Was nun?

Sie haben vollkommen Recht, die zwei Experten, die in der heutigen Ausgabe der „NZZ am Sonntag“ kritisieren, dass Kinder zur Therapie geschickt werden, kaum tanzen sie mal ein wenig aus der Reihe. Völlig unrealistisch sei das, was Lehrpersonen, Eltern und Therapeuten heute von den Kindern erwarteten, völlig unnötig ein Grossteil dessen, was angeordnet werde, vollkommen falsch der Fokus auf die Schwächen des Kindes. Natürlich alles viel geschliffener und ausführlicher formuliert, als ich es jetzt wiedergebe, aber das war mehr oder weniger die Kernaussage des Interviews, das mir einmal mehr bestätigte, dass ich mit meinen unguten Gefühle gegenüber der aktuellen Therapiewut nicht alleine dastehe. Endlich mal Fachleute, die klar und deutlich sagen, dass ein Kind seine Schwächen haben darf und dass man als Eltern die Dinge durchaus gelassener sehen darf, ohne sich gleich dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen, man sei nicht bereit, das Beste aus dem Kind zu holen. Alles sehr befreiend für eine Mutter wie mich, die davon ausgeht, dass die Kinder lernen müssen, ihr Leben mit den ihnen eigenen Stärken und Schwächen zu meistern und dass es überhaupt nichts bringt, sie in irgend ein Schema pressen zu wollen. 

In der Theorie ist das alles ganz einfach. Aber was mache ich nun mit dem Brief der Logopädin, die beim Routineuntersuch im Kindergarten festgestellt haben will, dass der Zoowärter beim Sprechen Auffälligkeiten zeigt? Ist ihr sein Lispeln aufgefallen? Was sich damit erklären lässt, dass seine Zunge etwas lang geraten ist, aber da kann man ja wohl kaum etwas ändern. Oder hat unser Zweitjüngster beim Untersuch in Babysprache gesprochen, was er öfters tut, wenn er verlegen ist? Auch das kein Problem, das sich nicht mithilfe der Logopädie lösen liesse. Natürlich, unser Sohn redet noch nicht wie ein Sechsjähriger, aber er ist ja noch nicht mal fünf. Natürlich rollt er das r noch nicht so schön, wie es sich für einen rechten Schweizer gebührt, aber das war bei seinen grossen Geschwistern nicht anders und heute können sie es auch. Nun werde ich natürlich trotzdem zum Gespräch mit der Logopädin gehen, denn ich weiss, dass sie eine besonnene Frau ist, die einen nicht einfach ohne Grund zum Gespräch aufbietet, aber ich glaube, ich weiss schon jetzt, was ich ihr sagen werde. Nämlich, dass ich mir keine Sorgen mache, solange der Zoowärter fähig ist, all die komplizierten Dinosaurier-Namen zwar mit Lispeln, sonst aber fehlerfrei herunterzurattern.

Schwieriger wird es da schon bei Luise, denn bei ihr sehen sowohl „Meiner“ als auch ich, dass irgend etwas sie daran hindert, ihre Fähigkeiten auszuschöpfen. Wir können nicht so genau sagen, was es ist, aber wir sehen, dass es ihr zuweilen ganz schön zusetzt. Und so werden wir natürlich hellhörig, wenn eine Fachperson eine gründliche Abklärung vorschlägt. Wir möchten unsere Tochter ja nicht alleine lassen in einer Situation, die ihr sichtlich zu schaffen macht. Ich habe nichts gegen eine Hilfestellung, die dem Kind ermöglicht, mehr sich selbst zu sein, aber ich will keine Korrekturmassnahmen, die nur dazu dienen, das Kind zu normieren, damit es nicht aus der Reihe tanzt. Bloss, wer sagt mir, wann die Grenze vom einen zum anderen überschritten ist? Wer hilft mir dabei, mich  gegenüber sinnvoller Unterstützung nicht zu verschliessen und gleichzeitig laut und deutlich nein zu sagen, wenn man Luise nicht mehr Luise sein lassen will? 

Ja, die zwei Experten aus der „NZZ am Sonntag“ haben vollkommen Recht, wenn sie finden,  man solle nicht so viel an den Kindern herumdoktern und doch habe ich zuweilen keine Ahnung, was das Richtige ist für die Kinder, mit denen ich Tag für Tag unterwegs bin.

Doch kein Silberstreifen

Schon der deutliche Entscheid zum Atomausstieg vor zwei Tagen stimmte mich milde optimistisch. Als ich dann heute beim Abchecken der Mails auch noch mitbekam, dass das Schweizer Fernsehen in Zukunft auf die Ausstrahlung der Miss Schweiz Wahlen verzichtet, weil sich einfach keiner mehr für diesen Schwachsinn interessiert, da dachte ich einen kurzen Moment lang allen Ernstes, die Zukunft unseres Planeten sei vielleicht doch nicht so düster, wie man gemeinhin denkt. Ob es ihn doch gibt, den berühmten Silberstreifen am Horizont? Dann aber, als ich noch etwas weiter im Internet surfte, stach mir ein pinkfarbenes Werbebanner ins Auge. Eine Werbung für irgend einen billigen Prosecco? Oder vielleicht für einen neuen Lippenstift? Weit gefehlt. „4-jähriges Mädchen verstümmelt!“, stand da und ich fragte mich, wie besoffen wohl der Content-Manager dieser Website gewesen sein muss, als er diese schreckliche Botschaft mit einem zuckersüssen Hintergrund versehen hat. 

Und dann war da heute noch das Erlebnis, das Karlsson und ich im Shopping Center machten. Ja, ich geb’s zu, wir waren im Shopping Center, aber nur, weil wir gerade in der Region waren und ich die Gelegenheit nutzen wollte, ein Geburtstagsgeschenk für „Meinen“ zu kaufen. Da fuhren also mein Sohn und ich friedlich plaudernd auf einer nahezu leeren Rolltreppe in Richtung Bücherladen, Karlsson auf beiden Seiten auf das Geländer abgestützt. Leider bemerkten wir zu spät, dass ein gehetzter Rentner an Karlsson vorbeizukommen wünschte. „Das machst du wohl mit Absicht?“, herrschte er Karlsson an, stiess seinen Arm unsanft zur Seite und als ich es wagte, den netten Herrn darauf aufmerksam zu machen, dass mein Sohn gänzlich ohne böse Absichten die gesamte Breite der Rolltreppe in Anspruch genommen hätte, bekamen wir noch so einiges zu hören, was ich lieber nicht hören möchte. Ich möchte das nicht hören, weil ich sehr genau spüre, wann mein Kind etwas aus böser Absicht tut und wann nicht. Ich möchte es aber auch nicht hören, weil in meinen Augen die Haltung „In jedem Kind steckt ein unerträglicher Rotzbengel, der nur darauf aus ist, den Erwachsenen das Leben zu versauen“ absolut lebensfeindlich ist. 

Nach überstandenem Shopping-Trip – eine ziemlich ernüchternde Angelegenheit, denn inzwischen hat auch noch der letzte unabhängige Laden mit originellem Sortiment einer der unzähligen Ladenketten Platz gemacht – , noch einmal ein Abstecher ins Internet. Und was lese ich dort? Der Gemeindeamman eben jener Gemeinde, in der wir shoppen waren, tritt zurück. Er war bedroht worden, offenbar weil er es gewagt hatte, am Schweizer Fernsehen auszusagen, das Zusammenleben mit vielen „Ausländern“ sei eine ganz grosse Bereicherung. So eine Unverschämtheit. Da wagt doch tatsächlich einer anzudeuten, dass man auch mit Menschen fremdländischer Herkunft ganz gut klarkommen kann.

Ich weiss, all die Dinge, über die ich hier schreibe, hängen nicht wirklich zusammen, aber sie alle machen mir klar: Auch wenn es hin und wieder mal eine positive Nachricht geben mag, das mit dem Silberstreifen am Horizont war nur ein netter Traum.

Welt, du machst mir Sorgen

Du schlenderst mit deinen Kindern durch Prag und unvermittelt kommen die Fragen: „Mama, warum steht auf diesem alten Schild im Restaurant, dass Gespräche über Politik verboten sind?“ „Warum hätten deine Eltern mit euch nicht einfach mal schnell nach Prag reisen können, als du ein Kind warst?“ „Was bedeutet dieses Poster mit der Matroschka, die ihre Zähne fletscht?“ „Wer hat diese hässlichen Häuser gebaut, die so gar nicht zum Rest der Stadt passen?“ Und schliesslich die Mutter aller dieser Fragen: „Mama, was ist überhaupt Kommunismus?“

Keine einfachen Fragen, aber dennoch solche, die ich gerne beantworte, oder zumindest versuche zu beantworten. Wer erzählt nicht gerne die Geschichte von den Menschen, die sich nach Freiheit sehnten, die sich gegen ihre Unterdrücker aufgelehnt haben und die schliesslich wohl selber erstaunt waren, dass ihr Aufstand erfolgreich war? Es war wohl eine der wenigen Sternstunden der Geschichte, als damals die Grenzen fielen und man plötzlich Zugang zu Menschen, Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Geschichten hatte, die eben noch unerreichbar waren. Auch wir rieben uns alle erstaunt die Augen, hatten wir doch in der Schule gelernt, dass es durch den Eisernen Vorhang kein Durchkommen gebe.

Ja, diese Fragen beantwortet man gern. Aber es gibt in diesen Tagen Fragen, die man als Mutter oder Vater nicht beantworten möchte. „Mama, warum tun Menschen so etwas Furchtbares?“ „Könnte so etwas bei uns auch geschehen?“ „Wieso gibt es Menschen, die so sehr hassen?“ „Warum tut ein Mensch, der sagt, er glaubt an den lieben Gott, so etwas Schreckliches?“

Offen gestanden bin ich froh, dass unsere Kinder diese Fragen nicht gestellt haben, denn ich wüsste keine Antwort. Ich bin froh, dass die Schlagzeilen hier in einer Sprache geschrieben sind, die sie nicht lesen können. Ich bin froh, dass ich ihnen jetzt noch nicht erzählen muss, dass es auch in einem Land, das schon immer zur „freien“ Welt gehört hat, lebensgefährlich sein kann, eine politische Überzeugung zu haben. Auch darüber reiben wir uns erstaunt – und erschüttert – die Augen, denn hat man uns nicht immer erzählt, dass bei uns jeder frei sei, zu denken und zu glauben, was er wolle?

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Zukunftspläne

Die männlichen Vendittis sind ausgeflogen, Luise und Mama geniessen die Zeit zu zweit. Irgendwann kommt man auf Luises Berufswunsch zu reden. Sie will später mal auf der Wöchnerinnenstation arbeiten. Ich erzähle ihr von einer Bekannten, die früher auch dort gearbeitet hat.

„Warum arbeitet sie denn nicht mehr dort?“, will Luise wissen. „Weil sie Kinder hat und auf der Wöchnerinnenstation muss man ja auch nachts arbeiten. Das ist nicht ganz so einfach, wenn man Mutter ist. Darum arbeitet sie jetzt etwas anderes“, erkläre ich. Luise überlegt einen Moment lang, dann meint sie: „Also wenn ich einmal Kinder habe, arbeite ich weiter. Ich bin doch nicht altmodisch.“ „Und was machst du mit den Kindern, wenn du nachts arbeiten musst?“, frage ich. „Dann passt mein Mann auf die Kinder auf“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Gute Idee. Der Papa soll ruhig mit anpacken. Aber was machst du tagsüber? Dann wirst du schlafen müssen und vielleicht ist dein Mann ja dann bei der Arbeit“, gebe ich zu Bedenken. „Dann zwinge ich meinen Mann eben einfach dazu, seinen Beruf aufzugeben und zu Hause zu bleiben“, sagt meine Tochter selbstbewusst und damit ist das Problem soweit für sie gelöst, dass sie sich konkreter Gedanken darüber machen kann, welcher von all den Jungs aus ihrem Bekanntenkreis in Frage kommen könnte als der Mann am Herd, der sich von seiner Frau verbieten lässt, berufstätig zu sein.

Bevor sich nun die Antifeministen auf mich stürzen, muss ich betonen, dass Luise diese Meinung nicht von mir hat. Ich bin und bleibe ja der Überzeugung, dass es der Welt am besten ginge, wenn Frau und Mann miteinander statt gegeneinander arbeiten würden.  Eine Haltung, die den Antifeministen zwar nicht besser gefallen wird als diejenige von Luise, aber welche nur halbwegs vernünftige Frau möchte denn denen gefallen?

Mir kommt die Galle hoch

Es ist einfach nur noch widerlich: Bundesrätin Leuthard bezeichnet es in einem Interview als „leichtsinnig, den Verzicht auf Kernenergie zu fordern“, in den Augen von Bundesrat Maurer muss das altersschwache AKW Mühleberg nicht für immer abgeschaltet werden, sondern „wir müssen vielmehr darüber nachdenken, die Erneuerung des Kraftwerks vorzuziehen“ und Ex-Bundesrat Blocher mag auch angesichts der Katastrophe von Fukushima noch nicht von der Illusion der „sauberen Kernenergie“ Abstand nehmen. Ich könnte heulen vor Wut.

So richtig aber kommt mir die Galle hoch, wenn eine Kleinpartei, die sich christliche Werte auf die Fahne geschrieben hat, durch die Katastrophe in Japan zum folgenden Schluss gelangt: “…Vielmehr muss im Interesse einer Verbesserung von Schutz und Sicherheit für Mensch und Umwelt auch ein beschleunigter Ersatz der alten AKWs durch neue Anlagen der 4. Reaktorgeneration ernsthaft geprüft werden.“ Christliche Werte und Festhalten an der Atomenergie – zwei Dinge die sich in meinen Augen ganz klar ausschliessen. Ja, ich weiss, meine Haltung ist extrem, aber ich rede hier nicht als eine, die von aussen mit dem Zeigefinger auf die Christen zeigt, sondern als eine, die sich dazu zählt, die aber darunter leidet, dass man in gewissen christlichen Kreisen zwar dazu steht, an einen Schöpfer zu glauben, gleichzeitig aber kein Problem hat damit, dass die Schöpfung Gefahren ausgesetzt wird, für die sie nicht geschaffen ist.

Die Welt verändern mit Mama Venditti

Es war schon in der Finanzkrise so und jetzt, wo wir uns endlich ernsthaft überlegen müssen, ob es auch ohne Atomstrom geht, geht das Gejammer wieder los: Wir können doch nicht einfach so unsere Ansprüche runterschrauben. Wir haben uns an einen bestimmten Standard gewöhnt und unsere Lebensqualität würde sich massiv verschlechtern, wenn wir plötzlich mit weniger Strom, weniger Rohstoffen, weniger CO2-Verbrauch, etc. auskommen müssten.

Nun, ich weiss nicht, wie ihr das seht, aber in meinen Augen gibt es ganz viele Dinge, ohne die wir auskommen könnten, ohne dass unsere Lebensqualität unter dem Verlust leiden würde. Im Gegenteil, sie würde sich sogar erheblich verbessern. Hier sind einige Dinge – zugegebenermassen  vor allem kleine Dinge, aber irgendwo muss man anfangen – die mir so ganz spontan einfallen:

Kinder-Überraschungseier: Habt ihr schon je ein Kind gesehen, das dank dieser unsäglichen Kleinstspielzeuge ein glücklicheres Leben hatte? Ich nicht. Im Gegenteil. Meine Kinder sind danach meist bedeutend unglücklicher als zuvor. Entweder, weil der Bruder das viel bessere Spielzeug drin hatte oder aber, weil das Ding innert Minuten kaputt war. Warum nicht Rohstoffe, Energie und zugleich elterliche Nerven sparen und das Zeug abschaffen?

Das Spielzeug zum Happy Meal: Der gleiche Grund wie oben, nur dass man hier noch weiter gehen könnte und nicht nur das Spielzeug, sondern den ganzen Laden rund ums Spielzeug abschaffen könnte. Glaubt mir, die Kinder früherer Generationen waren nicht unglücklicher, bloss weil sie nicht nach Lust und Laune Müll in sich reinstopfen konnten. Wozu man einen Betrieb aufrecht erhalten muss, der rund um den Globus rund um die Uhr gesunde Nahrungsmittel in ungesunden Mist verwandelt, der all den Mist in unnötige Verpackungen steckt und dann auch noch Tag und Nacht die Leuchtreklame eingeschaltet haben muss, damit er nicht in Vergessenheit gerät, leuchtet zumindest mir nicht ein.

Musikberieselung allüberall: Kann mir mal einer erklären, weshalb in einem vollbesetzten Café, in dem sich unzählige Menschen angeregt unterhalten, auch noch Musik laufen muss? Wozu es gut sein soll, dass mir beim Bummel durch eine beliebige Altstadt dieses Landes aus jedem Laden andere Musik entgegen dröhnt? Wie es mein Leben bereichern soll, dass im Parkhaus Musik läuft und zwar auch sonntags? Weshalb ich selbst dann, wenn ich mit meinem Kind auf der Notfallstation auf den Bescheid des Arztes warte, ungefragt mit seichter Radiomusik beschallt werden muss? Konservenmusik wohin man geht und keiner fragt sich, wie das Leben klänge, wenn man auf diese Lärmverschmutzung, die ganz nebenbei auch noch ziemlich viel Strom fressen dürfte, verzichten würde.

Licht zu jeder Tages- und Nachtzeit: Die Strassenlampen brennen auch tagsüber? Ist doch nicht weiter schlimm, wir haben ja ein Kraftwerk gleich um die Ecke, das uns den Strom dazu liefert. Nächtliche Beleuchtung von Sehenswürdigkeiten? Aber klar doch. Wie soll sonst die Menschheit je erfahren, dass hier ein imposantes Schloss, dort eine schöne Stadtkirche steht? Lichtshows am Nachthimmel? Aber natürlich. Die Menschen haben doch einen hohen Eintrittspreis bezahlt, also muss der Partyveranstalter auch etwas Spektakuläres bieten. Dass die Vögel dabei fast durchdrehen und die Nachbarn einen Vogel kriegen, kümmert doch keinen.

Erdbeeren aus Spanien: Seien wir doch ehrlich, die Dinger schmecken scheusslich. Es sei denn, man befinde sich gerade zufällig in Spanien und habe die Zeit, darauf zu warten, bis sie reif sind. Ach, und wo wir schon bei den Erdbeeren sind: Hat mir jemand einen Tipp, wie ich Luise davon überzeugen soll, dass es am Montag keine Geburtstagstorte mit Erdbeeren geben soll? Das Argument „Erdbeeren, die so lange gereist sind, sind unglücklich und schmecken deshalb nach gar nichts“, hat sie noch nicht vollends überzeugt.

Strombetriebene Mini-Ferraris für Kleinkinder: In so einem Gefährt sieht auch das intelligenteste, aufgeweckteste und glücklichste Kind nur noch gelangweilt, dumm und verzogen aus. Da verschwendet man wertvolle Ressourcen, nur um ein Kind derart zu degradieren. Weg damit!

Arbeiten bis Mitternacht und darüber hinaus: Früher war spätestens nach dem Abbrennen der letzten Kerze Schluss und die Arbeit musste bis zum nächsten Tag warten. Heute ist dank Glühbirne, Computer und Drucker erst Schluss, wenn die Arbeit beendet ist. Ich kenne mindestens einen Menschen auf diesem Planeten, der ein glücklicheres Leben führen würde, wenn sich abends, wenn die Kinder im Bett sind, die Arbeitszeit nicht beliebig ausdehnen liesse.

Mike Shiva & Co: Kann mir mal einer erklären, inwiefern sich unsere Lebensqualität verbessert, wenn das Fernsehen rund um die Uhr jedem Deppen, der glaubt, etwas zu sagen zu haben, auch noch einen Sendeplatz anbietet? Und wenn kein Sendeplatz mehr frei ist, der Deppen aber noch immer genug da sind, gründet man eben einen neuen Sender, auf dass wir nie in Gefahr geraten, uns einmal ein paar Momente lang mit Nachdenken abgeben zu müssen. Würde man das Fernsehprogramm auf die wirklich sinnvollen, informativen und unverzichtbaren Sendungen begrenzen, wir könnten wohl morgen aus der Atomenergie aussteigen.

Beautifulvenditti: Ja, dieser Blog bedeutet mir sehr viel und ich freue mich sehr darüber, dass er für eine Handvoll Menschen zur täglichen Unterhaltung beiträgt. Aber glaubt mir, ich bin mir mehr als bewusst, dass die Menschheit sich auch ohne meinen Beitrag früher oder später zugrunde richten wird auch ohne meinen stromfressenden Beitrag auskommen könnte.

 

 

Zerredet

Gibt es irgendwo auf diesem Planeten einen Flecken Erde, an dem die Menschheit noch richtig tickt? Falls ja, dann würde ich mich gerne mit meiner Familie dorthin verkriechen. Die Schweizer, die sich auch nach bald einer Woche Fukushima noch allen  Ernstes an den Erhalt der Atomkraft klammern, hängen mir zum Hals raus. Ich kann Sätze wie „Zuerst müssen wir mal analysieren, was in Japan überhaupt passiert ist, bevor wir zum voreiligen Schluss gelangen, dass wir aus der Kernenergie aussteigen müssen“, nicht mehr hören. Allein schon das Wort „Kernenergie“ treibt mich zum Wahnsinn, dieser Euphemismus, der nur dazu gebraucht wird, um zu verschleiern, womit da gespielt wird. Von „Experten“, die noch heute so tun, als könne man das Risiko je in Griff bekommen, habe ich die Nase voll.

Also noch einmal meine Frage: Gibt es einen Ort auf der Welt, wo die Katastrophe nicht zerredet wird, bis man wieder frohgemut weitermachen kann mit dem Mist? Oder muss ich mir einfach  einen Ort  suchen, an dem ich die Sprache nicht verstehe, damit ich mich nicht nach jeder Politidiskussion so fürchterlich aufregen muss.

Keine Antwort

Da will man nach einem Grippetag, den man damit verbracht hat, die deprimierenden Nachrichten aus aller Welt in der Sonntagspresse eingehend zu studieren, noch ganz kurz die Nachrichten schauen. Um zu erfahren, ob noch immer so getan wird, als sei die Sache mit den Japanischen AKWs weiter nicht schlimm. Um etwas darüber zu erfahren, ob man hierzulande inzwischen nicht vielleicht doch ein klein wenig daran zweifelt, ob neue AKWs gebaut werden sollen.

Aber die Nachrichten lassen auf sich warten, denn in der Schweiz hat man wichtigere Sorgen: Wer wird das Rennen um den Titel „Das grösste Schweizer Talent“ machen? Man schaut zu, wie Menschen für irgendwelchen Mist bejubelt werden und plötzlich fragt man sich, ob all der Klamauk vielleicht nur da ist, um zu kaschieren, dass man auf die harten Fragen des Lebens keine Antworten weiss.

Ach und übrigens, über die Katastrophe in Japan habe ich den Kindern für einmal nichts erzählt, denn von unserem Küchenfenster aus geniessen wir beste Sicht auf den Kühlturm. Und ich glaube nicht, dass ich eine beruhigende Antwort auf die kindliche Frage „Was wäre wenn…“ aus dem Hut zaubern könnte.

Was ist hier falsch?

Dialog zwischen Mama Venditti und Karlsson, November 2010

Karlsson: „Kaum zu glauben, dass schon wieder Weihnachten ist. Das Jahr hat doch eben erst angefangen.“

Mama starrt ihr Kind mit offenem Mund an und meint, sie hätte sich verhört. Noch ehe sie etwas sagen kann, fährt Karlsson fort:

„Mama, findest du es nicht völlig verrückt, wie schnell die Zeit vergeht? Mir kommt es vor, als hätten wir den Tannenbaum eben erst weggeräumt und jetzt kaufen wir schon bald einen Neuen.“

Mama schaut ihren Ältesten nachdenklich an und sagt: „Als ich ein Kind war, hatte ich immer das Gefühl, ein Jahr würde eine halbe Ewigkeit dauern.“

Karlsson, ebenfalls nachdenklich, meint: „Ja, so war das bei mir auch, als ich noch klein war. Aber jetzt vergeht die Zeit wie im Fluge.“

Schrecklich, die Jugend von heute! Zu meinen Zeiten galt es noch nicht als jugendfrei, darüber zu jammern, dass die Zeit zerrinnt wie Sand zwischen den Fingern.

Und dann noch ein Gespräch, das mir in den letzten Wochen zu Denken gegeben hat

Dialog zwischen Mama Venditti und Luise, kurz bevor der Blinddarm raus musste:

Mama: „Du siehst so besorgt aus. Hast du Angst vor der Operation?“

Ein leicht spöttisches Lächeln huscht über das Gesicht des Kindes. „Aber Mama, ich habe doch keine Angst vor der Operation. Am liebsten möchte ich wach bleiben, damit ich alles mitkriege.“ Dann wird das Kind wieder ganz ernst: „Aber ich habe Angst wegen der Schule. Ich kann doch nicht so lange fehlen, sonst verpasse ich so viel und das muss ich dann alles wieder nachholen. Und die Lehrerin hat doch gesagt…“

Mama unterbricht Luise: „Jetzt mach dir mal keine Gedanken um die Schule. Das Wichtigste ist, dass du jetzt wieder gesund wirst. Alles andere hat Zeit…“

Luise: „Aber ich werde so viel nachholen müssen…“

Noch einmal die Jugend von heute. Zu meinen Zeiten durfte man sich frühestens dann, wenn es so langsam Richtung Berufswahl ging, Sorgen über verpassten Schulstoff machen. Aber wer weiss, vielleicht machen die ja schon in der zweiten Klasse einen ersten Test für die Berufswahl…

Reden wir mal über Geld

Okay, ich weiss, das Thema ist hoch unanständig und ich würde mich nicht darüber wundern, wenn ich den einen oder anderen Leser verliere, weil ich über solche Schweinereien schreibe. Aber nachdem sich in der Weihnachtszeit die Schlagzeilen zum Thema „Armut in der reichen Schweiz“ und „Working Poor“ wieder häufen und sich zudem zum  Jahresende die Rechnungen bei uns türmen, komme ich nicht umhin, mich mal wieder mit den schmutzigen Geheimnissen unseres Lebens zu befassen.

Vergleicht man den Lebensstandard von uns Schweizern mit dem Lebensstandard eines Grossteils der Weltbevölkerung, dann muss man gestehen, dass hierzulande wohl kaum einer weiss, was es bedeutet, richtig arm zu sein. Also arm im Sinne von kein Dach über dem Kopf, keine warmen Kleider, keine Gewissheit, ob man morgen wieder etwas zum Essen haben wird. Diese Art von Armut kennen die Wenigsten von uns und wenn unsere Kinder jeweils wissen wollen, ob wir arm oder reich seien, erkläre ich ihnen genau dies: Dass wir, verglichen mit den meisten Menschen auf diesem Planeten, steinreich sind. Und es stimmt ja auch, wir haben mehr als genug. Ein Haus, Schränke voller Kleider, mehr als genug zu Essen und dann noch sehr viele Dinge, von denen die meisten Menschen nicht mal träumen können. Zum Beispiel, um nur etwas zu nennen, diesen Computer, in dessen Tasten ich jeweils meine Texte haue. Nein, arm sind wir wirklich nicht.

Und doch gibt es da dieses Gefühl von Ohnmacht, wenn an einem Tag wie heute die Krankenkasse mitteilt, dass sie uns hunderte von Franken an Leistungen zuviel ausbezahlt hätten, die wir nun gefälligst zurückzahlen sollten. Zur gleichen Zeit lassen sie uns wissen, wie hoch der Betrag sein wird, den wir ab nächstem Jahr zu bezahlen hätten und „Meiner“ und ich schauen uns nur noch schweigend an, weil wir uns fragen, wie wir das alles bezahlen sollen. Wo wir doch genau wissen, dass die Prämienverbilligung, die uns dabei hilft, die Krankenkassenprämien zu bezahlen, erst im Laufe des nächsten Jahres ausbezahlt wird. Wir wissen auch, dass neben den Krankenkassenrechnungen noch ganz viele weitere Rechnungen darauf warten, beglichen zu werden. Rechnungen, die einfach so ins Haus flattern, ohne dass wir einen Einfluss darauf hätten. Weil das Leben in der Schweiz eben etwas kostet. Und zwar ziemlich viel.

So viel, dass wir reichen Leute nicht umhin kommen, uns bei der Fülle an Auslagen, die wir kaum oder gar nicht beeinflussen können, zuweilen sehr arm fühlen. Diese Überforderung, sich abzurackern und doch nie genug zu haben, diese Angst vor unvorhergesehenen Auslagen, welche das Ganze Budget aus dem Lot zu bringen drohen, dieses Gefühl von Ohnmacht, weil der Reichtum, in dem der Durchschnittsschweizer lebt, einen sehr hohen Preis hat, das alles kann einem ganz schön zusetzen. Nein, ich will nicht jammern, zumal man mir sofort den Vorwurf machen würde, wir hätten eben nicht so viele Kinder haben sollen. Ich will dankbar sein für alles, was wir haben, aber zuweilen wünsche ich mir eine Verschnaufpause in dem endlosen, unglaublich kräfteraubenden Spiel von Geld einnehmen und Löcher stopfen. Hin und wieder träume ich von einem Leben, in dem die Angst vor dem finanziellen Abgrund nicht existiert.

Und dann träume ich auch von einem Leben, in dem es nicht als unanständig gilt, über solche Dinge zu reden. Wie viele von uns reichen Schweizern fühlen sich als absolute Versager, weil sie glauben, sie seien die Einzigen, die es einfach nicht schaffen, etwas für Notzeiten auf die Seite zu legen? Wie viele von uns machen sich selber schwere Vorwürfe, wenn ihnen die Monatsabrechnung mal wieder die Tränen in die Augen treibt? Wie viele von uns fürchten sich hin und wieder vor dem Tag, an dem sie den Kindern Winterschuhe kaufen müssen, weil sie nicht wissen, ob bis dahin wieder genug Geld auf dem Konto ist? Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umsehe, habe ich jeweils das Gefühl, wir seien die Einzigen, denen es so geht. Wenn ich aber die Statistiken anschaue, wird mir bewusst, dass es noch ganz vielen anderen ähnlich gehen wird, dass aber jeder sich schämt, darüber zu reden, weil er glaubt, wenn er sich nur etwas mehr anstrengen würde, sähe es anders aus mit seinen Finanzen

Nein, ich will nicht klagen, denn bei uns ist es am Ende immer irgendwie aufgegangen. Manchmal besser, manchmal schlechter, aber irgendwie kommen wir immer über die Runden. Aber ich wünschte schon, dass ich nicht jeden Luxus, den wir uns hin und wieder leisten, später wieder bereuen müsste, wenn ich merke, dass das Geld dafür nicht gereicht hätte, wenn ich gewusst hätte, welche Rechnung demnächst wieder bei uns eintreffen würde. Und manchmal wünschte ich auch, dass andere Leute offener über die schmutzigen Geheimnisse in ihrem Leben reden würden. Damit wir uns nicht immer wie die einzigen Deppen in unserem reichen Land fühlen müssen.