geküsst, ich ziehe mich mal für drei Wochen  zurück, um meine Idee umzusetzen.“

Ach ja, und dann haben nach den Sommerferien zwei Kinder einen Lehrerwechsel vor sich, einer kommt in den Kindergarten, einer in die Schule, einer wechselt an die Oberstufe, einer unterrichtet zum ersten Mal Erstklässer und eine fragt sich, wie lange es wohl diesmal dauern wird, bis sie all die neuen Stundenpläne wieder im Kopf hat.

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Wieder mal ein paar Dinge gelernt

  • Man kann durchaus ein paar Monate damit leben, das Geschirr jedes Mal zwei Treppen hochzutragen, um den Geschirrspüler zu füllen. Man kommt sogar einige Monate ganz ohne Geschirrspüler klar, wenn der Ersatzgeschirrspüler ebenfalls seinen Geist aufgibt. Mit funktionierendem Geschirrspüler im gleichen Raum, in dem gekocht wird,  ist das Leben jedoch ganz eindeutig schöner als ohne. 
  • Auch wenn gewisse Ämter einen miesen Ruf haben, trifft man dort gelegentlich auf sehr nette Menschen. Gut, vielleicht waren die Leute nur nett, weil sie auf den ersten Blick erkannten, dass ich ihre Leistungen weder wünsche noch brauche. 
  • Auch zwei vollkommen unsportliche Menschen bringen es fertig, ein Kind miteinander zu zeugen, das beim Rennen um den Titel „Der Schnellste im Dorf“ mitmachen darf. Es sagt wohl ziemlich viel über die Unsportlichkeit des Paares aus, wenn es ganze vier Versuche braucht, bis ein solches Kind zustande kommt…
  • Musst du morgens nicht aus dem Haus, bringst du es auch weit über Dreissig noch zustande, eine Nachtschicht nach der anderen zu schieben. Wehe aber, du musst eines Morgens raus. Dann spürst du sehr schnell, was für eine Memme dein Körper geworden ist.
  • Nacktschnecken ist es vollkommen egal, ob die Pflanzen im Freiland oder im Gewächshaus wachsen. Gibt es einen Weg, wie sie ins Gewächshaus reinkommen, dann finden sie ihn, darauf kannst du Schneckenkörner nehmen.
  • Bloss weil du nach wochenlangem Regenwetter und Fronleichnams-Brücke die Nase voll hast von Kindern, die gelangweilt auf dem Sofa herumlümmeln, heisst das noch lange nicht, dass die Magen-Darm-Seuche einfühlsam genug ist, um deine Kinder bei dieser Runde zu verschonen. Und weil du die Knöpfe erst wieder zur Schule schicken kannst, wenn sie voll und ganz genesen sind, lümmeln sie eben noch ein wenig länger.
  • Mitt Buttermilch und Zitronenschale im Teig isst sogar das Prinzchen Vollkornbrot, auch dann, wenn seine Nase ihm vorgegaukelt hat, die Mama habe Butterzopf gebacken. 
  • Gummistiefel sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Früher stand ein Paar locker zehn Geschwister hintereinander durch und leistete danach auf irgend einem Bauernhof in Rumänien noch mal zwanzig Jahre  tadellosen Dienst. Heute brauchst du in jeder Saison mindestens ein Paar pro Kind. Kaufst du teure Modelle, brauchst du zwei bis drei Paar pro Kind, denn die teuren Modelle sind nur teuer, weil irgend ein Designer viele Stunden aufgewendet hat, um einen Gummistiefel zu gestalten, der nicht wie ein Gummistiefel aussieht. Dass auch ein Gummistiefel, der nicht wie einer aussieht, bei Regenwetter dicht halten sollte, hat der Designer dabei übersehen. 

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Übergangszeit

Ohne dass ich richtig Zeit gefunden hätte, sentimental zu werden, hat heute das Prinzchen einen Lebensabschnitt abgeschlossen. Dank einer heftigen Erkältung und der stetigen Suche nach der perfekten Formulierung nahm ich nur verschwommen wahr, dass er heute seinen letzten Tag in der Kinderkrippe hatte. Gut, ich habe natürlich brav Küchlein gebacken und Schokolade für die Betreuerinnen gekauft, aber das kann man ja alles machen, ohne gedanklich richtig bei der Sache zu sein.

Erst als unser Jüngster am Abend mit seinem Abschieds-T-Shirt und seinen gesammelten Werken nach Hause kam, dämmerte mir, was geschehen ist: Das Prinzchen hat einen weiteren Schritt in Richtung Kindergartenkind getan. Zwei Monate noch und dann wird auch er Morgen für Morgen das Haus verlassen und nachmittags mit seinen Freunden spielen wollen. Nach fast dreizehn Jahren wird es nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein, dass ich morgens alleine zu Hause bin. Momentan noch fast unvorstellbar, bald aber Alltag und von den anderen Kindern weiss ich bereits, wie schnell es geht, bis auch die Nachmittage der Schule gehören. 

Und nun, was überwiegt? Die Vorfreude auf mehr freie Zeit oder die Trauer über das Ende der Kleinkindphase? Noch kann ich es nicht sagen, also werde ich wohl noch öfters über das Thema  schreiben. Das Prinzchen übrigens nimmt den Wechsel gelassen. Okay, ein wenig traurig ist er schon, aber wer hat schon Zeit, einem Lebensabschnitt nachzutrauern, wenn draussen schon der beste Freund wartet, um Baustelle zu spielen?

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Pfingstwochenende

Mit Luise neun neue Wachteln gekauft, eine alte Wachtel beerdigt.

Dreimal das Tomatenhaus aufgebaut und die Sache schliesslich aufgegeben, weil bei diesem Wind nichts stehen bleibt.

Einen neuen Nymphensittich gekauft, weil Boris sich auf und davon gemacht und die arme Doris damit in eine tiefe Depression gestürzt hat. Der Neue ist sehr hübsch, heisst Loris, Doris ist überglücklich und wir alle fragen uns, ob Karlsson dereinst bei der Namensgebung seiner Kinder ähnlich vorgehen wird.

Drei Stunden auf dem Fussballplatz totgeschlagen, weil Luise trotz mangelnder Begeisterung beim Fussballturnier mitmachen wollte. Dabei für drei Portionen Pommes Frites länger angestanden, als meiner Tochter beim Fussballspielen zugeschaut, weil sie kaum je zum Einsatz kam. Oder weil sie nicht zum Einsatz kommen wollte?

Zahlreiche Setzlinge in ein neues Zuhause vermittelt.

Mir darüber den Kopf zerbrochen, ob ich dem FeuerwehrRitterRömerPiraten den schon lange gehegten Wunsch nach einem Besuch der Zahnfee erfüllen soll, oder ob ich es bleiben lasse, weil die Sache sonst früher oder später ausufert. Was, wenn Karlsson und Luise für jeden ausgefallenen Zahn rückwirkend auf  Zahnfee-Besuche bestehen?

Eine Nacktschnecke auf der falschen Seite des Schneckenzauns erwischt und aus lauter Empörung Zetermordio geschrien.

Ein feierliches Wachtelbegräbnis mit anschliessendem Apéro besucht, das unsere Kinder organisiert haben.

Chauffiert, chauffiert, chauffiert, chauffiert…

Liebe Menschen getroffen.

„Meinem“ auf die Nerven gefallen und er mir. Aber ich bin trotzdem stolz auf ihn, weil er gerade ganz grossartige  Illustrationen zu meinen Texten macht. 

Nicht eine einzige Nacht durchgeschlafen, weil unsere Kinder noch immer nicht verstehen wollen, dass man nach dem dritten Geburtstag kein Recht mehr hat, den Eltern den Schlaf zu rauben. 

In Prinzchens Apotheke Medikamente für den von Ohrenschmerzen geplagten FeuerwehrRitterRömerPiraten gekauft. Beim zweiten Mal musste ich das Zeug klauen, weil das Prinzchen zu tief schlief, um mir etwas verkaufen zu können.

Ziemlich darunter gelitten, dass meine Schreiberei bei dem vollen Programm keinen Schritt weitergekommen ist, obschon die Zeit drängt. Gut, eigentlich ist alles geschrieben, aber ich sehe noch zu viele Mängel. 

Mehrmals den Entschluss gefasst, Waldmeister sammeln zu gehen und die Idee dann doch wieder verworfen Das Prinzchen ist ziemlich böse auf mich deswegen.

Fast geplatzt vor lauter Stolz, weil der Zoowärter sein erstes Buch gelesen hat.

Der Tatsache ins Gesicht gesehen, dass die Zeit der Schlaflieder wohl endgültig vorbei ist, weil Zoowärter und Prinzchen nur noch Geschichten hören wollen. 

Mit Karlsson nach der perfekten Sportart gesucht und noch keine gefunden. Gibt es sie überhaupt, die perfekte Sportart?

Alle paar Minuten das Programm geändert, obschon es eigentlich gar kein Programm gab.

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Hätten wir keinen Garten…

…dann hätte ich heute Morgen nach Frühstück, Zeitungslektüre und Prinzchengeplauder lustlos die Küche aufgeräumt, Wäsche gefaltet, ab und zu einen traurigen Blick auf das traurige Wetter geworfen, Mittagessen gekocht, die Kinder angemotzt, hinter ihnen hergewischt, vielleicht eine Tasse Kaffee getrunken und abends „Meinem“ die Ohren voll gejammert.

Weil wir aber einen Garten haben, trieb mich das Regenwetter nach draussen, denn hätte ich nicht ganz schnell eingegriffen, hätten die Schnecken meinen liebevoll gehätschelten Setzlingen einen frühen Tod bereitet. Mit Schere, Nematoden, Schneckenzaun und Bierfallen gingen das Prinzchen und ich auf Schneckenjagd, ich führte ihn ein in die Welt der biologischen Schädlingsbekämpfung, er spürte für mich noch die winzigste aller Schnecken auf. Anfangs jammerten wir noch über Regen und Kälte, doch irgendwann merkten wir wohl beide, dass schlechtes Wetter vom Fenster aus betrachtet trüber ist, als wenn man sich draussen bewegt, die Vögel zwitschern hört und den Flieder riecht. Wären wir drinnen geblieben, hätten wir wohl erst spät bemerkt, dass die Wolkendecke allmählich löcherig wurde, so aber waren wir mittendrin, als das Wetter sich allmählich besserte.

Hätten wir keinen Garten, dann wäre ich heute drinnen versauert, aber weil wir einen Garten haben, war der heutige Tag ganz nett. Ich glaube, das Prinzchen würde mir beipflichten, hätte er nicht vor lauter frischer Luft sehr früh sehr tief geschlafen.

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