Bruderzwist

Prinzchen sitzt heulend auf dem Sofa, Zoowärter sitzt zerknirscht daneben. Friedensmission für Mama Venditti:

Zoowärter: „Mama, das Prinzchen hat…“
Prinzchen: „Mama, der Zoowärter hat…“
Mama: „Halt, ich will nicht hören, was der andere getan hat. Zoowärter, was hast du getan?“
Zoowärter: „Das Prinzchen hat…“
Mama: „Nein, Zoowärter, ich will wissen, was du getan hast. Das Prinzchen heult lauter als du, also erzählst du zuerst.“
Zoowärter: „Ich habe ihn ganz fest gehauen, so richtig fest.“
Mama: „Okay, Prinzchen, was hast du getan?“
Prinzchen: „Ich wollte die Bilder in seinem Buch anschauen, dann hat der Zoowärter mich ganz fest auf dem Kopf gekratzt.“
Mama: „Aber Zoowärter, wegen so etwas muss man doch nicht gleich so brutal werden.“
Zoowärter: „Weisst du, Mama, das Prinzchen hat mir auch weh gemacht. Er hat mir das Herz gebrochen.“

Was soll Mama da anderes sagen, als dass beide sich entschuldigen müssen? Eine zerkratzte Kopfhaut ist schlimm, aber ein gebrochenes Herz ist ja auch nicht ohne…

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Mama Venditti, ärgere dich nicht

Etwas habe ich also doch gelernt in den vergangenen Jahren. Nicht besonders viel, ich geb’s ja zu, aber immerhin die eine Sache, nämlich die, damit leben zu können, wenn ich nicht bekomme, worauf ich mich gefreut habe. Okay, es gelingt mir nicht immer und mit grossen Enttäuschungen werde ich ebenso schlecht fertig wie die meisten Menschen auf diesem Planeten. Aber damit, dass mir meine hart erkämpften Inseln im Alltag immer wieder von kleinen und grossen Invasoren streitig gemacht werden, komme ich inzwischen ganz gut klar. 

Im ersten Moment ärgere ich mich vielleicht darüber, wenn mir mal wieder der Schaum vom Kaffee gelöffelt wird, auf den ich mich den ganzen Vormittag wie ein Kind gefreut habe, aber dann versuche ich eben, mich daran zu freuen, dass ein kleiner Mensch auf meinem Schoss sitzen und Kaffeeschaum löffeln will. Ich bin enttäuscht, wenn wieder einmal Menschen mein Tagesprogramm bestimmen, die in meinem Leben eigentlich überhaupt nichts zu bestimmen hätten, aber dann suche ich eben nach den Rosinen, die mir der Tag vielleicht trotzdem  bieten könnte und meist werde ich fündig. Besonders schwer fällt es mir jeweils, wenn jemand die raren Momente, die ich für mich ganz alleine vorgesehen hatte, für sich in Anspruch nimmt. Gelingt es mir jedoch, den Ärger loszulassen, werden daraus doch noch ganz wertvolle Momente.

Ich verstehe nicht warum, aber oft muss ich erkennen, dass die Zeit, von der ich geglaubt hatte, sie gehörte mir, eben doch nicht mir gehört und je weniger ich mit diesem Umstand hadere, umso einfacher fällt es mir, das Gute im Unerwarteten zu erkennen. Wie gesagt, es fällt mir längst nicht immer leicht, aber noch schwerer würde es mir fallen, mich immer und immer wieder darüber zu ärgern, dass ich nur in den seltensten Fällen diejenige bin, die bestimmt, wie meine Tage ablaufen. 

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Grossfamilienträume

Träumen darf man ja, haben wir uns gesagt, als klar wurde, dass in diesem Jahr mehr Budget für Ferien vorhanden sein würde. Anfangs träumten wir Richtung Westen, doch je mehr wir in uns gingen, umso klarer wurde uns, dass es uns eigentlich Richtung Norden zieht. Ein alter Traum, aber einen, den wir bisher nicht zu träumen gewagt hatten, weil alle immer sagten, wie teuer das Leben dort sei. Aber mit etwas mehr Ferienbudget konnte man den Traum ja mal etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Und siehe da: Für Grossfamilien sieht es gar nicht so schlecht aus, denn während man im Süden für jedes weitere Kind mit einem saftigen Aufpreis bestraft wird, gibt es im Norden grossfamilientaugliche Häuser wie Sand am Meer, von stinkbillig bis sündhaft teuer. Also auch etwas für unser Budget. Dazu unglaublich viele Dinge, die alle von uns so gerne mal sehen und erleben möchten. Schliesslich, als wir alle Zahlen und Fakten schwarz auf weiss hatten, erkannten wir, wie dumm wir gewesen waren, unseren Traum so lange zu ignorieren, denn so unerreichbar, wie wir immer geglaubt hatten, ist er nicht.

Also haben wir sie gebucht, unsere Schwedenreise und ich hoffe inständig, dass jetzt, wo das Budget es erlaubt, das Leben auch mitspielt bei unserem Traum.

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Du merkst, dass deine Kinder gross werden,…

… wenn du beim Überqueren der Strasse wieder darauf achten kannst, nur auf die gelben Streifen zu treten, weil deine Kinder es dir endlich gleichtun können.

… wenn du regelmässig vergisst, Windeln zu kaufen, weil eine Packung inzwischen für mehr als einen Monat reicht.

… wenn du die Verkäuferin verständnislos anschaust, die dich beim gelegentlichen Windelkauf auf die 3 für 2 – Aktion aufmerksam macht.

… wenn du dir vorstellen kannst, mit ihnen eines Tages vielleicht doch noch die Welt ausserhalb Europas zu erkunden.

… wenn du dich in Gegenwart deines Ältesten nur noch hochhackig gross fühlst.

… wenn du die deine Freunde – und ihre Macken – deinen Kindern gegenüber zu verteidigen anfängst.

… wenn du ahnst, dass der Code, den „Deiner“ und du für persönliche Nachrichten bei Tisch anwenden, geknackt ist.

… wenn du sagst: „Nun hab dich doch nicht so. Zu meiner Zeit war es im Gottesdienst viel langweiliger.“

… wenn du dir nicht mehr vorstellen kannst, dass diese Riesen einmal in deinem Bauch Platz hatten.

… wenn sie für ihre (ausserhäuslichen) Verpflichtungen mehr Disziplin an den Tag legen als du für deine (innerhäuslichen).

… wenn man zu dir sagt: „Weisst du, eigentlich brauche ich gar kein Schlaflied mehr, aber wenn du unbedingt eins singen willst, dann ist das okay.“

… wenn du die „NZZ am Sonntag“ mit zwei Familienmitgliedern teilen musst.

… wenn du dich fragst, ob du ihnen irgendwann den Code deiner Bankkarte anvertrauen wirst.

… wenn du beim Wäschefalten nicht mehr sicher bist, ob die Hose deinem Mann oder deinem Sohn gehört.

… wenn du neugeborene Eltern mit einer Mischung aus Nostalgie und Mitleid ansiehst.

… wenn der Schrei eines Neugeborenen bei dir ein verklärtes Lächeln und bei „Deinem“ ein aus tiefstem Herzen kommendes „Gott sei Dank haben wir das hinter uns“ auslöst.

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Bloss kein Stress…

Mag sein, dass andere Mütter unter Druck geraten, wenn sie sehen, wie die Freunde ihrer Kinder Geburtstagsparties feiern. Ich lasse mich dadurch nicht stressen, denn die Auseinandersetzung mit meinem Alten Ich, das mit Übereifer Kindergeburtstagsparties organisierte, reicht vollauf, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen:

Ende Dezember 2012:

Altes Ich: „In einem Monat hat der Zoowärter Geburtstag. Du solltest allmählich an die Planung denken. Wann willst du denn überhaupt seine Kindergartenfreunde einladen?
Ich: Was soll der ganze Stress? Jetzt haben wir eben erst Weihnachten hinter uns gebracht und du redest schon wieder von Geburtstag. Das hat noch Zeit…
Altes Ich: „Von wegen! Eigentlich solltest du mit den Plänen für den Zoowärter-Geburtstag bereits fertig sein und dich um Luises Party im März kümmern, aber weil du ja immer alles auf dem letzten Drücker machst, habe ich dich damit noch nicht belästigt.“
Ich: „Ich empfinde aber schon das mit dem Zoowärter-Geburtstag als Belästigung, also lass mich bitte noch ein paar Wochen in Ruhe damit.“
Altes Ich: „Wie du willst. Aber glaube bloss nicht, ich würde dir aus der Patsche helfen, wenn alles schief läuft, weil du zu spät angefangen hast…“

Anfang Januar 2013:

Altes Ich: „Hast du die Einladungen geschrieben?“
Ich: „Welche Einladungen?“
Altes Ich: „Na, welche wohl? Die für Zoowärters Geburtstagsparty.“
Ich: „Die Party steigt erst Ende Monat, das eilt noch nicht.“
Altes Ich: „Von wegen das eilt nicht. Weisst du eigentlich, wie vielbeschäftigt die heutigen Kindergartenkinder sind? Du willst doch nicht etwa, dass dein Sohn alleine feiern muss, weil alle ihren Terminkalender bereits voll haben.“
Ich: „In zwei Wochen mache ich die Einladungen, versprochen.“
Altes Ich: „Bist du wahnsinnig? Dann ist es längst zu spät. Früher, bei Karlsson und Luise warst du immer zeitig dran.“

20. Januar, Zoowärters Geburtstag:

Altes Ich: „Okay, mir ist klar, dass die Kinder nicht heute zu Besuch kommen, es ist ja Sonntag. Aber hast du das Fest am 31. bereits geplant, sind die Einladungen raus?“
Ich: „Morgen bringt der Zoowärter die Einladungen in den Kindergarten, ganz bestimmt. Ich mache sie heute Abend.“
Altes Ich: „Wundere dich bloss nicht, wenn lauter Absagen kommen. Die Party soll ja schon in zehn Tagen stattfinden.“

25. Januar:

Altes Ich: „Was macht ihr denn am 31. mit den Kindern?“
Ich: „Na ja, irgend etwas wird uns schon einfallen. Etwas mit Rittern und Prinzessinnen…“
Altes Ich: „Ich fasse es nicht! Weisst du noch, wie ihr damals für Karlsson eine Turnhalle gemietet habt? Und die tollen Bastelsachen, die du jeweils für Luises Fest eingekauft hast, weil die alle so gerne kreativ waren…“
Ich: „Ja, ich erinnere mich, das war toll. Aber du hast bestimmt nicht vergessen, wie die Kinder jeweils gemotzt haben, weil sie lieber frei spielen wollten, als unser Programm mitzumachen.“
Altes Ich: „Also daran kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Dafür werde ich Fräulein Bock nie vergessen.“
Ich: „Fräulein Bock?“
Altes Ich: „Ja, Fräulein Bock, an Karlssons zweiter Party. Du mit der Schürze, Bergen von Fleischbällchen und Zimtwecken, Karlsson mit einem Kartonpropeller auf dem Rücken, die Kinderschar, die versuchen musste, Fleischbällchen und Zimtwecken zu stehlen. Das war ein Spass…“
Ich: „Stimmt, das war ein Spass. Aber dazu bin ich inzwischen einfach zu müde. Und der Zoowärter kennt auch die Karlsson-Geschichte zu wenig….“
Altes Ich: „Oh ja, die kennt er zu wenig und wessen Schuld ist das? Früher hast du dir noch richtig Mühe gegeben, aber heute…“
Ich: „Heute gebe ich mir auch noch Mühe, ich singe einfach mehr und erzähle etwas weniger Geschichten.“
Altes Ich: „Früher hättest du beides gemacht, gesungen und erzählt und das am gleichen Abend.“
Ich: „Früher hatte ich ja auch noch keine Teenager, die nach Feierabend Hilfe bei den Hausaufgaben brauchten. Dafür habe ich tagsüber mehr Zeit für die Kleinen.“
Altes Ich: „Mich dünkt, wir kommen etwas vom Thema ab, obschon wir uns dringend mal darüber unterhalten sollten, wie sehr deine Einsatzbereitschaft nachgelassen hat. Aber Zoowärters Geburtstag hat jetzt Priorität und da du, wie mir scheint, noch überhaupt keine Vorbereitungen getroffen hast, nehme ich das jetzt an die Hand. Also, her mit dem Laptop. Wir besorgen jetzt Deko, Servietten und Kartonteller. Aber die Schönsten, wenn ich bitten darf. Der Zoowärter soll nur das Beste bekommen, wo seine Mama schon zu faul ist, dasFräulein Bock zu machen.“
Ich: „Einverstanden, obschon ich noch einmal klar und deutlich festhalten möchte, dass ich nicht faul geworden bin, sondern realistisch.“
Altes Ich: „Ich ziehe es vor, diese letzte Bemerkung zu ignorieren. Also, lass mal sehen, diese Ritterteller hier sind wirklich cool und die Teekannen für die Mädchen, die der Zoowärter eingeladen hat…“

Gestern:

Altes Ich: „Ich hoffe doch sehr, du hast für morgen alles vorbereitet.“
Ich: „Ja, das Dekomaterial ist heute eingetroffen, die Süssigkeiten sind gekauft, den Kuchen mache ich dann morgen früh und den Rest werden wir ja sehen.“
Altes Ich: „Ich hoffe doch sehr, dass ich mich verhört habe.“
Ich: „Nein, hast du nicht. ‚Meiner‘ und ich haben beschlossen, das Programm morgen zu besprechen.“
Altes Ich: „Das ist ja wohl die Höhe! Bei Karlsson musste ich dich jeweils davon abhalten, den Tagesplan am Computer zu erstellen und heute weisst du noch nicht mal, was ihr morgen machen werdet.“
Ich: „Nun ja, in groben Zügen ist das Programm natürlich schon geplant. Wir werden Geschenke auspacken und Kuchen essen.“
Altes Ich: „Ich bin tief beeindruckt, dass dir zumindest schon die obligatorischen Programmpunkte bekannt sind.“
Ich: „Siehst du, so schlecht sind wir gar nicht dran.“

Heute, 10:00 Uhr:

Altes Ich: „Und, darf ich jetzt den Tagesplan sehen?“
Ich: „Nun ja, ich habe gedacht, dass ich jetzt dann gleich mit dem Kuchen anfange…“
Altes Ich: „Wie, der ist noch nicht gebacken? Und das Programm?“
Ich: „Nachher setze ich mich dann mit ‚Meinem‘ hin, um die Details anzuschauen.“
Altes Ich: „Nachher? Wann nachher?“
Ich: „Wir werden sehen…“

Mittag:

Altes Ich: „Programm, aber sofort!“
Ich: Zuerst Geschenke, dann Smoothie mixen, Geschichte erzählen, Schatzsuche, Basteln, Kuchen essen, freies Spielen, noch einmal Geschichte erzählen dann Schluss.
Altes Ich: „Auf den ersten Blick ganz beeindruckend, aber kommen wir zu den Details: Welche Geschichte denn?“
Ich: „Nun ja, etwas mit Rittern. Suche ich dann nach dem Mittagsschlaf aus. Wir haben ja viele Bücher…“
Altes Ich: „Beschämend. Was kommt in den Smoothie?“
Ich: „Nun ja, ich habe Beeren aufgetaut und dann haben wir noch Blaubeersaft, den Rest werden wir dann sehen…“
Altes Ich: „Noch einmal beschämend. Wie steht’s mit dem Schatz?“
Ich: „Wir suchen dann noch die Kiste nach dem Mittagessen. Ich glaube, Prinzchen weiss, wo sie ist…“
Altes ich: „Und die Bastelarbeit?“
Ich: „‚Meiner‘ und ich sind uns noch nicht ganz einig. Er will Fensterbilder, ich möchte Tischsets. Klar aber ist, dass wir laminieren werden.“
Altes Ich: „Na dann, viel Glück bei der Party…“

18 Uhr:

Altes Ich: „Und, wie war die Party?“
Ich: „Sehr friedlich. Wir hatten wirklich viel Spass.“
Altes Ich: „Nur ihr, oder auch die Kinder?“
Ich: „Nun, soweit ich es beurteilen kann, hatten die Kinder viel Spass. Zumindest gab es nie Streit und gemotzt hat auch keiner. Weisst du noch, wie das jeweils bei Luises Parties war und einmal, als beim FeuerwehrRitterRömerPiraten keiner Kuchen haben wollte, weil er Kokosraspel im Teig hatte?“
Altes Ich: „Du meinst, es gab keine solchen Vorfälle?“
Ich: „Nicht einen einzigen. Es war einfach nur schön und ich glaube, es hat allen ganz gut gefallen.“
Altes Ich: „Kein Chaos, weil ihr so schlecht vorbereitet wart?“
Ich: „Nein, kein Chaos. Alles klappte wie am Schnürchen.“
Altes Ich: „Keine Tränen?“
Ich: „Keine Tränen.“
Altes Ich: „Keine Langeweile?“
Ich: „Nein, keine Langeweile. Ausser bei ‚Meinem‘ und bei mir, weil die Kinder so brav waren, dass wir kaum gebraucht wurden.“
Altes Ich: „Nahezu beeindruckend, dass man mit solch schlampiger Organisation ein solches Fest zustande bringt. Aber ich nehme an, das liegt nur an den Kindern. Sie sind vermutlich ausserordentlich wohlerzogen.“

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Dreisamkeit

Zugegeben, im ersten Moment hätte ich laut aufschreien können vor lauter Enttäuschung. Drei Wochen lang hatten wir uns auf diesen Montag gefreut, auf unseren Montag. Eine kleine Entschädigung für die drei Tage in Bonn, die wegen des Spitalaufenthalts von „Meinem“ ins Wasser gefallen waren. Kostbare Zeit zu zweit, ohne nur eine einzige Programmänderung vornehmen zu müssen. 

Und dann wird Zoowärters Kindergärtnerin krank. Natürlich habe ich Mitleid mit der Frau, aber ich bemitleide auch mich selbst. Warum kommt jedes Mal etwas dazwischen, wenn „Meiner“ und ich etwas für unsere Beziehung tun wollen? „Meiner“ reagiert zuerst einmal ganz ähnlich. „Dann blasen wir das Ganze eben ab, räumen wir halt morgen die Wohnung auf, anstatt den Tag zu geniessen“, ist sein erster Kommentar, als ich ihm mitteile, dass nichts wird aus unseren Plänen. Ob wir versuchen sollen, ganz kurzfristig einen Babysitter zu finden?

Doch dann fällt uns der Zoowärter ein. Wann haben wir denn schon die Möglichkeit, uns voll und ganz diesem einen Kind zu widmen, das mit seinem verträumten Wesen im Trubel allzu oft zu kurz kommt? Zeit zu zweit bekommen wir nicht, aber Zeit zu dritt ist ebenso kostbar und fast ebenso rar. Also weg mit dem Frust, her mit einem neuen Plan. 

Es wird nicht der Tag, den wir uns erträumt hatten, rundum gelungen ist er dennoch. Weil es einfach schön ist, mit dem Zoowärter Zeit zu verbringen. Weil wir alles ganz gemächlich angehen können, da der Zoowärter auch ohne grosse Action glücklich ist. Weil sich zwischen „Meinem“ und mir erstaunlich tiefgründige Gespräche entspinnen. Weil der Zoowärter so dankbar ist für das rare Geschenk der Dreisamkeit, dass er mich abends mit ganz viel Hilfe beim Kochen beschenkt. Weil wir den Tag nicht mit Selbstmitleid und Aufräumen vergeudet haben.

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Studienfach Kinderkriegen

Die einen Ökonomen rechnen dir vor, wie verantwortungslos und egoistisch es sei, auf Kinder zu verzichten, weil ohne Kindernachschub der Generationenvertrag und im Endeffekt gar der soziale Friede gefährdet würden. Die anderen Ökonomen rechnen dir vor, dass sich Kinder überhaupt nicht rechnen, weder für dich persönlich noch für die Wirtschaft und dass sie deswegen die schlechteste Investition überhaupt seien. 

Radikale Umweltschützer weisen voller Zorn auf die Überbevölkerung hin, wenn du es wagst, nur schon laut übers Kinderhaben nachzudenken. „Unnötige Umweltbelastung!“, zetern sie, „purer Egoismus! Alleine schon die Windelberge, die jedes einzelne Kind produziert…“

Die eine Studie belegt dir, dass du eine bessere Mutter sein wirst, wenn du zuerst die Welt gesehen, Karriere gemacht, dein Haus fertig eingerichtet und mindestens vier verschiedene Partner gehabt hast. Fortpflanzung also frühestens mit 38. Die nächste Studie belegt dir, dass du am besten gleich an deinem 18. Geburtstag mit dem erstbesten ins Bett hüpfst, vier Kinder zeugst und dann irgendwann, wenn dein Jüngstes 14 ist, karrieremässig voll durchstartest. 

Mal verdonnern dich die Erziehungswissenschafter dazu, mindestens drei Kinder im Altersabstand von zehn Monaten zu haben, die du alle in deinen eigenen vier Wänden grossziehst und bis zum fünften Geburtstag voll stillst. Dann wieder darf es nicht mehr als eines sein, selbstverständlich voll und ganz in der Krippe aufgezogen, weil alles andere schädlich und verantwortungslos wäre.

Ohne die Wissenschaft als Ganzes verteufeln zu wollen, muss ich das jetzt einfach mal loswerden: Hört endlich damit auf, das Kinderkriegen als Studienfach – irgendwo, hoch oben in einem Elfenbeinturm, weitab vom Kinderzimmer – zu betreiben. Hört auf damit, nach dem einzig richtigen, garantiert schmerz- und fehlerfreien Weg zu suchen, denn diesen Weg gibt es nicht. Hört auf damit, Eltern und solche, die es (vielleicht) werden wollen, mit Thesen zu verunsichern, die dann doch nichts mit dem realen Leben zu tun haben. 

Und ihr, die ihr euch mit der Frage herumquält, ob ihr euch nun fortpflanzen sollt oder lieber doch nicht: Wenn ihr bereit seid, nicht nur den Spass und das Herzerwärmende, sondern auch Verantwortung und Konsequenzen für den Rest eures Lebens zu tragen, dann habt Kinder. Ihr werdet es ganz bestimmt nicht bereuen, auch wenn ihr euch vielleicht während der Darmgrippe-Saison zuweilen fragen werdet, warum ihr euch das antut. Wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann lasst es lieber bleiben, denn Kinder sind nun mal keine Haustiere, die man zurückgeben kann, wenn man dann doch lieber die Weltumsegelung machen möchte, von der man immer geträumt hat.

Und um Gottes Willen, sucht nicht in irgend einem Blog nach der Antwort auf die für euer Leben absolut entscheidende Frage ob ihr eine Familie gründen sollt oder nicht. Vor allem nicht, wenn euch diese Bloggerin sagt, dass es im Leben nichts Besseres gibt, als mindestens drei Kinder zu haben. Glaubt mir, die Frau spinnt, denn sie sagt dies an einem Tag, an dem sie ihre von Darmgrippe geplagte Familie am liebsten zur Kur auf den Mond schicken würde.

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Warum eigentlich?

Warum wir Kinder haben? Die Frage habe ich mir schon lange nicht mehr gestellt. Heute aber unterhielt ich mich mit einer jungen Frau darüber, ob Frau Kinder haben muss, oder zumindest haben wollen müsste, wenn sie halbwegs normal wäre, und da machte ich mir mal wieder Gedanken darüber.

Warum haben wir uns überhaupt für das Abenteuer mit fünf Kindern entschieden? Weil man halt einfach Kinder hat, wenn man viele Jahre zusammen ist? Weil wir die Verhütung nicht in Griff bekommen konnten? Aus religiöser Überzeugung? Weil wir nicht zum Mainstream – zwei Kinder, Hund, Einfamilienhaus – gehören wollten? Weil Mutterschaft einen zu einem besseren Menschen macht? Weil wir ohne Kinder mit unserer Zeit nichts anzufangen gewusst hätten?

Für „Meinen“ kann ich nicht sprechen, aber bei mir ist wohl der Grund, dass es mich begeistert, mit Menschen unterwegs zu sein. Rückblickend zu erkennen, dass gewisse Charaktereigenschaften eines Kindes bereits bei der Geburt zum Tragen kamen, zu erleben, wie Fähigkeiten zum Erblühen kommen, gemeinsam Wege zu finden, wenn es mal nicht so perfekt läuft. Die Fülle an Charakteren, die erstaunlichen Ähnlichkeiten, die zutage treten, das Unvorhersehbare, überraschende (Un)fähigkeiten, weitergeben, was man im Laufe des Lebens gelernt hat, aber auch einen Spiegel vorgehalten zu bekommen, dies sind die Dinge, die mich faszinieren, die ich nie hätte missen wollen in meinem Leben. Diese Dinge sind es auch, die mir immer wieder den Antrieb geben, mich aufzuraffen, wenn das Muttersein alles andere als rosig ist.

Und weil mich dieses gemeinsame Unterwegssein so sehr begeistert, habe ich auch zuweilen das Gefühl, fünf Kinder seien noch längst nicht genug, aber das sieht „Meiner“ ganz eindeutig anders als ich.

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Freitag

Zuerst habe ich ja gedacht, dass sie das doch nicht erwarten kann von mir. Einfach so an einem ganz gewöhnlichen Freitagvormittag ins Thermalbad, nur weil die Lehrerin krank ist. Und natürlich, weil sie noch einen Schwimmbadbesuch zugute hat, eine Belohnung für zwanzig Tage ohne Gemotze bei den Hausaufgaben. Schwimmbad, das heisst für Luise Thermalbad, weil wir dort so selten hingehen. Ist ja auch ein wenig teuer für zwei Erwachsene und fünf Kinder. Aber nur zwei Personen – Mama und Luise -, das geht doch, nicht wahr, Mama? 

Na ja, eigentlich geht es nicht, denn Mama sollte noch Hamburger formen für sieben hungrige Teenager, die heute Abend Karlssons Geburtstag nachfeiern. Sie hätte auch noch Biskuit-Böden für Zoowärters Geburtstag am Sonntag zu backen. Prinzchen  muss noch zum Arzt, weil sich eine Dellwarze stark entzündet hat. Mama will nicht noch einmal am Samstagnachmittag zum unterkühlten Doktor am Bahnhof. Sie will auch nicht noch einmal mit einem Kind für ein paar Tage wegen einer entzündeten Dellwarze ins Spital. Dann wäre auch noch dafür zu sorgen, dass die Wohnung wieder so wird, wie die Putzfrau sie am Mittwoch hinterlassen hat. Thermalbaden liegt also wirklich nicht drin. 

Auf der anderen Seite ist fraglich, wie lange Luise noch ohne Scham ihre schwangerschaftsgestreifte und vom Leben deformierte Mama ins Thermalbad schleppen wird. Vielleicht darf Mama schon bald nicht mehr mit, weil sie nicht cool und schön genug ist. Ausserdem hat Töchterchen jetzt schon kaum mehr Zeit für Mama, da ihr die Schule so viel abverlangt. Und wenn sie nicht in der Schule oder bei den Hausaufgaben sitzt, sind da noch Treffen mit Freundinnen, Volleyballtraining und Jungschar. Die Chance für einen spontanen Mama-Tochter-Ausflug wird sich also nicht so bald wieder bieten. Wäre doch eine Schande, wenn man sich diese Gelegenheit entgehen liesse. 

Na dann also, ab ins warme Wasser. Kreischend die Rutschbahn hinunter, blödelnd durchs Flussbad, beim Essen die Tischnachbarn durch den Kakao ziehen. Auf dem Heimweg im Brockenhaus für sechs Franken eine Popcorn-Maschine erstehen, weil Maiskörner zum Platzen zu bringen die einzige Aufgabe aus dem Mikrowellen-Pflichtenheft ist, die der Steamer nicht übernehmen kann. Schöner könnte ein Mama-Tochter-Tag kaum sein.

Ich sag’s ja nur ungern, aber zum Glück war die Lehrerin heute noch nicht fit genug für die Schule.

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Ausgedient

Unser Mikrowellengerät ist tot. Ein Relikt aus der Zeit, als ich mich innerlich von meinem grünen Elternhaus distanzierte, ist nicht mehr. Zu meiner Ehrenrettung muss ich klarstellen, dass das Gerät während unserer fast fünfzehn Jahre dauernden Beziehung nicht eine Mahlzeit gekocht hat. Mehr als auftauen und aufwärmen gestattete ich ihm nie.

Wie das Leben so spielt, begann das, was meine Eltern mir mitgegeben haben, erst im Laufe der Jahre zu spriessen und inzwischen könnte ich all das, was sie damals predigten, voll und ganz unterschreiben. Dies führte auch dazu, dass mein Mikrowellengerät und ich uns allmählich auseinanderlebten. Ich brauche hier nicht ins Detail zu gehen, man weiss ja, wie viele kleine Meinungsverschiedenheiten allmählich zum grossen Zerwürfnis führen können. Irgendwann duldete ich das Gerät nur noch aus sentimentalen Gründen. Ein Hochzeitsgeschenk der ältesten Schwester stellt man nicht einfach so vor die Türe.

Ich weiss, es spricht nicht für mich, dass ich dem Gerät insgeheim den Tod wünschte, aber ich ertappte mich dennoch öfters bei diesem Gedanken. Heimlich begann ich, mich nach einer Alternative umzusehen und irgendwann war klar, dass mein nächster Gefährte ein Steamer sein muss. Diesen Gedanken behielt ich lange für mich. Man posaunt seine Trennungsabsichten ja nicht einfach so heraus. Als ich aber neulich dabei zusah, wie meine Schwester mal kurz die Milch im Steamer erwärmte, konnte ich nicht mehr länger an mich halten. „Das wird mein Nächster“, gestand ich ihr und erstaunlicherweise bekräftigte sie mich in meinem Ansinnen.

Obschon ich das Geständnis in einer fremden Küche ablegte, muss mein Mikrowellengerät doch gespürt haben, dass seine Anwesenheit nicht länger erwünscht ist. Zwei oder drei Tage später gab es den Geist auf und ich treuloses Wesen ersteigerte bei Ricardo einen Steamer, noch ehe die ausgediente Mikrowelle der Entsorgung zugeführt war.

Jetzt, wo meine neue Liebe ihren Platz in der Küche eingenommen hat, frage ich mich, wie ich die freudlose Beziehung so lange habe aushalten können. Wenn das Prinzchen zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig und mit Genuss Kürbis isst und wohl etwa zum vierten Mal im Leben überhaupt nach Nachschlag verlangt, kann man ohne Übertreibung von einem durchschlagenden Erfolg reden. Ich geh dann mal Gemüse dämpfen…

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